Julia Ebner: Verschwörungstheorien - Was Corona mit unserer Gesellschaft macht

wbg Redaktion • 20 Mai 2020

Julia Ebner

Verschwörungstheorien: Was Corona mit unserer Gesellschaft macht

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bertram

Das Coronavirus hat die Globalisierung anti-globalistischer Verschwörungstheorien beschleunigt. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass Verschwörungstheorien über die Ursprünge der Pandemie sich noch schneller ausbreiten als das Virus selbst. In mehreren Ländern ist eine Koalition aus rechtsextremen und konservativen Stimmen, Verschwörungstheoretikern und besorgten Bürgern in Erscheinung getreten, die sich gegen die Lockdown-Maßnahmen wendet und Desinformationen über die Krankheit verbreitet. Bei der Protestwelle in den USA konnte man erleben, wie Trump-Wähler, Tea-Party-Anhänger, Impfgegner, QAnon-Mitglieder, Hoaxisten (Vertreter der Idee, das Coronavirus existiere nicht) und rechtsextreme Milizen sich zusammenschlossen, mit dem Ziel, dem Lockdown ein Ende zu machen. In Australien wiederholten Demonstrationen die Rhetorik der US-Protestierenden und reproduzierten deren Slogans und Verschwörungstheorien. Und in zahlreichen Städten überall in Deutschland brachen Proteste aus, die demselben Muster folgten. Der prominente deutsche Arzt und Verschwörungstheoretiker Dr. Bodo Schiffmann, der für seine verschwörungstheoretischen Anti-Big-Pharma-Videos auf YouTube bekannt ist, zählt zu den Wortführern der vor Kurzem gegründeten Bewegung Widerstand2020, die Sympathisanten der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) ebenso angelockt hat wie Bewegungen aus dem linken Spektrum und Impfgegner.

Ob in den USA, Europa oder Australien, nicht immer sind sich die Protestierenden einig über ihre Gegner. Aber die WHO, philanthropische Investoren wie Bill Gates oder George Soros, Migranten, die „jüdischen globalen Eliten“ und China rangieren unter den Sündenböcken, die für die Ausbreitung des Coronavirus verantwortlich gemacht werden, ganz oben. Manche glauben auch, alles sei ein großer Schwindel, den sich, so vermuten sie, einer ihrer Lieblingssündenböcke ausgedacht hat. Die Tatsache, dass diese offenkundig unvereinbaren Verschwörungstheorien gelegentlich auf Transparenten bei demselben Protest oder in Posts auf demselben Online-Forum zu finden sind, spielt keine Rolle. In der Welt der Verschwörungstheoretiker ist alles möglich: Prinzessin Diana hat ihren eigenen Tod vorgetäuscht, wurde aber auch ermordet, und Bin Laden war schon tot, als US-Spezialkräfte 2011 sein Anwesen in Abottabad stürmten, während er zugleich heute noch am Leben ist. Das Coronavirus eignet sich noch besser für das, was Wissenschaftler als „Verschwörungsmentalität“ bezeichnen: Weil seine Gefährlichkeit für unsere Augen unsichtbar ist, ist es ein Paradoxon wie Schrödingers Katze: Es existiert und existiert zugleich nicht.

Die Auswirkungen von Verschwörungstheorien auf die reale Welt sind hingegen sehr gut sichtbar. In Großbritannien setzten Anhänger der 5G-Verschwörungstheorie im ganzen Land Mobilfunkmasten in Brand. In Dortmund attackierte ein rechter Demonstrant ein Presseteam. Und in den USA stürmten bewaffnete Protestierer das Michigan State Capitol. Viele Demonstranten mögen von berechtigten Sorgen getrieben sein, aber sie gefährden sich und andere. Am wichtigsten jedoch ist, dass sie eine ernste Gefahr für unsere Demokratien darstellen könnten. Die neue deutsche Bewegung Widerstand2020 möchte eine politische Partei werden und das Grundgesetz umgestalten – ein Punkt auf der politischen Agenda, der in einem Land wie Deutschland nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sowohl Gesundheitskrisen als auch Wirtschaftskrisen ideale Nährböden für Extremismus, Polarisierung und Verschwörungstheorien abgeben. Der Schwarze Tod im Europa des 14. Jahrhunderts befeuerte antisemitische Verschwörungstheorien, was ebenso für die Große Depression gilt. Heute sehen wir uns einer kombinierten Gesundheits- und Wirtschaftskrise gegenüber, während die sozialen Medien die schnelle globale Verbreitung von Verschwörungstheorien ermöglichen. Kein Wunder, dass dies zu einer beispiellosen „Infodemie“ geführt hat, wie die WHO das Phänomen genannt hat.

Hinzu kommt, dass sich in Lockdown-Zeiten das Leben entschleunigt hat und Zeit verfügbarer geworden ist. Das bedeutet, dass Mitglieder rechtsextremer und verschwörungstheoretischer Netzwerke ganze Tage und Wochenenden online verbringen können und nach Herzenslust mobilisieren und agitieren, während Forscher und Tech-Firmen zunehmend Mühe haben, mit ihrem Tempo Schritt zu halten. Rechte und Verschwörungstheoretiker können sich jüngst aufgekommene Ängste und Ungewissheiten zunutze machen und das gewaltige Informationsvakuum mit Desinformationen füllen, um ihr politisches Anliegen voranzubringen. Ihr Publikum ist größer denn je, weil wir alle anfälliger sind denn je.

Grob vereinfachende Versionen einer komplexeren Realität aufzugreifen, kann verlockend sein, vor allem wenn diese Realität unserer Wunschvorstellung von ihr krass widerspricht. Extremistische Gruppen bieten ein Gegenmittel gegen die erdrückende Ungewissheit und Unsicherheit, indem sie ihre eigenen erfundenen Erklärungen liefern und aus dem sogenannten „Mount Stupid“ Kapital schlagen: Der Dunning-Kruger-Effekt zeigt, dass, wer sehr wenig Ahnung von einem Thema hat, umso selbstbewusster darüber spricht und Antworten parat hat. Es fällt schwer einzugestehen, dass wir alle im Moment im Dunkeln tappen und darauf warten, dass die Wissenschaft die Richtung weist, ohne zu wissen, wie lange das dauern wird. Viele verlieren momentan die Geduld, verständlicherweise. Aber das eigentliche Problem ist nicht ein Mangel an Geduld in der Bevölkerung, es ist ein Mangel an Vertrauen. Extremistische und verschwörungstheoretische Netzwerke haben während der vergangenen Jahre alles darangesetzt, das Vertrauen in Institutionen des Establishments zu schwächen, nicht nur im politischen Raum; auch das Vertrauen in Medienunternehmen und, was am dramatischsten ist, in akademische und wissenschaftliche Institutionen wurde von ihnen nach Kräften untergraben.

Wie ich in meinem letzten Buch, Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, gezeigt habe, konnten verschwörungstheoretische Bewegungen ihren Einfluss im Netz während der letzten Jahre ausbauen und sich dabei die Algorithmen von YouTube und Facebook zunutze machen. Heute setzen sie ihre globalen Netzwerke wirksam ein und benutzen das Coronavirus als ihr mächtiges neues Treibmittel. Angesichts von politischen Führern, wie etwas Donald Trump, der sich gegen die WHO wendet, und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der die Schwere des Virus anzweifelt, ist ihnen nicht nur mehr Legitimität zugewachsen, sondern auch eine Bühne für ihre Ideologien und Theorien. In Deutschland haben Celebrity Influencer, wie beispielsweise der Sänger Xavier Naidoo, nicht nur Zweifel an der Existenz des Virus geäußert, sondern auch QAnon-verwandte Ideen über Trump, der das Virus benutze, um heimlich Massen entführter Kinder aus unterirdischen Tunneln zu befreien.

Wie die Coronavirus-Pandemie ist auch die Infodemie ein globales Phänomen. Wir müssen es international bekämpfen, um zu vermeiden, dieser weltweiten Krise eine dritte Ebene hinzuzufügen: eine gesellschaftliche.


1Die gebürtige Wienerin Julia Ebner lebt heute in London, wo sie als Extremismus- und Terrorismusforscherin beim Institute for Strategic Dialogue (ISD) tätig ist. Sie arbeitete zwei Jahre für die weltweit erste Organisation zur Extremismusprävention Quilliam, die von ehemaligen Islamisten gegründet wurde. Für die Europäische Kommission und die Kofi Annan Foundation leitete sie Studien, sie schreibt regelmäßig für "The Guardian" und "The Independent". Bei wbgTheiss ist von ihr erschienen: Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen, ihr jüngstes Buch erschien 2019 unter dem Titel Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren.


 

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Wut

Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen

Der Extremismus ist auf dem Vormarsch in Europa und den USA. Lassen sich westliche Demokratien in eine Spirale der Wut ziehen, die sowohl Islamisten als auch Rechtsradikalen zugute kommt? Die Extremismusforscherin Julia Ebner beschäftigt sich länderübergreifend mit Gruppierungen unterschiedlicher Ausrichtung. Mit gezielten Undercover-Recherchen und Gesprächen mit Radikalen beider Seiten zeigt sie, wie sich die Strategien von Islamismus und Rechtsradikalismus wechselseitig ergänzen und verstärken. 


2Radikalisierungsmachinen

Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren

Julia Ebner verfolgt hauptberuflich Extremisten. Undercover mischt sie sich unter Hacker, Terroristen, Trolle, Fundamentalisten und Verschwörer, sie kennt die Szenen von innen, von der Alt-Right-Bewegung bis zum Islamischen Staat, online wie offline. Ihr Buch macht Radikalisierung fassbar, es ist Erfahrungsbericht, Analyse, unmissverständlicher Weckruf.
 

 

 

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