Gastbeitrag von Gregor Taxacher "Theologischer Transhumanismus der anderen Art"

wbg Redaktion • 8 Oktober 2021
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Theologischer Transhumanismus der anderen Art

Von Gregor Taxacher

 

Ob befürchtet oder erhofft: Schon seit Jahren ist viel von Transhumanismus die Rede. Mit dem Begriff verbindet sich die Erwartung, dass künftige Technologien sogenannter künstlicher Intelligenz die Menschen weit über ihre derzeitigen natürlichen Möglichkeiten hinaus zu intellektuellen Leistungen, vernetztem Planen, in extremen Visionen gar zu unbegrenztem Leben befähigen werden. Diese neue Form eines technik-visionären Futurismus kann durchaus mit ökologischem Denken einhergehen. Der Historiker und Archäologe Ian Morris etwa geht davon aus, dass nur dieser Sprung über unsere natürlichen Beschränkungen hinaus die Menschheit in die Lage versetzen kann, die ökologische Krise zu überwinden.

Das neue Programm einer Überschreitung des Menschlichen (was trans-human ja wörtlich bedeutet) steht – bei Vertretern wie dem Philosophen Stefan Lorenz Sorgner ganz ausdrücklich – in der Tradition Friedrich Nietzsches und der Verkündigung seines literarischen Propheten Zarathustra vom Übermenschen. Entsprechend kritisch wird diese Vision meist in der Theologie aufgenommen: Bedeutet trans-human nicht auch die Verabschiedung des Humanismus und des häufig als dessen Wurzel beschworenen „christlichen Menschenbildes“?

Übersehen wird dabei meist, dass Nietzsches Übermensch-Prophetie bei allem anti-christlichen Gestus an eine Grundforderung abendländischen Denkens anknüpft, welches den Menschen als ein Projekt betrachtet, das sich selbst zu vervollkommnen, über sich hinaus zu wachsen hat. Gewiss streiten Religion und Aufklärung darum, ob dies eher nach oben oder nach vorn zu geschehen habe, jenseitig oder diesseitig orientiert. Aber das christliche Streben nach dem engelgleichen Leben in Himmel und das neuzeitliche nach einem natürliche Schranken stets fortschrittlich überschreitenden Leben haben doch gemeinsam, dass die Anforderung an den Menschen Abstoßung von seiner „bloßen Natur“, seiner biologischen Endlichkeit bedeutet.

Der neuste Transhumanismus betreibt deshalb auch eine Art Decarnation: Der in den Cyberspace erweiterte, durch KI aufgerüstete, vielleicht am Ende in einen digitalen Avatar transferierte Mensch emanzipiert sich von seinem Körper, von der fleischlichen Erdenschwere. Der transhumane Futurismus mag deshalb auch gedeutet werden als eine trotzige Antwort auf die darwinsche Beleidigung, die ihn zu einer Primatenspezies unter anderen, zum Tier unter Tieren „degradierte“.

Diese Anfechtung hat bekanntlich auch dem Christentum schwer zu schaffen gemacht – und tut dies vielen konservativen bis fundamentalistischen Christentümern bis heute. Aber auch ein moderner, ausdrücklich im Rahmen einer „evolutionären Weltanschauung“ denkender Theologe wie Karl Rahner konnte es als größte Gefahr des Menschen betrachten, wenn der sich damit zufriedengäbe, ein „findiges Tier“ zu sein. Ist es doch seine Berufung, zu transzendieren. Christlicher Trans-Humanismus!

„Transzendenz“ ist wohl eine der schillerndsten Chiffren moderner Theologie. Wohin transzendieren? „Die erkenntnistheoretische ist nicht die wirkliche Transzendenz“, schrieb Dietrich Bonhoeffer in der Haft. Diese sei vielmehr der/die andere, die reale soziale Transzendenz. Aber kann dies beim Menschen exklusiv stehen bleiben? Ist die umfassende ökologische Krise der Gegenwart nicht die Folge eines solchen humanen Exklusivismus, eines Anthropozentrismus?

Derzeit bricht auch in der Theologie die Erkenntnis auf, dass es eines Transhumanismus der anderen Art, wörtlich: nämlich der Überschreitung unserer Art, der Überwindung unseres Speziesismus bedarf. Ich bin froh, zu einer sich allmählich formierenden theologische Community gestoßen zu sein, welche umfassend (und nicht nur in einigen schöpfungstheologischen oder ethischen Reservaten) über die Anthropo-Dezentrierung (wie es der Bonner Theologe Andreas Krebs formuliert) des Denkens forscht. Gemeinsamen Fragens und denkerischen Experimentierens bedarf es dazu, stellt doch diese reale Transzendenz in die Schöpfung hinein zentrale verfestigte Traditionsbestände auf den Prüfstand – deckt auch die wirkungsvolle Brutalität religiösen, auch theo-logischen Exzeptionalismus‘ auf. Wer in die Werkstatt dieser Bemühungen blicken mag, kann dies in diesem Winterhalbjahr in einer offenen Online-Ringvorlesung über „Animate Theologies und kommenden Sommer auf einer Konferenz in Dresden. Zwischenergebnisse dieser Suchbewegung werden künftig in einer Schriftenreihe der WBG gebündelt. Ich bin überzeugt, dass sich ein wirklicher Humanismus nur auf diese Weise – trans-human - bewahrheiten lässt.

 

Dr. habil. Gregor Taxacher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der TU Dortmund.

 

 

 

Kommentare (4)

Marcin Lupa

Die Übermenschen des Silicon Valley, mögen sich noch so sehr von KI-Technology abhängig machen, sie werden nie ihre durchaus tierischen Grundbedürfnisse überschreiten.
Ein jeder von ihnen strebt nach Macht, Ansehen, Renommee, völlig egal wie viele Neurochips er im Gehirn hat und wie er seine visuelle Wahrnehmung mittels Technik und Pharmazie optimiert.

Immer noch wird der Mensch damit zu tun haben, Hierarchien zu genügen und seinem Dominanzstreben erlegen, auch als Teilnehmer der Transhumanität und des Überschrittes zu einer neuen "höheren" Spezies, die mittels KI und Robotik sich einen neuen Anstrich verpasst. Der Mensch verlässt vielleicht den Dschungel, der Dschungel verlässt aber niemals den Menschen.
Dieser bleibt in unseren Genen und Trieben codiert bestehen. Diesseits wie Jenseits. Immerdar.

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  • Kalle Simon

    Der Transhumanismus ist ein wichtiges Thema und muss eine zentrale Stellung in den globalwirtschaftlichen und -ökologischen Gesprächen dieses Jahrhunderts einnehmen.
    Technologie bestimmt den Alltag, insofern die Menschheit zu großen Teilen nicht weiß, wie die täglich verwendeten Maschinen funktionieren und Programme operieren.
    Transhumanismus ist mehr als nur die Adaption des Menschen auf eine nächste Ebene, es ist eine echte Überwindung des Menschen. Die Frage ist nur, wieviele der Menschen generierenden Anteile überwunden werden und ob das Ergebnis -wobei ich nicht vom Übermenschen reden würde- überhaupt noch als Mensch bezeichnet werden kann.

    Ich freue mich auf die Ringvorlesung und danke für die Information und den Beitrag.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Dr. Taxacher
    einige Anmerkung zu Ihrem Artikel:
    ##### Was der Transhumanismus bezeichnet, hypostasiert den aktuellen Status von Wissenschaft und Technik und zeigt auf diese Weise, von der Geschichte des Menschen seit homo erectus nichts zu wissen. Der Fortgang vom Status des homo erectus zum Status der Gegenwart, und also den jeweilen aktuellen Status der Weltbegegnung zum Zwecke der Existenzwahrung – mal mehr, mal weniger effektiv – zu transzendieren, zeigt sich in realitate als schlichte Trivialität. Verlangsamt bis verhindert wurde und wird dieser Fortgang im Bewußtsein seit jeher durch den Umstand einer – zumindest als so problemlos wie selbstverständlich empfundenen – Gewährung der existenziellen Bedürfnisbefriedigung: warum der Anstrengung des Geistes sich befleißigen, wenn kein Unbehagen, keine Not dazu anstößt? Die gemeinhin anzutreffende Reduktion dieses Fortganges ereignet sich unter dem Verdikt einer meinungs- und glaubenskonditionierter Moral, Sittlichkeit, Werten und Wertehierarchie bis hin zu deren Sublimierung zur Kultur.
    Geschichte erzählt uns in epischer Breite: wenn eine Not in der Spannweite von trivial bis Welthorizont erfahren und die Anstrengung des Geistes geleistet wird, dann wird der aktuelle Bewußtseinsstatus transzendiert und die Not zur Gewähr einer prosperierenden Zukunft aufgehoben.
    Diese Transzendierung des aktuellen Bewußtseinsstatus transzendiert einen – erfahrungskonditioniert unzureichenden – Bewußtseinsstatus; nicht aber den Menschen. Schon gar nicht belegt, daß die Transzendierung des aktuellen Bewußtseinsstatus des Menschen den Menschen und dessen Wahrheit erst ‚zur Welt bringt‘. Den transzendierten Bewußtseinsstatus nennen wir gemein „den vergangenen“; mehr aber auch nicht.
    Den wahren (guten, schönen) Menschen proklamierten seit jeher immer nur irgendwelche Religionen und deren Götter, woraus her glaubenskonditionierte Moral, Sittlichkeit, Werte und deren Hierarchie resultierten. Wie die Geschichte in epischer Breite erzählt, klappte es damit bekanntlicher Weise bis heute nicht so wirklich.
    ##### Mit „seiner bloßen Natur“ hatte der Mensch ohnehin, ihm ganz entsprechend, seit eh und je, umgangssprachlich salopp, ‚nichts am Hute‘: der homo erectus spiegelt die Negation „seiner bloßen Natur“ und deren Transzendierung in der Kultur, dem Reich der Resultate, die Anstrengung des Geistes geleistet und so die Materialität der Welt zum Zwecke der Daseinsgewährung ‚erarbeitet‘ und Solches auf eine Bedeutung hin transzendiert zu haben: die gegebene Welt zur Welt des Menschen zu sublimieren, spiegelt die – innerlogisch wohl fundierte – ‚Berufung des Menschen‘ qua geistigem Lebewesen.
    Die Arbeit des Geistes, dieses exklusive Charakteristikum des Menschen, expliziert schon auf der geringsten mentalen Leistungsstufe die Einlösung der Logik des Geistes, den aktuellen oder gegebenen Status seiner selbst wie der Welt zu transzendieren: Denken oder die Negation der Negation. – trivial.
    ##### Die Aktion eines Menschen, sich selbst von seinem Körper, der fleischlichen Erdenschwere, transhumanistisch oder den Menschen übersteigend zu emanzipieren, nennen wir gemeinhin „Suizid“. – Eine eigenartige, von der Eitelkeit her, und also moralisch, konnotierte „Antwort auf die darwinsche Beleidigung“. Dennoch ganz richtig: den Menschen zu transzendieren resultiert zum Tode. – trivial.
    ##### Was der Glaube, eo ipso subjektiv volatil terminiert, als Anfechtung empfindet gegenüber der darwinschen Einsicht in die Entwicklungsgeschichte des Lebens in seinen mannigfachen wie mannigfaltigen Differenzierungen, resultiert der Konditionierung des Bewußtseins, die Welt zu erfahren, durch den Glauben bis hin zur Sittlichkeit und Kultur. Vor dieser Folie stellt sich die Frage, ob das, was der Glaube, die Sittlichkeit, die Kultur als Welt und wahr terminiert, auch in realitate die Welt und wahr ist; ob Solches dem Anspruche (des Menschen, geistiges Lebewesen zu sein oder auf der Stufe seines Begriffes) genügt, die Anstrengung des Geistes bis hin zur Erkenntnis von Welt und wahr geleistet zu haben.
    ##### en passant: der christliche Trans-Humanismus breitet in der Geschichte ein ziemlich tödliches Resultat aus, was in concreto heißt, zum Transzendieren des Menschen berufen zu sein.
    Exkursion:
    Eine eigenartig Rede: „human“ läßt sich nur „trans-human“ bewahrheiten! „human“ läßt sich nur bewahrheiten, wenn „human“ transzendiert, und also überstiegen oder ‚unter sich gelassen‘ wurde; wenn „human“ vergangen gemacht wurde.
    ##### Wie bestimmt sich „human“ in „trans-human“, wenn „human“ überstiegen / transzendiert, und also ‚unter sich gelassen‘ bis ‚vergangen gemacht‘ wird?
    ##### Die Meta-Ebene zu einem Sachgehalt, dem die Objekt-Ebene eignet, leistet die Reflexion oder das Bedenken der Sache (kritische Distanz). Das Wahre oder die Erkenntnis der Sache, geleistet auf der Meta-Ebene, hat zwar die Sache zum Gegenstand, doch transzendiert das Denken in kritischer Distanz die Sache – zum Gedanken und zur Erkenntnis bis hin zu wahr und zum Begriffe.
    ##### Die Sache auf der Meta-Ebene, und also Gedanke, Erkenntnis, Begriff der Sache, hat die Sache auf der Objekt-Ebene transzendiert, ‚unter sich gelassen‘. Denken, Gedanke, Erkenntnis, Begriff der Sache … ereignen sich auf der Meta-Ebene; ein kontradiktorisch Anderes ereignet und bestimmt sich als die Sache auf der Objekt-Ebene.
    Sprachlich drückt sich diese kontradiktorische Differenz in der Gestalt des grammatischen Genitives aus: Das Eine ist die Sache; das Andere der Gedanke oder die Erkenntnis bis hin zum Begriffe „der“ Sache. Die terminologische Rede, die beide, an sich wohl differenzierte, Ebenen dennoch in Eines zusammenhält: adaequatio rei et intellectus.
    ##### Wenn „human“ nur per ‚trans-human‘ sich bewahrheiten läßt, dann ist „human“ transzendiert worden: ‚trans-human‘ beansprucht die Meta-Stufe zu ‚human‘. ‚human‘ transzendieren, läßt ‚human‘ qua Objekt-Stufe unter sich zurück. ‚trans-human‘ läßt auf der Meta-Ebene ‚human‘, und also den Menschen an und für sich, unter sich zurück: wie „bewahrheitet“ die Meta-Ebene zu „human“ oder zum Menschen dieses „human“ oder den Menschen?
    So etwas wie adaequatio rei et intellectus hat, gemäß der Rede von „human“ und „trans-human“ also gerade nicht statt. – Was aber dann?
    ##### Wie bestimmt sich das „human“ in „trans-human“? Gegenüber dem „human“?
    ##### Stimmen „human“ in „human“ und „trans-human“ überein, liegt Äquivokation vor – und „trans“‚ sagt nichts aus oder widerspricht „human“; ist also nichtig.
    ##### Stimmen „human“ im „human“ und „trans-human“ nicht überein, liegt zwar keine Äquivokation vor, wohl aber ein Widerspruch: „human“ bestimmt sich in „human“ als „human“; in „trans-human“ bestimmt sich jedoch das „human“ als transzendiertes „human“, und also eo ipso anders, und also „non-human“: Mit ein und demselben Worte differente bis entgegengesetzte Bestimmtheiten auszusagen, nennt man gemeinhin „Widerspruch“.
    ##### Nehmen wir „trans“ und „human“ in „trans-human“ als ein Kompositum wie etwa „in-human“, dann bleibt „human“ erhalten: „human“ in „in-human“ ist und bleibt dasselbe „human“; das Präfix „in-“ setzt einen Akzent an „human“.
    Welchen Akzent setzt „trans“ an „human“ im Kompositum „trans-human“? – Wobei ja auch noch die Bedeutung des Präfixes „trans“ relevant ist und sprachlich, wenn „human“ identisch bestimmt bleibt, nicht schlüssig paßt: Meta-Ebene, in „trans“ terminiert, ist etwas ‚wesentlich‘ Anderes als die Objekt-Ebene. Von der Objekt-Ebene her ist der Gegenstand auf der Meta-Ebene nicht ‚erkennbar‘; wohl aber von der Meta-Ebene her die Objekt-Ebene; von der Objekt-Ebene her ist die Meta-Ebene ‚transzendent‘: nicht ‚einsehbar‘ oder, genauer: gar nicht ‚vorhanden‘.
    So sagen Sie es ja auch: „Das neue Programm einer Überschreitung des Menschlichen (was trans-human ja wörtlich bedeutet)“. Das Menschliche zu überschreiten, fordert in die Frage: woraufhin?
    Wenn das Menschliche überschritten wird, hat das Menschliche – innerlogisch stringent – keinen Ort in der Überschreitung! Wo der Mensch und mit ihm das Menschliche keinen Ort hat, hat – wie die Geschichte in epischer Breite uns erzählt – der Terror ein weites Feld!
    ##### „human“ und „trans-human“ klappt nicht so wirklich! Logisch formuliert: Widerspruch.
    ##### Das Menschliche / Humane zu transzendieren, um beim Menschlichen / Humanen überhaupt erst oder wahr anzukommen: absurd.
    ##### Leibniz: aus Widersprüchlichem läßt sich Widersprüchliches folgern!
    Solche Widersprüchlichkeit, wie Leibniz es prägnant ausspricht, zeigt sich in der Annahme, „daß künftige Technologien sogenannter künstlicher Intelligenz die Menschen weit über ihre derzeitigen natürlichen Möglichkeiten hinaus zu intellektuellen Leistungen, vernetztem Planen, in extremen Visionen gar zu unbegrenztem Leben befähigen werden“; – Solche Widersprüchlichkeiten werden unter dem Titel „Transhumanismus“ geführt.
    ##### Zuerst einmal: trivial ! Jeder wissenschaftlich-technische Fortschritt intendiert, den gegenwärtigen Status der Weltbegegnung zum Zwecke, das Dasein zu vergewissern, zu transzendieren und eine gesteigerte Zukunft zu gestalten.
    ##### Wer möchte heute noch seinen Alltag bewältigen, um sein Dasein zu wahren, wie etwa die Neandertaler, die Germanen, die Römer, das Mittelalter, das 19.Jh. …?
    ##### Wer möchte heute ohne Radio, TV, Computer, Internet … seine Zeit im Beruf wie im Privaten ‚verbringen‘?
    ##### Was ist an diesen Trivialitäten unserer Gegenwart „trans-human“ ~ den Menschen transzendierend? Der wissenschaftlich-technische Status wurde transzendiert; und das intentional.
    ##### Technologie fällt nicht – aus transzendenten Regionen – auf die Erde und in die Gehirne der Menschen, sondern diese vermögen auf ganz irdische Weise schon selbst Solches hervorzubringen; verbunden mit dem Streben, den hic et nunc vorhandenen Status auch weiterhin und so effektiv wie gegenwärtig möglich zu steigern, und also zu transzendieren.
    ##### Die harte Arbeit der Schauerleute ruinierte deren Gesundheit bis hin zur Invalidität; nicht gerade effektiv! Förderbänder, Kräne, Container … leisten dasselbe weitaus effektiver – und ruinieren keine Gesundheit!
    Dieses Streben, das gegenwärtig Gegebene – von trivialem Alltag bis hin zur Mannigfaltigkeit von Welt und diese zu erleben – in der Anstrengung einer kritischen Auseinandersetzung in einem höheren Status aufzuheben, hat zumindest seit dem homo erectus auf der Stufe von selbstverständlich statt. Im Horizont von Werkzeug und Anwendungssystematik hat das, was heute so großartig klingend „KI“ und „Algorithmus“ heißt, auf der Stufe von Trivial statt: jeder technische Gegenstand in der Spannweite von Werkzeug wie etwa ein Flint-Messer über Maschine wie etwa Schiefe-Ebene samt Flaschenzug bis High-Tech wie PC, Internet … ist die systematische Vergegenständlichung einer vorgängigen intellektuellen Leistung, einen nicht behagenden in einen behagenden und, insbesondere, effektiveren Zustand der Lebenswahrung aufzuheben.
    ##### Mit griechischen und römischen Zahlen zu addieren, multiplizieren, dividieren … klappt bei ‚überschaubaren‘ Größen noch per Kopf; beim Tempel- und Brückenbau schafft ein Rechengenie Solches – vielleicht; doch mit der Mathematisierung, die wir „Algebra“ nennen, wo – auf intellektuelle Weise – ‚unüberschaubare‘ Größen in ‚überschaubaren‘ Buchstaben abstrahiert werden, klappt alles ganz einfach und gestattet, Intendiertes bene fundatum zu einzulösen.
    Welch ein „vernetztes Planen“ erbrachten die alten Ägypter allein nur in der Konstruktion einer Pyramide, eines Tempels à la Abu-Simbel; in der präzisen Planierung des Geländes für den Bau einer Pyramide: mit heute zur Verfügung stehenden technischen Geräten kaum bis gar nicht leistbar; für die alten Ägypter vor 3-4000 Jahren vermittels ihre KI – und deren per Algorithmus, trivial „Erfahrung“ genannt, gesteuerte Anwendung – sehr wohl!
    Nicht erst „künftige Technologien sogenannter künstlichen Intelligenz“ vermögen „die Menschen weit über ihre derzeitigen … Möglichkeiten hinaus“ zu befähigen, sondern Solches eignet dem Menschen seit seinem intellektuellen Status des homo erectus. – Na ja, er nannte es halt noch nicht so!
    Es gehört zu den Trivialitäten des Menschen seit eh und je, mit diesem und jenem nicht zufrieden zu sein (fängt ja schon im Paradiese und der KI der Schlange oder Pragmatik an! Wo wären wir heute – ohne die List der Vernunft, die eine Eva zu vernehmen vermocht?) – und darum auch ganz vernünftig ab ovo ad datum zu intendieren, eine Aufhebung des Ungenügenden zum Genügenden in der Leistung seines Geistes mal locker vom Hocker zu erbringen! Die Leistung des Geistes nennt man gemeinhin: Denken! Solches, es sei wiederholt, vermochte schon homo erectus – sonst säßen wir heute noch unter den Bäumen, sammelten Körner und Früchte und kauten rohes Fleisch! – Zugegeben: KI klingt besser, vor allem moderner; und homo erectus kannte das Wort nicht!
    ##### Der Traum vom ewigen Leben könnte dem homo erectus noch nicht im Schlafe eingefallen sein, doch seit der Menschen ein Unbehagen ob der Kürze seines Lebens empfindet, schaffte er sich eine Aufhebung zum Behagen, – wenn auch nur unbefriedigend, weil nicht so wirklich empirisch nachprüfbar: die Religion und deren avisiertes „ewiges Leben“ im Jenseits – unter der Kondition spezifischer Vorleistungen, die vielleicht auch das Eigene und Eigentliche des Lebens nicht wirklich sein lassen; nicht wirklich sein lassen dürfen, weil der Eine oder der Andere vielleicht auf eigene Gedanken kommen könnte …
    Die Realität des ewigen Lebens, verursacht bekanntlich durch den Mangel, die Götter ‚nicht gut zu denken‘, sieht etwas profaner aus, dafür aber doch recht effektiv: Medizin und Chemie.
    Wenn allerdings von einem „unbegrenzten Leben“ geredet wird, gar von der Intention eines „Transhumanismus“, zeigt sich nur die elementare Borniertheit gegenüber dem Leben – und dem Menschen im Besonderen: Leben ist an und für sich, vorüber zu gehen! Der Mensch ist an und für sich bekanntlich „Zweck an sich selbst“; und also sich selbst – aus eigenem Grunde her wohl fundiert – zu ‚seinem‘ Leben zu gestalten. – Auch eine schon uralte Einsicht!
    ##### Der Tod, der kontradiktorische Widerspruch zum Leben, spiegelt an sich das Wahre des Lebens in seinem Unterschiede zum Leben: der Tod differenziert sich gegenüber dem Leben, nicht vorüber zu gehen, und also unbegrenzt zu verharren wie alles Nichts. – Eigentlich: trivial.

    Résumé mit einer Frage en passant: wie kommt jemand darauf, den Menschen so mal locker vom Hocker hinten runter fallen zu lassen? Und dann intendiert, das Wahre des Menschen erst vermittelst der Aktion, ihn zu transzendieren, hervortreten lassen zu können und auf diese transzendierende Weise den Menschen überhaupt erst zum Menschen werden zu lassen! – Vom Widerspruche mal ganz abgesehen: Welch eine Kompliziertheit? (nochmals Leibniz: wenn’s kompliziert wird, ist’s falsch!)
    Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit, von „human“ zu „trans-human“ fortgehen zu wollen?; einen „Transhumanismus“, die Überschreitung des Menschen und des Menschlichen, und also die „Überschreitung unserer Art, (die) Überwindung unseres Speziesismus“ zu proklamieren und zu intendieren? Und Solches damit zu begründen, daß nur in der Transzendierung des Menschen, und also den Menschen ‚unter / hinter sich zu lassen‘, das Wahre des Menschen überhaupt statthaben kann?
    Es wäre, so mein Vorschlag, das Denken des Denkens zu denken, dem Solches, daß die Transzendierung des Menschen überhaupt erst das Wahre des Menschen aufscheinen läßt, entsprungen ist!
    ##### Conditio sine qua non: das so ganz selbstverständliche, und also so völlig unreflektierte und gegenüber sich selbst reflektionsresistente Bewußtsein, den Menschen schon immer und radikal abgewertet, verworfen, negiert zu haben. – Ein moralischer Uralttopos, dessen empirisch ausgebreitete Vielfärbigkeit (ein Chamäleon könnte neidisch werden) ab ovo ad datum und dessen ebenso empirisch ausgebreitete Volatilität bis hin zum absurden Anspruche der absoluten Position doch dem Bewußtsein zur Anstößigkeit sich sublimierte und ein Bedenken der Sache wie zugleich das Bedenkens seiner selbst in kritischer Distanz evozierte. – Zumindest seit dem antiken Mythos und dem antwortenden Theater wie der Kunst bis hin zur Philosophie läge ein Hinweis auf diese kritische Distanz vor.
    Die Anstößigkeit zu vernehmen, erfordert allerdings, keinem Verdikt eines Selbstverständnisses, und also dessen Denkresistenz, unterworfen zu sein.
    Zum Bedenken in kritischer Distanz von Moral, Sittlichkeit, Werten und deren gängigen Hierarchien, den Menschen zu negieren und dabei spezifisch selbst in diesem Horizont bis hin zur Selbstverständlichkeit der Denkresistenz verhaftet zu sein, wurde der Bewußtseinsstatus „Transhumanismus“ noch nicht angestoßen.

    These: die Auseinandersetzung mit dem Menschen an und für sich, mit dessen Handeln und Verhalten – und, spezifisch, mit dem Grunde oder dem Ursprunge der Intentionen, die vermittelst ihres Wirkens eingelöst werden sollen – hat nicht statt. Diese Auseinandersetzung hat nicht statt, weil das Selbstverständnis von Moral, Sittlichkeit, Werten und deren Hierarchie schon immer und im Anspruche von absolut und wahr terminiert, was der Mensch ist – und was der Mensch dann, wenn er denn Mensch sein können soll, sein können muß.
    Diesem Bewußtseinsstatus entgeht die Geschichte ab ovo schon auf der Stufe eruierter Fakten; insbesondere jedoch die Geschichte auf der Stufe von Bedenken in kritischer Distanz – auch und zugleich gegenüber sich selbst, wie Solches die Antike in der mythischen Gestalt des Hades und der Persephone begriff; darüber hinaus die Geschichte des Theaters, der Literatur, der Kunst … Na ja, Philosophie gehört natürlich auch noch dazu! Spezifisch ein paar ‚Aushängeschilder‘ wie etwa:
    ##### „Dasselbe ist Denken/denken und Sein/sein“.
    ##### „Der Mensch ist das Maß aller Dinge; daß, warum und wie sie sind; daß, warum und wie sie nicht sind“.
    ##### „Der Mensch ist Zweck an sich selbst“
    ##### „Der Mensch ist der existierende Begriff“

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Taxacher,

    vielen Dank für diesen spannenden Blogbeitrag! Wir freuen uns sehr auf die Ringvorlesung, im Besonderen auf Ihren Vortrag!

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