Interview zwischen dem Autor Johannes Siegrist und Sandy Valerie Lunau (wbg Publishing Services.

S. Valerie Lunau • 13 September 2021
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Gesundheit für alle? Die Herausforderung sozialer Ungleichheit

Interview zwischen dem Autor Johannes Siegrist und Sandy Valerie Lunau (wbg Publishing Services.


Sandy Valerie Lunau (wbg): In Zeiten der Corona-Pandemie denken beim Stichwort „Gesundheit für alle“ viele an überfüllte Intensivstationen oder das Horrorszenario der Triage. In Ihrem Buch wählen Sie aber eine andere Perspektive auf den Themenkomplex „Ungleichheit und Gesundheit“. Können Sie diese kurz umreißen?

Johannes Siegrist: Die erwähnte Reaktion ist verständlich, auch wenn das medizinische Versorgungssystem in Deutschland insgesamt nach aktuellem Kenntnisstand eher geringe soziale Ungleichheiten des Zugangs und der Behandlung aufweist, etwa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Die markanten sozialen Unterschiede der Lebenserwartung in Deutschland und anderen europäischen Ländern haben komplexe Ursachen. Der Beitrag der medizinischen Versorgung zu ihrer Erklärung spielt hierbei keine prominente Rolle: Expertenschätzungen beziffern ihn auf lediglich 10 bis 15 Prozent.  Sehr viel größer ist die Erklärungskraft der in meinem Buch untersuchten Faktoren. Hier stehen soziale Benachteiligungen am Lebensbeginn (in der Schwangerschaft und frühen Kindheit), während der Adoleszenz erworbene gesundheitsschädigende Verhaltensweisen sowie wirtschaftliche, umweltbedingte und psychosoziale Belastungen in Beruf und Familie im Erwachsenenalter im Vordergrund. Obwohl gesundheitliche Ungleichheiten in früher Kindheit und im mittleren Lebensalter am stärksten ausgeprägt sind, bestehen sie im fortgeschrittenen Alter fort:   Gesundes Altern wird umso häufiger beobachtet, je besser die soziale Lage älterer Frauen und Männer ist. Mit einem Wort: Es sind vorwiegend Ungleichheiten der sozialen Chancenstruktur und damit verbundene Verhaltensweisen, welche zu einer höheren Krankheitslast und früheren Sterblichkeit bei weniger privilegierten Bevölkerungsschichten beitragen. Dies sollte auch von der Gesundheitspolitik beachtet werden, deren Aktivitäten bisher vorwiegend auf eine Verbesserung der medizinischen Versorgung abzielen. 

Lunau: Sie zeigen, dass die Lebenserwartung signifikant mit dem Bildungsgrad zusammenhängt. Angesichts umfassender Aufklärungskampagnen zu den Gefahren des Rauchens, zuckerhaltigem Essen oder mangelnder Bewegung – wie lässt sich die Hartnäckigkeit dieses Zusammenhangs erklären?

Siegrist: Der Einfluss von Bildung auf die Lebenserwartung reicht viel tiefer als positive Wirkungen von Aufklärungskampagnen. Zum einen ist bekannt, dass mit Informationen über Gefahren gesundheitsschädigenden Verhaltens allein nur begrenzte Erfolge erzielt werden. Um die in Routinen der Lebensführung verankerten ungesunden Praktiken nachhaltig zu verändern, müssen zusätzlich die ihnen zugrundeliegenden Motivationen und die sie begünstigenden sozialen Kontexte beeinflusst werden. Zum andern erstreckt sich der Einfluss von Bildung auf die Gesundheit über den gesamten Lebenslauf. Bereits in den entscheidenden Jahren der frühen Kindheit werden beispielsweise kognitive Fähigkeiten und soziale Kompetenzen über schichtspezifische Sozialisationspraktiken der Eltern vermittelt. Mit der in den letzten Jahrzehnten in modernen Gesellschaften erfolgten Bildungsexpansion ist zwar der Bevölkerungsanteil mit prekärer Bildung geringer geworden, aber das soziale Gefälle zwischen besser und schlechter Gebildeten und dessen Auswirkungen auf den Gesundheitszustand sind geblieben.   

Lunau: Bei vielen herrscht das Bild des chronisch überarbeiteten, an Magengeschwüren leidenden Managers vor, der aufgrund seiner beruflichen Hochleistungen mit 50 einem Herzinfarkt erliegt. Wie treffend ist dieses Bild?

Siegrist: Die Häufigkeit koronarer Herzkrankheiten, vor allem des akuten Herzinfarkts und plötzlichen Herztods, ist in den vergangenen Jahrzehnten dank medizinscher Fortschritte und verbesserten Gesundheitsverhaltens deutlich gesunken. Nach wie vor besteht jedoch ein ausgeprägter sozialer Gradient in Abhängigkeit von der Höhe sozialer Schichtzugehörigkeit.  Er bleibt auch dann – in abgeschwächter Form- erhalten, wenn man den Einfluss ungesunder Lebensweisen statistisch herausrechnet. Heute gibt es gesichertes Wissen darüber, dass bestimmte berufliche Belastungskonstellationen das koronare Erkrankungs- und Sterberisiko direkt erhöhen. Dabei handelt es sich nicht nur um körperlich schwere oder gefährliche Arbeit, sondern vor allem um Arbeitsplätze mit hoher Instabilität, geringen Aufstiegschancen, prekärer Bezahlung trotz starken Leistungsdrucks, mangelndem Einfluss auf die Gestaltung der Tätigkeit und fehlender Anerkennung. Auch hier zeigt sich das erwähnte Muster ungleicher sozialer Verteilung. Zu einer Zeit, als das von Ihnen erwähnte, in dieser Form nicht zutreffende Klischee vom stressgeplagten Manager verbreitet wurde, lagen die erwähnten neuen Erkenntnisse zu dem ‚toxischen‘ Arbeitsstress, an deren Erarbeitung im Übrigen auch meine Arbeitsgruppe beteiligt war, noch gar nicht vor.  

Lunau: Gesundheit wird heute immer mehr zum Lifestyle-Produkt und damit als Ergebnis individueller Entscheidungen dargestellt: Wenn ich genug Kefir trinke, genug Yoga mache und die richtige Smart Watch trage, bleibe ich gesund bis ins hohe Alter. Was löst dieses Bild bei Ihnen aus?

Siegrist: Das von den Medien verbreitete, durch vielfältige Interessengruppen täglich verfestigte Bild der individuellen Gestaltung von Gesundheit hat sicherlich seine Berechtigung, ist aber einseitig, weil es jene Aspekte ausblendet, welche die Gesundheit jenseits individueller Handlungsentscheidungen beeinflussen. Die Weltgesundheitsorganisation wird nicht müde, immer wieder zu fordern, neben dem individuellen Handeln auch die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Determinanten des Gesundheitszustands ganzer Bevölkerungen in den Blick zu nehmen. Mit der Berichterstattung über die globale Klimakrise zeichnet sich gegenwärtig ein Wandel in diese Richtung ab. Die von den Vereinten Nationen verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungsziele werden ohne diesen Bewusstseinswandel und ohne verstärkte Bemühungen um eine Verringerung sozialer Ungleichheiten von Gesundheit und Krankheit nicht erreicht werden können. 

Lunau: Diesen September ist bekanntlich Bundestagswahl. Was wünschen Sie sich gesundheitspolitisch von einer neuen Bundesregierung?

Siegrist: In meinem Buch ‚Gesundheit für alle?‘ habe ich für jede Lebensphase eine Reihe gesundheitspolitischer Handlungsziele benannt, die nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand geeignet sind, die soziale Ungleichheit von Gesundheit und Krankheit zu verringern. Es ist ja beunruhigend zu sehen, dass zwischen der Lebenserwartung un- und angelernter Arbeiter und jener von Männern in beruflichen Spitzenpositionen in Deutschland ein Unterschied von 10 Jahren besteht. Dies verweist auf den überragenden Beitrag einer präventiven Gesundheitspolitik, die jedoch in andere Bereiche der Politikgestaltung einzugreifen hätte. Nach meiner Einschätzung sind die Chancen einer solchen gesundheitspolitischen Prioritätensetzung auch in einer neuen Bundesregierung gering. Einige andere europäische Länder sind diesbezüglich bereits weiter als Deutschland vorangeschritten.


SiegristÜber den Autor:

Johannes Siegrist war bis 2012 Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist seither Seniorprofessor an dieser Universität. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die sozialen Determinanten von Gesundheit und Krankheit, die Soziologie der Arzt-Patient-Beziehung sowie gesundes Altern. Von ihm sind bereits über 600 wissenschaftliche Publikationen erschienen.

 


1Sandy Valerie Lunau hat allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, Amerikanistik und Kulturanthropologie in Mainz und Oslo studiert. Sie wurde mit einer Arbeit zur Apokalyptik in der Literatur der Gegenwart promoviert.

 

 


Gesundheit für alle? Die Herausforderung sozialer Ungleichheit
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Gesundheit für alle?

Die Herausforderung sozialer Ungleichheit

Selbst in den hoch entwickelten Gesellschaften Europas bestehen ausgeprägte Unterschiede des Gesundheitszustands und der Lebenserwartung nach sozialer Lage: Je höher Bildungsgrad, berufliche Position und Einkommen sind, desto gesünder und länger leben die Menschen. Doch warum bestehen diese Ungleichheiten trotz guter medizinischer Versorgung und sozialstaatlicher Leistungen weiterhin? Johannes Siegrist fasst die Ergebnisse internationaler und interdisziplinärer Forschungen zu dieser Frage entlang der einzelnen Lebensphasen in verständlicher Form zusammen. Besonderes Augenmerk richtet der Autor dabei auf die Aspekte sozialer Benachteiligung in früher Kindheit sowie gesunder Lebensführung und Arbeit im Erwachsenenalter. Am Ende jedes Kapitels werden Ansätze und z. T. bereits vorliegende Erfolge zur Verringerung dieser Ungleichheit aufgezeigt. Sie unterstreichen, wie wichtig gezieltes, an Forschungsevidenz orientiertes gesundheitspolitisches Handeln ist.


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