Gerhard Lauer: Digitales Lesen

Gerhard Lauer • 28 Oktober 2020

Lesen gehört unter die wunderlichen Erfindungen des Menschen. Anders als die Sprache ist es nicht angeboren, sondern muss aufwendig erlernt werden. Wie die bahnbrechenden Forschungen von Stanislas Dehaene gezeigt haben, lernen alle Menschen durch Umnutzung derselben neuronalen visuellen Mustererkennungsregionen das Lesen, gleich ob sie griechische Alphabetschrift oder chinesische Logographieschrift zu Bedeutungen zusammenzusetzen lernen[1] In der Breite der vielen Leserinnen und Leser ist das Lesen wohl nicht viel älter als vielleicht zweihundert Jahre, als eine buchzentrierte Bildung begonnen hat, die bürgerliche Gesellschaft zu formen. Historiker und Kultursoziologen betonen denn auch mit vielen historischen Befunden den engen Zusammenhang von Verbürgerlichung und Ästhetisierung unserer modernen Lebenswelt und das mit Recht.[2] Moderne Gesellschaften sind immer auch lesende Gesellschaften und nicht anders zu denken. Selbst die Feinde der offenen Gesellschaft inszenieren sich als Lesende und als Autoren.[3]

Die enge Zusammenstellung von Lesen, Buch und Gesellschaft ist ikonographisch im selbstvergessenen Lesen ins Bild gefasst. Das immersive Lesen, das um der Geschichte will alles um sich herum vergisst und das wohl erstmals mit dem Lesen von Rousseaus «Nouvelle Heloïse» zu einer nachahmenswerten Mode geworden ist, dieses Lesen ist der Maßstab für das gute Lesen. Nicholas Carrs oder Maryanne Wolfs auflagenstarke Klagen über die Verflachung der Kultur als Folge der schwindenden Buchkultur betonen nicht zufällig das ‘tiefe Lesen’ als kritische Referenzgrösse. Vor allem die junge Generation fehle diese ‘tiefe Lesen’, wie ihr überhaupt das Buch als Ort der Selbstbeobachtung fehle. Der amerikanische Kultautor Bret Easton Ellis konstatiert schlicht: «There’s no writing. They don’t care about literature. None of them read books. Where is the great millennial novel? There isn’t one.»[4] Der Reigen solcher und ähnlicher Klagen lässt sich leicht erweitern, zumal diese Thesen gut zusammengehen mit anderen kulturkritischen Gemeinplätzen vom Ende der Demokratie und dem Aufstieg der Fake News.[5] Das alles ist Kulturkritik, die viel Aufmerksamkeit für sich gewinnen kann, das auch deshalb, weil sie zugleich eine einfache Erklärung für die Ursache dieses Niedergangs anbietet: die Digitalisierung.

In meinem Buch «Lesen im digitalen Zeitalter» argumentiere ich gegen diese Gemeinplätze der Kulturkritik. Wichtig zu verstehen ist dabei, dass ich anders als die Kulturkritiker zu argumentieren versuche. Kulturkritik sucht Öffentlichkeit und adressiert die Kultureliten. Für die Kulturkritik genügen Meinungen und Allusionen an das allgemeine Unbehagen in der digitalen Kultur. Insofern gehört Kulturkritik zur Kultur und trägt dort zu den Aushandlungen unserer gesellschaftlichen Selbstverständigung bei. Mein Buch gehört dagegen zur Wissenschaft, auch wenn es ein breiteres Publikum adressiert. Seine Befunde und Argumente sind aus den vielen Studien zum Lesen und zum Buch entwickelt, auch einigen eigenen. Daten und sozialwissenschaftliche Empirie gehören zu diesem Buch ebenso wie Einsichten aus der Buchgeschichte und der Geschichte des Lesens. Alle diese Befunde zeichnen ein sehr anderes Bild vom Lesen in der digitalen Gesellschaft.

Es ist keine Übertreibung, wenn der CEO des grössten Publikumsverlags der Welt, Markus Dohle, auf der Frankfurter Buchmesse 2017 gesagt hat: «Das globale Buchgeschäft erlebt die beste Zeit seit seinem Bestehen, also seit mehr als 500 Jahren.»[6] Die mehr als dreihundert Neuerscheinungen pro Tag im deutschsprachigen Buchhandel geben ihm ebenso recht wie die Oligopolbildung in der globalen Buchindustrie, die sich wenig von denen in der globalen Internetindustrie unterscheidet. Die Unterscheidung in gedrucktes und online publiziertes Buch spielt für die gegenwärtige Verlagswelt keine prinzipielle Rolle mehr. Bücher können viele Formen annehmen, sie zu drucken ist eine Variante davon. Von einem Schwinden der Bücher kann keine Rede sein, eher das Gegenteil trifft zu.

Entgegen der kulturkritischen Konventionen hat auch das Lesen zugenommen, zunächst und zu allererst in einem weltweiten Massstab. Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten so viele Menschen lesen wie heute, ungefähr neunzig Prozent.[7] Das ist für Kulturkritiker keine Notiz wert, für die Wissenschaften aber schon. Der letzte Bericht des National Endowment for the Arts zum Stand des Lesens in den USA erschien nach der Durchsetzung des Internets zu Beginn des 21. Jahrhunderts und trägt sprechenden Titel «Reading on the Rise. A New Chapter in American Literacy» (2009), denn trotz einer steigenden Bevölkerungszahl durch Zuwanderung aus nicht unbedingt lesenahen Ländern und eben trotz des Internets wurde in den USA die psychologisch so wichtige Schwelle von 50 Prozent überschritten. Mehr als die Hälfte der Amerikaner hat im Jahr mindestens ein Buch gelesen und das nachdem Jahrzehnte lang die Zahl der Leserinnen und Leser stetig nach unten gegangen und schließlich unter dieser Marke von 50 Prozent angekommen war. Vor allem die jungen Menschen lesen wieder mehr, ein Umstand den auch das Pew Research Center nachdrücklich bestätigt.[8] Leser sind vor allem jung, die Älteren schauen Fernsehen. Der in Vorbereitung befindliche nächste Report des National Endowment wird auf den nicht weniger kontraintuitiven Umstand abheben, dass Lyrik wieder sehr viele Leserinnen und Leser findet. Die Zahlen über das Lesen der KIM- und MIKE-, der JIM- und JAMES- und verwandter Studien in den deutschsprachigen Ländern sind höher als in den USA und belegen ebenso wenig einen Niedergang des Lesens im letzten Jahrzehnt, obgleich das Internet längst alle Lebensbereiche auch hierzulande durchdrungen hat. Und die jungen Leute interessieren sich nicht mehr für die intellektuelle Kulturkritik und haben sich selbst schon ihre zumeist digitalen Leseumwelten auf Fanfiktion.de oder Wattpad.com gebaut.[9] Sie haben auf die Kulturkritiker nicht gewartet, um auf Instagram Gedichte zu tauschen oder auf YouTube Booktubes zu publizieren. Der wichtigste Lesehabitus ist dabei das immersive Lesen. Unter den vielen Weisen des Lesens ist gerade das selbstvergessene Lesen das moderne. Auf den digitalen Leseplattformen hat es längst seinen Platz gefunden. Kurz, die Geschichte vom Ende von Buch und Lesen hat wenig sachliche Evidenz für sich, aber sie fühlt sich gut an. Diesen Widerspruch von empirischen Befunden und gängiger Kulturkritik greift mein Buch wiederholt auf, letztlich in der Absicht, die Debatten zu versachlichen, die darüber mitentscheiden, wie und durch welche Medien wir unsere Welt verstehen wollen.

Das Behagen im kulturkritischen Unbehagen wirft wohl nicht nur für mich immer wieder die Frage auf, welchen Ort die Geisteswissenschaften in solchen und ähnlichen Debatten haben sollten, die nicht unwesentlich für unsere gesellschaftliche Selbstverständigung sind. Wofür schreiben wir unsere Bücher? Geisteswissenschaften sind ja erstaunlich erfolgreich, wenn sie kulturkritische Urteilsroutinen bedienen. Selbst innerhalb der Fächer findet das zumeist hohe Anerkennung. Es lohnt sich für die Geisteswissenschaften nicht unbedingt, sich dem Funktionssystem Wissenschaften zuzurechnen, sondern dem der Kultur. Umgekehrt stoßen eher empirisch orientierte Geisteswissenschaften auf Ablehnung. Szientifizierung ist ein in den Geisteswissenschaften gut funktionierender Vorwurf und die Kritik an Expertokratien sind schnell bei der Hand.  Dass es in den deutschsprachigen Ländern kaum eine grössere Leseforschung und nur eine sehr kleine Buchwissenschaft gibt, hat mit dieser Abwertung der exakte(re)n Geisteswissenschaften erheblich zu tun.[10]

Etwas zum tatsächlichen Stand von Buch und Lesen zu sagen, muss sich daher entscheiden, ob es dem auflagenstarken Genre der Klage folgt oder den aufwendigen Weg einschlägt, die Befunde sehr unterschiedlicher Fächer zu einem grösseren Bild zu verbinden und damit auch ein anderes Publikum erreicht. Diesen exakten Geisteswissenschaften ist mein Buch verpflichtet, an deren Maßstab will es gemessen sein. Und das schliesst dann auch ein, dass ein solches Buch weniger Stürme im Wasserglas der Feuilletons auslöst, dafür aber von vielen gelesen wird, die tatsächlich mitwirken, dass Lesen in unserer Gesellschaft gelingt, zum Beispiel die Lehrerinnen und Lehrer. Dass viele von ihnen in den letzten Wochen mein Buch gelesen haben, ist eine große Ehre für mich. Dafür danke ich von Herzen.


[1] Stanislas Dehaene, Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert. München 2010.

[2] Z.B. Thomas Nipperdey, Wie das Bürgertum die Moderne fand. Berlin 1988

[3] Konstantin Kaminskij / Albrecht Koschorke (Hg.), Despoten dichten. Sprachkunst und Gewalt. Göttingen 2011.

[4] Bret Easton Ellis, in: The Times (21. April 2019), https://www.thetimes.co.uk/article/the-interview-american-psycho-author….

[5] Felix Stalder, Kultur der Digitalität. Berlin 2016.

[6] Anonymus (2017). Penguin Random House sieht das gedruckte Buch nicht am Ende. Messe eröffnet mit Rekordausstellerzahl. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (11. 10. 2017), S. 18.

[7] Max Roser / Esteban Ortiz-Ospina, "Literacy". In: OurWorldInData.org, 2016. https://ourworldindata.org/literacy.

[8] Pew Research Center, Younger Americans’ Reading and Library Habits, 2012 https://www.pewresearch.org/internet/2012/10/23/younger-americans-readi… und Book Reading 2016, https://www.pewresearch.org/internet/2016/09/01/book-reading-2016/.

[9] Frederico Pianzola / Simone Rebora / Gerhard Lauer, Wattpad as a resource for literary studies. PLOS ONE 15.01.2020, DOI:  https://doi.org/10.1371/journal.pone.0226708.

[10] Vgl. Gerhard Lauer, Über den Wert der exakten Geisteswissenschaften. Joas, H., & Noller, J. (Eds.). Geisteswissenschaften - was bleibt? Zwischen Theorie, Tradition und Transformation. Freiburg, München 2019, S. 152-173.


Gerhard LauerGerhard Lauer ist Professor für Digital Humanities an der Universität Basel. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Literaturgeschichte und computergestützte Literaturwissenschaft.

 

 

 

 


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Gerhard Lauer

Lesen im digitalen Zeitalter

Beschreibung

Die Digitalisierung verändert vieles, auch das Lesen von Büchern. Nicht wenige fürchten, dass mit der Dominanz von Computer und Internet die lesende Erschließung der Welt an Bedeutung verlieren und die Jugend eine der wichtigsten Kulturtechniken verlernen werde. Tatsächlich wird aber nicht weniger gelesen, und die Zahl der Neuerscheinungen wächst von Jahr zu Jahr. Dennoch ändert sich einiges. Von dieser digitalen Modernisierung der Bücherwelten und des Lesens handelt das Buch. Es analysiert, wie und was junge und ältere Menschen lesen, wie Verlage und Buchhandel mit den digitalen Herausforderungen umgehen und welche ganz neuen Wege des Lesens digitale Plattformen einschlagen. Das Buch ist eine Verteidigung des Lesens und umreisst die Chancen des Lesens, wenn alles digital wird.

2020. 264 S., wbg Academic, Darmstadt.

Kommentare (5)

Netty Reiling

Super Beitrag! Eine fundierte Stimme gegen den Kulturpessimismus der gerade auch in der Branche herrscht... frei nach Frank Zappa: "Books are not dead, they smell just a bit funny..."

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  • Dennis Lampi

    Was für ein tolles Statement, ein Pro und eine realistische Hoffnung für die Leserschaft, das Lesen ist nicht tot, im Gegenteil, es lebt und gedeiht. Ich glaube dran und dieser Artikel bestärkt mich in meinem Glauben. Bildung, persönliche und berufliche Entwicklung kommen durchs Lesen. Und wo physisches Blättern ausbleibt, da switchen wir digital von Seite zu Seite. Danke

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  • Meinolf Schmidt

    Nach dem Lesen dieses Artikels wird meine Weihnachtswunschbuchliste um einen Titel länger!

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