Gastbeitrag: "Mehr fragendes „Mehr“: Brauchen die Geisteswissenschaften eine Reform?" von Dr. Rebekka Reinhard

Rebekka Reinhard • 7 Februar 2021
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Mehr fragendes „Mehr“: Brauchen die Geisteswissenschaften eine Reform?

Ob Covid_19, die bedrohte Demokratie oder der Klimawandel: An Expertinnen und Experten, die beanspruchen, sich auszukennen, mangelt es nicht. Auf jede Frage eine Antwort, für jedes Problem eine Lösung. Naturwissenschaftliche und empirisch fundierte, rasend schnell entwickelte Erklärungen gibt es viele – in Zeitungen und Talkshows, auf Twitter und YouTube. Was fehlt, ist das geduldige, nachvollziehende Verstehen. Der Gegensatz zwischen „positiv“ erkennbarem, von außen, aus der Praxis entwickeltem Erklären und einem inneren, theoretisch-interpretierenden Verstehen geht auf den Philosophen Wilhelm Dilthey zurück. Die „verstehende“ „Wissenschaft der geistigen Welt“: So definierte Dilthey – bezugnehmend auf den Hegelschen „Geist“ – die Geisteswissenschaften.

Dazu zählen heute gemeinhin die Philosophie, die Geschichte, die Theologie oder die Philologien. Was wollen solche Fächer „verstehen“, und wie werden sie ihrerseits verstanden? Dass ihnen eine innerakademische Relevanz zukommt – in ihrer Absetzung bzw. interdisziplinären Verknüpfung mit den Natur-, Sozial-, Wirtschaftswissenschaften oder auch der Informatik – sollte unbestritten sein. Obwohl man darüber streiten kann, ob die einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein gemeinsames Vorverständnis ihres Tuns teilen, weisen sie doch bestimmte gemeinsame inhaltliche Ausrichtungen und Methoden auf: Sie interessieren sich in (überwiegend) theoretischer Weise für das Individuum und/ oder Kollektiv „Mensch“ (worauf auch die im englischen Sprachraum gebräuchliche Bezeichnung „humanities“ referiert); sie beschreiben nicht messbare Größen wie „Kultur“, „Geschichte“ oder „Identität“; sie erfassen, was Menschen verschiedener Epochen an kulturellen Leistungen und Artefakten hervorbringen; sie haben einen systematischen Drang nach sprachlich-begrifflicher Genauigkeit; sie zeigen in all ihrem Tun eine stark normative Schlagseite. Denn immer enthalten ihre Analysen, Heuristiken und Beschreibungen ein implizites „Soll“, das ihren jeweiligen Gegenstand als in ethischem oder humanistischen Sinne wertvoll, „geistvoll“ ausweist. Die geduldig entwickelten, argumentativ durchdachten Erkenntnisse eines Germanisten oder einer Philosophin kann man eben nicht ohne Weiteres ins Format „Daten, Zahlen, Fakten“ quetschen – sie enthalten ein fragendes „Mehr“, auf das es keine eindeutigen, schnelle Antworten gibt. Ein „Mehr“, das den Raum der Selbstreflexion offenhält, zur Kritik von Dogmen und Konventionen einlädt und darauf verweist, dass der Mensch zwar stets in seinen eigenen mentalen Konstrukten und intellektuellen Beschränkungen gefangen bleibt – dass er aber auch den Ehrgeiz besitzt, immer neue Anläufe zu unternehmen, um diese Handicaps zu überwinden. Eben indem er „Geist“ beweist.

Was die innerakademische Entwicklung der Geisteswissenschaften betrifft, gibt es in vielen Bereichen längst eine Vernetzung von Theorie und Praxis (so etwa im sprachwissenschaftlich orientierten Studiengang „digital humanities“, der die Brücke zwischen digitalen Techniken und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen schlägt). Wie aber sieht es mit Bedeutung und Relevanz der Geisteswissenschaften außerhalb von Academia aus? Wird das geisteswissenschaftliche Ringen ums „Verstehen“ hier überhaupt wahrgenommen – wo könnte und müsste es seine Relevanz beweisen?

  

Die moderne Gesellschaft kennt offenbar kaum noch Orte des Hinterfragens und der Selbstreflexion. Gerade in den Institutionen von Wirtschaft und Politik hat man anscheinend immer Wichtigeres zu tun, als sich groß mit Nachdenken aufzuhalten. Man muss vordenken, sich um Zahlen, Fortschritte, Erfolge kümmern. Ist das eine Tatsache? Oder nur eine Beobachtung, eine Interpretation? Festzustellen, was in der Welt geschieht und zu erzählen, wie es geschiegt, obliegt heute den Medien. Zusammengenommen konstituieren alte und neue Medien das, was man früher Öffentlichkeit nannte: einen analogen wie digitalen Raum, der nun in unendlich viele Partikularinteressen zerschossen scheint und aus dem unüberschaubar viele ‚einzellogische‘ Expertisen schallen. Unter die Stimmen von Virologinnen, Politiker, Ökonominnen mischen sich die von Verschwörungsgläubigen, Kosmetikikonen, Umweltaktivistinnen, Lehrern. Die neue Öffentlichkeit ist laut, schnell und dumpf. Die Tonspuren von Deliberation, diskursivem Abwägen und Hypothesenbilden laufen kaum hörbar irgendwo im Hintergrund mit. Wenn diese neue Öffentlichkeit der Ort ist, an dem über die Relevanz einzelner Stimmen immer neu verhandelt und entschieden wird – brauchen Geisteswissenschaftler dann ein Megaphon?

2019 war ich zu einer universitären Tagung eingeladen, die der „kritischen Reflexion von politischer Theorie und politischer Philosophie von außen“ dienen sollte. Man erhoffe sich, dass ich mit meiner „Expertise“ als stellvertretende Chefredakteurin einer Philosophie-Zeitschrift „etwas über die Bedingungen sagen (könne), unter denen politische Philosophie in der zeitgenössischen Öffentlichkeit Aufnahme finden kann.“ Vorab erhielt ich ein weiteres Anschreiben, in dem es u. a. hieß: „Wir würden gerne von Ihnen hören, welcher Art die Nachfrage aus den Medien genau ist, inwiefern wir die erfüllen können, was wir aus Ihrer Sicht genau liefern sollen… was wir insgesamt besser machen können, was erklären könnte, dass es ggf. immer noch Schwierigkeiten in der Informationskette … gibt.“ Bemerkenswert an der Formulierung dieses Anliegens schien mir nicht nur das ökonomische bzw. technologische Vokabular („liefern“, „Informationskette“), sondern auch die zugrundeliegende implizite Prämisse, wonach die geisteswissenschaftliche Disziplin der Politischen Philosophie offenbar bestimmten Marktkriterien zu gehorchen habe, sobald sie den akademischen Raum verlasse. Sonst, so die implizite Schlussfolgerung, würde ihr „Verstehen“-wollen womöglich nicht richtig verstanden und schlimmstenfalls als bedeutungslos, irrelevant eingestuft werden.

An sich scheint mir der Anspruch von Geisteswissenschaftlern, verständlich sein zu wollen, gut und richtig. Auch lange nach jener Tagung bin ich der Meinung, dass es dabei auf die Bereitschaft speziell der Philosophinnen und Philosophen ankommt, ihr intellektualistisches Selbstverständnis zu reformieren. Wenn Philosophie im pragmatistischen „Geiste“ von William James, Charles S. Peirce und John Dewey als Trial-and-Error-Methode und kulturkritisches Instrument eingesetzt würde, um neue Perspektiven und Handlungsweisen für die Welt da draußen zu erschließen, wäre sicher viel gewonnen (s. hierzu a. „Wozu Philosophie“ in Hohe Luft 6/ 2019). Wenn Reform heißt: „Der Gefahr des systemimmanenten Bestätigungsfehlers und der zirkulären Selbstlegitimationen entkommen“, bin ich sofort dafür. Eine solche Reform könnte, glaube ich, Geisteswissenschaftlern insgesamt sehr helfen, ihre zeitgenössische Bedeutung unter Beweis stellen, ohne als ‚abgehoben‘ oder gar ‚arrogant‘ wahrgenommen zu werden. Wenn Reform aber heißen soll, den Geisteswissenschaften gewaltsam ein Megaphon überzustülpen, weil Verständlichkeit im Dienste der Medien plötzlich – seit wann eigentlich: seit Richard David Precht? Seit Markus Gabriel? – als eine Art unhinterfragte conditio sine qua non ihrer Existenzberechtigung gilt, die die akademischen „Versteherinnen“ und „Versteher“ gefälligst zu akzeptieren haben. Wenn Reform also heißen soll, das Modell einiger weniger repräsentativer, omnipräsenter Figuren zur Regel zu machen, bin ich entschieden dagegen.

Ich möchte vor einer „geistlosen“ Reform warnen, die das öffentliche Verstanden-Werden-Wollen zu einem unbedingten Imperativ machen will. Geisteswissenschaftler sind Profis der Reflexion und (selbst)kritischen Begriffsanalyse. Was sie selbst aus meiner Sicht aber immer noch unzureichend reflektieren, ist die Tatsache, dass Medien nicht einfach neutrale Informations- und Orientierungsvermittler sind, sondern auch Macht besitzen. Eine Macht, die verschiedensten Interessen dienen kann. Die Aufgabenstellung der erwähnten Tagung ist für mich exemplarisch. Ich glaube, Geisteswissenschaften sind relevant und bedeutsam nicht dann, wenn ihre Inhalte multimedial vermittelbar und eins zu eins in die Praxis übersetzbar sind. Nicht jede Historikerin, nicht jeder Linguist kann und muss zum öffentlichen Intellektuellen mutieren. Nicht jede und jeder muss Sachbuchbesteller „liefern“, um als eine wichtige Stimme wahrgenommen zu werden. Denn nicht jede und jeder Geisteswissenschaftler eignet sich dafür, „die Nachfrage der Medien“ zu „erfüllen“. Zumindest nicht in Deutschland. In den USA, ein Land, in dem Akademiker (auch aufgrund ihrer pragmatistischen Tradition) weitaus entspannter zwischen Theorie und Praxis, „High“ und „Low“ navigieren als hierzulande, mag dies anders sein. Hier und heute ist die medial erschaffene und gefilterte Öffentlichkeit eher der falsche Ort, an dem die Geisteswissenschaften ihre Bedeutung und Relevanz beweisen sollten. Die langsame Herausbildung begründeter Meinungen und vernünftiger Urteile in Talkshows ist strukturell unmöglich. Die Einsicht in komplexe Zusammenhänge verträgt sich nicht mit dem Twitter-Design.

Ich glaube, geisteswissenschaftliches „Verstehen“ könnte an einem ganz anderen außerakademischen Ort – im Sinne seiner normativen Schlagseite (s.o.) – ihre Bedeutung und Relevanz beweisen. Ein im Sinne Dilteys begriffenes inneres Verstehen hat man nicht einfach. Man kann es aber lernen. An einem Ort, der zur Universität hinführt – oder in die krude Praxis. Wie nicht wenige geisteswissenschaftlich (aus)gebildete Menschen bin ich der Meinung, dass die Schule der geeignete Ort wäre. Mit dem Eintritt in die Grundschule sollte ein Kind Lerninhalte nicht schlucken, sondern entwickeln dürfen. Es sollte nicht mit Erklärungen abgespeist werden, sondern Verstehen lernen und genügend Zeit kriegen, den Unterschied zwischen begründeter Meinung und ideologischer Position zu erfassen. Ein Kind sollte fähig werden, im Dialog mit anderen inneren Reichtum anzuhäufen, Worte, Begriffe, Argumente finden, die seine Fantasie und seinen Möglichkeitssinn anregen. Ich glaube, die Geisteswissenschaften können und sollten ihre wahre Bedeutung und (System-)Relevanz dort beweisen, wo sie es mit Minderjährigen zu tun haben. Vielleicht braucht die „Wissenschaft der geistigen Welt“ insgesamt weniger eine Reform als ein außerakademisches Umfeld, in dem Leute unterwegs sind, deren Gehirne noch offen sind für „geistvolle“ Beschäftigungen. Denn es sind diese Leute, die einmal entscheiden werden, was für sie relevant und irrelevant ist. 


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Literatur

Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883).

Die klassische Definition und Positionsbeschreibung der Geisteswissenschaften. URL:

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Dilthey,%20Wilhelm/Einleitung%20in%20die%20Geisteswissenschaften

 

Hans Joas und Jörg Noller, hg. Geisteswissenschaft – was bleibt? Karl Alber, 2019.

Ein Sammelband über Tradition und Zukunft geisteswissenschaftlicher Fächer und Ansätze.

 

C. P. Snow. Die zwei Kulturen. Klett-Cotta, 1992.

Einflussreiches Plädoyer für die Überwindung der Kluft zwischen den geisteswissenschaftlich-literarischen und den naturwissenschaftlich-technologischen Welten


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Über die Autorin

Dr. Rebekka Reinhard ist freie Philosophin, stv. Chefredakteurin der Zeitschrift HOHE LUFT und Buchautorin. Zuletzt veröffentlichte sie „Wach denken: Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch“ (edition körber, 2020). Für die wbg hostet sie den Sachbuch-Podcast „Was sagen Sie dazu?“. "Mehr fragendes „Mehr“: Brauchen die Geisteswissenschaften eine Reform?" ist in HOHE LUFT erschienen. 

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