Der Grammatikbüttel (eine Glosse)

Helmut Essl • 3 Mai 2021
8 Kommentare
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„Ein ganz schlauer war Herr Schopenhauer“ trällerte einst unbekümmert die Schlagermaid. Hätte sie dessen misogynes Traktat „Über die Weiber“ gelesen, wäre das musikalisches Lob wohl unterblieben. Statt der Frauen liebte Schopenhauer die Grammatik! Für sie schmiss er sich leidenschaftlich ins Zeug, soll heißen, focht unerbittlich für deren Unversehrtheit. So forderte er einen Grammatikbüttel, der für „freche Verhöhnung aller Grammatik (…) drei Louis d’or und im Wiederbetretungsfall das Doppelte“ einzuziehen habe mit der Begründung: „Ist etwa die deutsche Sprache vogelfrei, als eine Kleinigkeit, die nicht des Schutzes der Gesetze wert ist, den doch jeder Misthaufen genießt?“
So in Rage geraten, legte der Philosoph noch einen drauf. Die „Sudler“ gehörten „gezüchtigt (…) wie die Schuljungen“ zum Wohle der „deutschen Sprache gegen die deutsche Dummheit“. Da bleibt uns heutigen Geisteszwergen, die den großen Denkern auf den Schultern stehen, damit wir weiter schauen können, zunächst einmal die Spucke weg. Verhauen zu werden, wenn zum Beispiel eine Apposition im falschen Kasus steht, mag sicher nicht mehr zeitgemäß sein, aber eine saftige Strafe für dieses Vergehen zu bezahlen schon. Für die oft klamme öffentliche Hand tut sich da eine ganz neue Perspektive auf.
Der grammatikalische Bußgeldkatalog muss natürlich seine Ordnung haben. Zwei Euro hat zu berappen, wer in einem Brief an die städtische Verwaltung den Konjunktiv unterschlägt, vier Euro, wer falsch dekliniert oder konjugiert, und sechs Euro, wer einem Substantiv den falschen Artikel verpasst. Bezahlt werden muss innerhalb einer Woche cash – der städtische Vollzugsbeamte klingelt zur Freude der Nachbarn unbürokratisch an der Haustür. Dank Schopenhauer kann so ein zusätzlicher kommunaler Haushaltsposten eingeplant werden, und die notorischen Falschparker werden weniger mürrisch ihre Knöllchen bezahlen, da geteiltes Leid bekanntlich halbes Leid ist.  
 

Kommentare (8)

Marcin Lupa

Dabei lernte ich kennen, den Begriff der "Apposition", die ein erklärendes Nomen beschreibt.
Für Grammatik hatte ich seinerzeit im Gymnasium nichts übrig, ich nahm an, dass es reiche nach Gefühl zu schreiben, ohne die Regeln des Geschriebenen zu kennen und zu verstehen.

Heute denke ich anders darüber, heute eine doppelte Lebensspanne später, finde ich Gefallen an der Grammatik und an ihren Erklärungen. Schade, dass man das Abitur nicht auch Mitte Vierzig noch machen kann, denn dafür hätte ich jetzt erst Sinn und Zeit. Wobei Zeit eher weniger und auch nicht die finanziellen Mittel dazu, mich mehr in den Sachverhalt zu vertiefen.

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  • Luca Rosenboom

    Dass es wichtig ist, korrekt zu lesen und zu schreiben, belegt der Sittenverfall der Grundschulen... viele meiner Bekannte klagen darüber, dass ihre Kinder nur noch, ich bitte um Entschuldigung, Stuss schreiben. Der Grund? Sie lernen die Wörter nach Gehör, Bsp. "Majonäse, heftik, miehr" - ich hoffe, dass dies schleunigst verworfen wird.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Rosenboom,

    ich arbeite als Schulbegleiter mit einem autistischen Jungen, der erstaunlich gut lesen und schreiben kann. Auch wenn er bedingt durch seine Besonderheit speziell beim Lesen versucht die Sache zu beschleunigen und abzukürzen (er ist mit längeren Texten sehr ungeduldig und liest zu schnell, dabei läßt er Wortendungen oder ganze Wörter aus). Wir befinden uns derzeit in der dritten Klasse. An unserer Grundschule wird durch die Klassenleitung, die zugleich Schulleitung ist, ein Unterricht nach, wie ich meine, gutem Maß gemacht. Es wird eben auf all dies geachtet, was Sie geschrieben haben. Daher profitieren die Kinder von einer korrekten Unterrichtsvorbereitung und Durchführung.

    Natürlich habe ich als Ungelernter, keinen Einblick in die didaktischen Methoden unsere Klassenlehrerin. Allerdings staune ich zuweilen, wie schön sie den Unterricht macht.

    Ich grüße Sie
    Marcin Lupa

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  • Luca Rosenboom

    Lieber Herr Lupa, ich habe etwas pauschalisierend gesprochen - es sollte natürlich niemanden angreifen! Ich habe nur mitbekommen, dass dies an vielen Schulen mittlerweile Usus sei. Daher freue ich mich umso mehr über Schulen bzw. vielmehr die Lehrkräfte (?), die nicht auf diesen Zug springen. Ich weiß nicht, wie sehr Lehrkräfte in ihrem Ermessen unterrichten dürfen und ob sie sich z.B. gegen so etwas auflehnen dürften, zumindest wenn es vorgeschlagen/geplant ist.

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  • Marcin Lupa

    [~3175], ich habe es auch nicht als "Angriff" wahrgenommen. Und ja, das ist eine gute Frage, die sie stellen.
    An unserer Grundschule sind die Lehrkräfte ziemlich autonom, was die Gestaltung des Unterrichts angeht. Und da sie eine gute Leitung haben, werden sie auch motiviert, einen klassischen Unterricht zu machen.

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  • Jürgen Germann

    Jeder von uns hat seine Erfahrungen mit der schulischen Grammatik (Lehrplan, Unterricht, Grammatikbücher) gemacht, die meisten haben viel gelitten und sehen sich erst als reife Menschen in der Lage, die Schönheiten, Logik und den Geist ihrer Sprache wirklich zu begreifen und zu schätzen.
    Nach 40 Jahren Unterricht am Gymnasium habe ich statt einer "51. Schulgrammatik" etwas anderes versucht und vorgelegt:
    Hermeneutik und Fachbegriffe Deutsch für Schulen (in 2 Bänden - Vorschlag, Erläuterungen und weitere Textbeispiele, geschrieben für junge Menschen und vor allem Lehrende an Schulen) - unter dem Motto:
    "Mehr Logik, weniger Grammatik".
    Bitte sehen Sie diesen Hinweis nicht als Werbung an. Ich freue mich über Ihre drei anregenden Beiträge – und jeden, der Sprache und Texte ernst nimmt, und zwar als geistig fordernde, anspruchsvolle humane Äußerungen.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Germanen,

    auch wenn Sie keine Werbung für Ihr Werk machen wollten, habe ich mir Ihre beiden Bände vorgemerkt. Ihnen dankbar für diese Eröffnung.

    Ich arbeite an einer Grundschule mit einem autistischen Jungen als Schulbegleiter und sobald es mir finanziell möglich sein wird, werde ich mir Ihre beiden Bände zulegen, denn wie es aussieht, werde ich meinen Schutzbefohlenen noch weiterhin durchs Gymnasium begleiten. Da wäre es nur angebracht, wenn ich die Grammatik selber erst einmal lernen würde, um sie zu verstehen und ihm dadurch auch näher bringen zu können.
    Momentan sind wir noch in der dritten Klasse und lernen einfache Regeln: das Verb, das Adjektiv, das Nomen, die Personalpronomen und Präpositionen. Mein Betreuungskind ist in Deutsch ein sehr guter Schüler und schneidet stets auch im oberen Viertel der Noten ab.

    Ich persönlich befasse mich viel mit Literatur, allerdings völlig autodidaktisch. Es wurde mir von meinem Vater, der Philologie und Jura studierte in die Wiege gelegt.
    Ausgebildet wurde ich eigentlich als Kaufmann für Tourismus und Freizeit und als Kameramann fürs Fernsehen (vor allem mobile Berichterstattung). Allerdings war es mir nicht möglich in beiden Berufsfeldern Fuß zu fassen, daher der Umweg über Kneipenwirt ("wer nichts wird wird Wirt - und ist hernach ganz verwirrt") und Filmvorführer, zu einem pädagogischen Beruf. Meine Frau ist Erziehungswissenschaftlerin und hat mir dies nahe gelegt.

    Eine Auseinandersetzung mit Grammatik, allem voran der Semantik schwebt mir vor.

    Ich grüße Sie erneut
    Marcin Lupa

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