In memoriam Friedrich Hacker: Das Faschismus-Syndrom

Helmut Essl • 7 März 2020

So lobenswert es gewesen ist, Theodor W. Adornos Vortrag "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" und Umberto Ecos Vortrag "Der ewige Faschismus" jüngst zu publizieren, so schade ist es, dass diese Ehre dem dritten Großen im Bunde, dem Freud-Schüler und Aggressionsforscher Friedrich Hacker (1914-1989), noch nicht zuteilgeworden ist. Sein 1990 bei ECON veröffentlichter Essay "Das Faschismus-Syndrom" schreit in diesen rechtslastigen Zeiten nach einer Neuauflage, arbeitet Hacker doch im Kernstück seines Textes kongenial zehn Faktoren irregeleiteten Denkens heraus - bei Eco sind es 14 -, die den Faschisten abgeben. Sie seien hier vorgestellt - quasi als komprimierte Neuauflage:

1. "Maximierung von Ungleichheit": Das Andere - die Fremden oder sozial Schwächeren - wird als minderwertig und bedrohlich empfunden bzw. dargestellt und diese absurde Sichtweise als unumstößliche Wertkategorie verinnerlicht.

2. "Recht des Stärkeren": In Anlehnung an einen vulgären Sozialdarwinismus ist die eigene Gruppe wie selbstverständlich im Besitz einer natürlichen Überlegenheit, aus der sich Privilegien ergeben.

3. "Führerprinzip": Ausgehend von 1. und 2. wird rücksichtslos ein absolutes Über- und Unterordnungsschema durchgesetzt.

4. "Irrationalität": Trivialmythen, dämonische Erklärungen und eingängige Simplifizierungen treten an die Stelle von Vernunft und komplexem Denken.

5. "Dauermobilisierung": Nach Belieben der Führungsclique wird ein terroristisch erzeugtes Unsicherheitsgefühl als permanente Dynamisierung der Masse evoziert.

6. "Vereinheitlichung": Totale Einigkeit und Einheit der Volksgemeinschaft bis zur Gleichschaltung ist politische Grundlage wie Ziel.

7. "Organische Ganzheit": Das Volk, die Nation, der Staat gelten als höher, edler, anerkennungswürdiger als seine Teile, sprich Individuen und Institutionen.

8. "Totaleinsatz": Die Gesamtpersönlichkeit wird bis zur psychischen Selbstverstümmelung völlig in die Pflicht genommen und andere Loyalitäten wie Familie und Gewissen werden ausgeschaltet.

9. "Gewalt und Terror von oben": Propagandistisch verherrlichte Gewalt wird als bestes Mittel zur Konfliktlösung angepriesen und Aggressionserlaubnis erteilt.

10. "Das Uralte und ganz Neue": Archaische Vorstellungen werden mit moderner Propaganda kombiniert zu Leitmotiven und Handlungsvorschriften für Gegenwart und Zukunft.

Friedrich Hacker betont ausdrücklich, dass "nur eine quantitative Überbetonung einzelner dieser Faktoren bzw. deren charakteristische Verbindung" den Faschisten ausmachen. Die Anfälligkeit für derartigen Gedankenmüll sieht der Psychoanalytiker Hacker in bestimmten Wunschvorstellungen, Sehnsüchten, aber auch Defiziten begründet. Faschismus produziere einen permanenten Rauschzustand, der "das Ausleben der sexuellen und aggressiven Triebe" verspreche. Nicht gerade eine beruhigende Diagnose, denn hinsichtlich faschistischer Offerten, so Hacker weiter, wird "mittels eines leicht zu vermittelnden, radikal vereinfachten (oft absichtlich dummen), primitiven Weltbildes (…) subjektiv wichtige Orientierungs- und Lebenshilfe geleistet".

 

Kommentare (3)

Ulf Nowak

Vielen Dank für den wirklich informativen Überblick, manche Fragen hat man sich schon immer gestellt und erhält plötzlich und unerwartet eine gute Antwort in zehn Faktoren... Danke!

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  • Felix Wohlfrohm

    Dem Lob schließe ich mich an, gerne mehr von der informativen und bildenden Art von Beiträgen

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  • Maike Hinrichsen

    Ich finde diese Darstellung der 10 Faktoren äußerst interessant. Meines Wissens nach hatte Platon eine Übersicht der Staatsformen bereits geliefert, in derer die Tyrannei die unterste / übelste Staatsform einnimmt. Ist Faschismus und Tyrannei in der Hinsicht gleichzusetzen? Oder gibt es Ähnlichkeiten? So oder so: Danke für diesen Blogbeitrag!

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