Ich, Es und Über-Ich nach Freud

Karl Friedrich Stephan • 10 April 2021
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Freud unterscheidet drei Strukturmomente der Psyche: Ich, Es und Über-Ich. Ich, Es und Über-Ich sind nicht als selbstständige Instanzen mit einer klar umrissenen Organisation zu verstehen („Homunkulus“), sondern als fließende Strukturen und Funktionszentren der Psyche, deren Einfluss- und Funktionsbereiche sich verändern und einander nachgeben können. „Wir nähern uns dem Es mit Vergleichen, nennen es ein Chaos, einen Kessel voll brodelnder Erregungen.“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, chronologisch geordnet Bd. 15. Hrsg. v. Anna Freud unter Mitarbeit von Marie Bonaparte. Imago, London 1948, S. 80) Der phylogenetisch und ontogenetisch älteste Teil des psychischen Apparates ist das Es. Das Es ist das Lustprinzip. Es repräsentiert die Triebe. Triebe sind Bestandteile der menschlichen Psyche, die ausgehend von einer Triebquelle (ein Körperteil oder Organ, das einen Spannungs- oder Erregungszustand induziert; somatisches Bedürfnis) ein Triebziel haben (Befriedigung und Aufhebung des Spannungs- oder Erregungszustands), das sich nach einem Triebobjekt richtet (Gegenstand, der zum Mittel wird, um das Triebziel zu erreichen; Quelle-Drang-Objekt-Ziel). Das Triebobjekt ist austauschbar. Handlungen sollen das neuronale Energiepotential reduzieren und ihm Abfuhr verschaffen. Jedoch ist aus somatischen Gründen zu ergänzen, dass der Organismus nicht ab ovo über einen unveränderlichen Betrag an libidinöser oder aggressiver Energie in einem geschlossenen System verfügt. Der Psychoanalyse liegt ein psychischer Determinismus zugrunde, demnach Handeln durch motivierende Faktoren, darunter die Triebe, überdeterminiert ist. Alle Triebmanifestationen bestehen aus einer erotischen Komponente, der Libido, und einer destruktiven, dem Aggressionstrieb/Destrudo bzw. Todestrieb. „(D)as Nirwanaprinzip drückt die Tendenz des Todestriebes aus, das Lustprinzip vertritt den Anspruch der Libido“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 372) Nur bei Psychosen und Perversionen treten die Triebe nicht gemischt, sondern in Reinform auf. Eros ist konstruktiv, Thanatos ist destruktiv. Je nach der psychosexuellen Organisation der Libido und dem Überwiegen einer der drei psychischen Instanzen ist die Persönlichkeit geformt. Auch die individuelle Verarbeitung der oralen, analen und phallischen Entwicklungsphase, die der Latenzphase (Pubertät) und adulten Sexualität vorangehen, bestimmt den Charakter und trägt zur Ich-Entwicklung bei. Das Es ist der psychische Ausdruck körperlicher Triebe. Entsprechend zielt das mit dem Es identifizierte Lustprinzip auf absolute und unmittelbare Triebbefriedigung (nicht befriedigte Triebe erzeugen Unlust, befriedigte Lust). Der Trieb ist ein Impuls, der erst „durch die Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle“ befriedigt wird (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 10, S. 215). Das Es, der Triebbereich, ist irrational, materialistisch und zeitlos. Es ist insofern amoralisch, als der Trieb keine normativen Wertungen kennt, und insofern zeitlos, als Triebe konservierenden Charakter haben (siehe Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 18: „Ein Trieb wäre also ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes“, was dem Streben nach dem anorganischen Zustand, dem Todestrieb, entspricht). Gegensätzliche Triebe können im Es gleichzeitig bestehen, „ohne einander aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen, höchstens daß sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang zur Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen zusammentreten“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 15, S. 81). Diese Vorgänge und Mechanismen des Unbewussten, zu denen auch die Verdichtung und Verschiebung der Denkinhalte sowie Symbole im Traum gehören, werden unter dem Begriff Primärprozess bzw. Primärvorgang subsumiert. Auf der Ebene der stammesgeschichtlich kollektiven Ontogenese sind die sogenannten Urworte bzw. Oppositionsworte Ausdruck des Primärprozesses. Bspw. bezeichnen lat. sacer („heilig“ und „verdammt“), altus („hoch“ und „tief“) oder altgriech. logos („leeres Geschwätz“ und Vernunft“) Konträres in Einem. Die Spaltung der Urworte in Antonyme entspricht somit der psychologischen Entwicklung vom primärprozesshaften Denken zum Denken des Sekundärprozesses. Abseits des Satz des Widerspruchs gilt auch die transzendentale Idealität von Raum und Zeit nicht für den Bereich des Es. Ziel des Primärvorgangs ist, die Wahrnehmungsidentität der Triebbefriedigung herzustellen, während das Ziel des Sekundärprozesses die Errichtung einer Denkidentität ist. Die Denkidentität besteht im Ich = Ich. Wenn eine Wahrnehmung mit einer Bedürfnisbefriedigung assoziiert wird, ist jedes Wiedererscheinen dieser Wahrnehmung eine Wunscherfüllung. Die Wahrnehmungsidentität des Primärprozesses bedeutet die Wiederholung derjenigen Wahrnehmung, die mit der Bedürfnisbefriedigung assoziiert ist. Die Sekundärprozesse regeln die Vorgänge zwischen dem Ich und dem Vorbewussten. Sie folgen den logischen Gesetzen - „Die Negation ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. Im Ubw gibt es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte.“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 10, S. 286) - und sind charakteristisch für das Ich, wohingegen die Primärprozesse die kindlichen Entwicklungsstadien dominieren und später auf den Traum verdrängt werden. Der Sekundärprozess orientiert sich an den Anforderungen der Realität und entspricht damit dem Realitätsprinzip (der Primärprozess gehorcht dem Lustprinzip). Aus der psychoanalytischen Behandlung wird ersichtlich, dass das Unbewusste und das Trauma nicht-symbolisiert, d.h. nicht sprachlich verarbeitet sind. Deswegen manifestiert sich das Unbewusste und das dazu gehörende Es nur negativ in Form der Traumarbeit und neurotischer Symptombildung.

Das Über-Ich ist die normative psychische Instanz im triadischen Modell. Als Moralprinzip ist es die Internalisierung der sozio-symbolischen und kulturellen Ordnung - Normen, Konventionen und sozial akzeptierte Vorschriften. Damit sind „Gewissen“ und „Moral“ heteronom, abhängig vom sozialen Umfeld, weil es sich stets um Reproduktionen politischer und gesellschaftlicher Werte handelt. Das Ich internalisiert das Normensystem der Gesellschaft, sodass es zusätzlich durch das Gewissen - die verinnerlichte Furcht vor Bestrafung durch die Autorität - reglementiert wird. Als Instanz kristallisiert sich das Über-Ich nach Überwindung des Ödipus-Komplex, d.h. zirka ab dem fünften Lebensjahr. Der Triebverzicht aus Furcht vor Bestrafung oder Liebesentzug durch die Autorität wird unter dem Über-Ich zum Triebverzicht aus Gewissensangst.

Das Ich konkretisiert sich als bewusste Instanz und der vorgelagerte Teil des Es, der in direkter Beziehung zur Realität stand und sich durch Reizaufnahme und Reizschutz entwickelte (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 17, S. 72: „undifferenzierte(s) Ich-Es“). Diese psychische Instanz rationalisiert das Triebleben, indem es Befriedigung zulässt, verschiebt oder den Trieb unterdrückt und die Anforderungen des Es, Über-Ichs und der Realität integriert. Vermittelnd entscheidet das Ich, welche der vom Es mit entsprechender Triebenergie vorgebrachten Wünsche unter den Bedingungen des idealen Werte- und Normenhorizonts des Über-Ichs realisiert werden können. Das Es kann Triebangst, das Über-Ich Gewissensangst und die Umwelt Realitätsangst provozieren. Angst zeigt dem Ich einen bevorstehenden psychischen Konflikt an, dem es mit Abwehrmechanismen auszuweichen versucht: emotionale Isolierung, Identifikation, Introjektion, Isolierung, Kompensation, Phantasie, Projektion, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Regression, Sublimierung, Ungeschehenmachen, Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung. Psychopathologien sind Folgen einer falschen Vermittlung der Triebansprüche. Das Lustprinzip des Es wird im Ich zum Realitätsprinzip modifiziert. Demnach werden die Ansprüche des Es mit der Umwelt abgeglichen. Das Ich ist „diejenige seelische Instanz, welche eine Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traumzensur handhabt.“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 243) Das Ich ist jedenfalls nicht mehr, wie in der Subjektphilosophie Descartes’ und des Deutschen Idealismus insinuiert, „Herr in seinem eigenen Haus“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 12, S. 11). Das Ich ist nur ein Sekundärprodukt. Also ist der Imperativ der Psychoanalyse: „Wo Es war, soll ich werden“ (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 15, S. 86). Nur ist damit nicht impliziert, dass das Es durch das Ich vollständig verdrängt werden kann. Vielmehr ist das Es ein nicht-symbolisierter Rest, der wie eine Flüssigkeit nur bis zu einem gewißen Grad komprimierbar ist. Freuds Aphorismus sagt aus, dass das Ich mit Hilfe der Analyse Zugang zu seinen unbewussten Abwehrmechanismen und damit Ich-Autonomie gewinnen kann.

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