Georg Patzer: Fünf Kaiser und ihre Unterstützer 

wbg Redaktion • 25 September 2020

Fünf Kaiser und ihre Unterstützer 

Über fünf Jahrhunderte prägten sie die Geschicke Europas. Die Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht” in Mainz widmet sich mit selten zu sehenden Exponaten früheren Herrschern wie Karl dem Großen und Friedrich Barbarossa.

von Georg Patzer in der Stuttgarter Zeitung vom 08.09.2020


Von Karl dem Großen bis Barbarossa: Das hört sich so schön überschaubar und einfach an, ein Kaiser nach dem anderen, bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806. Natürlich mit einem gewissen Wechsel, die Ottonen wichen den Saliern, auf die Staufer folgten die Habsburger. So einfach war es natürlich nicht. Geschichte ist kompliziert und gleichzeitig spannend. Oft haben die Kaiser um ihre Macht kämpfen müssen, mussten sie durch wechselnde Allianzen sichern, in denen ihre Partner auch eigene Ziele verfolgten.

Ein neues „Heiliges Römisches Reich“ - so hieß es seit der Stauferzeit, der Zusatz „deutscher Nation“ folgte sehr viel später - sollte es für Karl den Großen (768-814) sein, eine „renovatio imperii Romanorum“, die Erneuerung der römischen Kaiserherrschaft. Zur Durchsetzung seines hochgesteckten Ziels benutzte Karl den Papst und die Bischöfe, der Papst war damals noch nicht sehr mächtig. Die Klöster mit ihren Zweigstellen in feindlichen Gebieten zum Beispiel der Sachsen und ihr Zusammenhalt wurden eine von Karls wichtigsten Säulen. Und auch die Bildung der Erzdiözesen trug zur Eingliederung vieler Völker bei, der Erzdiözese Mainz zum Beispiel unterstanden alle Diözesen von Konstanz und Chur bis Würzburg, Augsburg und Hildesheim. Karl vereinheitlichte Währung, Schrift und Bildung - auch da war die Gelehrsamkeit der Klöster eine große Hilfe. Noch Heinrich 11. (973/978-1024) konnte auf die Unterstützung durch Erzbischof Willigis von Mainz zählen, der im Gegenzug sein Stellvertreter wurde.

In einer großen Landesausstellung geht das Landesmuseum Mainz nun der Frage nach, auf welchen Säulen die Macht der Kaiser jeweils ruhte und „welche Akteure und Netzwerke hinter dem Kaiser standen“, wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei einer Vorbesichtigung sagte. Die Region ist für eine Untersuchung und Darstellung der richtige Ort, denn in dieser Gegend konzentrierte sich die Macht: Im Speyerer Dom liegen viele Kaiser begraben, die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier fungierten über tausend Jahre zum Teil als Stellvertreter des Kaisers, in Speyer und Worms entstanden aber auch die ältesten jüdischen Gemeinden mit den wichtigsten Rabbinern und Gelehrten Europas - selbst aus Spanien kamen Juden, um hier zu lernen.

Bei Heinrich IV. (1050-1106) und seinem Sohn kann man erleben, dass die Säulen, auf die sich die Kaiser stützten, auch mal wackeln konnten. Der Machtkampf der stark gewordenen Kirche mit dem Kaiser wird zugunsten des Papsts entschieden (Gang nach Canossa), und Heinrich wendet sich den Städten zu. 1074 vergibt er Privilegien an die Stadt Worms und vor allem an die jüdische Gemeinde, die er sich damit zum Verbündeten macht. Auch sein Sohn Heinrich V. (1086-1125) fördert die Städte. Als auch die immer mächtiger und eigenständiger wurden, stützte sich Friedrich Barbarossa (um 1122-1190) dann verstärkt auf die Ministerialen, hohe Verwaltungsbeamte, die von ihm abhängig waren.

Die Ausstellung im Landesmuseum konzentriert sich auf diese fünf Kaiser und erzählt damit eine jahrhundertelange Entwicklung voller Brüche und Kontinuitäten. Sie macht das mit einer stimmungsvollen Inszenierung in gedämpften Farben und vor allem mit einer einzigartigen Zusammenstellung von grandiosen Objekten, die die ruhigen und die wirren Zeiten lebendig illustrieren. Manche davon werden alle 30 Jahre, andere wie der Lorscher Sarkophag wurden noch nie ausgeliehen. Aus Wien kam die Goldene Bulle nach Mainz zurück, ab 1356 das „Grundgesetz“ des Reichs mit der prägenden Rolle der Kurfürsten - nur die originale Kaiserkrone gab Wien nicht her. Die Exponate sind durchweg hochkarätig: das vergoldete und verzierte Armreliquiar von Karl dem Großen aus dem Besitz Friedrich Barbarossas, die Mainzer Adlerfibel mit ihrem farbenprächtigen Emaille, das vom Erstarken der Stadt erzählt, ein Schulheft von der Reichenau aus dem 9. Jahrhundert, Zeuge seiner Bildungsinitiative. Das fein ausgeführte Ada-Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert, vergoldete Seidenstolen aus Trier und das goldgelbe Seidengewand des Mainzer Erzbischofs Willigis zeigen Macht und Pracht der Kirchen, die kostbare Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu und die Grabkrone der Kaiserin Gisela von der Rolle der Frauen, die in der Ausstellung allerdings eher am Rand erwähnt werden. Kulturhistorische Preziosen sind zu sehen wie die Lorscher Annalen, die vom wachsenden Verwaltungsaufwand künden. 

Eines der vielen Highlights ist der Codex Manesse, der unter scharfer Bewachung aus Heidelberg gebracht wurde. Nur sechs Wochen lang ist er zu sehen, jede Woche wird das 436 Seiten starke Werk einmal umgeblättert. Dazu kommen multimediale Inszenierungen wie die dreidimensionalen Ansichten von Speyer durch die Jahrhunderte. Und wenn man schon in Mainz ist, lohnen sich auch Abstecher nach Speyer zum Judenhof, nach Worms zur Synagoge mit dem steinernen Lehrstuhl von Rabbi Raschi, nach Ingelheim, Trifels oder Limburg - auch diese Orte sind in diesem „Kaiserjahr“ mit kleineren Ausstellungen beteiligt.


KAISERJAHR 2020

Ausstellung 

Die Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ findet vom 9. September 2020 bis 18. April 2021 im Landesmuseum Mainz anlässlich des „Kaiserjahrs“ der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) statt. Die Ausstellung beinhaltet über 300 Exponate aus ganz Europa.


Kaiserjahr 

Weitere Ausstellungen finden in Worms, Ingelheim, Bingen, Speyer, Annweiler, Trier und Kaiserslautern statt. Die jüdischen Stätten in Worms, Speyer und Mainz sind außerdem seit diesem Jahr für die Unesco-Welterbeliste nominiert. 


Säulen der MachtWeitere Informationen 

Der Katalog zur Ausstellung wurde von der GDKE und Bernd Schneidmüller herausgegeben und ist im Verlag Wissenschaftliche Buchgesellschaft erschienen: 560 Seiten, gebunden, 300 Abbildungen, 48 Euro. Weitere Informationen zum Aktionsjahr gibt es auf der Internetseite www.kaiser2020.de oder auf der Facebook-Seite des Landesmuseums Mainz.