Interview zwischen Prof. Christoph Barnbrock und Dr. Volker Stolle über das Buch „Die Offenbarung des Evangeliums“

Thorsten Jacob • 17 Juni 2022
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Interview zwischen Prof. Christoph Barnbrock und Dr. Volker Stolle über das Buch „Die Offenbarung des Evangeliums“


Christoph Barnbrock: Herr Prof. Stolle, Sie haben sich in früheren Veröffentlichungen schon intensiv mit dem Apostel Paulus und seiner Theologie beschäftigt. Wie kam es nun zur Idee dieses Buches?

Volker Stolle: Mich interessiert das Verhältnis zwischen Person und Botschaft bei Paulus. Ich beobachte einerseits, wie er seine Botschaft mit äußerster Entschiedenheit vertritt, und andererseits, wie er ständig um ein genaueres Verständnis seiner Botschaft ringt. Diese Grundspannung hat mich schon lange beschäftigt, nun wollte ich sie endlich thematisieren.

Christoph Barnbrock: Nun scheint „Offenbarung“ erst einmal ein geläufiges theologisches Konzept zu sein. Sogar ein biblisches Buch trägt diesen Namen. Trotzdem ist es Ihnen wichtig herauszuarbeiten, dass die „Offenbarung des Evangeliums“ bei Paulus ein ganz spezifisches Konzept ist. Worin sehen Sie diese Besonderheit?

Volker Stolle: Die Bibel spricht von ganz vielen Offenbarungen. Und alle sind einzigartig. Denn Gott wendet sich darin ganz bestimmten Menschen zu, um sie in ganz besonderer Weise anzusprechen. Paulus weiß sich aus einem frommen Eifer für den Gott Israels heraus zu einer neuen, erweiterten Sicht dieses Gottes berufen.

Christoph Barnbrock: Im Rahmen Ihres Buches zeichnen Sie nach, wie dieses Konzept im Luthertum, das sich traditionell eng an die paulinische Theologie anschließt, rezipiert worden ist. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Volker Stolle: Unausweichlich stellt sich die Frage, wie sich diese Offenbarung des Evangeliums, wie Paulus sie in exklusiver Weise erlebt hat, später im christlichen Bewusstsein ausgewirkt hat. Ich kann sie nur im Rahmen der kirchlichen Tradition beantworten, in der ich kirchlich sozialisiert bin, das heißt im Luthertum. Dabei fällt auf, wie unterschiedlich Menschen diesen Impuls des Anfangs aufgenommen haben. Man wird kritisch mit diesen Beobachtungen umgehen müssen. Denn alle diese Menschen waren selbst nicht Apostel, sondern versuchten, sich in ihrer Zeit einen eigenen Reim auf die Botschaft des Paulus zu machen.

Christoph Barnbrock: Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Beschäftigung mit dem Thema als Impuls für heutiges Theologietreiben benennen könnten?

Volker Stolle: Paulus hat seinen Christusglauben in sein Judesein integriert, ihn nicht dagegen abgegrenzt. An diesem Punkt haben wir Christ:innen noch zu lernen. Paulus wie Luther haben ein Selbstbewusstsein entwickelt, das sich fundamental von Gott her und auf Gott hin versteht. Heute müssen wir das ganz neu ausbuchstabieren.


StolleÜber den Autor:

Dr. theol. Volker Stolle war Gemeindepastor in Bochum, Direktor der Lutherischen Kirchenmission und ist seit 1984 Professor für Neues Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel. Er lebt in Mannheim.

 

 

 

 

 


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Stolle, Volker

Die Offenbarung des Evangeliums - Ein paulinisches Konzept und seine Rezeption im Luthertum

Beschreibung

Für Paulus ist die Offenbarung des Evangeliums der Kristallisationspunkt seiner Verkündigung und seiner Theologie. Weil sich die frömmigkeitsgeschichtlichen sowie die geistes- und theologiegeschichtlichen Voraussetzungen inzwischen stark verändert hatten, fiel es Luther und der lutherischen Theologie schwer, dieses Ereignis angemessen zu würdigen. Erst langsam keimte die Erkenntnis, dass diese Begebenheit, auf die Paulus immer wieder zu sprechen kommt, theologisch von besonderer Bedeutung ist und trotz ihrer Fremdheit Beachtung verdient. Volker Stolle führt durch die Rezeptionsgeschichte der Offenbarung bei Paulus, untersucht den lutherischen Paulinismus hinsichtlich seiner Authentizität und macht damit dessen Wirkung seit der Reformationszeit besser erfassbar. Der Autor zeigt, wie aktuell die Botschaft des Paulus und die lutherische theologische Tradition hinsichtlich des biblischen Menschenbildes und des christlich-jüdischen Verhältnisses heute noch sind.

 


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