Johann Sebastian Bach philosophisch gewendet

Karl Friedrich Stephan • 10 April 2021
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Die Musik Bachs, besonders die Fuge, ist die Rationalisierung des künstlerischen Materials. Das rational konstituierte Kunstwerk macht die musikalische Gestaltung und den kreativen Akt, der im Geniekult des Sturm und Drang und heutzutage als irrationales Ereignis stilisiert wird, zu etwas Berechenbarem. Ohne dass aber Bachs Musik berechenbar und mechanisch wirkt, ist die durchmathematisierte Kompositionstechnik Bachs idiosynkratisch schön. Beethoven klingt hingegen, Ausdruck seines Kampfs mit dem musikalischem Material, verglichen mit Bach allzu mechanisch. Gerade in Bachs Musik wird eine Autonomieästhetik erreicht. Denn nicht mehr Mimesis der Natur herrscht bei Bach, sondern nur die abstrakte, auf sich selbst bezogene Komposition. Das aufklärerische Ideal der „Entzauberung der Welt“ spiegelt sich in der ästhetischen Naturbeherrschung der Werke Bachs. Die Kompositionen der „Kunst der Fuge“ sind auch Vertonungen der Hegel’schen Dialektik: die Negationen der Klangströme treten gegeneinander und werden in der Totalität der Komposition dialektisch aufgehoben, Widersprüche werden in der Harmonie verarbeitet. Die pietistischen Texte, die Bachs Kompositionen untermalen, verdecken nur die aufklärerische Rationalisierung, die Bachs Musik durchströmt. Dabei sind nicht nur die Kirchenkompositionen, sondern unterschwellig alle Werke Bachs theologischen Inhalts. Es ist die Geordnetheit des Kosmos und, auf Spinoza unfreiwillig rekurrierend, die amor intellectualis dei des spinozistischen Gottes. In Bachs Werken tritt gleichsam eine objektive Vernunft hervor. Das Formgesetz und die Dynamik liegen, im Gegensatz zu Beethoven, in Bachs Kompositionen selbst und treiben sie voran. Protestantisch würde man die Werke Bachs natürlich als Ausdruck der Ehrfurcht gegenüber einem gewalttätigen Gott, wie ihn Luther gezeichnet hat, interpretieren. Die Gewalt von Luthers Gott liegt in der Komposition. Säkular spricht hingegen die Aufklärung und das Ideal der rationalen Erkennbarkeit dessen, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“ (Johann Wolfgang von Goethe, „Faust. Der Tragödie erster Teil“, V. 382 f.), aus Bach. Dass Fausts Erkenntnisstreben zitiert wird, ist nicht nur in entfernter Weise passend. Bach will, so wie Faust metaphysische Wahrheiten, das Innerste der Musik, deren Sein, erkennen. Freilich sind Bachs Fugen nicht die statischen, von der aufklärerischen Positivität des Seins bestimmten Kompositionen, die man erwarten würde, sondern schon deren Auflösung. Das Thema wird, so wie durch Kants Annahme des radikalen Bösen im Menschen den Optimismus der Aufklärung, zerlegt.

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