Helmut Danner: Bildung als Widerstand gegen Populismus

wbg Redaktion • 20 Juli 2020

Bildung als Widerstand gegen Populismus

von Helmut Danner


Alle reden vom Corona-Virus und vergessen einen anderen Virus, den es schon seit Langem gibt und gegen den keine Impfung helfen wird. Eine große Anzahl von Bürgern ist von ihm befallen; er macht blind gegen die Realität; er macht vielen unserer Mitmenschen Angst, weil er sie als bedrohliche Feinde erscheinen lässt. Die von diesem Virus Befallenen verstehen sich als „das Volk“; alle anderen seien Feinde – die Ausländer, die Flüchtlinge, die Moslems, die Juden. Denn sie gehörten vermeintlich nicht zum „Volk“. Feinde des „Volkes“ seien auch die Eliten. Die Symptome, mit denen dieser Virus auftritt, reichen vom unterschwelligen Witz am Stammtisch, vom verdächtigen Versagen mancher Polizeieinheit über eine politische Partei bis zum organisierten Mord. Die sozialen Medien dienen der schnellen und weiten Verbreitung dieses Virus. Die Rede ist vom Populismus im weitesten Sinne, der in vielen Variationen auftritt.

Populisten leben in einer Welt der Imagination; sie interpretieren die Wirklichkeit auf der Basis ihrer Vorurteile: Politiker sind korrupt; Fremde jeglicher Art stören die eigene Identität. Ihre moralische Orientierung heißt Ausgrenzung: Das „Volk“ muss im Gegensatz zum „Nicht-Volk“ „rein“ erhalten werden. Es bleibt aber nicht bei einer populistischen Meinungsverschiedenheit, sondern es wird aktiv gegen das „Nicht-Volk“ gehetzt, ausgegrenzt, gemordet. Damit bedroht jener Virus die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz sieht den Rechtsterrorismus als aktuell die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland.

Was hilft gegen eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit und gegen eine ausgrenzende Moral? Nötig sind Personen, die vorurteilsfrei denken und handeln können. Damit wird eine zentrale Anforderung an Bildung genannt, die Personen dazu befähigt. Doch welche ‚Bildung‘ ist gemeint, also eine Bildung, die letztlich Widerstand gegen Populismus leisten kann? 

Zunächst richtet sich diese Forderung an die ‚Schulbildung‘ im weitesten Sinne, an die ‚Bildung‘, die durch das öffentliche ‚Bildungs‘-System angeboten und bewirkt wird. Diese ‚Schulbildung‘ ist ambivalent. Denn was dort geschieht, beschränkt sich möglicherweise auf Wissensvermittlung und „Kompetenz-Training“, auf eine funktionale, ethisch neutrale, sinn- und wertfreie Ausbildung. Kann diese dazu befähigen, Widerstand gegen Populismus zu leisten? Braucht es nicht vielmehr eine Bildung, die diesen Namen aufgrund einer langen pädagogischen Tradition verdient und also mehr ist als oberflächliches „Kompetenztraining“? Zweifellos muss ‚Bildung‘ an Schulen und Hochschulen Wissen vermitteln. Aber dieses Wissen will verstanden sein. Oberflächlich angeeignetes Wissen bleibt für Bildung im eigentlichen Sinne wertlos. Der Lernende muss sich mit ihm auseinandersetzen, persönlich dazu Stellung nehmen; er muss sich je nach Wissensinhalt dafür oder dagegen entscheiden; Kritikfähigkeit gehört sicherlich zur Bildung im eigentlichen Sinne.

Solche Bildungskriterien sind Voraussetzung für einen Widerstand gegen Populismus. Denn es reicht nicht, über Populismus etwas zu ‚lernen‘, d.h. gesagt zu bekommen, was man dann möglicherweise auswendig lernen muss und schnell wieder vergisst. Es braucht die Auseinandersetzung mit rassistischen und fremdenfeindlichen Vorurteilen, das Durchschauen von Verschwörungstheorien, ein Verstehen der historischen Zusammenhänge und Inhalte des Antisemitismus und des Neonazitums. Für eine kritische Stellungnahme und als Maßstab spielt die Orientierung an der Realität und an Humanität eine zentrale Rolle. Doch wie soll das im Sinne von Bildung ermöglicht werden? Hier ist eine begriffliche Differenzierung notwendig: ‚Bildung‘ hat zwei Bedeutungen, zweierlei Akteure: Einmal meint Bildung die pädagogische Bemühung, die Heranwachsenden und die Erwachsenen ‚zu bilden‘. Dazu gehören alle ‚Bildungs‘-Einrichtungen und die Lehrer und deren Absicht, Wissen zu vermitteln und dieses im kritischen Sinne für die Lernenden lebendig werden zu lassen, d.h. jene zur Auseinandersetzung und Aneignung anzuregen.

Aber - „alle Bildung hat ihren Ursprung allein im Innern der Seele, und kann durch äußere Veranstaltungen nur veranlasst, nie hervorgebracht werden.“ Was Wilhelm von Humboldt hier feststellt, betrifft die zweite Bedeutung von Bildung und den anderen Akteur: die Seite des Lernenden, des Zu-Bildenden. Schulbildung i.w.S. muss aufklären und zur Auseinandersetzung anregen und zwar mit allen didaktischen und erzieherischen Mitteln. Doch das Bildungsangebot muss vom Lernenden angenommen und verwirklicht werden. Bezogen auf das Verhältnis von Bildung und Populismus bedeutet das, dass Bildung zum Widerstand von Erziehern und Lehrern zwar angeboten und angeregt werden muss. Aber das Entscheidende kann erst durch die persönliche Annahme durch die so ‚Gebildeten‘ verwirklicht werden. Mit anderen Worten, der Einzelne muss Verantwortung übernehmen, muss gegen populistisches Gerede und ausgrenzendes Agieren Stellung beziehen. Bildung zeigt sich dann als Widerstand zum Populismus. Das kann in letzter Konsequenz bedeuten, das eigene Leben zu riskieren. 


Helmut Danner

Doktorat in Philosophie; Habilitation in Pädagogik;
5 1/2 Jahre Tätigkeiten in der Privatwirtschaft;
10 Jahre Lehrtätigkeit an den Universitäten München, Trier und Edmonton;
10 Jahre entwicklungsorientierte Erwachsenenbildung in Ägypten und 9 Jahre in Kenia mit Uganda für die Hanns-Seidel-Stiftung.

Ich lebe in Nairobi, Kenia, und in München, Deutschland

https://www.helmut-danner.info


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Schellhammer, Barbara / Goerdeler, Berthold (Hg.)

Bildung zum Widerstand

Beschreibung

Die Verführungskraft populistischer Parolen und rechtsradikal motivierte Verbrechen erinnern an Zeiten, die längst überwunden schienen. Zugleich begehren junge Menschen gegen soziale und ökologische Missstände auf. In einem Brief an Wilhelm III führt Humboldt aus, dass es eine Bildung der Gesinnung und des Charakters gebe, die keinem fehlen dürfe. Sie darf auch deshalb nicht fehlen, weil sie ein selbstbewusstes Dagegen-Sein und ein mutiges Kritik-Üben an herrschenden Diskursen impliziert. Trotz der Mahnung Humboldts erweist sich Bildung jedoch als brüchig und lässt sich für zweifelhafte Zwecke einspannen.

Die Beiträger gehen der Frage nach, wie eine Bildung aussehen muss, die beängstigenden Entwicklungen weltweit ebenso begründet wie entschlossen entgegentritt. Wie kann sie die Motivation zum Handeln liefern, die uns neben Carl Goerdeler auch Hans und Sophie Scholl vorgelebt haben, und die für den Schutz einer demokratischen Grundordnung und humanistischen Werte notwendig ist?
 

Kommentare (1)

Gerhard Joseph Lindenthal

Herr Danner nennt den Populismus einen Virus. Das ist eine Äquivokation, die um jeden Preis vermieden werden sollte. Der Philosoph Wilhelm Schmidt-Biggemann hat in seinem Buch »Theodizee und Tatsachen« (Das philosophische Profil der deutschen Aufklärung. Frankfurt Main 1988. 290 S.) auf die äußerste Verwerflichkeit dieses Vorgehens hingewiesen. Schmidt-Biggemann schreibt, „[d]er Begriff der Aufklärung“ (S. 8) unterliege einer Äquivokation, deren beiden differenten Bedeutungsgehalte von historischem Pathos und systematischem Projekt jenen Begriff diskussionsuntauglich erscheinen lassen. Er betont, dass jede Äquivokation „als philosophisch problematisch“ (a. a. O., S. 8) anzusehen sei und deren Anwendung auf Begriffe dieselben „für die historische Deskription“ (a. a. O., S. 8) schwierig erscheinen lasse.

Herr Danner definiert Populismus als Realitätsblindheit, er erzeuge bei vielen Angst. Das ist äußerst unwissenschaftlich, insofern er dieses rein empirische Wort, nachdem er es aus dem Gefängnis seiner Äquivokation befreit hat, als einen Kampfbegriff auffasst und begreift, der dem Freund-Feind-Schema entnommen ist. Populismus als einen Kampfbegriff zu verwenden, heißt, sich auf die Provokation, die dieses Wort erzeugt, einzulassen. Wer sich auf die Provokation anderer einlässt, kommt selbst in dieser Provokation um, da er das, was die Provokation beinhaltet, für sich selbst anzunehmen hat. Zudem ist es äußerst unredlich, andere als realitätsblind zu bezeichnen. Wer kann von sich behaupten, dass er seinen eigenen Blick für das, was Realität ist, hat schärfen lassen?

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