Der Gender-Publication-Gap - Ein Beitrag zum Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

S. Valerie Lunau • 11 Februar 2021
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Der Gender-Publication-Gap

Ein Beitrag zum Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

Von Sandy Valerie Lunau

Der 11. Februar wird seit 2015 nach einem Beschluss der UN-Generalversammlung als Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft begangen. In den offiziellen Verlautbarungen der zuständigen Ressorts, Gremien und Institutionen wird das Bekenntnis zu Chancengleichheit in der Wissenschaft in diesem Zusammenhang jährlich aufs Neue bekräftigt. Immerhin zählt die Gleichstellung der Geschlechter zu den 17 Hauptzielen der UN-Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung der Welt, die 2016 in Kraft trat.

Doch die derzeitige Realität wird diesen Forderungen kaum gerecht. Laut dem UNESCO-Institut für Statistik lag der weltweite Frauenanteil in der Wissenschaft 2016 bei nur 29,3 %. Zentral- und Osteuropa liegen mit 39,3 % an vierter Stelle hinter Zentralasien, Lateinamerika und der Karibik sowie den arabischen Staaten. Mit 32,7 % liegen Nordamerika und Westeuropa sogar noch einen Platz dahinter. In Europa haben 2016 nur vier (süd-)osteuropäische Länder Geschlechterparität in der Wissenschaft erreicht. Deutschland liegt innerhalb der EU mit genau 28 % nur knapp vor dem Schlusslicht Niederlande.

Dabei zeigt die Anzahl der in der Wissenschaft beschäftigten Frauen nur ein unvollständiges Bild. Denn viele Frauen schaffen es nicht über gewisse Karrierestufen hinaus: Sie scheitern an der sogenannten Gläsernen Decke. Dieser Effekt zeigt sich beispielsweise am Output im Bereich wissenschaftlicher Publikationen. Für nur 22 % der wissenschaftlichen Publikationen sind Frauen als Urheberinnen mitverantwortlich, wie 2015 eine globale Analyse von 2,5 Millionen wissenschaftlichen Artikeln ergab.

Bedenkt man, dass in nahezu allen Wissenschaftssystemen die Karrierechancen von Forscherinnen und Forschern wesentlich davon abhängen, wie viele wissenschaftliche Publikationen diese vorweisen können, zeigt sich bereits an dieser Stelle ein Erklärungsmuster für das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Wissenschaft. Die Gründe für diese Schieflage sind umstritten und immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Eine angloamerikanische Studie aus dem Jahr 2010 konnte am Beispiel der Fächer Linguistik und Soziologie an US-amerikanischen Universitäten zeigen, dass sowohl bei Frauen als auch bei Männern die Publikationsraten in Folge der Geburt eines Kindes längerfristig zurückgehen. Bei Frauen fiel der negative Effekt allerdings deutlich stärker aus als bei Männern. Andere Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Elternschaft und wissenschaftlicher Produktivität, sondern sahen eine Folgewirkung von Mutterschaft vielmehr in der geringeren Mobilität und Flexibilität von Wissenschaftlerinnen, die aufgrund familiärer Pflichten beispielsweise seltener an Kongressen teilnehmen, worunter die Vernetzung in der Wissenschaftsgemeinschaft leidet. Dieselbe Studie konnte auch zeigen, dass Frauen seltener in Forschungsprojekte eingebunden und weniger stark in wissenschaftliche Netzwerke integriert sind als Männer, woraus sich ebenfalls niedrigere Publikationszahlen folgern lassen.

Eine Studie zum Zusammenhang von Geschlecht und wissenschaftlicher Produktivität des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung kam zu dem Ergebnis, dass ein Teil der geringeren Publikationszahlen darauf zurückgeführt werden kann, dass Frauen während der Promotionsphase von ihrem wissenschaftlichen Umfeld weniger gefördert und unterstützt werden als Männer. In dem nach wie vor männlich dominierten Wissenschaftssystem werden Doktoranden möglicherweise eher als potenzielle Nachwuchsforschende wahrgenommen und gefördert als Doktorandinnen. Immerhin scheint es nach aktueller Studienlage keinen systematischen Genderbias in Peer-Review-Verfahren bei Anträgen zur Forschungsförderung zu geben.

Durch die Corona-Krise hat sich diese negative Entwicklung im vergangenen Jahr eher verschlechtert als verbessert. Verschiedene Studien haben untersucht, ob und wie sich die Publikationstätigkeit von Frauen vor und nach der Coronakrise unterscheidet und zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Frauen publizieren während der COVID-19-Epidemie etwas weniger, als sie es vorher getan haben. Dieses Bild wird auch durch eine Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) bestätigt: 73 % der befragten Professorinnen mit Kind gaben darin an, im April und Mai weniger Artikel eingereicht zu haben als geplant. Bei Professoren mit Kind lag der Anteil bei 54 %.

Soweit, so schlecht. Aber was kann getan werden, um Nachwuchswissenschaftlerinnen stärker zu fördern und ihnen mehr Sichtbarkeit in der Wissenschaftscommunity zukommen zu lassen? In der Praxis könnten Mentoring-Programme helfen, Nachwuchsforscherinnen gezielt bei der Integration in die Scientific Community zu unterstützen. Viele Hochschulen und Forschungsinstitutionen bemühen sich mithilfe umfangreicher Programme darum, die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Diesbezüglich warnt aber Susanne Menzel-Riedl, die seit 2019 Präsidentin der Universität Osnabrück und mit 43 Jahren die jüngste Frau an der Spitze einer Hochschule in Deutschland ist, im Gespräch mit der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ vor negativen Nebeneffekten. So weist sie darauf hin, dass Angebote, die sich explizit an Frauen richten und sie beispielsweise in der Familienzeit stärker fördern als Männer, viele Familien dazu veranlassen, pragmatisch zu entscheiden, dass die Frauen die Elternzeit übernehmen. Zum anderen warnt sie davor, dadurch Männer vor den Kopf zu stoßen, die vorbildlich vorangehen und sich in der Kinderbetreuung engagieren. Frauenförderung muss sich also davor hüten, die falschen Impulse zu setzen und damit Wissenschaftlerinnen einen Bärendienst zu erweisen.

Auch die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat es sich zum Ziel gemacht, den weiblichen Wissenschaftsnachwuchs stärker zu fördern und dazu eine interne Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die entsprechende Maßnahmen erarbeitet. Bereits jetzt bieten wir dem akademischen Nachwuchs mit den wbg Publishing Services die Möglichkeit, Forschungsergebnisse im Umfeld eines renommierten Verlags zu veröffentlichen – zu fairen Konditionen und mit der größtmöglichen Sichtbarkeit innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft durch ein klares Bekenntnis zu Open Access. Besuchen Sie uns auf unserer Website oder blättern Sie durch unser Online-Magazin wbg Academia, um mehr über unser Angebot zu erfahren. Wir freuen uns auf Sie!


Quellen und weiterführende Informationen

Literatur - Frauen in der Wissenschaft (profil-programm.de)

Zeitschrift für Soziologie (uni-heidelberg.de)

Publikationen: Wie sich Corona auf Eltern in der Wissenschaft auswirkt - Forschung & Lehre (forschung-und-lehre.de)

fs55-women-in-science-2019-en.pdf (unesco.org)

wbg Publishing Services | wbg | wbg – Wissen verbindet (wbg-wissenverbindet.de)

wbg Academia 01.21 by wbg – Wissen. Bildung. Gemeinschaft. - Issuu


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