Gudrun – eine Hommage

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Gudrun – eine Hommage

Neulich habe ich Gudrun kennengelernt.

Gudrun ist Bäckersfrau, aber nicht nur die Frau des Bäckers, sondern eine echte Bäckerin mit richtigem Meistertitel. Das muss gesagt werden, denn dies gehört zur Geschichte.
Und die Bäckerei, die gehört natürlich Ihr selbst und nicht Ihrem Mann, der auch Bäcker ist.
Gudrun hat die Bäckerei von Ihren Eltern geerbt und diese von Ihren Eltern und diese wiederum
von ihren Eltern. Somit gibt es die Bäckerei bereits seit 1880.

Allein der Beruf des Bäckers ist schon ein Aussterbender. Eine Bäckermeisterin zudem äusserst selten. Und Gudrun backt nun seit Ihrer Lehre mit 16 Jahren ununterbrochen Brote und andere Teigwaren. Anfangs in einer befreundeten Bäckerei, später im väterlichen Betrieb und viel später hat sie vom Vater den Betrieb ganz übernehmen können.
Das wäre ja alles fast noch normal.

Aber jetzt kommen wir zum springenden Punkt, warum ich Gudrun ein Denkmal setzen muss.
Der Kern der Bäckerei ist der Holzbackofen von 1880 und darin backt Gudrun zusammen mit Ihrem Mann die wohlschmeckenden Holzbackofenbrote.

So ein Holzbackofen ist sicher eine feine Sache, aber man muss wissen, dass er aus Steinen gebaut ist und diese wiederum sind in einem Bett aus Sand gelagert zur Wärmeisolierung. Angefeuert wird er mit Holz, das vor dem Backvorgang eingebracht werden muss und erst später, bei der richtigen Temperatur, kann der Backvorgang stattfinden. Das dauert schon eine gute Stunde bis das Backen losgehen kann. Oftmals werden mehrere Backvorgänge mit immer neuen Teiglingen hintereinander gelegt. Dies bedeutet aber auch, dass das alte verkohlte Holz dem Ofen entnommen werden muss, neues wieder vorbereitet werden muss und dann der Backvorgang erneut gestartet wird. Bis zu dreimal hintereinander kann Gudrun diesen Vorgang fortsetzen und backt dann jedes Mal bis zu 50 Brote. Vor allem vor Feiertagen, wie Weihnachten etc. ist der Ansturm auf Ihre Backstube so gross, dass fast 150 Holzbackofenbrote an die Kundschaft verkauft werden.
Manche Kunden kommen bis vom Bodensee oder aus der Landeshauptstadt angereist, um Gudruns Holzbackofenbrot zu kaufen. Einige Stammkunden nehmen gleich 5 Brote auf einmal mit und gefrieren diese dann zu Hause ein.

Gurdrun muss Ihren Holzbackofen gut kennen. Sie lässt ihn nie erkalten, das bedeutet dass sie in der Woche mindestens 3 Mal backen muss. Denn würde der Ofen erkalten, würden sich die Steine, die den Ofen bilden, verziehen. Der isolierende Sand über den Steinen würde durch die Ritzen rieseln und es würden sich Steine von der Holzbackofenkuppel lösen. Der Ofen würde einstürzen und unbrauchbar werden. Da heutzutage keiner mehr solche Öfen bauen kann, wäre alles verloren.

Nun backt Gudrun schon 40 Jahre in Ihrer Holzbackofenbäckerei. Sie steht mittlerweile mindestens dreimal die Woche in Ihrer Backstube und backt Ihre wunderbaren Holzbackofenbrote. Den Teig dazu macht sie selbstverständlich auch noch selbst, ganz natürlich aus Sauerteig und Roggen. Ihr könnt sicher sein, das Rezept ist Ihr Geheimnis, wie alles rund ums Backen. Damit macht Gudrun ihrem Namen alle Ehre: ein göttliches oder gutes (Gud) Geheimnis (Run).

Gudrun steht jeden Abend um 23.30 Uhr auf, fährt in Ihre Bäckerei um den Ofen anzuheizen, backt die ganze Nacht durch, trocknet das neue Holz vor, reinigt die Backstube und verkauft tagsüber noch ihre Holzbackofenbrote. Trotzdem hat sie mir diese Geschichte mit der allerbesten Laune erzählt und sich Zeit genommen mir ihren Holzbackofen zu erklären.
Viel Zeit hat Gudrun nicht, denn die Backstube muss am Nachmittag wieder für den neuen Backvorgang vorbereitet werden.
Endlich, gegen 18 Uhr kann Gudrun dann mit Ihrem Mann nach Hause fahren, sie essen zu Abend und legen sich dann hin zum schlafen, wenn andere Feierabend haben. Bereits um 23.30 Uhr klingelt dann wieder der Wecker und der Backalltag beginnt von vorne.

Mittlerweile sehnt sich Gudrun danach auch mal eine längere Wanderung zu unternehmen oder an Urlaub bzw. sogar an Rente zu denken. Doch wer soll dann Ihre wunderbaren Brote weiter backen, wer wird sich mit dem Holzbackofen auseinandersetzen und ihn so in Ganghalten wie Gudrun und ihr Mann dies tun?

Wie ist das, zu wissen, dass man ein aussterbendes Gewerbe ohne Chance auf Verkauf oder Übergabe betreibt ? Und richtig reich wird man ja auch nicht mit ehrlicher Arbeit?

Ich möchte mich hier bei Gudrun und natürlich auch Ihrem Mann bedanken, dass sie immer noch durchhalten und uns Ihre wohlschmeckenden Holzbackofenbrote backen sowie mit Elan und Kraft die Bäckerei am Laufen halten und uns bedienen.

Hoffentlich finden Gudrun und ihr Mann eine gute Lösung für Ihre Zukunft!
Ich wünsche Gudrun und Ihrem Mann das Allerbeste von Herzen!

Und wer die Geschichte nicht glauben will, der darf sich auf die Suche machen nach der freundlichen Bäckerin und den sagenhaften und wundervoll schmeckenden Holzbackofenbroten, solange es diese noch gibt!

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Eine tolle Geschichte und zugleich ein anspruchsvoller journalistischer Text, der in der SZ unter der Rubrik "aussterbende Berufe" hätte platziert werden können.

Dafür verdienen Sie, liebe Frau Mack eine besondere Auszeichnung, nicht nur ein "Like".

Vielen Dank, dass Sie mich an dieser ergreifend schönen Geschichte teilhaben lassen.
Ich kann förmlich das Knistern des Holzes hören und das frischgebackene Brot riechen.

Toller Beitrag!!!

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  • Stefan Dieterle

    Liebe Frau Mack, herzlichen Dank für diese anregende und rührende Geschichte. Es gibt leider viele Beispiele dafür, dass das traditionelle Handwerk nicht mehr wertgeschätzt wird oder es sehr schwer hat in der Konkurrenz zu bestehen wenn es um den Preis geht. Ich wünsche Gudrun und uns, dass es gelingt diesen Betrieb an die nächste Generation zu übergeben.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Dieterle,

    ich finde auch den Preis hoch, den Frau Gudrun für ihr Handwerk entrichtet. Wer will schon jahrelang auf Urlaub oder viele kleine Ausflüge verzichten? - Bliebe ihr ein paar vernünftige Lehrlinge zu wünschen, die das Handwerk schnell lernen und die Bäckerin bisweilen ersetzen können.

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  • Ulrike Mack

    Oi, ich habe gerade auf der Webseite gelesen, dass die Bäckerei wegen Klinikaufenthalts und Erholungszeit für 4 Wochen geschlossen ist.

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  • Eckhard Lell

    Hallo Frau Mack,
    Ihre Hommage an Gudrun gefällt mir sehr gut. Ich finde sie sehr empathisch einerseits und andererseits wissensbereichernd sowie "über "den Tellerrand schauend" geschrieben, man bekommt Lust darauf die fleißige Bäckerin persönlich kennenzulernen und ihr Brot zu kosten. Verraten Sie uns auch wo in unserem Ländle ich das leckere Brot und seine Produzentin finden kann?

    Ihr Text wirkt so, wie wenn Sie professionelle Autorin oder Journalistin wären, und zwar eine ziemlich gute, um es vorsichtig zu formulieren. Habe ich recht mit meiner Vermutung?

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  • Ulrike Mack

    Lieber Herr Lell, wenn Sie auf dem schönen Albrandweg, dem HW1 wandern, dann kommen Sie automatisch bei Gudrun vorbei und das Brot schmeckt Ihnen nachher dreimal so gut. Mehr wird nicht verraten. Viele Grüße und besten Dank für Ihren Kommentar.

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