Gastbeitrag: Essay von Juniorprofessor Dr. Stefan Hartmann - Wissenschaft und (Sprach-)Politik: Es ist kompliziert

wbg Redaktion • 27 Januar 2021
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Wissenschaft und (Sprach-)Politik: Es ist kompliziert

Essay von Juniorprofessor Dr. Stefan Hartmann


In der Kontroverse über geschlechtergerechte Sprache, die derzeit wieder verstärkt geführt wird, scheinen die Fronten verhärtet – auch deshalb, weil die Diskussion einen Teilaspekt einer weit umfassenderen Debatte bildet. Die Diskussion zwischen Henning Lobin und Ulrike Ackermann sowie die Blogbeiträge von Ann-Kristin Iwersen und Achim Sohns zeigen sehr deutlich, dass wir es nicht nur mit unterschiedlichen Positionen, sondern auch mit unterschiedlichen Wahrnehmungen derselben Situation zu tun haben. Um zwei Fragen, die in einer Mitgliederumfrage der wbg angesprochen wurden, geht es in ihrer Debatte: Zum einen um die Frage, ob die wbg gendern sollte, zum anderen um die Frage, ob sie in ihrer Programmausrichtung politischer werden sollte. In diesem Beitrag wird es vorrangig um die erste Frage gehen, wobei die Verhältnisbestimmung zwischen Wissenschaft und (Sprach-)Politik immer wieder ein Thema sein wird.

Die Beiträge von Iwersen und Sohns gehen in eine ähnliche Richtung: Beide kritisieren „Gendersprache“ als unästhetisch und, viel wichtiger, als undemokratisch. Viele Befürworterinnen und Befürworter geschlechtergerechter Sprache, darunter auch ich, werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass weder irgendjemand zum Gendern gezwungen werden soll noch eine groß angelegte „Umerziehungsmaßnahme“ im Gange ist. Zugleich wird aber deutlich, dass dies teilweise anders wahrgenommen wird, dass ein „moralischer Druck“ (Ulrike Ackermann im Gespräch mit Henning Lobin) empfunden wird. Das ist ein Aspekt, den wir nicht ausblenden sollten, auch wenn wir die dahinterstehende Annahme nicht teilen. „Gendersprache“ – schon dies ist eigentlich ein Kampfbegriff – wird als autoritär verordnet, teilweise gar als Vorstufe zu einer Art Orwellschem Neusprech gesehen. Woher kommt diese Wahrnehmung?
Diese Frage liegt etwas außerhalb meines wissenschaftlichen Kompetenzbereichs, aber nicht ganz: In meiner Arbeit geht es unter anderem um Sprachwandel, der als Prozess kultureller Evolution verstanden werden kann. Zeichensysteme aller Art, kollektive Wissensbestände, kulturelle Codes, Werte und Normen sind Wandelprozessen unterworfen, wobei sich aus dem Einzelhandeln zahlreicher Individuen ein System ergibt. Um das an einem sehr eingängigen Beispiel deutlich zu machen: Mein emeritierter Düsseldorfer Kollege Rudi Keller hat für Sprachwandel das Bild des Trampelpfads geprägt. Wenn viele Menschen unabhängig voneinander von A nach B gelangen wollen, entsteht er, ohne dass er von irgendwem beabsichtigt gewesen wäre.

Was hat das nun mit der besagten Debatte zu tun? – Aus meiner Sicht sehr viel, denn, um im Bild zu bleiben: Wir haben es mit einer Reihe gedanklicher Trampelpfade zu tun, die, verstärkt durch soziale Netzwerke und mediale Zuspitzung, immer fester getrampelt, ja zementiert werden. Denn die Mechanismen der kulturellen Evolution betreffen nicht nur Sprache(n), sondern auch das, was der Evolutionsbiologe Richard Dawkins „Meme“ genannt hat – Ideen oder Verhaltensweisen, die sich quasi „viral“ verbreiten (weshalb der Begriff später für die Bild-Text-Kombinationen adaptiert wurde, die im Netz viral gehen). Solche Meme sind auch Ideen und Narrative, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen als Grundkonsens geteilt werden. Ein solcher Grundkonsens kann, aber muss nicht evidenzbasiert sein. So gibt es Gruppen, deren Grundkonsens lautet, dass die Corona-Pandemie nur eine Erfindung sei.

In den vergangenen Jahren wurde oft auf das Problem der sogenannten Echokammern aufmerksam gemacht, die wohl tatsächlich das Aufkommen und insbesondere die hartnäckige Faktenresistenz solch problematischer Narrative mit befördert haben. In der Diskussion um inklusive Sprache gibt es nun zwei diametral entgegengesetzte „Grundwahrheiten“ – wenn auch sicherlich mit einigen Abstufungen zwischen den beiden Positionen: Auf der einen Seite die Ansicht, dass der Gebrauch geschlechtergerechter Sprache eine Selbstverständlichkeit sein sollte, „eine Frage der Moral“, wie es Anatol Stefanowitsch in seinem gleichnamigen Buch formuliert hat. Aus dieser Perspektive sind die vehemente Ablehnung geschlechtergerechter Sprache und die hartnäckige Verteidigung des sogenannten generischen Maskulinums der Versuch einer kleinen, aber lauten Minderheit, ihre Sprachgewohnheiten nicht an die langsam, aber sicher sich durchsetzende Konvention, dass Frauen in der Sprache nicht nur mitgemeint sein sollten, anzupassen. Auf der anderen Seite steht der Grundkonsens, dass das „Gendern“, insbesondere durch das häufig bespöttelte Gendersternchen, einen unzulässigen Eingriff ins Sprachsystem darstellt. Aus dieser Perspektive ist das Bemühen um gendergerechte Sprache der Versuch einer kleinen, aber lauten Minderheit, der (schweigenden) Mehrheit ihre eher weltfremden Sprachgewohnheiten aufzuzwingen.

Der Blick auf die Mechanismen kultureller Evolution hilft uns zu verstehen, wie diese gedanklichen Trampelpfade allmählich gefestigt wurden. Das Bemühen um geschlechtergerechte Sprache hat eine lange Tradition unter anderem in der feministischen Linguistik, deren wohl bekannteste Vertreterin Luise Pusch in den frühen 80ern konstatierte, dass das Deutsche eine „Männersprache“ sei: Der Mann ist die Norm, Frauen sind zumeist quasi unsichtbar. Gerade weil dieser Androzentrismus aber so stark in der Grammatik des Deutschen verwurzelt ist, lässt sich dieses Problem nicht beheben, ohne tief in eingeschliffene Sprachgewohnheiten einzugreifen. Radikale Vorschläge, die im Laufe der Jahre gemacht wurden, bestanden z.B. darin, das Movierungssuffix  in(nen) ganz abzuschaffen und von einer Professor statt von einer Professorin zu sprechen, geschlechtsneutrale Stammbildungen ohne  er-Suffix wie das Lehr statt der Lehrer/die Lehrerin einzuführen oder mit einem geschlechtsneutralen Suffix wie -x (Professx statt Professor/Professorin) zu arbeiten. Im Vergleich dazu scheinen Morphemtrennzeichen wie Gender-Stern, Gender-Gap und andere gleich weit weniger radikal, aber immer noch radikal genug, um die Sprachgewohnheiten derjenigen, die ihnen zum ersten Mal begegnen, auf eine harte Probe zu stellen (was ja teilweise auch ihr Sinn und Zweck ist, denn die Leserin oder der Hörer soll ja gerade durch das Stolpern im Redefluss daran erinnert werden, dass z.B. die Tätigkeit, um die es gerade geht, nicht nur von Männern ausgeübt wird). Damit lässt sich wiederum erklären, dass diese Formen gerade im medialen Diskurs eine Art Stigmatisierung erfahren haben – als „Gendersprache“, bisweilen auch als „Gender-Gaga“. Auf der einen Seite steht also der sehr nachvollziehbare Wunsch nach sprachlicher Inklusion, auf der anderen Seite der ebenfalls nachvollziehbare Wunsch, den eigenen Sprachgebrauch nicht allzu tiefgreifend zu verändern. Dass es auch relativ unaufdringliche Varianten des Genderns gibt, etwa die Beidnennung (Lehrerinnen und Lehrer), wird in der Diskussion oft ausgeblendet.
Natürlich ist Gendern, egal in welcher Form, zunächst einmal ein sprachpolitischer Akt. Das führt uns zur Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und (Sprach-)Politik, die im Mittelpunkt des Beitrags von Ann-Kristin Iwersen steht. Selbstverständlich ist auch Wissenschaft nie ganz frei von Ideologien, Narrativen, Moden. Und Wissenschaft zeichnet sich durch ein breites Spektrum an Meinungen aus – allerdings nicht Meinungen im landläufigen Sinn, sondern evidenzbasierten Positionen. Hier stellt sich freilich die Frage: Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? Lässt sich wissenschaftliche Evidenz ganz unideologisch evaluieren? Bei Thilo Sarrazin, den Iwersen als Opfer einer „cancel culture“ sieht, gibt es breiten Konsens darüber, dass er die Daten und Fakten, auf die er sich stützt, auf eine Weise einsetzt, die wissenschaftlich problematisch ist, ganz unabhängig davon, ob man seine Positionen nun teilt oder nicht. Gleiches gilt meines Wissens für so ziemlich alle Personen, deren Forschung „das gängige Narrativ zum Thema ‚Klimawandel‘ in Frage stellt“ (Iwersen) – auch wenn ich mich für dieses Urteil auf die Expertise von Kolleginnen und Kollegen aus den Naturwissenschaften verlassen muss.

In anderen Fällen fällt diese Grenzziehung schwerer. Wenn es um Sprache geht, kommt das Problem hinzu, dass auch unter Fachleuten nicht ganz unumstritten ist, was genau Sprache ist und wie man sie am besten wissenschaftlich modelliert. Diejenigen, die das sogenannte generische Maskulinum, also den geschlechterübergreifenden Gebrauch maskuliner Formen, verteidigen, berufen sich meist auf das „Sprachsystem“. Auch wenn niemand diese Metapher ernsthaft gebrauchen würde, kann man sich das Sprachsystem ein bisschen wie ein komplexes mechanisches Getriebe vorstellen, in dem viele Zahnrädchen ineinandergreifen und dessen Funktionsweise beeinträchtigt wird, wenn man eines der Rädchen brachial herausschlägt und durch ein anderes ersetzt – etwa durch sprachaktivistische Eingriffe. Auf der anderen Seite haben wir das Bild von Sprache als dynamisches Netzwerk, das prinzipiell durch jede einzelne Äußerung, die getätigt wird, neu konfiguriert werden kann. Nun kann man nicht sagen, dass eines dieser Modelle „richtig“ und das andere „falsch“ wäre – beide haben für unterschiedliche Fragestellungen heuristischen Wert. Ersteres eignet sich z.B. für die Grammatikschreibung und den Sprachunterricht, Letzteres für die Beschreibung des tatsächlichen Sprachgebrauchs, insbesondere dann, wenn es um sprachliche Variation und Sprachwandel geht. 
Deshalb würde ich auch vehement dafür argumentieren, dass es aus wissenschaftlicher Sicht, ganz unabhängig von sprachpolitischen Überzeugungen, keinerlei Evidenz dafür gibt, dass irgendeine Spielart des Genderns die Sprache „zerstören“ oder auch nur ihre Ausdrucksfähigkeit beeinträchtigen könnte. Auch ist das generische Maskulinum keineswegs ein so völlig unhinterfragbar in der Grammatik des Deutschen verankertes Faktum, wie es seine Verteidigerinnen und Verteidiger gern glauben machen wollen – auch wenn es andererseits komplexer ist, als dass man es mit der apodiktischen Behauptung, es gebe kein generisches Maskulinum, vom Tisch fegen könnte. Dessen ungeachtet gibt es aber sehr viel Evidenz, dass maskuline Personenbezeichnungen, die geschlechterübergreifend intendiert sind, letztlich doch rein maskulin verstanden werden – ein wissenschaftliches Argument, das aus sprachpolitischer Perspektive für geschlechtergerechte Sprache spricht. Ähnlich überzeugende wissenschaftliche Argumente für die Gegenposition gibt es meines Wissens nicht – was nicht heißt, dass doch bitte von heute auf morgen alle anfangen sollen zu gendern. Entgegen dem verbreiteten Narrativ fordert das auch kaum jemand. Auch die offenbar recht verbreitete Annahme, es gebe an deutschen Universitäten einen Zwang zum Gendern unter Androhung schlechterer Bewertung, scheint sich eher auf anekdotische Evidenz zu stützen. Ich selbst – und ich denke, da spreche ich für viele Kolleginnen und Kollegen – erwarte von Studierenden nicht, dass sie gendern; was ich aber grundsätzlich von Leuten erwarte, die professionell Texte produzieren (und dazu würde ich Studierende der Geisteswissenschaften zählen), ist, dass sie sich mit der Frage nach geschlechtergerechtem Sprachgebrauch zumindest auseinandersetzen.

Das kann nur funktionieren, wenn gängige Narrative hinterfragt werden. Wenn Iwersen und, in noch deutlich krasserer Form, Sohns in ihren Beiträgen eine Spaltung der Gesellschaft beklagen, übersehen sie, dass sie in ihrer Argumentation rechtslastige Narrative bedienen, die in ganz erheblichem Maße zur Polarisierung des Diskurses beitragen, sich aber bei genauerem Hinsehen nur als eine gefühlte Wahrheit entpuppen. Wir müssen verstehen, woher diese Narrative kommen, aber wir müssen sie auch überwinden, um zu einer sachlichen Debatte zu finden und die wahrgenommene ideologische Aufladung des Sprachgebrauchs etwas einzudämmen. Dann können wir die Sachfragen diskutieren, die sich um die Frage ranken, wie man Sprache inklusiver gestalten kann und in welchem Maße das überhaupt sinnvoll ist. Auch hier sollten wir aber aufpassen, nicht verbreiteten Fehlschlüssen zu unterliegen, die den häufigsten Argumenten gegen geschlechtergerechte Sprache zugrundeliegen. Ich will hier nur drei Beispiele nennen.

Erstens: Gendern sei unästhetisch. Hier wird „Gendern“ mit bestimmten sehr auffälligen Formen wie Gender-Stern, Gender-Gap, vielleicht noch Partizipialbildungen wie Zuhörende gleichgesetzt, und es wird übersehen, dass es auch andere, weniger „invasive“ Formen gibt, z.B. die Beidnennung oder die abwechselnde Nennung maskuliner und femininer Formen. 

Zweitens: Gendern ändere nichts an existierenden Diskriminierungsmustern in der realen Welt. Schon oft wurde darauf hingewiesen, dass dieses Argument nicht zieht, und zwar aus mehreren Gründen: a) Niemand erwartet ernsthaft, dass inklusive Sprache automatisch zu mehr Gerechtigkeit in der außersprachlichen Welt führt. b) Das Problem, das mit geschlechtergerechter Sprache zumindest ein Stückweit gelöst werden soll, ist vielmehr zunächst einmal ein innersprachliches: Patriarchale Strukturen sind tief in der Grammatik verankert, Frauen werden systematisch ausgeblendet. Dies wird auch deshalb als Problem wahrgenommen, weil sprachliche Handlungen eben auch Handlungen sind, weshalb sich sprachliche Diskriminierung nicht unbedingt maßgeblich von Diskriminierung in anderen Bereichen unterscheidet. c) Wie genau und wie stark Sprache unser Denken prägt, ist wissenschaftlich umstritten, aber es gibt durchaus gute Gründe dafür, anzunehmen, dass Frauen durch die häufigere explizite Verwendung gegenderter Formen viel häufiger mitgedacht werden und sich zudem z.B. in Bewerbungsverfahren eher angesprochen fühlen, sodass die Annahme zumindest mittelbarer Auswirkungen auf andere Bereiche außerhalb der Sprache nicht allzu abwegig erscheint. – Das Argument, dass Gendern nichts an realweltlicher Diskriminierung ändere, wird manchmal mit dem Zusatz verbunden, dass es doch ohnehin andere, größere Probleme gebe. Auch wenn das Holzhammer-Schlagwort „Whataboutism“ manchmal vielleicht etwas zu schnell ausgepackt wird, ist dies ein Musterbeispiel dafür: Nur weil es größere Probleme gibt, heißt das ja nicht, dass man im Grunde relativ einfach zu lösende Probleme im Kleinen nicht angehen sollte. 

Drittens: Gendern lasse sich gar nicht konsequent umsetzen und werde auch von den Befürworterinnen und Befürwortern nicht konsequent umgesetzt. Insbesondere negative Wörter wie Terrorist würden oft im generischen Maskulinum belassen. Dieses Argument greift jedoch nur die Umsetzung, nicht die Idee an sich, an und erliegt zugleich dem Fehlschluss, dass geschlechtergerechte Sprache nur dann funktioniere, wenn wirklich jede Personenbezeichnung gegendert würde, oder dass dies zumindest das Ziel geschlechtergerechter Sprache sei. Da es ja aber in erster Linie um Sichtbarmachung geht, konstruiert die Kritik an mangelnder konsequenter Umsetzbarkeit ein Problem, das es gar nicht gibt. Dass die Umsetzung geschlechtergerechter Sprache in ihrer Konsequenz variiert, zeigt auch, dass Sprecherinnen und Sprecher von ihrer Freiheit Gebrauch machen, selbst die Balance auszuloten zwischen Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität auf der einen Seite und persönlichem ästhetischem Empfinden auf der anderen. So sagte Petra Gerster, die als eine der ersten den Glottisschlag als sprachliches Äquivalent zu Genderstern oder Gendergap in die reichweitenstarken heute-Nachrichten eingebracht hat, neulich in einem taz-Interview, dass sie eher nicht Neandertaler*innen sagen würde, weil das nicht einer gewissen Komik entbehrte. Das wirft zwar interessante Fragen über unsere Konzeptualisierung von Neandertalern und vielleicht auch über ihr Fortpflanzungsverhalten auf, ist aber ebenso legitim wie nachvollziehbar. 

Das führt uns nun zu den eigentlichen Sachfragen, die man durchaus kontrovers diskutieren kann. Wenn etwa ein Unternehmen wie die wbg eine möglichst einheitliche Lösung finden möchte, sei es in Form eines Hausstils oder in Form von Empfehlungen, kann man beispielsweise fragen, wie stark man sprachpolitische Ziele auf der einen Seite und das ästhetische Empfinden vieler Leserinnen und Leser auf der anderen Seite gewichten möchte. Derzeit stoßen einzelne Realisierungsformen geschlechtergerechter Sprache auch aufgrund des erwähnten Narrativs einer vermeintlichen Durchsetzung „von oben“ auf breite Ablehnung. Immer wieder wird in Diskussionen auf Umfragen verwiesen, wonach eine Mehrheit der Deutschen „das Gendern“ ablehne (wobei auch hier oft nicht zwischen unterschiedlichen Realisierungsformen differenziert wird). Das hindert natürlich niemanden daran, trotzdem geschlechtergerechte Sprache zu gebrauchen, denn glücklicherweise kann uns weder die Mehrheitsmeinung vorschreiben, wie wir zu schreiben und zu sprechen haben, noch das linke „Wohlstandsmilieu“, auf das sich Achim Sohns bezieht. Ob die Umfragen in wenigen Jahren stärker zugunsten des Genderns ausfallen oder ob die Fronten bestehen bleiben oder sich gar noch verhärten, bleibt abzuwarten.

Auch wenn ich weiß, dass Einheitlichkeit in vielen Unternehmen, Institutionen, Verlagen gern gesehen wird (Stichwort „corporate design“), wäre daher meine persönliche Empfehlung an all diejenigen, die Richtlinien, Empfehlungen, Hausstile und ähnliches konzipieren, den Autorinnen und Autoren die Verwendung geschlechtergerechter Sprache zu empfehlen, da aus meiner Sicht sehr viel mehr Argumente dafür als dagegen sprechen, ohne sie aber dazu zu zwingen und insbesondere, ohne eine konkrete Realisierungsform verbindlich vorzuschreiben. Das führt dann zwar zu einer bunten Vielfalt an verschiedenen Realisierungsweisen geschlechtergerechter Sprache, die aber nur das widerspiegelt, was wir ohnehin derzeit in der Sprache beobachten können. Solche Variationsphänomene gibt es in der Sprache oft, und vielleicht werden die unterschiedlichen Varianten weiterhin bestehen bleiben, vielleicht wird sich auch eine Variante durchsetzen – denn letztlich ist Sprache auch ein sich selbst organisierendes System, das auch deshalb nicht gegen sprachaktivistische Eingriffe verteidigt werden muss.


1Jun.-Prof. Dr. Stefan Hartmann ist Juniorprofessur für Germanistische Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der vor allem im Bereich der Historischen und Kognitiven Linguistik lehrt und forscht.

Kommentare (2)

Achim Sohns

Natürlich ist der "Gender-Sprech" ein politisches Projekt der politischen Linken, linker Linguisten, wie bspw. der Duden-Redaktionsleiterin, Frau Kunkel-Ratzum. Dumpf und ganz und gar nicht "wissenschaftlich" wird die Sache dann, wenn Gegenpositionen in die Nähe der AfD - mit den obligatorischen historischen Implikationen gerückt werden -, wie Herr Hartmann das leider tut. Ein bewährtes Instrument, um die Mitte der Gesellschaft "zum Schweigen" zu bringen. Würde Herr Hartmann auch zum Mindestlohn eine ablehnende Einstellung einnehmen, weil auch die AfD dafür ist ? Es muss also passen ...

Besser finde ich das hier (bspw. mit dem Philosophen Peter Sloterdijk) :

https://vds-ev.de/gegenwartsdeutsch/gendersprache/gendersprache-untersc…

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  • Meinolf Schmidt

    Als ehemaliger Schüler des Linguisten Rudi Keller, der den Sprachwandel gern mit einem Trampelpfad verglich, sehe ich das Thema eher gelassen. Gerade deshalb irritiert mich die ideologische Heftigkeit, mit der hier 'gefochten' wird. Was steckt dahinter, frage ich mich?

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