Hegel, Nietzsche... und der Arismus!

Jovica Grozdanovski • 13 September 2020

Aus philosophischer oder theologischer Sicht, könnte man sehr leicht und schmerzlos sogar die physischen Gegebenheiten der Geburt und des Todes des Menschen widerlegen. Deshalb, um unsere Muse zu unterhalten und die Jubiläen zweier ihrer früheren Verehrer zu würdigen, möge es uns erlaubt werden in aller Unschuld mit den Hirschen springen und allein die Kontinuität schätzen. Viele Jahrhunderte sind der semimythologischen Epoche der Germanenwanderung nach Europa vergangen. Der euroasiatische Kern wagte es nicht mehr seine kräftigen Nachkommen - ob Gog oder Magog - zurückzuhalten. Das ewige Rom fand sich zwischen den "Deutlichen" und den "Verrückten" eingeklemmt, brauchte jedoch nicht viel Zeit, um beide für sich zu gewinnen und somit ihr Schicksal mit seinem zu verbinden. Niemand durfte sich über die Gefahr äußern, dass die fantastische Verbreitung des römischen Christentums nichts anders als ein neues politisches Chaos an der Leiche des alten Römischen Reichs verursachen würde. Natürlich führten die Ambitionen der zur Hälfte heidnischen europäischen Herrscher direkt zu dem religiösen Schisma von 1054, welches den gesamten Kontinent in den Mahlstrom der Entropie warf. Vom Katholizismus bis zur Renaissance, vom Protestantismus bis zur Aufklärung, zahlreiche Großmütter "hegten und pflegten" das neugeborene "Wunderkind" von 1770.    

Wie kann man am besten die indo-germanische Anamnese Hegels nachverfolgen? Nach meiner demütigen Einschätzung wäre dies nur mit großer Toleranz möglich, da eine Aussaat auf schlechten Boden fast keine Triebe entwickeln kann. Selbstverständlich, bemühte sich keiner der großen westeuropäischen Intellektueller seiner Epoche darum, die spirituelle Einheit mit den östlichen christlichen Brüdern wiederherzustellen. Das "griechische Wunder" war zweifellos aufmerksamkeits- und verehrungswürdiger als der "griechische Stolz", denn die japhetische Einheit vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean war kaum durchgedacht. Auch für die "semitisierten" Deutschen, waren die überwältigenden Hellenen lediglich das mittelmeerische Bindeglied zu den arischen Anfängen. Obwohl er der indischen Spiritualität reserviert und kritisch gegenüberstand, war Hegel doch schon von den Wellen der deutschen Indomanie mitgenommen. Für ihn bestand kein Zweifel daran, dass sein mitteleuropäisches Volk die außergewöhnliche Möglichkeit hatte, die (judäo-)christliche Spiritualität und die (indo-)germanische Stärke in einem menschlichen und nationalen Körper zusammen zu vereinen. Kein Führer hätte ihm hier mit seiner Verachtung zur Hilfe kommen können. Die wenigen relevanten Fragmente hatten gewiss keinen direkten Einfluss auf den Nationalsozialismus, der sein negative Verhältnis in Bezug auf Hegel auf der Kritik reaktionärer Geister wie Schopenhauers gründete. Die Keime einer frustrierten revisionistischen Mentalität waren jedoch absolut vorhanden. Also schrieb der ferne Verwandte Zarathustras:

"So wie das alte römische Reich durch nordische Barbaren zerstört worden ist, so kam auch das Prinzip der Zerstörung des römisch-deutschen Reichs von Norden her. Dänemark, Schweden, England und vorzüglich Preußen sind die fremden Mächte, welchen ihre Reichsstandschaft zugleich ein getrenntes Zentrum vom Deutschen Reiche gibt und zugleich einen konstitutionsmäßigen Einfluss in desselben Angelegenheiten erteilt." (Frühe Schriften, [II Geschichte und Kritik der Verfassung des Deutschen Reichs. 6. Die Macht der Stande], in: G.W.H. Hegel. Werke. Philosophie. Talpa-Verlag Berlin, 2012, elektronisches Buch)

"Aus diesem Verluste seiner selbst und seiner Welt und dem unendlichen Schmerz desselben, als dessen Volk das israelitische bereitgehalten war, erfasst der in sich zurückgedrängte Geist in dem Extreme seiner absoluten Negativität, dem an und für sich seienden Wendepunkt, die unendliche Positivität dieses seines Innern, das Prinzip der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur, die Versöhnung als der innerhalb des Selbstbewusstseins und der Subjektivität erschienenen objektiven Wahrheit und Freiheit, welche dem nordischen Prinzip der germanischen Völker zu vollführen übertragen wird." (Grundlinien der Philosophie des Rechts. Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. Der Staat. C. Die Weltgeschichte. § 358. 4. Das germanische Reich)

Nach dem kürzen Manöver am glitschigen Hegelschen Boden, springen wir mit Eleganz und Gelassenheit auf den des vollkommen profilierten und immer noch lebendigen Nietzsche. 120 Jahre nach seinem Tod bleibt er ziemlich provokativ und umstritten. Obgleich heute niemand die Tatsache der nazistischen Instrumentalisierung von Nietzsches Werk bestreitet, es ist völlig klar, dass die Schuld nur bei seiner Schwester und Redaktorin liegt. Diese Anhängerin Hitlers nämlich hat die Kluft zwischen der abstrakten Theorie und der demagogischen Aktion überbrückt, etwas, das Nietzsche niemals beabsichtigte. Nichtsdestoweniger, nur er übertraf alle seine Vorgänger und sich selbst in der Entbindung des indo-germanischen Prometheus von der Ketten der judäo-christlichen Tradition. Die Sprossen, die schon in den Schriften Hegels vorhanden waren, wuchsen allmählig und entpuppten ihre schwarzen Blüten erst, als Friedrich Nietzsche ihr Gärtner wurde. Gott sei Dank hatte er nicht das Unglück, die Kulmination der deutschen Tragödie mitzuerleben. Hier war jedoch der "deus ex machina" nicht der idealisierte Zeus, sondern der einheimische Mannus. Wie so oft vorher auf dem alten Kontinent, bewässerte der Brudermord den wunderschönen quasiparadiesischen Garten und drohte damit, Nietzsches Ruhestätte zu untergraben. Leider war es nicht die letzte Schande für den blonden tierischen "Übermenschen". Während sich das westliche Europa erneuerte, zerstörte ein anderer, sehr ähnlicher Sozialismus weiterhin den Osten...

Zur Trauer aller vernunfbegabten Lebewesen, zeigt sich der Arismus immer noch sehr lebendig und fatal. Damit meine ich bestimmt nicht die Verbreitung der abendländischen Spiritualität am devastierten und devalvierenden europäischen Boden, und zwar bei der desorientierten Jugend des vorigen Jahrhunderts. Migrationswellen von Osten, die Europa besonders in den letzten Jahren hart getroffen haben, sowie die vergleichbare Expansion des Covid-19, sollten uns nicht besonders beunruhigen, außer vielleicht als eine gefährliche Ausrede. Nichts gefährdet und blendet uns Europäer mehr, als unsere infantile und ansteckende Arroganz, von der uns keine Maske schützen kann. In der heutigen Zeit, voll von Provokationen, in der manch einer schon den neuen Hitler und seinen Anhänger Mussolini erkennt, kann jede emotive Anhänglichkeit an unseren "sankrosankten" prätendierten modus vivendi nur erneut den Knopf der Selbstzerstörung betätigen und alles, das mit viele Muhe wiederaufgebaut wurde neu in die Luft sprengen. An ihren Jubiläen, erinnern uns tragische Figuren wie Hegel und Nietzsche an die Schwächen und Gefahren des Menschenseins, d. h. am unseren angeborenen modus moriendi. Vielleicht stimmt es, dass wir nur noch eine letzte Möglichkeit haben, die materielle Entwicklung zu relativieren und unser Unterbewusstsein zu reinigen. Nur eine letzte Möglichkeit zu verstehen, dass wir keine Arier mehr sind und dass wir nur bei unseren judäo-christlichen Wurzeln dauerhaften Frieden finden können. Der Islam ist uns, selbstverständlich, überhaupt nicht fremd...   

 

*Herzlichen Dank an Herrn Kristijan Taschevski für das sprachliche Redigieren.

Files

Kommentare (0)

Sie können Kommentare zu Inhalten nicht lesen, sofern Sie nicht auf der wbg Community Plattform angemeldet sind. Sie können sich >>>hier<<< registrieren / anmelden und der Gruppe beitreten.