Heiliger Zorn - Catherine Nixey

Lilly Kriegbaum • 6 August 2021
4 Kommentare
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"Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten" stach mir bereits im örtlichen Buchladen ins Auge, weshalb ich es schließlich auch kaufte. Ich bin ein sehr visuell geleiteter Mensch und einem hübschen Cover kann ich meist nicht widerstehen, der Titel lies mich schließlich die Zusammenfassung auf der Rückseite lesen und eben jene war es, die mich dann zum Kauf verleitete. Ich erwartete viel, auf dem Einband klebte bereits ein "Bestseller"-Sticker und auch die Verkäuferin versicherte mir, dass sie das Buch ebenfalls gelesen und für gut befunden hatte. So legte ich mich wenige Zeit später in meinen Liegestuhl und begann zu lesen.

Das Werk ist provozierend geschrieben, doch ich denke, das erkennt man bereits am Titel. Auf mich wirkt ein provozierender Stil jedoch oft so, als sei man jemandem auf den Schlips getreten und er müsse nun seinen Ärger über das Thema in quellenfundierter Form herauslassen - hier ist das nicht so. Ich mag den Stil von Catherine Nixey, er ist lustig und provozierend zugleich. Man erfährt im Buch selbst etwas über die Autorin, über ihre Geschichte und weshalb sie dieses Buch schrieb. Ihre Leidenschaft und Verbundenheit sticht durch, was ich immer sehr schätze.

Am spannendsten finde ich jedoch das Thema, was bei einem Buch von Vorteil ist. Ich selbst studiere Geschichte und Deutsch auf Lehramt und setze meinen Schwerpunkt wo ich es kann auf die Antike, weshalb mich das Thema generell sehr anspricht. Ich habe schon oft Quellen über die Verbreitung des Christentums gelesen, bin mit der Zeit vertraut und habe auch mit meinen Dozent:innen oft über das Thema gesprochen. Und nie kam die Perspektive der sogenannten 'Heiden' auf. Ich finde, wir betrachten die Antike meist solange aus der Sicht der Griechen, Römer und Ägypter, bis das Thema Christentum aufkommt. Von da an wird die Perspektive der Christen eingenommen und sie bis zur Neuzeit meist auch beibehalten. Dieses Buch hat mir einen neuen Blickwinkel gezeigt, den ich in meinem Studium vielleicht schon ein paar mal angerissen, aber nie gänzlich bedacht hatte.

Die Autorin schildert malerisch Begebenheiten, wie die Abschlagung der Köpfe der riesigen Statuen griechischer Götter, wie die Christen, die in die Tempel eindrangen, diesen die steinernen Gliedmaßen abtrennten und ihnen Kreuze ins Gesicht meißelten. Sie zeigt auf, dass im Gegensatz zu einigen Aussagen der Bibel, nicht die meisten Bürger der 'heidnischen' Städte begeistert von der neuartigen Religion waren und sie direkt annahmen. Dinge, die man sich zwar irgendwie denken konnte, aber dank der einseitigen Perspektive kaum bedacht hatte.

Ich persönlich bin begeistert von diesem Werk, erkenne aber auch die Kritik, die ich in anderen Rezensionen gefunden habe. Eine Rezension der FAZ beispielsweise wirft Catherine Nixey wissenschaftliche Ungenauigkeit vor. Diese Rezension ist meiner Meinung nach ein gutes Beispiel für mein eben genanntes Sinnbild 'jmd fühlt sich auf den Schlips getreten und schreibt aus diesem Grund provozierend'. Dennoch verstehe ich auch, was der Autor dieser Rezension meint. Es sind wissenschaftliche Beweise vorhanden, diese werden allerdings ausgeschmückt und stilistisch aufgearbeitet. Teilweise wird von einer Quelle auf etwas geschlossen, was diese Quelle gar nicht aufzeigt; allerdings ist dieses Werk auch kein wissenschaftlicher Aufsatz in einer Fachzeitschrift oder etwas derartiges. Ich denke nicht, dass dieses Werk den Anspruch hat, unglaublich wissenschaftlich und in meinem Fall beispielsweise für eine Angabe in einer Bachelorarbeit geeignet zu sein.

Man muss dieses Werk sehen, als das was es ist: ein humorvoll geschriebener Anstoß zum Perspektivwechsel für alle Leser:innen, die unterscheiden können zwischen einem wissenschaftlichen Paper und einem fiktiv aufgearbeiteten Sachbuch.

Zum Abschluss noch die FAZ-Rezension, falls sie jemand lesen möchte: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/cat…

Hier eine andere Rezension, ebenfalls kritisch aber meiner Meinung nach sachlicher: https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-heiliger-zorn/1670018

Link zum Buch in einer Online-Bücherei: https://www.buecher.de/shop/altertum/heiliger-zorn/nixey-catherine/prod…

 

Geht nicht zu hart mit mir ins Gericht, ich schreibe selten Rezensionen und auch ich habe nicht den Anspruch dabei objektiv zu bleiben...

- Lilly

 

Kommentare (4)

Frank Zarrentin

Liebe Lilly, nicht zu hart ins Gericht gehen?! :) Beileibe nicht, ich bin begeistert von der Rezension: authentisch, überzeugend, lebendig
abwägend, stark... Dankeschön für den Ausflug in die Spätantike, meine Frau wird sich über die Empfehlung sogar noch mehr freuen (Lehrerin für Latein und Geschichte). ;) LG. Frank

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  • Marcin Lupa

    Eine schöne Rezension. Das Buch erinnert mich an Tom Hollands "Herrschaft" oder auch "das Tagebuch der Menschheit" von Carl van Scheik und Kai Michel.

    Der Tenor scheint die Emanzipation der Christen zu sein, die eine Alternative für die Antike zu haben glaubten. Ob die Christen selber christlich im Sinne der Glaubenssätze des Jesus von Nazareth waren, bezweifle ich. Die einen genossen die Macht, die anderen führten Befehle aus, noch andere suchten nach einer neuen Droge, die sie betäuben und ihnen die Augen vor der Grausamkeit der Wirklichkeit verschließen konnte.

    Allerdings sind alternative Denkweisen, in Anbetracht der Schrecken der Antike, vielleicht gar nicht von der Hand zu weisen?

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  • Martin Ploen

    Eine spannende Rezension, die neugierig auf das Buch macht. Als ehemaliger Student der klassischen Archäologie bin ich tatsächlich auch schon mit diesem Thema in Kontakt gekommen. Daher ist es mir nicht fremd, dass die Christen ab der Zeit von Theodosius dem Großen, röm. Kaiser von 379-394, und vermutlich auch schon vorher, mit gnadenloser Härte gegen Heiden und Andersgläubige vorgingen.
    Die Tempelschändungen, Zerstörungen von Heiligenbildnissen, die Enteignungen und Diebstähle von Tempelschätzen durch die frühen Christen lassen sich durchaus auch mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte vergleichen, der Reichspogromnacht.

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