Das grüne Schloss

Luchs Aeterna • 3 Januar 2021
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Die Ruinen der alten Einkaufsmeile wurden vom Mondlicht beschienen. Moria und Suzanne haben sich in die Eingangshalle der ehemaligen Apotheke verdrückt. Sie tranken Schnaps und hofften nicht von der Bush-Polizei gefunden zu werden.

Durch die Pandemie brach die Wirtschaft ein. Als das Essen knapp wurde erkannten Polizisten und bewaffnete Kriminelle, dass die größte Gefahr für sie von den jeweiligen anderen ausging, und beschlossen, von nun an zusammenzuarbeiten. Der Name Bush-Polizei leitet sich von ihrem Vorgehen ab, unangemessen brutal zu sein, um Gefahren schon prophylaktisch abzuwenden.

Und als wäre das nicht schlimm genug, befanden sich Moria und Suzanne auch noch in Stendal. Kein Tag verging, an dem Moria sich nicht dafür verfluchte. Er hatte vor der verdammte Pandemie alle Zeit der Welt, er hätte Stendal den Rücken kehren können, sollen. Doch getan hat er es nie.

Eisig wehte der Wind durch die notdürftig mit Brettern verrammelte, zersplitterte Glastür. Die ehemalige Apotheke war Teil eines Gebäudekomplexes, der einst ein beschauliches Stadtteilzentrum gebildet hatte. Es gab mal einen teilweise überdachten Vorplatz, und sogar eine Flanierpassage. Doch der Zerfall war schon Jahrzehnte vor der Pandemie bittere Realität in Stendal. Alles was ab 2020 geschah beschleunigte nur das unausweichliche. Nun waren die alten träume nicht mehr als ein Haufen Bauschutt, mit einigen letzten Löchern die als Unterschlupf geeignet waren.

Morias Magen schmerzte. Seine letzte Mahlzeit war zwei oder drei Tage her. Sie bestand aus einem angegammelten Kürbis. Der Schnaps vergrößerte und verringerte den Schmerz gleichermaßen. Er ließ ihn Sorgen vergessen, bereitete ihm aber auch neue. Suzanne sagte, sie hätte die Flasche in einer der leeren Wohnung gefunden. Schwachsinn, die Wohnungen und Geschäfte sind längst ausgeräumt. Suzanne ist unbewaffnet und wehrlos. Und sie hat nichts zum Handeln außer ihren Körper. Sie wird ihn noch infizieren.

„Ich habe gehört, dass im grünen Schloss noch genug Impfstoff vorhanden ist. Wir müssen nur hin, uns registrieren, und schon dürfen wir weiter. Im Süden gibt es wieder einen funktionierenden Staat.“

Moria kannte alle Gerüchte vom grünen Schloss. In der Nähe eines Hochtals soll es so etwas wie ein Bollwerk im Schutz der Alpen sein. Es wird gesagt, dass die Zivilisation dort ein letztes Refugium gefunden hat.

Moria und Suzanne sprachen oft davon, sich zum grünen Schloss aufzumachen. Allerdings war das Risiko zusammen zu gehen zu hoch. Das Gebiet vor Stendal ist nur noch kilometerweites Brachland und damit der perfekte Spielplatz für die Bush-Polizei. Seit die Suzannes Knie zertrümmert hatte konnte sie nur noch humpeln. Sie wäre ein Klotz am Bein.

Suzanne lachte: „Na wenigsten müssen wir keine Angst mehr vor dem Klimawandel haben.“

Moria war wütend. Ihm war nicht zum Scherzen zumute. Sie war nichts weiter als eine Verschwendung wertvoller Kalorien. Soll er ihren dummen Schädel einschlagen?

Moria erschrak. Er ertappte sich in letzter Zeit häufig bei solchen Gedanken. Hunger, Angst, Ohnmacht, er konnte nicht mehr.

Er legte sich hin. Morgen würde er etwas zu essen besorgen. Einen Hasen. Oder eine Katze, eine Ratte, eine Maus. Irgendetwas.

Wie immer war die Nacht ungemütlich und der Schlaf schlecht. Moria fragte sich lange, ob alles was er erlebte nur eine Phantasie sei, und er in Wahrheit langsam erstickte, während sich seine fiebrige Lunge mit Wasser füllte. Immerhin war dies doch die Art, wie die Infizierten sterben.

Nichts ergab mehr Sinn.

 

Im Nebel des nächsten Morgens ging Moria auf die Jagd. Seine Fertigkeiten auf diesem Gebiet hatte er in den letzten Monaten stetig verbessern können. Dennoch war Erfolg nie garantiert. Doch heute war ein guter Tag, dass konnte er fühlen.

In der Nähe der alten Hauptstraße sah er drei Bush-Polizisten. Schnell verzog er sich in das kleine Tannenwäldchen auf dem Vorhof der alten Turnhalle. Die drei gingen die Straße entlang. Moria atmete auf. Sie steuerten nicht direkt auf ihn zu.

Zu spät bemerkte er, dass sie ihn absichtlich in Sicherheit gewiegt hatten, um ihn nicht zu früh aufzuscheuchen.

Moria machte sich nicht die Mühe zu rennen. Er hatte keine Kraft mehr.

Jean-Pierre, ein alter Sandkastenfreund, und zwei Bush-Polizisten, die er nur vom Sehen kannte, kamen auf ihn zu.

„Ausweis und Papiere!“

Jean-Pierre wusste genau, dass Moria keinen Ausweis mehr hatte. Ihr letztes Treffen endete damit, dass Jean-Pierre ihn mit einem Polizeistock K.O. schlug. Als Moria später aufgewacht war, hatte er eine Kopfverletzung gehabt, aber keinen Geldbeutel mehr. Alle anderen Papiere wurden in einem der vielen Feuer, die aufflammten seit die Gewalt eskalierte, vernichtet.

„Ich habe keine.“ flehte Moria zitternd.

„AUSWEIS UND PAPIERE“ wurde laut geschrien.

„PAPERS! SHOW US YOUR PAPERS!!!“

„Ich habe keine! Bitte!“

„LIE DOWN! HANDS ON YOUR BACK!!!“

Moria wurde von den dreien auf den Boden geschubst, und eine Kaskade von Schlägen und Tritten prasselte auf ihn ein.

Kauernd versuchte Moria seine Organe und sein Gesicht zu schützen.

Die Drei machte zwischendurch kurz Pause um mit einem Spaziergänger zu plaudern.

Nachdem dieser weg war kamen nur noch ein paar lustlose Tritte, und die Polizisten verabschiedeten sich mit den Worten: „Das ist Stendal, du Penner!“ und müdem Lachen.

 

Ein paar Tage später lag Moria in einem feuchtem Kellerraum einer der typischen Stendaler Ruinen.

Als das Fieber anfing hat er sich schnell hierher verzogen.

Er hatte Glück, bisher hatte ihn noch niemand gefunden.

Mit dem Verlauf der Krankheit hatte er weniger Glück.

Er war bewusstlos. Seine Lunge füllte sich mit Wasser. Während seiner letzten, keuchenden Atemzüge, phantasierte er davon, über die Zinnen des grünen Schlosses zu flanieren.

Kommentare (14)

Marcin Lupa

Äußerst düstere Dystopie. Dennoch eine sehr schöne Sprache und auch ein gutes Format. Gefällt mir.

Ich habe mir früher immer solche Überlegungen gemacht, ob ich, wenn es zu einem Atomkrieg käme, nicht meine Familie nehmen sollte und in den Alpen Zuflucht suchen. Es gibt einige schöne Hochtäler, wie das südliche Ende des Kleinwalsertal, in dem die Flanken der relativ hohen bayrischen Voralpen gut vor einem H-Bomben Schlag, sagen wir mal in Kempten, schützen. Allerdings kam ich dann auf den Gedanken, dass wir den darauffolgenden Atomaren Winter, wie wahrscheinlich 99% aller Lebewesen auf dem Planeten Erde nicht überleben würden.

Das Leben käme im Anschluss in Jahrmillionen wieder aus dem Wasser (Ozeane) zurück. Mit einem hoffentlich besserem Resultat beim Experiment mit dem selbstreflexiven aber auch selbstbezogenen Humanbiom.

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  • Chris Tina

    Erschreckend gut vorstellbarer Blick in die Zukunft.
    Auch die Beschreibung der noch recht neuen Ruinen, erinnert an viele verlassene Stadtteile von Kleinstädten im ehemaligen Osten.
    Gut beobachtet und mit rohem Ende, dass nie Happy sein konnte.
    Vielen Dank für die realistische Darstellung des Abgrunds Menschheit.

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  • Thomas Henkel

    Sehr pessimistische Zukunftsvision, die hoffentlich hierzulande nicht Realität werden wird, wenn sie auch zu anderen Zeiten oder andernorts durchaus Realität war und ist. Die Geschichte erinnert an den Roman "Die Stadt der Blinden" des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago, in dem nach und nach die gesamte Bevölkerung erblindet, als Folge davon die öffentliche Ordnung zusammenbricht und sich Kriminalität und das Recht des Stärkeren ausbreiten.

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  • Juliane Van Müller

    Interessant finde ich die Bush Regierung und Moria in einem Zug zu nennen.
    Und die Metapher eines Schlosses als Sehnsuchtsort und Abrieglungswerkzeug.
    Großartig. Chapeau.

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  • Bernd Ternes

    Eine spannende und traurige Geschichte und dabei so realistisch! Hier merkt man wieder, dass unsere Zivilisation nur 3 Mahlzeiten vom Terror entfernt ist.

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  • Luchs Aeterna

    „Ich glaube, es ist eine traurige Wahrheit, dass wir unserem Affenzustand noch sehr nahe sind und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert.“
    – Fritz Bauer: Tonaufnahme von Fritz Bauer in Frankfurter Ausstellung Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht (2014)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bauer

    Marlon Craft - State of the Union:
    "So we evaded armageddon, for good old store brand oppression
    But if a leader more savvy, and less sociopathic with true fascist aspirations come along, it’s gon’ be tragic"
    https://www.youtube.com/watch?v=loUQuSy57Is&feature=youtu.be

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  • Jenny Haniver

    Sehr düstere Zukunftsvision, in der das grüne Schloss wie eine Fata Morgana auftaucht und sich schließlich zerstreut.

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  • Wolfgang Hammer

    Diese Situation ist schon in der Gegenwart zu beobachten, nicht in Mitteleuropa, aber in vielen der Megacitys oder verlassenen Dörfer findet man dieses oder ähnliches Unglück. Ursache könnte Corona sein, man könnte die Pandemie dafür ansehen, aber auch als Zeichen für andere Killer natürlichen oder menschlichen Ursprungs. Insofern eine allgültige Geschichte aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

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  • Mia Svensson

    Ich drücke auch die Daumen! Suchen wir nicht alle nach dem Grünen Schloss?

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  • Grit Horn

    Sehr gute, wenn auch krasse Geschichte ... etwas zwischen Fiction und Realität, das nicht nur traurig macht, sondern mächtig beunruhigt!! Ich drücke die Daumen!!

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