Die Göttin mit dem Januskopf

Bernhard Paulus • 18 Juni 2021
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Die Göttin mit dem Januskopf

von Bernhard Paulus

In New York wird einer Göttin gehuldigt. Seit 135 Jahren thront ihr 46 Meter hohes Abbild auf einem 47 Meter hohen Sockel. Ihre Insignien: Fackel, Strahlenkrone und eine Tafel mit der Aufschrift "4. Juli 1776". An diesem Tag erklärten sich die ehemaligen englischen Kolonien in Amerika für unabhängig. Schon aus weiter Ferne begrüßte sie mehr als ein halbes Jahrhundert Millionen von Menschen aus aller Welt, die einst per Schiff auf dem fernen Kontinent ihr Heil suchten: Lady Liberty, Göttin der Freiheit. Schon die Römer bauten Libertas Tempel und prägten ihr Antlitz auf Münzen. Die Online-Enzyklopädie Brockhaus erzählt in einem Audio, daß die Filzkappe auf dem Haupte der Liberta den freigelassenen römischen Sklaven, Kriegsgefangenen und Gladiatoren aufgesetzt wurde, als Symbol der bürgerlichen Freiheit.

 

Zu allen Zeiten und überall auf der Welt berufen sich Menschen auf die Freiheit. Und jeder versteht etwas anderes darunter: Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Reisefreiheit, Berufsfreiheit, Entscheidungsfreiheit, Freiheit der Kunst, Vertragsfreiheit, Pressefreiheit, Wissenschaftsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Koalitionsfreiheit…In allen Lebensbereichen wirkt sie. Einfach macht Liberta es uns nicht. Wo wirkt sie? Wo beginnt sie? Wo endet sie? Je nachdem, an welchem Ort, zu welcher Zeit und unter welchen Bedingungen ein Mensch lebt, findet er eine andere Antwort. Der mittelalterliche Bauer verstand unter Freiheit etwas anderes als der heutige Mensch. Für den Partygänger hierzulande, der aufgrund des Virus zurückstecken muss, hat sie eine andere Bedeutung, als für den Oppositionellen in einem autokratischen Staat. Und für den Arbeitnehmer, der für mehr Lohn streikt eine andere, als für den Unternehmer, der nur die Löhne zahlen will, die der freie Markt hergibt. Ja, Ja, sogar der Markt soll frei sein.

 

Alle Menschen sind gleich geschaffen

 

Auch der legendäre Joß Fritz kämpfte mit seinen Verbündeten im ausgehenden Mittelalter für die Freiheit. Doch die aufständischen Bauern meinten nicht persönliche Freiheit. Ihr Ziel war Freiheit der Gemeinschaft, Freiheit vor den Landesfürsten; das Recht der Gemeinschaft, die Wälder wirtschaftlich zu nutzen. Nur dem Kaiser und dem Papst wollten Sie unterstehen, vergleichbar etwa mit den freien Reichsstädten. Der Autor Thomas Adam beschreibt diese Bauernrevolte, die sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Kraichgau und Schwarzwald abspielte detailliert und kenntnisreich in seinem Buch "Joß Fritz das verborgene Feuer der Revolution" (verlag regionalkultur). Adam spricht vom "mittelalterlichen Sinn" der Freiheit. Individualität, persönliche Entfaltung und Selbstverwirklichung hatten nur "einen untergeordneten Rang". Adam schreibt: "Freiheit im ausgehenden Mittelalter…meint mehr das Sich-Einbringen des Einzelnen in die Gemeinschaft und weniger das Empfangen von Segnungen gleich welcher Art aus ihr". Aus Adams Buch ist zu entnehmen, daß die Gemeinschaft um Joß Fritz Andersdenkende und Abtrünnige auch mit dem Tod sanktionierte. Im Namen der Freiheit. Die Freiheit hat einen Januskopf.

 

"…das alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie…mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören…" Diese Forderungen tauchten mit dieser Vehemenz erstmals in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf. Und die Proklamation geht noch weiter: "…dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass…es Recht des Volkes ist, …eine neue Regierung einzusetzen." Das war wirklich revolutionär. Daß viele der Einwanderer auf dem "alten Kontinent" Willkür der Fürsten erlebt und diese bekämpft hatten, mag diese Ideen vorangetrieben zu haben.

 

Auf die Befreiung folgte Tyrannei

 

Haupttreiber des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war zunächst jedoch nicht der Wunsch nach persönlichen Freiheiten, sondern der Kampf gegen Steuern und Zölle. Das Schicksal der indigenen Bevölkerung Amerikas und den versklavten Schwarzen zeigt: So genau nahmen die Autoren dieses Postulats es denn doch nicht. Selbst nach der Abschaffung der Sklaverei wurden und werden schwarze Menschen im Geltungsbereich der Unabhängigkeitserklärung bis heute diskriminiert und benachteiligt. Trotz alledem führten die Formulierungen der Unabhängigkeitserklärung in Verbund mit den Ideen der Aufklärung zu einem Wendepunkt. Die Forderung nach unabdingbaren persönlichen Freiheiten und der Wunsch nach (bürgerlicher) Mitbestimmung ließ sich nicht mehr unterdrücken. Und diese Idee war ansteckend.

 

Liberte, Egalite, Fraternite: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Unter dieser Losung entmachteten die französischen Revolutionäre 13 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung den absolutistisch herrschenden König. Auch hier war es der besitzende Teil der Bevölkerung, der dritte Stand, der aktiv wurde. Wirtschaftliche Gründe dominierten. Die Verschwendungssucht des Königs und die hohen Kosten für die militärische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer gegen England durch Frankreich hatten zum Staatsbankrott geführt. Und so führte die Devise des französischen Königs "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" schließlich zum Sieg der Revolution auch in Frankreich. Die Definition von Freiheit in der französischen Menschenrechtserklärung von 1789 wirkt noch heute modern: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet." Die Befreiung gelang recht schnell. Freiheit folgte darauf jedoch nicht, sondern Tyrannei. Das Fallbeil tat seine Dienste.

 

Die exklusive Freiheit

 

Ein Kaiser folgte dem abgesetzten König auf den Thron und eroberte große Teile Europas. Es folgten Jahrzehnte, in denen Kriege im Namen von Revolution und Freiheit geführt wurden. Die einen führten Sie, um die Unterjochten in anderen Ländern zu "befreien" und - ganz nebenbei - die eigene Macht und das eigene Land zu stärken, die anderen um das eigene Land vor dem Eroberer zu "befreien" - und ebenso ganz nebenbei - ihre alten feudalen Rechte wieder zu erhalten. Letztendlich siegten die anderen, der Kaiser verlegte seinen Wohnsitz zwangsweise bis zum Lebensende auf eine einsame Insel und die einst um ihre Privilegien gebrachten Fürsten errichteten wieder die alte, ihre Ordnung, so weit das möglich war.

 

Doch die Idee von Gleichheit und Freiheit war nicht aus der Welt zu bringen. Die Zersplitterung des deutschsprachigen Gebietes in kleinste Fürstentümer, Reisebeschränkungen, Handels- und Zollschranken und eine Vielzahl von Währungen, behinderten das Bürgertum in seinem Bestreben, Geschäfte zu machen. Immer häufiger forderten sie politische Mitbestimmung, insbesondere über die Verwendung der Steuereinnahmen. Es war ein Aufbegehren bereits Privilegierter gegen die noch mehr Privilegierten: Geschäftsleute, Anwälte, Professoren und Studenten. Als Zensur, Partei- und Versammlungsverbote nichts mehr halfen, machte der Adel Zugeständnisse. Es entstanden die ersten Verfassungen, in denen den Bürgern Grundrechte und Mitbestimmungsrechte garantiert wurden. Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Die Bürger konnten Parlamente wählen, die über den Staatsetat mit entscheiden durften.

Die neuen Freiheiten waren exklusiv. Nur für Männer. Nur für Vermögende. Frauen und Vermögenslose, die sich als Knechte und Mägde auf den Höfen oder als Arbeiter in den Fabriken verdingten hatten keine Stimme oder ihre Stimme zählte weniger als die eines Reichen. Das garantierte das Zensuswahlrecht, dass die Wahlbevölkerung in Steuerklassen einteilte. Für Arme gab es keine Freiheit. Selbst der große Theoretiker Karl Marx nannte den Hauptgegenstand seiner Studien, die Arbeiter, despektierlich "Knoten". Ein allgemeines, freies Wahlrecht forderten unter den Bürgerlichen nur wenige. Selbst unter Sozialdemokraten und Sozialisten war dieses strittig.

 

Freiheitsspende für den Führer

 

In dem Essay "Die Freiheit, frei zu sein", befasst sich die Philosophin und Professorin für politische Theorie Hannah Arend mit dem Wesen der Freiheit. Hannah Arendt unterscheidet zwischen Befreiung und Freiheit. Die Erringung von Bürgerrechten allein führt nach ihrer Ansicht noch nicht zur Freiheit. Arendt argumentiert: "Hätten die Revolutionen lediglich darauf abgezielt, die Bürgerrechte zu sichern, so hätte eine Befreiung von den Regimen genügt, die ihre Befugnisse überschritten…hatten." "Wesenskern" der Freiheit sei der "Zugang zum öffentlichen Bereich und die Beteiligung an den Regierungsgeschäften". Legt man diese Definition zu Grunde ließe sich

anlässlich geringer Wahlbeteiligung, Desinteresse an der Politik und Parlamenten, die sich überwiegend aus Akademikern, Freiberuflern und Beamten zusammensetzen, die Frage stellen, wie es mit der Freiheit großer Teile der Bevölkerung unseres Landes bestellt ist. Auch heute noch haben Wohlhabende und gut gebildete Bevölkerungsgruppen bessere politische Einwirkungsmöglichkeiten, als der arme Teil der Bevölkerung.

 

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN, FREIHEIT IST SKLAVEREI, UNWISSENHEIT IST STÄRKE. Dieser Wahlspruch prangt an der Fassade des Wahrheitsministeriums in George Orwells dystopischen Roman "1984". Unter dem Eindruck der faschistischen und kommunistischen Regime verfasste der einst selbst kommunistischen Lehren zuneigende Autor dieses Werk im Jahr 1949. Daß die Parole in Orwells Buch von der Realität voll gedeckt ist zeigt sich bei der Lektüre des Nazi-Blattes "Der Führer". Am 1. Februar 1933 ruft "Der Führer" seine Leser zur "Freiheitsspende" anlässlich der Machtübernahme von Adolf Hitler auf. In der in der gleichen Ausgabe abgedruckten Rundfunkansprache des Nationalsozialisten Göring heißt es: "Heute wird der Tag sein, an dem wir …ein neues Kapitel beginnen und auf diesem Kapitel wird stehen die Freiheit und die Ehre als Fundament des kommenden Staates". Arme Freiheit. Verhöhnt, verspottet, ihr Name missbraucht.

 

Als die Tyrannei nach 12 Jahren am 8. Mai 1945 durch bedingungslose Kapitulation Deutschlands endete, waren viele Millionen Juden, Sinti, Kranke, Behinderte, politische Gegner und andere Mißliebige durch den Staat ermordet worden; Zigmillionen Todesopfer weltweit hatte der angezettelte Krieg gekostet. Ein Großteil der Städe war zerstört und Millionen Menschen entwurzelt und vertrieben. Den 8. Mai nennen wir heute "Tag der Befreiung". Befreiung? Für wen? Für die überlebenden Opfer des Regimes natürlich, für die Widerständigen, für die unterjochten Völker. Doch das deutsche Volk an sich? Wurde es befreit? Die einfache und bequeme Antwort wäre ein klares Ja: Waren die Deutschen nicht selbst Opfer? War das Unheil nicht plötzlich und unerwartet über sie gekommen. Woher waren sie nur gekommen, diese braunen Männchen, die plötzlich über Deutschland hergefallen waren? Man hätte doch nichts machen können. Aber am Ende war man doch froh, daß die Alliierten geholfen hatten, die Bande wieder loszuwerden.

Doch es war anders. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung stand bis zum bitteren Ende zum Regime. Für sie war das Kriegsende eine Niederlage. Sie hatten das Regime hochgebracht. Sie hatten bei den Verbrechen mitgemacht oder weggeschaut. Sie hatten gehorcht. Sie waren nicht frei gewesen, nein zu sagen.

 

 

 

Kommentare (4)

Marcin Lupa

Lieber Herr Paulus,

das ist ein sehr guter, aufklärerischer und wichtiger Beitrag. Wir sollten immer frei sein, "nein" sagen zu können, wenn unser Nein darüber entscheidet, ob Unschuldige im Namen von Macht und Herrschaft beraubt, vertrieben oder ermordet werden.

Ihr Text erinnert uns daran, dass Freiheit eine Geschichte hat und wir immer wieder anhalten, um zu prüfen, ob noch gilt, was Sie schreiben: "Trotz alledem führten die Formulierungen der Unabhängigkeitserklärung in Verbund mit den Ideen der Aufklärung zu einem Wendepunkt. Die Forderung nach unabdingbaren persönlichen Freiheiten und der Wunsch nach (bürgerlicher) Mitbestimmung ließ sich nicht mehr unterdrücken. Und diese Idee war ansteckend." Auch für uns muss das weiterhin gelten. Jedenfalls bin ich froh, dass ich immer wieder anhalte und mir solche Maximen vergegenwärtige. Es lohnt sich für Freiheiten einzustehen.

Des Weiteren sprechen Sie auch die ohne Unterlass stattfindende Diskriminierung und Unterdrückung von ethnischen Minderheiten an, die trotz der verfassten Vereinbarungen überall geschehen, wo das vermeintlich Fremde auf das vermeintlich Einheimische trifft. Dabei sollten wir allmählich die Unterscheidung aufgeben und begreifen, dass Nationen eine Reminiszenz des Sports bleiben können, aber raus aus unsren Köpfen sollten. Denn wir leben in einer Welt, vernetzt mit einander kommunizierend, uns unserer Vergangenheit und Geschichte bewußt.

Ihr einleitendes Gedicht stellt für mich die Frage nach der Theodizee. Adam ist frei, weil Gott sich nicht mehr einmischt. Gott war nicht notwendigerweise gut oder gerecht, einzig eine übergeordnete Kreatur, die Kraft ihrer Macht von Adam verlangte, sich an vereinbarte Regeln und Bestimmungen zu halten. Was dieser nicht tat. Bin ich notwendiger Weise ein gerechter oder guter Mensch, wenn ich meine Katze ins Tierheim gebe, weil sie trotz meiner Ermahnungen meine Möbel zerkratzt? Ihr Züchter war ich dennoch, ein Schöpfer für sie, da ich sie eingangs in die Welt bringen ließ, und nun überlasse ich sie ihrer Freiheit, fern ab von meinen Bestimmungen, so dass sie woanders Frieden findet.

Ich danke Ihnen für Ihren schönen Beitrag.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Luca Rosenboom

    Vielen Dank für Ihren Beitrag! Besonders der Schlusssatz hat mir gefallen. Ich wollte auch erst auf die mittelalterliche Freiheitsrezeption eingehen, insofern es hier auch spannende Themenfelder gibt, allerdings fasziniert mich die Antike etwas mehr.

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