Ilse

Jonas Gohlke • 22 Februar 2022
13 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 5 gefällt

Frische, warme Frühlingsluft weht durch das spaltbreit geöffnete Fenster in den Raum. Nackenhaarerzitternd schiebt sie sich vorbei, nicht stürmisch, nicht verkühlend, sondern sanft und stetig. Sie lädt ein. Sie bietet eine Probe ihrer Wohligkeit und Seelenruhe und fordert einen Schritt zu ihr. Einen Schritt über die Schwelle nach draußen zu ihr. Und jeder ist gewillt, diesen Schritt zu gehen, denn jeder ist vertraut mit dieser Ruhe, man kennt sie, weil sie alles ist, wonach wir uns sehnen. Selbst im tiefsten Winter, im heißesten Sommer ist es genau diese Frühlingsfrische, die in unserem Inneren verankert ist, verankert als vertrautester Zustand. Jeder liebt sie, wenn sie kommt, und jeder tritt an ihre Seite, wenn sie einlädt, die Schwelle nach draußen zu überschreiten. Jeder, nur ich nicht. Nicht jetzt.

Und du mir vis-à-vis, gethront auf Kissen und Matratzen, stößt deinen Atem heftig dieser Frühlingsluft entgegen. Mit Kraft, beinahe mit all der Brutalität, die dir geblieben ist, versuchst du gegen sie anzuatmen, sie aus dem Fensterspalt herauszudrücken. Dir bleibt die Kraft nicht lange, das ist offensichtlich …. für mich. Doch du hast nie aufgegeben. Die Standhaftigkeit steht dir auch jetzt noch fest im Gesichte. Wenn auch alles aus dieser Welt verschwunden ist, was dich ausmachte und kennzeichnete, deine Standhaftigkeit, die bleibt. Sie ist das letzte, was bleibt. Deine Haare, wie sie einst in leichten Wellen beim Erdbeerpflücken auf deine Schultern fielen. Deine rosigen, vollen Wangen, die sich so oft und so warm an meine geschmiegt haben. Deine Wimpern, die so voller Tränen waren, als wir in deinem Bett nebeneinander lagen, ich noch ein Kind, und du mir von alledem erzähltest, was so geschehen war. All das ist nun verschwunden. Das Lachen wie das Weinen, nur deine Standhaftigkeit, die bleibt. Sie bleibt, weil sie das ist, woraus all das Lachen und das Weinen entsprang, weil sie dich ausmacht. Du bist sie. Doch gewinnt der Frühling die Überhand, wird auch sie weichen müssen. Dann ist die Quelle dieser Stöße deines Atems versiegt und du wirst dich der Frühlingsluft hingeben müssen und an ihre Seite kommen, wie es für jeden einmal bestimmt ist. Und dann ist alles fort.

Alles fort. Ich schaue auf, lasse meinen Blick durch das Zimmer fahren, betrachte die beigebraune Tapete, die 90er-Jahre-Möblierung, den Fernseher, in dessen schwarzem Bildschirm wir uns widerspiegeln. Am Ende des Weges meiner Augen durch den Raum steht die Bilderwand deinem Bett entgegen. Ein etwas energischerer Windhauch drückt von draußen durch das Fenster. Ich beschaue dich in jungen Jahren, gerade einmal zwei Jahre in der neuen Heimat angekommen; ein wenig später mit ihm, der nie die Wunden des Krieges gänzlich hat heilen können. Schwer war es oft, doch du warst standhaft. Dann du, wie er mit den Wunden die Kleine das erste Mal im Arm hatte. Ganz hinten, kaum zu erkennen, eine bleiche, zerknickte Fotographie von dir, einem Mann und einem Hund vor einem Hof. Und im Zentrum, zwischen all den anderen, das von uns beiden, als du es mir erzähltest. Als du mir alles erzähltest. Wir lagen im Bett und du weintest. Ich habe nie jemanden so weinen gehört. So bitterlich flossen die Tränen über deine Wangen, doch du konntest es mir erzählen, wenn auch zittrig. Wie es dazu kam, weiß ich schon gar nicht mehr, aber du erzähltest mir vom Gesicht des Mannes auf dem Foto vor dem Hof. Es war damals so schmerzverzerrt, für dich eigentlich nur verschwommen doch die Schmerzen in seinem Gesicht waren dir noch deutlich vor Augen. Eigentlich hatte er damals keine Schmerzen, sondern eine Pistole am Kopf. Aber es tat ihm so weh, dass du es hast mit ansehen müssen. Sie hielten dich fest, erzähltest du, und als du es erzähltest, warst du wieder Kind, sie hielten dich und ließen dich mit ansehen, wie ihm eine Pistole an den Kopf gehalten wurde, weil seine Uhr ein paar Minuten falsch ging. Vielleicht hatten sie in Russland auch eine andere Zeit, warfst du ein, aber es tat nichts zur Sache. Und wäre sein Hemd falsch geknöpft oder ein Schnürsenkel kürzer als der andere, sie hätten ihm trotzdem diese Pistole an den Kopf gehalten. Was du erzähltest, war grausam, aber wie du es erzähltest, machte es unerträglich. Der Hund kläffte, du versuchtest dich zu befreien, doch sie waren zu stark und zu dritt, du wolltest zu ihm und hast geschrien vor Angst, aber sie ließen dich nicht. Zwei von ihnen nahmen deine älteste Schwester mit ins Haus, um Weißgottwas mit ihr zu tun. Der Hund kläffte und dieser Moment erschien dir endlos, als einer von ihnen plötzlich wutentbrannt seine Pistole aus der Halterung riss, etwas brüllte und dem Hund einen sauberen Kopfschuss verpasste. Endlos war dieser Moment und wie in Zeitlupe kam dir alles vor und diese Bilder sind noch immer in deinem Kopf und laufen wieder und wieder ab. An der Stelle bist du besonders in Tränen ausgebrochen. Er konnte doch nichts für all das, riefst du immer wieder, und voller Schmerzen vergrubst du dein Gesicht in deinem Taschentuch. Solche Schmerzen habe ich bis heute nicht wieder erlebt. Der Hund war es, was die Grausamkeit für dich komplett machte. Und ihn mit der Pistole am Kopf schlugen sie und schrien ihn an mit Worten, die du nicht kanntest. Du warst so jung, aber Kind warst du von da an nicht mehr. Sie haben sie dir genommen, die Kindesgüte, die Leichtigkeit und haben Misstrauen in dir gesät. Aber du warst standhaft. Ihn mit der Pistole am Kopf, erzähltest du, und es war kein Schmerz mehr in deiner Stimme zu hören nach dem Teil mit dem Hund, sondern es war nur noch Entrüstung über diese Grausamkeit und Erschöpfung vom erneuten Durchleben dieser Szene, ihn mit der Pistole am Kopf nahmen sie mit in den Lastwagen, mit dem sie kamen, und ließen dich laufen. Wie ein verwundetes Tier liefst du auf dem regennassen, matschigen Weg zum Dorf und von dort aus bist du weg, bevor sie wiederkamen. Sie haben meinen Hund erschossen, einfach erschossen, setztest du dann noch einmal an. Und ich neben dir spürte die immer noch klaffende Wunde. Sie wird nie heilen. Aber du bliebst standhaft. Ihn mit der Pistole am Kopf, deine Schwester und alle sonst hast du nie wieder gesehen. – Da fällt mir noch etwas ein: Auf dem anderen Foto, lange nach der Sache mit dem Hund, obwohl der Kopfschuss dir noch tief im Herzen steckte, ist er drauf, der später nie die Wunden des Krieges heilen konnte. Weder deine noch die eigenen. Du erzähltest, dass du selbst Jahre gebraucht hast, um das erste Mal einem Menschen wieder zu vertrauen. Und dieser Mensch er war. Er hatte so schöne Locken, sagtest du immer. Auf dem Foto steht ihr in leichter Sommerbekleidung, wie es damals so üblich war, vor dem Badesee, an den wir immer fuhren, wenn es heiß war. Du ein paar gepflückte Blumen in der Hand und deine Haare hochgesteckt. Er mit einem Sonnenhut daneben und einem Flachmann, der ein Stück aus seiner Hosentasche lugte. Das hat der Krieg mit ihm gemacht, betontest du immer und versuchtest dir auch damals nicht anmerken zu lassen, wie schwer es manchmal war. Aber ich habe es schon immer gesehen. Er hat dir nie etwas angetan, nicht physisch. Aber die Wunden verheilen nicht, wenn man sie mit Weinbrand begießt. Doch du warst so standhaft. Es war nicht alles schlecht, sagtest du immer, als er schon lange über die Schwelle war und fern von seinem Krieg. Vieles war auch sehr schön. Und das Schöne überwiegt, sagtest du immer. Und wenn du das sagtest, hattest du immer dieses Strahlen auf den Lippen und ich glaubte es dir immer. Egal, wie sehr es mir wehtat, ihn so zu sehen, und dich, wie du jeden Rausch mitlittest. Du hast das Schöne gesehen. – Einmal, da kam die Kleine dir und ihm das erste Mal unter die Augen. Die Sterne standen schlecht, denn sie war ohne Vater und ohne heiligen Bund zu uns gestoßen. Oh, was hat er geschimpft und geflucht und was habe ich geweint und geweint. Auf keinen Fall wollte er sie anerkennen, auf keinen Fall, beim Teufel nicht. Verweigert hatte er sich, die Kleine auch nur zu sehen. So ein Bastard, rief er immer wieder, so ein Bastard kommt mir nicht ins Haus. Fürchterlich war die Zeit für mich. Fürchterlich, ihm in die Augen zu sehen. Und dann kamst du. Was genau du zu ihm sagtest, weiß ich bis heute nicht, aber du musst mit all deiner Standhaftigkeit gesprochen haben. Du standst für die Einigkeit ein mit alle deiner Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Und wenn du deine Stärke entfaltetest, wer sollte sich dir entgegenstellen. Egal, was du damals zu ihm sagtest, ich wie es nicht. Ich weiß, dass er sich dir nicht widersetzen konnte, weil er wusste, dass du recht hast. Am Ende war aber alles egal, denn er hat sie anschließend geliebt, die Kleine. Abgöttisch und ehrlich hat er sie geliebt. Nichts hat er auf sie kommen lassen, sein Augapfel hast du die Kleine später immer bezeichnet, als sie nicht mehr so klein war. Aber das warst du, die ihn zur Vernunft gebracht hatte, du mit deiner Standhaftigkeit, deiner Stärke und deiner Entschlossenheit, und du mit deinen Wunden. Das warst du. Das alles warst du.

Ich löse mich aus meinen Gedanken an dich und mit den Blicken von der Fotowand. Eine warme, gütige Frühlingsluft durchfließt allenthalben den Raum. Ich atme tief – oder du? Du bist nicht fort. Du wirst nie fort sein. Dein Haar, deine Wangen, deine Wimpern werden fort sein; diese Fotos an der Wand werden vergilben und verschwinden, aber du wirst nie fort sein. Die Zeitpunkte deiner Geschichte werden nicht verschwinden, weil sie auch Zeitpunkte meiner Geschichte sind. Du erzähltest sie mir und ich erzähle sie neu und wer auch immer sich in meine Geschichte einzuweben vermag, wird sie weitererzählen. Voller Dankbarkeit blicke ich dich an. Und gehe raus in den Frühling.

 

- -

 

Ein paar Tage später, an einem Freitagvormittag Ende Februar, durchstößt ein weißer Krokus aus einer alten Zwiebel im Boden einen Spalt im Asphalt mitten auf der Waldstraße in Lübeck, Israelsdorf.

Kommentare (13)

Rita Weißenberger

Sehr schön geschrieben! Der Inhalt berührt, die Form begeistert!

Merchan Agaricus

Eine herzergreifende Geschichte, bildlich und emotional vermittelt. Vielen Dank für das Teilen dieses sehr persönlichen Textes.

Bleibt zu hoffen, dass all die Menschen nun, all die Dörfer, Höfe, Landschaften niemals wieder so etwas erleben müssen - dass der Krieg Familien auseinanderreißt.

Jonas Gohlke

Vielen Dank für die Rückmeldung!
Da kann ich nur zustimmen. Und viel wichtiger ist es dann, solange es einem möglich ist, an der Familie und dem, was man hat, festzuhalten und dafür einzustehen. Denn man weiß nie, was kommt. Sei es Krieg oder Schicksal oder etwas anderes. Auch dafür steht dieser Text.

Merchan Agaricus

Jonas Gohlke, das hätte ich beinahe vergessen, dass das Leben noch sehr viele andere Schicksalsschläge inpeto hat.

Cornelia Becker

Erst heute bin ich wieder dazugekommen, hier in reinzuschauen - und lese Ihren Beitrag ganz gewiss mit anderen Augen als ich dies vor drei Tagen gemacht hätte. So schnell hat sich ein weiterer Zeitpunkt der Geschichte ereignet. Vielen Dank für Ihren Beitrag, der Bilder entstehen lässt, die lange im Kopf und im Herzen bleiben.

Jonas Gohlke

Vielen Dank, Frau Becker, für Ihre Rückmeldung. Es freut mich, dass Ihnen mein Text gefällt. Ich bin selbst ganz erschrocken, wie sich plötzlich der Blick auf diese Geschichte wandeln kann. Ich habe sie aus persönlichen Erfahrungen heraus geschrieben, die fern waren, weil lang vergangen. Aber nun hoffe ich nur noch, dass niemand diese Erfahrungen selbst erleben muss. So nah war die Gefahr, so etwas zu erleben, mitten im friedlichen Europa vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr. Erschreckend...

Merchan Agaricus

Jonas Gohlke, durch die Täuschungen von Putin, was für autoritäre Regime typisch ist, wissen wir nicht, was er eigentlich erreichen will. Vermutlich will er in der Ukraine eine pro russische Marionettenregierung installieren, damit die Osterweiterung der NATO so gut es geht verhindert wird.
Gleichzeitig genießt Putin, uns in Unwissenheit zu lassen. Und schließlich testet er gewiss die Reaktion des Westen, unsere Selbstorganisation.

Er sagte ja bereits, dass er den Beitritt der ehemaligen Warschauer-Pakt Staaten zur NATO nicht akzeptiert. Was heißt das nun? - Dass er in Litauen einmarschiert, in Polen. Diese schreckliche Ungewissheit macht uns mürbe, denke ich.

Und schließlich ringen wir nach Antworten auf die Frage, was ist das adäquate Verhalten, dass dieser krassen Aggression folgen muss.

Haben Sie eine Idee, Herr Gohlke.

Es ist immer schön einen Dialog aufrecht zu halten, wenn er schon angefangen hat.

Jonas Gohlke

Lieber Herr Lupa,
die Aggression eines Militärriesen wie Russland stellt natürlich eine äußerst prekäre Situation dar. Jede Entscheidung und Handlung des Westens kann eine unerwartete Reaktion von Seiten des Kremls herbeiführen, weswegen es schwer ist, abzuschätzen, welche Aktion zu welchen Konsequenzen führt. Fakt ist, dass militärisch Putin zum einen dem Westen im Großen und Ganzen überlegen ist und das Ausmaß seiner Aggression nicht auszumachen ist.

Außerdem ist Fakt, dass das russische Militär auf jeden Fall dem ukrainischen maßlos überlegen ist, weswegen eine erfolgreiche Verteidigung Kyjiws aus meiner Sicht unmöglich ist. Es ist durchaus sehr ehrenhaft, dass Selenskyi in Kyjiw bleibt und zu einer Verteidigung der Stadt aufruft, nur wird dieses Handeln dazu führen, dass mehr Bomben auf die Zivilbevölkerung fallen werden. Ein möglicher Weg wäre, wenn die Regierung sich nach Polen oder in anderweitiges EU-Ausland absetzt und dem Russen den Einmarsch gewährt, aber die Bevölkerung aufruft, auf die Straße zu gehen. Unbewaffnet. Raketen auf Bürger zu feuern ist das eine, aber eine ganze (und vor allem unbewaffnete) Stadtbevölkerung zu erschießen, etwas ganz anderes. Sicherlich ist das Ausmaß der Kriegsverbrechen nicht abzusehen, das Putin einzugehen vermag, aber auf diese Weise schützt man das Leben der Soldaten und der Bevölkerung der Städte. Und dann sollen die Russen erstmal mit einer wütenden Bevölkerung klarkommen. Sicher wirkt das wie Schwäche, dem Feind nachzugeben, aber die Ukraine kann militärisch nicht gewinnen.

Der Westen steht natürlich vor einem viel größeren Problem. Die Ukraine ist verloren, aber reicht Putin das? Das Baltikum wird das nächste sein, was ihm ins Auge fallen wird, vielleicht auch Moldau, denke ich. Mit dem Angriff eines NATO-Staates, befindet sich der Westen offiziell ebenfalls im Krieg, nur was dann? Auch hier bin ich der Auffassung, dass man hoffen muss, dass sich Putin irgendwann erneut an den Verhandlungstisch setzt, um über Grenzlinien zu verhandeln. Anstatt jetzt unkoordinierte Verteidigungsmaßnahmen gegen eine übergroße russische Armee zu versuchen, kann man versuchen, in Zeiten der Verhandlungen sich strukturiert militärisch und diplomatisch vorzubereiten. Denn auch wenn Putin nach dem Einmarsch in die Ukraine (und meinetwegen auch in das Baltikum) eine militärische Pause einlegen mag, wird die russische Gefahr für Ex-Sowjetstaaten bestehen bleiben. Dann muss der Westen das aufholen, was er die letzten Jahrzehnte versäumt hat: einen diplomatischen Notfallplan bereithalten, der nicht auf Wirtschaftssanktionen basiert, die Putin am Ende mit China im Rücken egal sind.

Was denken Sie, Herr Lupa? Wie sehen Ihre Vorstellungen über die richtige Handlungsweisen in dieser Situation aus?

Merchan Agaricus

Lieber Herr Gohlke,

mit Ihren Vorschlägen bin ich grundsätzlich einverstanden. Auch bin ich kein Politiker oder Militärstratege, um das Ausmaß der militärischen Operationen zu analysieren. Ich denke dennoch, dass der Westen selbst Russland mit China zusammen im Verbund militärisch überlegen ist. Auch wenn es um konventionelle Truppen geht. Der Westen sind ja schließlich auch die USA und die rekrutieren sehr schnell, auch die militärische Infrastruktur ist dort sehr schnell aufgebaut. Auch Europa könnte nachziehen, würde genug Geld in die Produktion fließen - dabei könnte man durchaus auch die Schweiz in die Pflicht nehmen.

Es wäre darüber hinaus meines Erachtens ein schlechtes Zeichen eine Exilregierung aufzubauen, und dabei das Land zu opfern. Wenn Selenskyi sich selbst der Sache opfert - denn er wird zweifelsohne wegen irgendeiner erstunkenen Lüge angeklagt, sobald er gefasst wird -, dann setzt er wiederum ein gutes Zeichen. Es lohnt sich für die Heimat zu kämpfen, den Widerstand aufrecht zu erhalten, bis hin zum Partisanenkrieg. Das wäre auch die Option, die ich persönlich gehen würde.
Klar, Sie haben Recht, den Zivilisten kann es letztendlich egal sein, wer sie regiert, wer aber wie ich eine Okkupation durch ein Unrechtsregime erlebt hat, weiß welche Repressalien drohen und wie unwert das Leben dabei werden kann. Ich weiß, dieses Beispiel ist nicht zulässig, aber mir fällt da nur der Gedanke ein, ein Mensch - und es kann auch durchaus ein Mann sein -, der von seinem Peiniger vergewaltigt wird, soll sich hingeben, um sein Leben zu schützen. Für mich ist das keine natürliche Reaktion. Ich wähle nicht immer das Leben, nur dann wenn es mir lebenswert erscheint.

Grundsätzlich bin ich aber bei Ihnen, wenn Sie sagen, der Widerstand der Ukraine hat Konsequenzen, auch für die Zivilbevölkerung, die gewiss mehr Opfer beklagen wird, wenn der Widerstand länger dauert. Daher kann ich Ihnen aus meiner bequemen Lage gar nicht richtig antworten. Überlassen wir es den Akteuren und verurteilen wir sie wiederum nicht, für ihr Verhalten. Auch der Widerstand gegenüber einem vermeintlich zu starken Gegner ist durchaus legitim. Wir Polen haben unter der Sowjetherrschaft lange gelitten, haben uns aber immer wieder erhoben, nicht nur in dieser Zeit, sondern schon während den Teilungen, weil eben, die Repressalien der Besetzungsmacht, das Leben unmöglich machen.

Ich plädiere schließlich für mich, wiederum aus meiner bequemen Warte für Freiheitskampf, bis zum letzen Mann. Und finde die Strategie wehrfähige Männer zu rekrutieren, nicht verkehrt. Vielleicht sollte dabei nur kein Zwang erfolgen - das wiederum zeigt, wie wenig "politisch" ich denken kann.

Schließlich wäre Ukraine aufzugeben und eine Exilregierung in London oder Paris zu errichten, ein schlechtes Zeichen, für alle ehemaligen Sowjetstaaten. Für die würde es ebenso bedeuten, das Land kampflos aufzugeben, wenn der wütenden Zar nur mit den Fingern schnipselt. Das macht kein Volk auf Dauer mit.

Ob nach dem Fall der Ukraine - denn dabei gehe ich mit Ihnen konform, dazu wird es unweigerlich kommen - ein Bündnisfall für die NATO eintreten wird, bei der Besetzung des Baltikums durch Putin, wage ich an dieser Stelle nicht zu erörtern, einzig will ich hoffen, dass die Verluste auf russischer Seite bis dahin groß genug sein werden, dass dem Bären der Appetit nach Beute erst einmal vergangen ist. Denn sonst hätten wir einen dritten Weltkrieg, der zunächst zwar mit konventionellen Waffen geführt wird, bei einem Angriff von Warschau denke ich jedoch, auch nuklear.

Ich habe noch eine letzte leise Hoffnung, auf die Russen selbst. Dass sie sich spalten, sie auf ihre Inteligencja hören und diesem Wahnsinnigen das Handwerk legen.

Aber es ist etwas eingetreten, wovor wir schon lange Angst hatten, an der Macht bei einer Atommacht sitzt ein Irrer und das ist äußerst gefährlich.

Ich verbleibe
mit freundlichen Grüßen
Marcin Lupa

Jonas Gohlke

Lieber Herr Lupa,

tatsächlich sehe ich die Situation nach Ihrem Beitrag mit etwas anderen Augen. Den symbolischen und eher subjektiven Wert der eigenen Heimat habe ich in meine Sichtweise nicht einfließen lassen. Sicherlich schaue auch ich von einer weit entfernten, sicheren Warte aus auf die Dinge und kann deshalb nur spekulieren, jedoch glaube ich, dass ich es nicht übers Herz brächte, meine Heimat kampflos zurückzulassen und einem Feind, der schlechterdings zu Unrecht in mein Land einfällt, den Weg zu bereiten. Da habe ich letztlich zu analytisch gedacht und die symbolische Bedeutung eines Widerstandes unter den Tisch fallen lassen.

Ich hoffe aber, dass ich persönlich nie wirklich vor der Entscheidung stehe, mein Land verteidigen zu müssen oder zu versuchen, zu fliehen. Und ich bin ganz bei Ihnen, wenn sie sagen, dass man es den Akteuren zu überlassen hat. Denn wer könnte von sich behaupten, das Allheilmittel oder die Musterlösung für einen Konflikt von so großem Ausmaß und so unbeschreiblicher Absurdität parat zu haben?

Was Sie zuletzt ansprechen, ist auch meine Hoffnung. Es scheint ja, soweit man den Informationen, die den Weg aus Russland finden, größtenteils trauen kann, durchaus eine Protestbewegung in der Bevölkerung sowie Gegenwind aus der Politik gegen diesen Angriffskrieg zu geben. Vielleicht besteht ja die Chance auf einen Militärputsch, Attentat auf Putin o.ä. Denn Putin scheint mit seinen Handlungen tatsächlich relativ allein dazustehen.

Also harren wir der Dinge und hoffen das Beste für alle Beteiligten.

In diesem Sinne:
Mit freundlichem Gruß
Jonas Gohlke

Merchan Agaricus

Lieber Herr Gohlke,

Sie haben meine vollste Zustimmung. Genauso wie Ihnen ergeht es auch mir angesichts dieses völlig unverständlichen Angriffskriegs.

Und auch ich hoffe sehr, niemals in die Situation kommen zu müssen, meine Heimat zu verteidigen.
Einzig verteidige ich überall, wo ich hinkomme, die Werte der westlichen Zivilisation. Natürlich nicht mit Waffen und auch nicht gegen jeglichen Widerstand. Ich spreche darüber, wie viel besser eine Welt ist, die auf Gesetzen der Rechtschaffenheit basiert.

Auch Ihnen sende ich einen freundlichen Gruß und insbesondere viel Kraft in dieser für Europa traurigen Stunde.
Marcin Lupa

Gwendolin Simper

Hallo,

dann verfasse ich auch mal einen Kommentar.

Den Anfang des Textes finde ich ein wenig zu vage, zu austauschbar, er holt mich nicht ab.
Zur Mitte hin jedoch gefällt mir der Schreibstil sehr.
Dann wird alles wieder unbestimmter, weniger leicht verständlich und somit nicht so eindringlich. Vielleicht könnte man "die Kleine" etwas weniger verworren einführen. Ich musste es ein paar Mal lesen, um es richtig zu begreifen.
Das Ende hingegen gefällt mir wieder gut.

Alles in allem, würde ich beim Schreiben etwas mehr daran denken, dass der Leser in seinem eigenen Kopf sitzt und gewisse Dinge nicht genauso klar sieht wie der Autor. Aber die Idee der Geschichte gefällt mir sehr.

Das wird jetzt hoffentlich als konstruktive Kritik aufgefasst, ich lasse auch ein Herzchen hier.

Viele Grüße

Lotte Werther

Alle Dilettanten schreiben gern. Darum schreiben einige von ihnen so gut. Hier wurde Stil getrieben. Keine Frage. Aber viel wichtiger: Ein sehr flüssig eleganter Schreibstil verwebt sich lockerleicht mit einen schwer lastenden Thema. Es kommt mir vor, als hätte sich in diesem Text ein Sturm&Drangler in einen Trümmerliteraten verliebt. Diese Verknüpfung macht ihn zu keiner leichten Kost. Aber genau das will er auch nicht. Er fordert dich heraus. Lies mich, tauche ein und versteh mich! Doch, rufen das nicht nur die Worte. Der Autor selbst scheint zu rufen. Lies zwischen den Zeilen und lies mich, mein Schicksal. Wir sprechen immer davon, dass wir nur Kinder unsere Zeit sind. Unser Leben prägt uns und damit auch unsere Kunst. "Ilse" ist ein Paradebeispiel dafür. Ohne die Hintergründe zu kennen, wage ich zu behaupten, klare autobiographische Züge zu erkennen. Diese Tatsache verbietet es dem Leser leider, alles zu verstehen. Aber sind wir mal ehrlich, darin liegt doch der Reiz. Wir wollen Belletristik und keinen Bericht. Autor und Protagonist verschwimmen, bedingen sich gegenseitig. Ein Zeitpunkt der Geschichte wird zu einer neuen gegenwärtigen Geschichte. Genau dafür ist die Retrospektive ein sehr passend gewähltes Instrument.

Alles in allem eine sehr gelungene Arbeit. Nimm aus diesem Kommentar mit, was du willst. Mein Tipp: Schau gerne zurück und schreib weiter, aber gehe gen Frühling! Denn das Leben schreibt nur Geschichten mit Superlativcharakter. Also schreib, Leben, scheib!


Please anmelden or sign up to comment.