Die Frontline

Merchan Agaricus • 15 Juli 2022
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Erneut setzte ich mich mit der Geschichte der Ukraine auseinander, diesmal aus der Feder eines ukrainischen Historikers, der die Genese des Ost-West Konflikts anhand seiner Heimat betrachtet.

Serhii Plokhy lehrt seit 2007 ukrainische Geschichte an der Harvard University und ist dort Direktor des Ukrainischen Forschungsinstituts. 

Seine detaillierte und strukturierte Art die Geschichte einer Grenzregion zu erzählen, beeindruckt mich. 

Selten habe ich so klar ausgearbeitete und referrierte Zusammenhänge gelesen, erscheinen doch andere Erzählungen von Nationalgeschichten im Vergleich direkt unreif. Plokhy hingegen fesselt von der ersten Seite bis zur Letzen und man wünscht sich einfach nur mehr Ruhe, um seiner Studie nachhaltig zu folgen.

Er betrachtet die Ukraine als eine Nation, die immer schon nach Unabhängigkeit gestrebt hat. Ihre Anfänge liegen im Zusammentreffen von Wikingiern, Mongolen und Einflüssen aus Konstantinopel in der Kyiever Rus, von der sich später das Moskauer Großfürstentum abspaltete und es sukzessive, in seiner Weiterentwicklung wohl bis heute zu erobern versuchte. Derweil verspürte die Ukraine nach der Zeit unter der polnisch-litauischen Herrschaft, späterer Inbesitznahme durch das russische Zarrenreich, das Habsburger Reich und alsdann die Sowjetunion einen starken Drang zum Westen, den es gerade heute angesichts der russischen Invasion, sehr deutlich auslebt.

Plokhy argumentiert, dass es immer schon in der Geschichte der Ukraine unterschiedliche Bestrebungen, Narrative und Strömungen gegeben hat, so z.B. den Sozialismus, der eine Einigung mit Russland zu erzielen versuchte, stets jedoch die Ukraine sich als Teil der westlichen Wertegemeinschaft gesehen hat und vor allem deswegen auch jetzt ein Teil der Europäischen Union werden möchte. 

Trotz der sehr deutlichen Unterschiede in der Wahrnehmung dieser Tendenz innerhalb der Ukraine selber, Teile des Südens und Ostens der Ukraine sind in großen Minderheiten prorussich ausgerichtet, ist sich die Ukraine als angegriffene Gesamtnation mit dem Zentrum im Kiev darüber dennoch einig, dass der Weg nur nach Westen gehen kann. Offene Demokratie, stabile und korruptionsfreie Wirtschaft und eine Kultur der Sitte sind die Triebfedern der politischen Mühen. Die Abwehr eines Aggressors, der immer behauptet hat, seines Territoriums beraubt worden zu sein, wird mit allen erdenklichen Mitteln betrieben, vor allem aber mit der geistigen Haltung und der verbindlichen Zusage zur demokratisch-liberalen europäischen Eintracht.

Plokhy macht darauf aufmerksam, dass die Ukraine schon sehr lange nach Europa strebt, nicht erst seit der Orangenen Revolution, oder den Zeiten des Euromaidans, auch nicht nach der Annexion der Krim und des russischen Angriffskriegs auf den Osten des Landes, seit 2014. Vielmehr strebt die Urkaine der Vereinigung Westeuropas entgegen, seit ihrer nationalen Befreiung. Die Minderheiten, die sich Russland affin zeigen, sind als Strömungen schwächer, die Hauptströmung treibt nach Brüssel. Ob Brüssel aber die Ukraine aufnimmt, diese Frage stellt Plokhy zum Schluß und überrascht den Leser u.a. mit Auszügen wie diesem:

„In seinem Artikel „Die verlorene Epoche: Ukrainer unter dem Moskauer Zarentum, 1654-1876“ widersprach Mychajlo Drahomanow (ein prominenter Denker der Ukraine) der russichen Behauptung, wonach die Moskauer Herrschaft über die Ukraine für die Abschaffung der alten, desaströsen kosakischen Lebensweise und die Einführung neuer europäischer Sitten verantwortlich gewesen sei. Die Moskauer Zaren hätten keine europäischen Regierungsmethoden eingeführt, sondern den Absolutismus und willkürliche bürokratische Herrschaft.“

Wenn die Ukraine die Rechte, die den ukrainischen Kosaken garantiert wurden, mit dem Despotismus vergleicht, der im Zarentum Russland existierte, dann steht außer Zweifel, dass die Verfassung der Kosaken mehr mit den freien europäischen konstitutionellen Regierungen der Gegenwart gemein hatte als das Zarentum Russland oder das russische Kaiserreich.

Diese Geschichte scheint sich im „Grenzland“ Ukraine fortzusetzen. Es will sich dem Westen öffnen und wird vom Osten davon abgehalten. Dabei erhebt es sich gegen den Sog der Autokratie und bewegt sich vehement in Richtung Demokratie und freier Welt.

Den Plokhy kann ich alleine schon wegen seiner profunden Recherche und dynamischen Erzählweise nur wärmstens empfehlen. Persönlich bin ich sehr angetan von diesem Buch, dass sich gleichzeitig als Plädoyer liest, die Ukraine im Staatenverbund der Europäischen Union endlich willkommen zu heißen. Sie hat es schon seit langem verdient.

Kommentare (1)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Jung,

die Hetmanate der Kosaken waren fortschrittliche Stammesgesellschaften, die sich später stark an den westlichen Werten der Aufklärung orientierten.

Über einen Austausch mit Ihnen werde ich mich sehr freuen.

Herzliche Grüße
Merchan


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