Das goldene Zeitalter der Sicherheit.

Achim Sohns • 9 September 2020

Das goldene Zeitalter der Sicherheit.

von Dr. Achim Sohns


Wohlständisches Sicherheitsempfinden über Jahrzehnte hinweg gab es in Deutschland schon früher. Es endete zuletzt abrupt. Wiederholt sich die Geschichte, wie Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert vermeintlich pessimistisch prognostizierte? Oder sind wir heute trotz oder vieleicht sogar wegen Corona sicher?

Als das “goldene Zeitalter der Sicherheit” in Deutschland und insbesondere in Österreich oder wie man damals auch gerne in Wien sagte, der “Sekurität”, galt der viele Jahrzehnte umfassende Zeitraum ohne Krieg bis zum Beginn des ersten Weltkrieges im Jahr 1914.

Kriege schienen, wie uns Heutigen, einer primitiven Vergangenheit zuzurechnen oder dort, wo sie außerhalb Europas stattfanden, einem primitiven Geist entsprungen. Die modernen Leistungen und Errungenschaften, die technischen Erfindungen, Flugzeuge, Automobile, Ozeandampfer, Telefon, Überseekabel, gaben Anlass zu Optimismus und Stolz. Künste und Wissenschaft beschäftigten die Phantasie der Menschen.

Die Wirtschaft in Deutschland und Österreich entwickelte sich sprunghaft. Das europäische Staatensystem wirkte stabil. Der Wohlstand der bürgerlichen Schichten nahm beträchtlich zu (noch heute an den Jugendstilfassaden vieler bürgerlicher Wohnviertel abzulesen), und auch die Lage der deutschen Arbeiterschaft hatte sich durch steigende Reallöhne und die weltweit als vorbildlich und bis heute prägende Sozialgesetzgebung mit der Einführung einer Kranken- und Invalidenversicherung verbessert. Vielleicht die glücklichste Zeit in der deutschen und österreichischen Geschichte.

Nur eine kleine Minderheit wollte einen Krieg. “Es war nicht Deutschland”, wie der amerikanische Historiker Jeffrey Verhey feststellte, das da in den Tagen vor Kriegsausbruch in Gruppen durch die Straßen der Hauptstädte zog oder in besseren Cafés patriotische Lieder schmetterte. Sondern es waren fast ausschließlich Studenten, Angestellte oder auch ältere Teilnehmer aus besseren Gesellschaftskreisen, kurz: vor allem Bildungsbürger. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug gerade einmal 0,8 Prozent. (Galaktionow, SZ, 06.08.2014)

Stefan Zweig beschrieb den Zeitraum vor dem ersten Weltkrieg in seinem Buch “Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers” (1942, S. 17 ff.) wie folgt : “Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. … Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die zukünftige Mitgift. …

Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wusste man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts würde sich ändern in der wohlberechneten Ordnung.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der anstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. … Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur “besten aller Welten” zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab, als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht aufgeklärt genug gewesen. …”

Das Denken der bürgerlichen Milieus im westlichen Teil der Bundesrepublik Deutschland, in den westlichen Gesellschaften, scheint heute von ähnlichen Denkmustern geprägt zu sein? Fühlen wir uns nicht auch heute wieder alle allzu sicher in einem Zeitalter der Sekurität, versichert gegen alle Lebensrisiken und nehmen Umstürze und Katastrophen als mediale Fernereignisse nur mehr zur Kenntnis ? Die weitgehende Passivität und gesellschaftliche Stagnation wird als "alternativlos" empfunden. Und sind es nicht auch heute wieder sehr kleine meinungsbildende Gruppen in Politik und Medien, die versuchen, die Meinungs- und Handlungsführerschaft an sich ziehen ?

Die Menschen im Zeitalter der “Sekurität” des neunzehnten Jahrhunderts haben sich in falscher Sicherheit gewogen. Es folgten 2 Weltkriege, in denen im Wortsinne kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Stefan Zweig schlussfolgerte im Jahr 1942: “banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurück geworfen hat.” (S. 21)

Wiederholt sich Geschichte ? Endet unser modernes Zeitalter der Sekurität ? 

Am medialen Horizont heute steht der globale ökologische Crash, der auch ein ökonomi-scher sein würde. Mitunter stehen wir ganz real schon mittendrin. Der deutsche Wald stirbt durch Erderwärmung und damit einhergehendem Schädlingsbefall vor unserer Haustür. Teilweise schon im Vorgarten stehen die Folgen der jenseitig ausufernden globalen Bevölkerungsexplosion und deren Wanderungsbewegungen. Wie wird die Frage tatsächlich beantwortet werden, ob die Transformation früher ethnisch und religiös homogener Gesell-schaften in Europa in multi-ethnische, kontrovers religiöse gelingen kann. Oder folgen auch bei uns brutale Verteilungskriege zwischen den Ethnien – wie in den USA aktuell zu beobach-ten zu sein scheint. Folgt der In-House-“Clash of Civilisations” ?

Das ideologisch gewordene, “liberalistische” Versprechen der Sekurität gebärdet sich global. Wird es scheitern wie 1914 ? Kehrt Geschichte wieder, gibt es eine “ewige Wiederkehr”, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche sie im 19. Jahrhundert postulierte ? Oder sind wir heute sicher ? Nietzsche beschrieb mit dem Begriff der “ewigen Wiederkehr” nicht die inhaltsgleiche Wiederholung geschichtlicher Vorgänge. Vielmehr zielte er auf ein ewiges Leben eines menschlichen Daseinskerns, der ähnliche (geschichtliche) Phänomene hervor-bringen kann. Das erscheint logisch und hochaktuell.

Die “ewige Wiederkehr” wäre dem folgend so zu verstehen, dass wir die stets bewegenden menschlichen Kräfte, seine Egozentrik, seinen Willen zur Macht, seine sozialen Fähigkeiten zur Solidarität und Liebe erkennen und daraus Schlüsse ziehen. Bei allem, was man tut, soll man sich, so Nietzsche, fragen: “ist es so, dass ich es unzählige Male tun will” (Die fröhliche Wissenschaft, 341). Man soll so im Sinne eines “existentiellen Imperativs” im Hier und Jetzt so leben und handeln, als ob jeder Augenblick ewig sein kann. Katastrophisches Handeln (in globalen Maßen) kehrt nicht wieder, da es seine Existenzgrundlage vernichtet.

Corona kann uns helfen, aufmerksam zu sein, zu uns zu finden, zu handeln.

Die moderne Sekurität muss also nicht wieder in Katastrophen stolpern, wenn der Mensch, wenn wir es schaffen, uns selber näher zu kommen, uns in unserer Widersprüchlichkeit, unserer Gefährlichkeit und Gefährdetheit zu verstehen und zu akzeptieren. Die Corona Pandemie hat uns die Augen für die Brüchigkeit des Alltäglichen, der Sekurität, geöffnet. 
 

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