"Gemeinsam einsam" im Lockdown. Kübra Gümüşay im Gespräch über soziale Sehnsucht, Sprache und die Ethik der Abgrenzung 

wbg Redaktion • 20 Januar 2021
0 Kommentare
2 gefällt

"Gemeinsam einsam" im Lockdown.

Kübra Gümüşay im Gespräch über soziale Sehnsucht, Sprache und die Ethik der Abgrenzung 


Kübra Gümüşay hat im letzten Jahr bei Hanser ihr viel rezipiertes Buch "Sprache und Sein" veröffentlicht. Das Buch ist auf der Shortlist für den WISSEN!Preis der wbg, der die besten Sachbücher im Bereich der Geisteswissenschaften prämiert. Er wird am 23. Januar 2021 ab 11.05 Uhr in der Sendung „Lesart“ des Deutschlandfunk Kultur vergeben. 

Die Autorin und Aktivistin spricht mit uns darüber, wie sie ihr Buch geschrieben hätte, wenn es erst 2021 publiziert worden wäre, welche Themen der Pandemie sie besonders beschäftigt haben und wie sie die sprachliche Repräsentation der Krise beurteilt. Denn Corona hat eine Vielzahl von Neologismen provoziert, die sprachlich bemerkenswert und ethisch bedenklich sind: Dabei machen nicht nur extreme und extremistische Gruppierungen an den Rändern des politischen Spektrums mit (Un-)Worten wie "Corona-Diktatur" Stimmung. Auch Regierungsvertreter:innen und Staatenverbünde wie die EU versuchen zu 'framen', etwa wenn mit "Rückführungspatenschaften" eine bestimmte politische Agenda sozialverträglich zu vermitteln versucht wird. 

Bereits in den 1970er Jahren hatte der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard gefordert, weniger über die Welt und mehr über die Zeichen zu sprechen, die diese Welt konstruieren ("Agonie des Realen"; Merve, 1978). Die zugrundeliegende Annahme ist, dass Medien gesellschaftliche Ereignisse nicht nur referieren, sondern selbst induzieren, bisweilen auch konstruieren. Kübra Gümüşay diskutiert mit uns im Anschluss an Baudrillard die These, dass in Zeiten des Lockdowns medial vermittelte Themen stärker auf uns wirken. Uns fehlen schlicht die sozialen Gesprächssituationen, in denen wir Ereignisse sonst gemeinsam verarbeiten. Umso problematischer ist diese Situation angesichts einer medial (über?)repräsentierten politischen und wirtschaftlichen Ethik der Abgrenzung, die mit unserer Sehnsucht nach sozialem Miteinander geradezu in Konflikt zu stehen scheint. 

Das Gespräch führt Dr. Marcus Willand. 



1
Kübra Gümüsay / Copyright Foto Paula Winkler

Kübra Gümüsay, geboren 1988 in Hamburg, ist eine der einflussreichsten Journalistinnen und politischen Aktivistinnen unseres Landes. Sie studierte Politikwissenschaften in Hamburg und an der Londoner School of Oriental and African Studies. 2011 wurde ihr Blog Ein Fremdwörterbuch für den Grimme Online Award nominiert. Sie war Kolumnistin der tageszeitung und stand mehrfach auf der TEDx-Bühne. Die von ihr mitbegründete Kampagne #ausnahmslos wurde 2016 mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis ausgezeichnet. Nach Jahren in Oxford lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn wieder in Hamburg.

 

 

 

 

3Dr. Marcus Willand, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und Berater für digitale Strategien und Kommunikation.

 

 

 

 


Sprache und Sein1

Beschreibung

Shortlist WISSEN! Sachbuchpreis der wbg für Geisteswissenschaften 2021

Dieses Buch folgt einer Sehnsucht: nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Nach einem Sprechen, das sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt. Nach wirklich gemeinschaftlichem Denken in einer sich polarisierenden Welt. Kübra Gümüsay setzt sich seit langem für Gleichberechtigung und Diskurse auf Augenhöhe ein. In ihrem ersten Buch geht sie der Frage nach, wie Sprache unser Denken prägt und unsere Politik bestimmt. Sie zeigt, wie Menschen als Individuen unsichtbar werden, wenn sie immer als Teil einer Gruppe gesehen werden - und sich nur als solche äußern dürfen. Doch wie können Menschen wirklich als Menschen sprechen? Und wie können wir alle - in einer Zeit der immer härteren, hasserfüllten Diskurse - anders miteinander kommunizieren?


Weitere Empfehlung: wbg Podcast Folge 15: "Wie wirkt die Macht der Sprache" mit Kübra Gümüşay

Mit unserer Moderatorin Dr. Rebekka Reinhard spricht Kübra Gümüşay über ihr Buch „Sprache und Sein“, über den Einfluss von Sprache auf unser Denken und unsere Politik und darüber, wie wir als Gesellschaft Vorurteile abbauen und Strukturen verändern können. ?

 

1
Zum Video-Podcast
2
Zum Audio-Podcast