Gastbeitrag: "Digital Humanities. Geistes- und Kulturwissenschaften im Fokus der Digitalisierung" von Katja Alexandrakis und Dr. Daniel Walther, FZI Forschungszentrum Informatik

wbg Redaktion • 10 März 2021

Digital Humanities

Geistes- und Kulturwissenschaften im Fokus der Digitalisierung

Ein Beitrag von Katja Alexandrakis und Dr. Daniel Walther, FZI Forschungszentrum Informatik


Digital Humanities heben die einst ehernen Grenzen zwischen Informatik bzw. Computerwissenschaften einerseits und Geisteswissenschaften andererseits auf, verbindet beide Disziplinen und integriert Ansätze der Wissensordnung und Infrastrukturforschung. Dass die klassischen Geisteswissenschaften dabei einen Wandel erfahren, der sich letztlich auch auf die Dokumentation und Nutzungsweise der Forschungsergebnisse auswirkt, steht außer Frage. Man denke nur an die datenstrukturelle Aufbereitung oder die digitale Verfügbarkeit sowie Visualisierung von großen Wissensbeständen. Die Inhalte der digitalen Geisteswissenschaften werden von der Informatik stärker methodisch, von der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eher datenstrukturell sowie von den Geisteswissenschaften forschungsgegenständlich geprägt. Kann jedoch im Umkehrschluss auch von einer Rückkopplung, im Sinne einer Erkenntnisgewinnung für die Informatik durch die Digital Humanities ausgegangen werden? Wie gestaltet sich der Diskurs innerhalb der Geisteswissenschaften, wird die neue Disziplin als bloßes Werkzeug oder gar Störfaktor wahrgenommen? Und wer profitiert von den Ergebnissen der Digital Humanities? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt in diesem Interview Dr. Mareike König vom Deutschen Historischen Institut Paris.


Digitale Geisteswissenschaften in der Forschungs-, Arbeits- und Medienwelt von heute und morgen – ein Interview mit Dr. Mareike König (Deutsches Historisches Institut Paris)

Alexandrakis / Walther: Was verbirgt sich hinter dem Begriff Digital Humanities?

König: Gleich zu Beginn eine schwierige Frage! Eine eindeutige Definition der Digital Humanities gibt es tatsächlich gar nicht. Allein schon aufgrund der Breite, Fluidität und Transdisziplinarität des Fachs sind die Antworten auf diese Frage äußerst vielfältig und stark abhängig von den Praktiken der jeweiligen Wissenschaftlerin oder des jeweiligen Wissenschaftlers, der sie beantworten soll.

Mein Antwortversuch lautet, dass die Digital Humanities die Entwicklung, Anwendung und Erforschung von digitalen Techniken, Methoden und Medien zur Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen umfassen. Zugleich sind DH nicht nur Methode oder ein Praxisfeld, sondern auch selbst Objekt, und so schließen sie Theorie und Selbstreflexion insbesondere in Bezug auf digitale Forschungs-, Publikations- und Kommunikationsprozesse mit ein.

Sind DH nach mittlerweile über 20 Jahren eine anerkannte Disziplin oder werden sie von beiden Fachwelten noch „belächelt“?

Belächelt werden die DH in den beiden Fachwelten nicht, würde ich sagen. Sie werden im besten Falle ignoriert, im schlimmsten Fall als Störfaktor wahrgenommen oder kritisch-neidisch beäugt, weil sie die geisteswissenschaftlichen Fächer zu einer empirischen Wissenschaft umzukrempeln scheinen und weil große Fördersummen angeblich wie von selbst in DH-Projekte fließen. Vielleicht spielt auch die Angst vor dem unbekannten „Neuem“ bei der zögerlichen Haltung eine Rolle oder auch die Interdisziplinarität, die für viele Forschende ungewohnt ist.

Doch auch wenn die Digital Humanities keine überall anerkannte Disziplin sind, so sind sie eine existierende Disziplin, denn es gibt eigene Lehrstühle, Fachverbände, Studiengänge, Fachtagungen, Zeitschriften etc. Die definitorischen Unschärfen und Aushandlungsprozesse teilen die Digital Humanities durchaus mit anderen Disziplinen. Das ist nicht unbedingt problematisch, sondern spiegelt den Reichtum der Diskussionen in einem Fach. Für die Selbstvergewisserung nach innen spielen Definitionsfragen mittlerweile eine eher nachgeordnete Rolle, so mein Eindruck.

Was sind sie nicht?

Aus meiner Sicht sind die Digital Humanities keine bloße Serviceeinrichtung für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler, die „mal schnell“ einen Datensatz oder ein Textkorpus digital ausgewertet haben möchten. Die DH sind kein Ergebnislieferant auf Knopfdruck, auch wenn manche das bedauern mögen. Denn die Anwendung digitaler Methoden und Tools ist nicht nur aufwändig, sie benötigt zugleich eine Anpassung der Denkweise und vor allem einen interdisziplinären Austausch über die Konsequenzen der getroffenen Entscheidungen und Kompromisse im IT-Bereich. Diese fallen schon bei der Korpuserstellung und -bereinigung an und erst recht bei der Informationsextraktion oder Anreicherung der Daten. Benötigt wird also vor allem die Bereitschaft zum Dialog auf Augenhöhe zwischen Geisteswissenschaften und Informatik und auch darüber hinaus, etwa bei Visualisierungstools und bei der Publikation und Verbreitung.

Wie funktionieren DH im wissenschaftlichen Alltag?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt vor allem davon ab, was man genau macht, und ob man sich eher auf der praktischen, anwendungsorientierten Seite oder eher auf der theoretischen Seite der DH befindet. Und auch da gibt es ganz vielfältige Möglichkeiten, DH zu „machen“ oder zu denken.

Zur Veranschaulichung dazu drei Beispiele aus meinem Alltag: Ich schreibe gerade an einem Rezensionsüberblick zu einführender Literatur in die digitale Geschichte. Das beinhaltet also ein klassisch wissenschaftliches Lesen dieser Literatur und ihre Verarbeitung in einem ebenso klassisch wissenschaftlichen Text. Daneben aktualisieren wir am DHIP derzeit die Online-Edition des Briefwechsels der Constance de Salm, einer französischen Salonniere des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts mit rund 11.000 Briefen. Eine Aufgabe dabei ist gemeinsam mit unserem Trierer Projektpartner, von dem die Datenbanksoftware FuD stammt, das Verknüpfen der Namen der Briefautorinnen und -autoren mit deutschen und französischen Personennormdaten, um einen Datenaustausch mit anderen Projekten dieser Art zu ermöglichen. Und in einem dritten Projekt widme ich mich mit einem Kollegen digitalgestützten Auswertungen von Tweets, die anlässlich der vier Historikertage von 2012 bis 2018 getwittert wurden. Das umfasst das Erstellen und Bereinigen des Tweetkorpus mit der Programmiersprache R, statistische Auswertungen, Visualisierungen von Netzwerken mit der Software gephi und digitale inhaltliche Analysen dieser Tweets mit verschiedenen Tools und Methoden wie Voyant-Tools oder die französische Text Mining-Anwendung Iramuteq, die ebenfalls auf R basiert.

Wie können digitale Technologien der Vielfalt geisteswissenschaftlicher Disziplinen und deren verschiedenen Arbeitsmethoden und Forschungsfragen gerecht werden?

Indem man sie anpasst. Die digitalen Technologien sind ja kein Selbstzweck, sondern sie dienen der Beantwortung von spezifischen geisteswissenschaftlichen Fragestellungen. Dafür werden sie adaptiert, je nach Methode, Text- oder Datenkorpus, das es auszuwerten gilt, vor allem aber je nach disziplinärer Forschungsfrage. Beispielsweise werden unterschiedliche Metadaten, Analysen, Visualisierungen für die Ergebnisse etc. benötigt, je nachdem, ob man eine historische, literatur- oder sprachwissenschaftliche oder eine computerlinguistische Fragestellung verfolgt. Der disziplinäre Kontext ist wichtig. Das treibt allerdings den Aufwand in die Höhe und limitiert die Nachnutzung beispielsweise von aufbereiteten Datensets zwischen den Geisteswissenschaften. Diese können aber sehr gut voneinander lernen.

Wie beeinflussen digitale Methoden und Werkzeuge die geisteswissenschaftliche Arbeit, wie lassen sich Hermeneutik und Technologie sinnvoll verknüpfen?

Wir sind noch mitten in der Diskussion darüber, was entsteht, wenn man Geisteswissenschaften und Informatik aufeinander zugehen lässt. Geht es darum, praktische Probleme zu lösen oder entsteht ein neues Fachverständnis? Gibt es eine durch den Computer objektivierte und empirische Geisteswissenschaft? Dazu gibt es unterschiedliche Positionen, wobei der Streit um die Aufteilung in vermeintlich exakte Naturwissenschaften und inexakte Geisteswissenschaften schon recht alt ist. Nur ein Beispiel aus der Geschichtswissenschaft: Einer der klassischen Witze aus den 1960er Jahren, als Teile der Fachcommunity mit der Auswertung umfangreicher statistischer Daten begann, geht so, dass ein Wirtschaftshistoriker, der über die Kreuzigung arbeitet, erst einmal anfängt, die Nägel zu zählen, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde…

Zwischenzeitlich ist aber viel passiert und die unproduktive Trennung zwischen quantitativer und qualitativer Geschichte wird heute weniger stark akzentuiert, auch weil beide Seiten dazu gelernt haben: Zum einen machen historisch Forschende die ganze Zeit quantitative Aussagen, zum anderen bleiben Interpretation und Subjektivität der Geisteswissenschaften erhalten, auch wenn man einen Computer als Instrument für hermeneutische Aktivitäten einsetzt.

Allerdings erfordern diese kritischen Verfahren der quantifizierenden Methodik eine andere Arbeit der Geisteswissenschaften: Diese müssen ihre Fragestellungen modellieren, das heißt so formalisieren, dass der Einsatz von maschinengestützten Methoden möglich wird. Dabei geht es jedoch um ein produktives Ineinandergreifen von empirisch gestützter und interpretativer Herangehensweise, die sich ergänzen und nicht gegenseitig ausschließen. Noch können computerbasierte Methoden keine eigenen Argumente oder Narrative entwickeln, sie können aber dazu beitragen, Antwortelemente auf bestimmte Fragestellung zu liefern. Außerdem werden diese Antworten nachprüfbar, wenn die Daten dazu publiziert werden. Und diese können von anderen Forschenden weitergenutzt werden, wenn sie unter einer freien Lizenz gestellt werden…

Was hat sich geändert?

Eine ganze Menge: Die digitale Transformation greift sehr tief in die Rahmenbedingungen und das Gewebe der Geisteswissenschaften ein. Grundlegende Forschungstätigkeiten sind durch PCs und deren Vernetzung, durch Internet, Online-Zugriff auf Quellen und Literatur sowie durch digitale Publikations- und Kommunikationsmöglichkeiten fundamental anders geworden. Dabei bestimmen Algorithmen unseren Forschungsprozess, z.B. bei der Online-Suche, auch wenn die gefundenen Quellen anschließend ganz traditionell gelesen und interpretiert werden. Digitale Forschungsinfrastrukturen, Quellen und Werkzeuge beeinflussen die Art und Weise wie wir Geschichte denken, beeinflusst die Fragestellungen und Forschungsperspektiven. Dies betrifft alle Forschenden, ob sie möchten oder nicht.

Nur ein kleiner Teil der Forschenden geht dann noch weiter und nutzt Programmiersprachen und Tools zur Exploration, Analyse und Visualisierung von digitalen Quellen. Dies wird in dem Maße zunehmen, in dem unsere historische Überlieferung immer stärker digital vorliegen wird. Man denke nur an soziale Medien als Quelle der Alltagsgeschichte, an Nutzungsdaten zum Lese- und Konsumverhalten wie Downloads von Videos, Musik und Texten oder an Datenbanken und digitale Fachverfahren, wie sie in den Behörden zunehmend eingesetzt werden. Ohne digitale Werkzeuge, aber auch Kompetenzen zur Bestimmung der Authentizität und Integrität der Quellen wird man diese Masse an ganz unterschiedlichen und komplexen Daten nicht filtern und analysieren können.

Die schon jetzt beispiellosen Möglichkeiten für Forschende wie auch für die interessierte Öffentlichkeit, online frei auf Primärquellen (nicht nur Texte!), Literatur und Daten zuzugreifen, gehört zu den weitreichendsten Veränderungen aus meiner Sicht. Daran anknüpfend zeigen sich ganz andere Möglichkeiten der Skalierbarkeit von Forschungsfragen auf lange Zeiträume und große geographische Räume, gerade für die Geschichtswissenschaft. Die Herausforderung dabei ist, trotz big data den Kontext angemessen zu berücksichtigen und die Besonderheit bestimmter Momente sowie das individuelle Leben nicht zu vernachlässigen.

Wie können wir uns die Arbeitsweise in der digitalgestützten Geschichtswissenschaft vorstellen?

Einer unserer Schwerpunkte am DHIP ist die Online-Bereitstellung von digitalen Sammlungen, Editionen und Datenbanken. Ein Beispiel ist etwa das Projekt „Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944“, das die Digitalisierung und Online-Stellung der Telefonbücher der deutschen und französischen Dienststellen in Frankreich umfasst. Diese wurden auf einer interaktiven Frankreichkarte verortet und visualisiert, um so Aufgaben, Zuständigkeiten und Unterstellungsverhältnisse anzuzeigen. Sie macht den Alltag der Besatzung genauso deutlich wie die räumliche Präsenz der deutschen Besatzungsmacht und deren Zusammenarbeit mit den französischen Behörden.

Mein französischer Kollege in der Abteilung Digital Humanities, Dr. Gérald Kembellec (promoviert in Informations- und Kommunikationswissenschaften, Anm. d. Red.), arbeitet mit weiteren Forschenden an einem Projekt zum Semantic Publishing. Sie entwickeln ein Werkzeug zum Schreiben, Redigieren und Publizieren, das Text, Daten und Metadaten verknüpft und damit Forschungsergebnisse, die auf einem Text- oder Datenkorpus beruhen, unmittelbar mit diesen Daten verknüpft und damit nachvollziehbar und reproduzierbar macht.

Darüber hinaus bieten wir Support an für die Forschenden des Instituts. Wir helfen etwa beim Webscraping, also beim schnellen und automatisierten Download größerer Datenmengen aus dem Internet. Wir engagieren uns im Bereich Open Access und setzen uns mit dem Blogportal für die Geisteswissenschaften de.hypotheses.org für die Wissenschaftskommunikation ein. Und wir unterstützten in Sachen Forschungsdatenmanagement. Kurz: das ist ein sehr vielfältiger und abwechslungsreicher Alltag.

Als ursprüngliche Geisteswissenschaftler*innen, die sich nun beruflich mit der Digitalisierung und IKT befassen, interessiert uns insbesondere der Blick auf angewandte Informatik und ihre Chancen für die DH. Auf welche Weise könnten Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, High Perfomance Computing oder Computer Vision die traditionellen Geisteswissenschaften unterstützen und bereichern?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten! Angefangen bei der Künstlichen Intelligenz, die im Rahmen von Projekten mit Data Modelling oder Machine learning bereits zum Einsatz kommen: Bei der Handschriftenerkennung etwa, „lernt“ der Computer auch unleserliche Handschriften zu erkennen, wenn man ihn entsprechend mit Schulungsdaten füttert. Aber auch Simulationen, Augmented Reality, überhaupt das sich Bewegen in virtuellen Welten sind wichtige Bereiche für die DH. Projekte gibt es etwa durch das virtuelle Nachbauen von antiken Städten, durch deren Straßen man gehen kann, oder das Nach-bauen von früheren Ausstellungen, durch die man schlendern kann, um sich die Exponate virtuell anzusehen. Sehr spannend finde ich die Filmaufnahmen von Überlebenden des Holocaust als Hologramme. Diese werden mit Spracherkennungssoftware angereichert und trainiert, so dass sie im Schulunterricht zwei- oder dreidimensional in einem Klassenzimmer visualisiert werden, dort ihre Erinnerungen erzählen und Fragen beantworten können, ganz als wären sie real anwesend.

Aber es muss nicht alles auf stärkere Rechnerleistung und big data bezogen werden. Wichtig wird ebenso sein, digitale Methoden im Kleinen und auf small data anzuwenden. Also das Umkehren des Fokus auf kleine Momente, Gesten und auf das einzelne Wort, eine Aufmerksamkeitslenkung im Kleinen angeregt durch den Computer, etwa, weil besondere Beziehungen zwischen zwei Texten deutlich wurden.

Und schließlich muss man die Frage vor allem auch umdrehen: wie können die Geisteswissenschaften die Zukunftstechnologien unterstützen und bereichern? Gerade im Bereich der Anwendung von Künstlicher Intelligenz gibt es ganz grundlegende ethische, rechtliche und philosophische Fragen, zu deren Diskussion gerade die Geisteswissenschaften beitragen können.

Bei unserer Arbeit spielt der Anwendungsbezug eine große Rolle. Können Sie ein Paradebeispiel nennen, bei dem die Kernelemente der DH gewinnbringend eingesetzt wurden, beziehungsweise mittels digitaler Werkzeuge „neues Wissen“ generiert/geteilt wurde?

Bei den computergestützten Methoden sind die DH da stark, wo es darum geht, Muster in großen Textmengen zu erkennen. Eines der bekanntesten Beispiele ist dabei die „Enttarnung“ von Joanne K. Rowling als Autorin eines unter Pseudonym veröffentlichten Romans für Erwachsene mithilfe von Stilometrie, also der Untersuchung des Sprachstils mit statistischen Mitteln: welche Wortkombinationen kommen häufig vor, welche Ausdrücke, welche grammatischen und sprachlichen Eigenheiten? Sie hat sich über die Entdeckung übrigens nicht gefreut, was zeigt, dass DH gerade angewandt auf neuere Quellen immer zugleich ethische und rechtliche Fragen berühren.

Neben den aus unterschiedlichen Gründen spektakulären Beispielen insbesondere im Bereich der Online-Bereitstellung, Zusammenführung und Erschließung riesiger Quellensammlungen gibt es unzählige kleinere Entdeckung von einzelnen Forschenden oder kleinen Teams, die dann auf ihre Weise eindrucksvoll oder interessant sind: die Entwicklung von Verbformen im Französischen über die Jahrhunderte, eine Darstellung der Diskriminierung von Frauen in Visualisierungen, die Viralität von Zeitungsartikeln im 19. Jahrhundert, thematische und sprachliche Auswertung der Telefonnotizen von Henry Kissinger usw. Zugleich darf man nicht vergessen, dass es in den DH nicht nur um die Beantwortung von Fragen geht, sondern auch darum, neue Fragen zu generieren. Wenn also die DH produktiv irritieren durch die Entwicklung von Fragen, auf die man ohne Computer nicht gekommen wäre, kann das ein wichtiges Forschungsergebnis sein.

Und abseits der Wissenschaft, mit Blick auf den Wissenstransfer: Was konkret ist der Mehrwert von DH für Laien, Museumsbesucher*innen, Konsument*innen?

Einen der Hauptwerte der DH für die Öffentlichkeit sehe ich in der frei zugänglichen Bereitstellung von digitalisierten oder digitalen Quellen wie Texte, Bilder, Objekte und Artefakte. Außerdem können die DH bei der Vermittlung von digital literacy helfen, also der kritischen Kompetenz, Informationen im Netz zu finden, zu bewerten und zu verwenden. Das ist gerade im Zeitalter von Fake News ganz zentral! Hinzu kommt die Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen, wenn sie Open Access publiziert werden, oder die Möglichkeit zur Wissenschaftskommunikation in Blogs und anderen sozialen Medien. Darüber können Wissenschaft und Öffentlichkeit in einen Dialog treten, wie er vorher nicht möglich war. Überhaupt sind die Vermittlungsmöglichkeiten ganz andere geworden und schließen nicht-lineare und multimediale Erzählungen ein. Das kann weiter geführt werden bis zu Citizen Science- oder Crowdsourcing-Projekten, mit denen die interessierte Öffentlichkeit an der Forschung beteiligt werden kann. Die Transkription und Auszeichnung von Handschriften durch Laien ist ein Beispiel dafür.

Darüber hinaus tragen die Geisteswissenschaften mit ihren Untersuchungen immer auch zum Verständnis der aktuellen Welt bei. Und genau deshalb halte ich ihre Verankerung in der Gegenwart, deren Rahmenbedingungen digital sind, genau wie eine kritische Offenheit für digitale Methoden für so wichtig. Nur so können sie diese Aufgabe auch weiterhin erfüllen.


1Dr. Mareike König hat Geschichte, Politik und Germanistik in Hamburg und Paris studiert und wurde 1999 an der Universität Rostock in Zeitgeschichte promoviert. An der HU Berlin hat sie 2006 einen Master in Bibliotheks- und Informationswissenschaft erworben. Sie arbeitet seit 2001 am Deutschen Historischen Institut in Paris, mittlerweile als stellvertretende Direktorin und als Leiterin der Abteilung Digital Humanities und der Bibliothek. Sie ist außerdem Projektleiterin des deutschsprachigen Blogportals für die Geistes- und Sozialwissenschaften de.hypotheses.org. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-französische Geschichte des 19. Jahrhunderts, die digitale Transformation der Geschichtswissenschaft sowie Wissenschaftskommunikation in den sozialen Medien.