Gier nach immer neuen Bildern...

wbg Redaktion • 28 September 2017
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Gier nach immer neuen Bildern...

von: Leonora Koschnick / Benjamin Mortzfeld


01 01_ohne_600x600_0.jpgBilder sind im heutigen Nachrichtengeschäft unverzichtbar. Seit rund 130 Jahren wird der Bildjournalismus von Fotos bestimmt. Doch wie arbeitete die Bildpresse vor der Erfindung der Fotografie? Bei der Herstellung früher Flugblätter und Bilderbogen kamen unterschiedliche graphische Techniken zum Einsatz. Die Ausstellung „Gier nach neuen Bildern“ des Deutschen Historischen Museum Berlin dokumentiert den „Bildjournalismus“ vor und abseits der Fotografie.

Die Geschichte der Bild-„Zeittungen“ reicht bis in das frühe 16. Jahrhundert zurück. Über die Zeitläufte hinweg haben sich drei unterschiedliche Geschäftsmodelle der illustrierten Nachrichtenpresse herausgebildet, die auch im derzeitigen Medienangebot allgegenwärtig sind: Der Bilderhunger nach sensationellen Neuigkeiten, nach politischer Satire sowie nach informativen und humorvollen Reportagen war zu allen Zeiten groß. Aus heutiger Sicht ergeben sich erstaunliche Parallelen zum aktuellen Boulevardjournalismus, zum medialen Bilderkampf der Ideologien und zum anspruchsvoll-unterhaltsamen Feuilleton.

Als im 16. Jahrhundert der Begriff „newe Zeittung“ aufkam, verstand man darunter zunächst nur eine Neuigkeit, die auch mündlich überbracht werden konnte. Erst gedruckte Flugblätter ab Mitte des Jahrhunderts entsprachen unserem heutigen Verständnis von Printmedien – wobei Veröffentlichungen mit Bildern stets den größten Zuspruch fanden.

Herstellung und Vertrieb

Und welche graphischen Techniken kamen bei der Herstellung der Flugblätter und Bilderbogen zum Einsatz? Für die plakativen Sensationsbilder nutzten die frühen „Briefmaler“ vor allem den Holzschnitt. Die Kolorierung erfolgte mithilfe von Schablonen.  Der wesentlich aufwendigere Kupferstich kam dagegen bei den naturwissenschaftlich und zeithistorisch relevanten Blättern zum Einsatz, für die der Kunde einen entsprechend höheren Preis entrichten musste. Ein einheitliches Blattformat von etwa 32 x 44 Zentimetern für Guckkastenblätter und Bilderbogen setzte sich seit dem 18. Jahrhundert durch. Nach 1800 erreichte die Lithographie die höchsten Auflagen, wobei die Kolorierung mittels Schablonen meist von Frauen und Kindern in Heimarbeit ausgeführt wurde.

Der Verkauf der Bild-Nachrichtenblätter erfolgte im 17. und 18. Jahrhundert nur in wenigen Städten direkt über die Verlagshäuser. Vorherrschend war der Vertrieb durch wandernde Bilderverkäufer, die man auch Kolporteure nannte und die den Status von Hausierern hatten. In vielen Städten wurden sie nur dann geduldet, wenn sie für den lokalen Handel keine Konkurrenz darstellten. Spezialisierte Graphikhändler mit eigenen Ladengeschäften verbuchten ab den 1780er Jahren erste Erfolge mit dem Verkauf von tagesaktuellen Karikaturen und Ereignisbildern.

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Sensationelle Neuigkeiten

Kriegsszenen, entfesselte Naturgewalten und schreckliche Gewalttaten von Menschenhand: Der Handel mit Bildnachrichten in sensationsorientierter Aufmachung ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

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Besondere Kennzeichen der früheren Nachrichtenblätter sind Schlagzeilen mit emotionalen Reizwörtern sowie plakative Bilder, die auch ohne längere Erklärungen gedeutet werden konnten. Auf den „grausamen Mordt“ oder ein anderes Verbrechen folgte die Hinrichtung des Täters „zum Frolocken der Unterthanen“. Ein Erdbeben „ergrössert“ das „Zetter-Geschrey deß anwohnenden Volcks“ und der gefürchtete Kriegsgegner verübte „Schandt Brandt und Mordthaten“.

 

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Viele Bilder von den Neuigkeiten aus aller Welt im 18. Jahrhundert zeigten sich ähnlich spektakulär, nur wahrten die Kommentare zu bestimmten Themen eine größere Zurückhaltung. Insbesondere bei den mehrsprachigen Schlachtendarstellungen für den internationalen Markt war eine neutrale Sichtweise von Vorteil, um Kunden unter allen Kriegsparteien zu gewinnen.

Auch die in hohen Auflagen gedruckten Blätter mit Ansichten von den Straßenkämpfen in Paris, Berlin und anderen europäischen Städten während der Revolution von 1848/49 hatten in erster Linie den Zweck, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen. Die 1848er-Bilderbogen mit scharfer politischer Satire oder subtilen Hintergrundinformationen richteten sich dagegen an eine andere, intellektuellere Käuferschicht.

Äußerst beliebt waren die Bildberichte aus den Adelshäusern, die eine scheinbare Nähe zu den verehrten Würdenträgern erzeugten. Bevorzugte Anlässe – über die auch heute in Boulevardmedien gerne berichtet wird – sind die Geburten der Thronfolger sowie die Hochzeiten und Todesfälle in den namhaften Dynastien. Die Vermarktung von bürgerlichen Helden und Idolen entdeckten die Bilderproduzenten Ende des 19. Jahrhunderts als zusätzliche Einnahmequelle.

Propaganda und politische Satire

Die politische Satire sparte zu keiner Zeit an drastischen Darstellungen: Wilhelm I. verschlingt einen Fürsten, Napoleon Bonaparte wird ausgepeitscht und der Zensor zu Tode gequetscht. Bereits die Flugblätter der Reformation entwickelten starke Motive: Die Enthauptung, die Hinrichtung am Galgen und die Endprodukte der menschlichen Verdauung sind bis heute Dauerbrenner in der Karikatur.

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Im Zuge der deutschen Einigungskriege, des Russisch-Japanischen Krieges und des Ersten Weltkrieges begab sich die Bilderbogenproduktion vollständig in den Dienst der Kriegspropaganda. Während im 19. Jahrhundert das Ideal des ehrenhaften Kampfes „Mann gegen Mann“ dominierte, rückten im 20. Jahrhundert die technisierte Kriegsführung und die Materialschlacht in den Mittelpunkt der Illustrationen.Im Zeitalter der Reformation und in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts waren die politischen Spottblätter in erster Linie konfessionell geprägt. Dabei entwickelte sich die Frage nach dem „rechten“ Glauben zusehends zu einem Konflikt um die Vorherrschaft und gipfelte schließlich im Dreißigjährigen Krieg, der heftig auch mit den Mitteln der Bildsatire ausgefochten wurde. In den absolutistischen Staaten des ausgehenden 17. und des 18. Jahrhunderts konnte sich die bildsatirische Zeitkritik nur selten entfalten: Voraussetzung war, dass sie sich gegen einen außenpolitischen Gegner richtete. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts boten sich den deutschen Zeichnern nur zwei kurze Zeitspannen in den 1840er Jahren, in denen sie die Herrschenden und die lähmende Zensur bildlich anprangern konnten. Die Darstellung des deutschen Michels mit Zipfelmütze ist das bekannteste Motiv aus dieser Zeit.

In der Tradition der Spottblätter stehend, verkauft sich die politische Satire seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hauptsächlich über eigene Zeitschriften oder politische Magazine mit ganzseitigen Titelkarikaturen.

Bildung und humorvolle Unterhaltung

Über neue Erfindungen, technische Innovationen und die großen Ereignisse auf der politischen Weltbühne informierten seit dem 16. Jahrhundert vor allem Kupferstiche. Rund 200 Jahre später interessierte sich das gebildete Publikum verstärkt für die Freuden der Sinne und der barocken Lebensart. Idealbilder eines strebsam-fleißigen Daseins kontrastierten humorvoll mit spöttischen Darstellungen des Lasters.

In der Folge der Französischen Revolution bildete sich zunächst in Frankreich und mit Verzögerung auch in Deutschland das Feuilleton als Kulturteil der Zeitungen heraus. Parallel dazu erweiterten die Verleger der Guckkastenblätter und Bilderbogen ihr Sortiment um Berichte zur Mode und über die aktuellen Entwicklungen der Kunst und Architektur.

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Im 19. Jahrhundert wurde auch die Erziehung ein wichtiges Thema. Die Verlage reagierten mit einem vielfältigen Angebot an lehrreichen und unterhaltsamen Bilderfolgen für Kinder.

Dampfbetriebene Kutschen und die neue Eisenbahn flößten Angst ein, eröffneten aber auch zunehmend die Möglichkeit der eigenen Entdeckung der Welt. Die wachsende Popularität des Themas „Reisen“ spiegelt sich in zahllosen Bildergeschichten und Comicstrips wider.

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Autor: Dr. Leonore Koschnick / Benjamin Mortzfeld, Stiftung Deutsches Historisches Museum

Gier nach neuen Bildern: Flugblatt Bilderbogen, Comicstrip

Eine Ausstellung des Deutsches Historisches Museum (DHM), Berlin

29. September 2017 – 8. April 2018

Öffnungszeiten: Täglich 10 – 18

https://www.dhm.de/

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