Gunda Trepp – Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus

Lara Hitzmann • 2 Februar 2022
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Buchempfehlung: Gunda Trepp – Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus

Gunda Trepps „Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus“ richtet sich an all diejenigen, die den Antisemitismus in unserer Gesellschaft verstehen und dagegen angehen möchten.

Zu diesem Zweck nimmt Trepp nacheinander die bekanntesten und penetrantesten Vorurteile über Jüdinnen und Juden in fünf prägnanten Kapiteln auseinander. Sie erläutert, woher diese Gerüchte und Vorurteile kommen, was sie bezwecken und warum sie schlichtweg falsch sind. 

Ich habe angefangen, dieses Buch zu lesen, weil ich schockiert über die Erfahrungsberichte von Trepp und Levi Israel Ufferfilge war (den Podcast können Sie hier nachhören). Weil ich mir dachte: Wieso geht es den Jüd:innen in Deutschland so schlecht und wieso habe ich davon in meinen 25 Jahren Lebenszeit nichts mitbekommen? Ich bin einfach davon ausgegangen, dass der Judenhass in Deutschland seit 1945 zurückgegangen ist. Dabei kenne ich gar keine jüdischen Menschen. Frau Trepp hat mir die Augen geöffnet. Im Zuge des Studiums der Antiken Kulturen sind die Juden und Jüdinnen natürlich immer präsent, immerhin sind sie eines der Völker im antiken Mittelmeerraum. Durch die Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus ist mir aber erst aufgefallen, wie christlich unsere Geschichtsbetrachtung ist und wo Menschen unser Fach dazu nutzen, ihre antisemitischen Argumente zu stützen, indem sie Tatsachen zu ihren Gunsten ändern.  Besonders überraschend war die Erkenntnis, wie hartnäckig sich manche Falschaussagen in der Gesellschaft halten.

Zu Beginn des Buches erläutert Frau Trepp, weshalb sie sich dazu entschloss dieses Buch zu schreiben und weshalb sie durch ihre Wahl zum Judentum dafür die Richtige sei. Danach gibt sie anhand simpler alltäglicher Beispiele an, was Antisemitismus sei und wie er sich in unserer Gesellschaft bemerkbar macht. Antisemitismus – ein Begriff der Universitäten, der Gelehrten, der nichts anderes als Judenhass bedeutet.

Frau Trepp beschreibt weiter, wie der Judenhass durch die Jahrtausende immer präsent war und wie es schließlich zum Holocaust kam. Dabei geht es weniger um die Ereignisgeschichte, sondern wie bestimmte Handlungen heruntergespielt und andere völlig außer Acht gelassen oder aufgebauscht wurden. Wie es nach 1945 bei den wenigsten eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust gegeben hatte und wie die Jüd:innen in Deutschland in den kommenden Jahren immer benachteiligt, diskriminiert und ausgeschlossen wurden. Bis heute.

Mir wurde klar: Es gibt antisemitische Haltungen in meinem persönlichen Umfeld. Als ich meinem Umfeld erzählte, dass wir  ein Posting zum Gedenktag der Opfer des Holocausts vorbereiten, wurde mir geantwortet „Man kann ja auch übertreiben.“ Ich fragte, womit denn. Man antwortete mir: „Das ist jetzt schon sehr lange her mit den Juden, langsam muss auch mal gut sein.“ 

Sie zeigt auf, dass Antisemitismus kein Phänomen von Rechts ist und wieso er gerade in der deutschen Bildungsschicht so hartnäckig bestand hat. Trepp geht aber auch auf die Problematik mit Palästinenser:innen ein, sie zeigt auf, wo einflussreiche Organisationen gezielt antisemitische Aussagen streuen und wie wir uns vor einer solchen Propaganda schützen können.

Zum Ende eines jeden Kapitels werden die wichtigsten Argumente und Fakten von Trepp zusammengestellt, sowie empfohlene Literaturhinweise zum Weiterlesen dargestellt. Ihre Aussagen zu Konzernen, Gesellschaften, Politiker:innen usw. sind in den Anmerkungen so hinterlegt, dass man sich dazu einfach selbst ein Bild machen kann. Die "Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus" besticht mit scharfsinnigen und punktierten Argumenten, die nicht angreifend, sondern aufklärend verfasst sind.

 


Gunda TreppGunda Trepp hat nach Jurastudium und Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule als Anwältin und als Journalistin für Zeitungen wie den Spiegel, die FAZ und die Berliner Zeitung gearbeitet. Sie lebt heute als Autorin in San Francisco und Berlin.

 

 

 

 

 


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Gunda Trepp

 

Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus

Lernen. Wissen. Handeln.

Dies ist eine Streitschrift für mehr Wissen. Und damit ein Handbuch zum Kampf gegen Antisemitismus. Denn dieser gründet auf jahrhundertealten Stereotypen. Zerschlagen wir die Bilder im Kopf und ersetzen sie durch Fakten.

Was heißt ›auserwähltes Volk‹? Was bedeutet ›Auge um Auge‹? Wollen Juden nichtjüdische Deutsche wirklich im Büßerhemd sehen? Warum trägt Kritik am Staat Israel so häufig offen antisemitische Züge?

Gunda Trepp nimmt ein Stereotyp nach dem anderen auseinander. Anschaulich erklärt sie Zusammenhänge und Kontinuitäten judenfeindlichen Denkens. Dieses finden wir heute in allen sozialen Schichten: rechts, links, biodeutsch, migrantisch – der Antisemitismus schafft merkwürdige Koalitionen.

Die Autorin schreibt mit Dringlichkeit. Veränderung ist nötig, damit es weiterhin lebendiges jüdisches Leben in Deutschland geben kann. Denn Jüdinnen und Juden, die sich stets erklären müssen, die ihre Kultur und Religion aus Angst verbergen, geht sonst irgendwann die Luft zum Atmen aus.


  

 

Kommentare (4)

Gabriele Jung

Hallo Frau Hitzmann, herzlichen Dank für Ihre sehr lesenswerte, ausführliche Rezension. Nach dem interessanten Gespräch mit Frau Trepp stand der Titel bereits auf meiner Leseliste. Ihre Ausführungen unterstreichen, dass es wirklich ein bemerkenswertes Buch ist. Ich bin sehr gespannt und werde die „Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus“ zeitnah ebenfalls lesen.

Lara Hitzmann

Liebe Frau Jung,
vielen Dank für dieses Kompliment!

Johannes Kohnen

Hallo Frau Hitzmann, Hallo Frau Jung,
mit großem Interesse habe ich Ihre Kommentare gelesen. Ich bin auch sehr betroffen, wie stark noch immer verbreitet und zunehmend der Antisemitismus in Deutschland ist, nach allem was in unserer Geschichte geschah. Es ist erschreckend, wie sich dieses Denken gesellschaftlich gefestigt hat. Aufklärungsprojekte sind in vielfältiger Form dringend notwendig, diesen Ungeist zu bekämpfen. Das vorliegende Buch von Frau Trepp ist sicher ein wichtiger Baustein dazu.
Im Zusammenhang mit der von Ihnen, Frau Hitzmann, erwähnten "christlichen Geschichtsbetrachtung" kann ich Ihnen ein weiteres wichtiges Buch empfehlen: Klaus Wengst, Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021. Die wichtige Frage in diesem Buch: Warum bestimmte das Christentum seine Identität sofort antijüdisch? Ein zentraler kulturgeschichtlicher Fragenkomplex muss in unseren Tagen neu und weitergedacht werden...

Lara Hitzmann

Lieber Herr Kohnen,
ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Und ich danke Ihnen für diese diese Buchempfehlung!


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