Herr Hinkelbein

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Herr Hinkelbein

Komischer Mann, dieser Herr Hinkelbein, dachte ich, während ich genussvoll an meinen nachmittäglichen Kaffee auf der Terrasse meines Lieblingscafés nippte. Von meinem Lieblingsplatz aus, konnte ich aus den Augenwinkeln heraus fast die ganze Marktgasse überschauen. Herr Hinkelbein, sagte ich lächelnd laut zu mir selbst und erschrak über die Lautstärke meiner eigenen Stimme. Ich blickte mich mit hochgezogenen Schultern um, in der Hoffnung, dass mich niemand gehört hatte.

Da sah ich ihn wieder, den seltsamen Herrn Hinkelbein wie er von einer Seite der Marktgasse zur anderen eilte, in Geschäfte hineinstolperte und aus anderen wieder heraus fiel. Manchmal kam er mir wie eine Figur aus einem Comicfilm vor, die wie von einem unsichtbaren Geschöpf im Nacken gejagt, in verschiedene Türen und Gänge getrieben wurde und entgegen aller Logik aus anderen wieder herauseilte. Seine lange gebogene Nase schien ihm stets den richtigen Weg zu zeigen, den er mit eiliger Überzeugung abschritt.

Herr Hinkelbein hieß gar nicht Herr Hinkelbein. Ich nannte ihn einfach so, weil er kaum merklich leicht sein rechtes Bein nachzog. Ich hatte keine Ahnung wie er wirklich hieß, noch wo er wohnte. Ich wusste nur, er war immer in Bewegung, immer am Laufen und immer präsent, wo ich auch hinblickte. Er schien überall zu sein. Er war einfach da, wenn ich es auch war. Ständig sah ich ihn strammen Schrittes in ungeordneter Weise kreuz und quer durch die Marktgasse laufen, den Blick an ein unsichtbares Ziel geheftet, Staubfetzen vor sich hin schiebend, wie ein Wirbelwind, der auf seinem einsamen Weg alles aufsammelt, was ihm in die Quere kommt, um es an anderen Stellen wieder zu verteilen. Manchmal eilte er so nahe an Passanten vorbei, dass sich deren Haare kurz durch einen unsichtbaren Windsog empört horizontal aufstellten, als wollten sie ihn aufhalten einfach so unbeachtet an ihnen vorüber zu laufen.

Ich war fest davon überzeugt, dass Herr Hinkelbein auch die Marktgasse auf und ab lief, wenn ich nicht da war. Seine Präsenz fror sich für mich zur Normalität ein. Er gehörte genauso zur Marktgasse, wie all die kleinen Cafes, Geschäfte, Bäume, alltägliche Passanten und nächtliche Ratten. Unvorstellbar zu denken, Herr Hinkelbein würde eine Minute lang nicht den steinigen Boden der Marktgasse überqueren. Wo sollte er sonst sein? Vielleicht hatte er auch niemanden, der auf ihn zuhause wartete, dachte ich, während ich meinen letzten Schluck Kaffee austrank.

 

Schon komisch, diese Frau, dachte Herr Baier, während er die Marktgasse entlang eilte, sie scheint in allen Cafés gleichzeitig zu sitzen und ständig Kaffee zu schlürfen.

Kommentare (2)

Marcin Lupa

Heitere Prosa, verspielt und doch gekonnt formuliert. Wir alle scheinen sie zu kennen, diese Herren Hinterbein und diese Kaffee schlürfenden Frauen.
Als wären sie Statisten in unserem persönlichen Film, tauchen sie immer wieder auf. Tatsächlich ein jeder von ihnen eine Hauptrolle in seiner eigenen Aufführung.

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