Golf von Neapel. Landschaftswandel durch Verstädterung.

Thorsten Jacob • 20 Juni 2022
0 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 1 gefällt

Golf von Neapel. Landschaftswandel durch Verstädterung.

Blogbeitrag von Prof. Dr. Horst-Günter Wagner


Die mediterrane Schönheit der Landschaft am Golf von Neapel wird seit der Antike gepriesen. Sogar in farbenreichen Schilderungen historischer Vesuvausbrüche und ihrer tödlichen Dramatik wurde sie gesehen. Junge neue Forschungen veranschaulichen Pompejis antikes Leben und sein brutales Ende immer genauer. Mittelmeerweit ist der Neapel-Golf top-touristisches Highlight. Man sieht ihn als eines der unverändert kulturellen Zentren des Mittelmeerraumes. Ein tieferer Blick in die Hintergründe der Landschaften am Golf von Neapel zeigt aber ein anderes Bild: Vielschichtige Veränderungen, die visuell nicht sofort durchschaubar sind. 

Wie könnte  man diese Veränderungen erfassen? Die Antwort ist schwierig. Denn Landschaft ist der sichtbare Ausdruck vieler für die Bewohner eines Gebietes wesentlicher Grundlagen ihrer Existenz:  Primär wichtig sind Klima, Relief, Boden und die auf ihnen basierenden Geoökosysteme. Deren Leistungsfähigkeit steuert die wirtschaftliche Inwertsetzung einer Region. Alle hier lebenden Menschen agieren sozial und wirtschaftlich sehr unterschiedlich. Ihre Verhaltensweisen werden durch individuelle und gruppenspezifische Leitbilder und Wertvorstellungen geprägt. Sie sind wiederum durch aktuelle politisch-rechtliche Bedingungen und historisch vorgegebene Strukturen eingeengt.

1Seit den 1960er Jahren veränderten sich die Daseinsformen der Bauern unterhalb der Vesuvhänge schrittweise grundlegend. Der Verfasser verfolgte seit dieser Zeit aus wirtschafts- und sozialgeographischer Sicht den Wandel der Lebenswelten in diesem mittelmeerweit dicht besiedelten Küstengebiet. Empirische Erhebungen vor Ort, Gespräche, Fallstudien, systematische Interviews, Nutzungskartierungen auf Katasterbasis und ortsfeste Fotovergleiche ergaben im Abstand  je einiger Jahre Querschnittsanalysen. Diese vorerst zeitlich begrenzten Studien in eine Längsschnittbetrachtung einzuordnen führte zur Konzeption des Buches Golf von Neapel. Methodisch liegt ihr eine historisch-geographische Betrachtungsweise zugrunde. Bilder und Karten zeigen die anfangs noch fast urtümliche Landnutzung mit sommerlicher Monokultur-Bewässerung, winterlicher Gemüsevielfalt und Rebgirlanden am trockenen Vesuvhang. Von oft weniger als einem Hektar Vulkanboden lebte eine Mehrgenerationenfamilie. Einen  ersten Umbruch verursachte die saisonale Arbeit in Norditalien und besonders die zunächst nur befristet geplante „Gastarbeit“ in Deutschland. Der höchst arbeitsintensive Gemüse-Anbau musste vereinfacht werden. Das zum Ausgleich in der Fremde verdiente Geld diente der Modernisierung der traditionellen Gehöfte. Gegenseitige Hilfe,  aber auch nachbarlicher Wettbewerb – durch die Zahl der Stockwerke sichtbar – wandelte die Wohnumwelt.

2

Diese Anfänge  führten schnell zu flächenhafter Bautätigkeit, ihre zunehmende Dichte zu Verstädterung. Oft fehlte kommunale Planung. Landwirtschaftliche und gewerbliche Nutzungskonkurrenz auf ehemaligen Feldern trieben die Bodenpreise hoch. Das Ausscheiden der jüngeren Generation aus der Landwirtschaft mündete in soziale Urbanisierung auch in ländlichen Gebieten. Fotodokumentation sowie Vergleiche von Luft- und Satellitenbildern zeigen diesen Landschaftswandel. Die Hintergründe durch Kapitaltransfer, Geldwäsche, Politikversagen, die anhaltende Abseitslage des Mezzogiorno innerhalb Italiens und die Macht der Camorra sowie gruppenspezifische Konflikte erkennt man nicht sofort, aber dann als entscheidende Ursachen. Alle diese Prozesse veränderten die Landschaft  des Vesuvumlandes unterschiedlich. In der vorliegenden Studie wurden sieben ausgewählte Gebiete besonders analysiert. Es war eine spannende wissenschaftliche Erfahrung, diesen variantenreichen Prozessen der Verstädterung und der sozialen Differenzierung über viele Jahre nachzuspüren.


Zum Buch
Zum Buch im Shop

Prof. Dr. Horst-Günter Wagner

Golf von Neapel - Landschaftswandel durch Verstädterung

Im gesamten Mittelmeerraum verändert die Verstädterung das agrarische Umland kleiner und größerer urbaner Zentren. In der Golfregion am Vesuv begann dieser Landschaftswandel bereits während historisch-politischer Blütezeiten Neapels. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges expandierte die bauliche Verdichtung in der gesamten Küstenebene Kampaniens punktuell bis flächenhaft, meist illegal, ohne kommunale Planung. Die um 1960 noch urtümliche Landnutzung unterlag der Konkurrenz gewerblicher, teilweise illegaler Wirtschaft. Der Verfasser hat seit 1965 diesen Landschaftswandel fotographisch, mit Luftbildern und thematischen Karten dokumentiert. Diese wirtschaftsgeographischen Forschungen konzentrierten sich auf die Änderung bäuerlicher Lebensformen, die Entwicklung gewerblicher Arbeitsmärkte und die soziale Differenzierung der einzelnen Akteursgruppen. Die Besonderheit der hier vorgelegten Studie liegt in der Zusammenfassung der kontinuierlichen Querschnittserhebungen in eine Längsschnittanalyse.


Autor
Prof. Dr. Horst-Günter Wagner

Horst-Günter Wagner, geb. 1935, war von 1975 bis 2000 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine und Angewandte Wirtschaftsgeographie an der Universität Würzburg sowie bis 2001 Mitherausgeber der Fachzeitschrift ›Petermanns Geographische Mitteilungen‹. Er gilt u. a. als ausgewiesener Experte für den Mittelmeerraum. Seine erstmals 2001 bei der WBG erschienene Länderkunde entwickelte sich schnell zum begehrten und viel rezipierten Standardwerk.

 

 


Publishing ServicesDie jeweiligen Titel sind über die wbg Publishing Services erschienen. Besitzen Sie eigene Publikationspläne, dann wenden Sie sich gerne direkt an die Kolleginnen und Kollegen unter diesem LINK!

Noch wurde kein Kommentar hinterlassen.


Please anmelden or sign up to comment.