Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst


Dieses Buch ist ein Rundumschlag: Harald Welzer kritisiert in seinem nun in der 4. Auflage erschienenen »Nachruf auf mich selbst: Die Kultur des Aufhörens« von 2021 die Umweltpolitik der Bundesregierung, die Macht der Wirtschaft, unser Konsumverhalten sowie das völlige Ausblenden der eigenen Sterblichkeit. 


Die Botschaft ist eindeutig: Wir machen immer weiter, wir kennen keinen Begriff für das Aufhören. Aber wir müssen aufhören – für uns selbst und unseren Planeten. Es geht nicht darum, immer besser und immer mehr zu produzieren. In den letzten Jahrzehnten haben wir unsere eigene Endlichkeit und auch die unseres Planeten aus unserem Denken verbannt. 

Im ersten Teil des Buches lädt uns Welzer zu einer Debatte ein. Er zeigt, wie sehr unsere Welt eine Wende in unserem Verhalten benötigt und wie unser Konsum und die Politik solche jetzt schon utopischen Ziele, wie die 1,5 Grad, verhindert. Seine Argumente unterstreicht er mit diversen Belegen und schmückt sie derweilen mit einigen Bildern aus. Er plädiert darauf, sich nicht an diesen unrealistischen Zielen festzuhalten, sondern sich auf die Möglichkeit einzustellen, dass es eben nicht für die 1,5 Grad reicht. Die Nichtakzeptanz dieser Möglichkeit sieht Welzer in Bezug auf unsere Sterblichkeit: 

»Der Tod passt nicht ins Leben, weil er sein Gegenteil ist, und ich werde noch ausführen, weshalb er besonders in der Moderne nicht ins Leben passt und gerade hier, in unserer Epoche, als so ausgesprochen fehl am Platze, furchterregend und als Antithese zu allem, was man versucht, empfunden wird.« (S. 25)

Denn das Endlichkeitsproblem existiert nicht, so Welzer. Ein Novum, denn die Jenseitsvorstellungen der Menschheit haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert – genau so wie der Umgang mit dem Tod. Durch die Individualisierung und dem Rückgang der Gläubigen wird der moderne Mensch nun im Auge des Todes allein gelassen.

Weshalb gerade Welzer sich dazu berufen fühlt, zu diesem Problem aufzuklären, ist seine eigene Erfahrung mit dem Tod im Jahr 2020, als er einen Herzinfarkt überlebte. Die Schilderungen seines Herzinfarkts waren sehr persönlich – mehrmals musste ich schlucken, da auch eine mir nahestehende Person ähnliches durchmachte. Mir fiel dabei auf, dass Herzinfarkte in meinem Umfeld keine Seltenheit waren – zumindest zeitweise – aber niemand darüber sprach. Wie das so abläuft und so. Oder wie sich das so anfühlt. 


Welzer hatte durch dieses Erlebnis seine »Unsterblichkeitsillusion verloren. Zum Glück.« (S.65), was er zum Anlass nahm, dieses Buch zu verfassen. 


Der nächste Teil des Buches beschäftigt sich im Grunde mit dem Widerspruch, dass unser Umweltbewusstsein stetig zunimmt – unser Konsumverhalten aber ebenso. Luxus ist nicht mehr länger ein Privileg der Reichen, denn jeder kann zu jeder Zeit alles kaufen, was er sich wünscht. So beschreibt Welzer, »dass expansiver Luxuskonsum besonders dann seine zerstörerischen Wirkungen entfacht, wenn er zum Massenkonsum wird« (S. 77).

Mit seiner These ist er aktueller denn je, denn gerad so ein Verhalten ist bei der Mehrheit an Menschen in Deutschland zu beobachten. Welzer erklärt nicht nur, woher dieses Verhalten kommt und wie es sich im Alltag zeigt, sondern auch wozu es führen kann, wenn wir nichts tun. Im Zuge seiner Argumentation bedient sich Welzer nicht nur aktuellen Themen, sondern kreidet auch die Politiker:innen der Bundesregierung an. Ganz nebenbei wird auch auf den Generationenkonflikt eingegangen und weshalb sich nun einige Menschen vor Veganer:innen fürchten. 


Den dritten Teil des Buches nimmt der Themenbereich des Aufhörens und Welzers Nachruf auf sich selbst ein. Er stellt die Frage, was ein Nachruf denn einem Menschen nach dem Tode bringen würde und ob es nicht viel sinnvoller sei, so einen Nachruf zu schreiben, wenn man noch lebe, um darüber nachzudenken, wie man gelebt haben wollte. 


Mit seinem Weckruf spricht Welzer die Lesenden direkt an. Er lädt sie dazu ein, ihr Leben zu hinterfragen und kritischer auf aktuelle Probleme zu blicken. Durch moderne Beispiele, Zitate und Akteure aus den Nachrichten, aber auch Bezüge auf die Popkultur der letzten 40 Jahre, ermöglicht es Welzer Lesenden jedes Alters, ihm zu folgen. Sein Buch ist polemisch und persönlich, es ist interessant und schockierend – und es wirft ein ganz neues Licht auf den Missstand, in dem wir uns befinden. 

 


Podcast-Empfehlung: Harald Welzer war Gast bei Rebekka Reinhard 

 

Folge 48: "Wie werden wir gelebt haben?" mit Harald Welzer

Rebekka Reinhard spricht mit dem Soziologen Harald Welzer über das gestörte Verhältnis unserer Kultur zur Endlichkeit und zur Geschichte. Außerdem sprechen sie über Verantwortung, Ernsthaftigkeit und Inkonsequenz, was eine bessere Zukunft auf diesem Planeten für alle Menschen betrifft.

 

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Welzer, Harald

Nachruf auf mich selbst.

Die Kultur des Aufhörens

Bestseller-Autor Harald Welzer stellt fest, dass unsere Kultur kein Konzept vom Aufhören hat. Deshalb baut sie Autobahnen und Flughäfen für Zukünfte, in denen es keine Autos und Flughäfen mehr geben wird. Und sie versucht, unsere Zukunftsprobleme durch Optimierung zu lösen, obwohl ein optimiertes Falsches immer noch falsch ist. Damit verbaut sie viele Möglichkeiten, das Leben durch Weglassen und Aufhören besser zu machen. Diese Kultur hat den Tod genauso zur Privatangelegenheit gemacht, wie sie die Begrenztheit der Erde verbissen ignoriert.
Harald Welzer zeigt in einer faszinierenden Montage aus wissenschaftlichen Befunden, psychologischen Einsichten und persönlichen Geschichten, wie man aus den Absurditäten dieser gesellschaftlichen Entwicklung herausfindet. Man muss rechtzeitig einen Nachruf auf sich selbst schreiben, damit man weiß, wie man gelebt haben will.

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