Griff nach den Sternen

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Eine großartige Reise zu den Anfängen der modernen Kultur in die Bronzezeit.

 

Am Anfang des Buches steht ein Lob an die Wissenschaft der Archäologie. Während es auf der oberflächlichen Welt nichts mehr zu entdecken gibt, wir folglich bereits zu spät kommen, eröffnet uns die archäologische Analyse einen gigantischen Raum für geschichtliche Interpretationen. So wird zum Beispiel ersichtlich, dass die frühen Kulturen miteinander im Austausch standen.

Vor über 3600 Jahren gab es Verbindungen von der Ägäis nach Indien, abzuleiten an Hand von Fresken im minoischen Santorin auf denen in Indien beheimatete Hauman-Languren abgebildet sind.
Die Autoren verorten in der Einleitung die Grundlagen der modernen Welt, in ein Universum von 2500 bis 1500 vor Christus, aus dem es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, dahingegen sehr viel Anschauungsmaterial, Architekturen oder Objekte eines Kults, wie die Himmelsscheibe von Nebra. Sie ist es auch, die das für die weitere Erzählung dieses Buches ausgewählte Objekt darstellt. Das Reich von Nebra, sein Aufstieg und Fall werden eigens im zweiten Kapitel behandelt. Wie waren die Beziehungen des bronzezeitlichen Mitteldeutschlands – im allgemeinen Bewußtsein bisher ein weißer Fleck – zur damaligen restlichen Welt?

 

Der Leser erfährt viel Neues über eine erstaunlich globalisierte Welt und deren verschieden organisierte Gesellschaften, die unter unterschiedlichen Bedingungen hervorgebracht wurden. Dabei flechten die Autoren eine zusammenhängende Erzählung von dem Reich von Nebra zu anderen wichtigen Kulturen aus dieser interessanten Zeit und zeichnen so ein bilderreiches Panorama der bronzezeitlichen Welt und gehen auch auf Stonehenge oder das Alte Ägypten ein.
 

Für mich als Ostmitteleuropäer ist in diesem Zusammenhang besonders der Weg des Bernsteins interessant. Diesen schildern die Autoren im letzten Kapitel.

Darauf möchte ich im Folgenden kurz eingehen.

Dabei gilt immer, wie auch stets in der Archäologie, wird es auch diesmal keine absoluten Gewissheiten geben. Es bleibt die Interpretation und die ist hier den Autoren überlassen.

 

Spannend liest sich die Spur des Bernsteins: im Zentrum der Erzählung steht ein hypothetischer Herr der Himmelsscheibe von Nebra, der offenbar ein Fernreisender gewesen sein muss, denn sonst hätte er kein universales Wissen über Kalender gehabt. Die Autoren fragen nach seinem Weg.

Der Bernstein als das Gold des Nordens taucht auf und strömt ins südliche Europa. „ In der Antike glaubte man beim Bernstein handle es sich um von Göttern oder Nymphen vergossenen Tränen. Im alten Ägypten (…) sah man in ihm die Tränen des Sonnengottes Re.“

So kam er in das archaische Mykene offenbar von der baltischen Ostsee – aber warum nicht durch die Hände der Herren der Himmelsscheibe von Nebra gebracht? „Eine bessere Reisewährung als Bernstein gab es nicht.“

Offenbar ging der Weg über Italien und Griechenland. Das Reich von Nebra pflegte Austausch mit Süddeutschland und den Alpenländern.

An Hand von archäologischen Funden zeichnen die Autoren den Weg des Wissens, des Informationsaustausch über das Mittelmeer, die Meerenge von Messina, das homerische Skylla und Charybdis.

Wie ging die Reise des Edelmannes aus Nebra von Kreta aus weiter? Das Puzzle verrät uns, dass sein Ziel nur das babylonische Reich sein konnte, denn dort war die Sternkunde so fortgeschritten, dass dort der Ursprung der plejadenbasierten Kalenderregel, die auf der Himmelsscheibe verewigt wurde, zu vermuten ist. In dem Fundament eines assyrischen Tempelturms im Irak finden sich wieder Spuren. Und so wird die stilistisch hervorragende Interpretation semantisch fortgesetzt. Bernstein von der baltischen Ostsee. Offenbar waren meine Vorfahren mit den Gottkönigen von Assur vertraut. Wie schön. Wir erfahren, dass in dieser Zeit Bernstein von Hand zu Hand als Geschenk innerhalb direkter Elitenkontakte wechselte. Und so könnte Wissen gegen Schmuck transferiert worden sein.

Antworten auf die Fragen woher kommen wir? wohin gehen wir? finden wir in der Archäologie und der Astronomie. Griff nach den Sternen versucht uns diese zu veranschaulichen, der Titel ist Programm. Die zahlreichen Abbildungen in dem Buch machen es zu einem wahren ästhetischen Erlebnis.

Nicht nur für an der Archäologie interessierte Leser ist dieses schön geschriebene und edel aufgemachte Buch eine absolute Empfehlung.

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