Friedrich V., der Winterkönig

Alexandra Kaal • 8 Juli 2022
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Friedrich V., der Winterkönig

Der Dreißigjährige Krieg ist bis heute als die europäische Katastrophe schlechthin bekannt – manche gehen sogar so weit, ihn als den ersten Weltkrieg zu bezeichnen. Eine Biographie, die untrennbar mit dem Dreißigjährigen Krieg verbunden ist, ist die des Kurfürsten Friedrichs V. von der Pfalz. Lesen Sie hier, wie sein Handeln sich auf den Kriegsverlauf ausgewirkt hat.

 

Porträt Friedrichs V.
Porträt Friedrichs V., gemalt von Michiel Jansz van Mierevelt zwischen 1628-1632

Als Friedrich V. 1596 auf Schloss Deinschwang in der Oberpfalz geboren wurde, hatte er in allen Aspekten eine vielversprechende Zukunft vor sich: Sein Großvater mütterlicherseits war Wilhelm von Oranien, der Begründer der niederländischen Unabhängigkeit und die Familie seiner Mutter gespickt mit Mitgliedern der französischen Königsfamilie. Auch war sein Vater der pfälzische Kurfürst. Daraus hervorgehend wurde Friedrich an den Hof seines Onkels, des Fürsten von Sedan, zur Erziehung geschickt. Dort wurde er in höfischen Umgangsformen, calvinistischer Theologie, der Kriegskunst, Fremdsprachen, sowie später auch Mathematik, Geographie und Fechten ausgebildet.

Nach seiner Rückkehr nach Heidelberg wurde Friedrich 1613 mit der englischen Königstochter Elizabeth Stuart verheiratet. Was ursprünglich als rein dynastische Heirat geplant war, stellte sich bald als Liebesehe heraus. Dies wurde wahrscheinlich auch dadurch begünstigt, dass beide nur wenige Tage nacheinander geboren waren. Damit die neue Kurfürstin standesgemäß untergebracht war, wurde dem Heidelberger Schloss 1612 der Englische Bau hinzugefügt, dessen symmetrische Fassade heute noch bewundert werden kann.

Bis 1618 war das Leben des Kurfürstenpaares relativ ereignislos – bis im Juni die Nachricht des Prager Fenstersturzes Heidelberg erreichte. Im Vorlauf dessen hatte der neue Kaiser Matthias die von seinem Vorgänger Rudolf II. gewährte Religionsfreiheit zurückgezogen. Da die vorwiegend protestantischen böhmischen Adeligen jedoch nicht zum Katholizismus konvertieren wollten, stürmten sie am 23. Mai 1618 die Prager Burg und stürzten drei Beamte des Kaisers aus einem der Fenster. Weil sie auf einem Misthaufen landeten, kamen alle mit leichten Verletzungen davon. Am 28. August 1619 wurde der Kurfürst zum neuen König Böhmens gewählt. Seine Entscheidung, die Wahl anzunehmen, begründete Friedrich damit, dass er dem „willen des Allmechtigen [sic!] nicht widerstreben“ wollte. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges war zwar bereits seit dem Erbfolgestreit um das strategisch wichtige Gebiet Jülich-Kleve-Berg 1609/10 vorherzusehen. Damals war der dortige protestantische Herzog Johann Wilhelm ohne Erben verstorben, woraufhin sich die Niederlande, Frankreich und England gegen Rudolf II. verbündeten. Daraufhin begannen spanische Truppen, Jülich in der Absicht zu belagern, die von niederländischen Truppen gehaltene Festung auszuhungern. Die Festung fiel endgültig 1621.

Seine kurze Regierungszeit war von Versöhnungsbemühungen der protestantischen und katholischen Kräfte im Land geprägt. Dies wird besonders während dem Bildersturm auf den Prager Veitsdom deutlich: Nachdem bei dieser Protestaktion Calvinisten alles, was sie als „Götzenwerk“ ansahen, aus der Kathedrale entfernten und zerstörten, ging ein Aufschrei durch den katholischen Teil der Bevölkerung. Im Januar trat Friedrich zur Festigung seiner Herrschaft eine Huldigungsfahrt durch seine Kronländer an und besuchte im Zuge dessen zur Versöhnung auch katholische Kirchen, Klöster und Wiedertäufer-Gemeinden. Trotzdem blieb seine Herrschaft unpopulär: Während der Reise verweigerten oft ganze Städte die Huldigung, außerdem gab es häufig öffentliche Kritik durch Verbündete, wie seinen Schwiegervater König Jakob I. Sein Versuch, sich durch Steuererhöhungen und die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht beliebt zu machen, waren erfolglos. Außerdem wurde sein extravaganter Lebensstil kritisiert.

In der Zwischenzeit hatte sich der Konflikt mit dem neuen Kaiser, Ferdinand, so weit verschlechtert, dass es am 8. November 1620 zu der schicksalhaften Schlacht am Weißen Berg kam. Friedrich verlor sie und musste Prag mit Elizabeth und seinem Gefolge verlassen. Die Konsequenz war neben der Verhängung einer Reichsacht über Friedrich und seine Familie auch die darauffolgende Auflösung der protestantischen Union 1621. Nachdem die Familie zunächst nach Heidelberg floh, verlor der Kurfürst auch seine Erblande an General Tillys Truppen und zog ins Exil nach Den Haag. Außerdem zog Friedrichs kurze Regierungszeit den Spott der Katholiken auf sich, wie in diesem Schmählied deutlich wird:

„Du steckst mit schnellem lauff

Das Hasen Baner auff

Der Winter war vor handen

Drum flohest du mit Schanden

Ein König, sehr vergessen

Eins einigen Winters gewesen.“

 

Parallel dazu war Elizabeth, die „Winterkönigin“, zur bewunderten Ikone der protestantischen

Porträt Elizabeth Stuarts
Elizabeth Stuart, gemalt von Gerard van Honthorst, ca. 1649

Sache geworden: ihr Vetter Christian von Braunschweig trug, in der Tradition mittelalterlicher Minneritter ihren Handschuh an seinem Helm, und noch lange Zeit später sammelten ihre Anhänger Andenken und baten um Portäts von ihr.

Nun vollständig von den finanziellen Mitteln seiner niederländischen Verwandtschaft abhängig befand sich Friedrich auch weiterhin in einem politischen Spannungsfeld. Sein Schwiegervater hoffte darauf, dass er sich friedlich mit seinen Gegnern auseinandersetzen würde während seine niederländischen Verwandten hofften, dass er sich weiterhin aktiv am Krieg beteiligen würde. Ende 1622 bildete sich in Den Haag zwar seine Exilregierung, doch beklagte sich Friedrichs Vertreter Ludwig Camerarius häufig über seine passive Haltung den politischen Tagesgeschäften gegenüber. Andererseits gab Friedrich sein begrenzter Staatsetat weiterhin für seine Hofhaltung aus, wodurch er sich in der Regel verschuldete.

Als ihr Erstgeborener Friedrich Heinrich 1629 bei einem Fährunglück verstarb, rückte Karl I. Ludwig in der Erbfolge auf. Er würde 1664 wegen der Zerstörung des Heidelberger Schlosses Mannheim zur neuen Residenzstadt machen. Im Verbund mit dem schwedischen König Gustav Adolf nahm Friedrich V. 1632 wieder militärisch am 30jährigen Krieg teil. Noch im November des gleichen Jahres verstarb er in Mainz an der Pest. Aufgrund ihrer engen Beziehung trauerte Elizabeth sehr stark um ihn und konnte seinen Tod ihr Leben lang nicht verwinden.

Seit dem Tod ihres Vaters regierte Elizabeths Bruder als Karl I., er wurde jedoch 1649 während der Glorreichen Revolution hingerichtet. Nach dem Tod seines Vaters floh ihr Neffe, der zukünftige Karl II., nach Den Haag, wo beide viel Zeit miteinander verbrachten. Ein Jahr nach seiner Krönung kehrte sie 1661 nach England zurück und verbrachte ihren Lebensabend in Drury Lane House. Elizabeth verstarb 1662 an einer Lungenentzündung.

 

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Der Dreißigjährige Krieg: Eine europäische Tragödie

Peter H. Wilson

Einen nahezu gesamteuropäischen Krieg in seiner Gänze zu erfassen, ist ein riesiges Unterfangen. Peter H. Wilson ist es mit seinem monumentalen Werk gelungen. Aufgeteilt in die Vorgeschichte, den Verlauf der Kampfhandlungen, die Friedensschlüsse und die weitreichenden Folgen, bereitet er den Dreißigjährigen Krieg umfassend und verständlich auf. Dabei werden die Beweggründe der Entscheidungsträger ebenso unter die Lupe genommen wie die Rolle einfachen Soldaten, die auf den zahlreichen Schlachtfeldern ihr Leben ließen.

 

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Der Dreißigjährige Krieg

Johannes Burkhardt

Über den Dreißigjährigen Krieg ist viel geschrieben worden. Und doch sind noch viele Fragen offen. Ein »Krieg der Kriege«, im Sinne einer Akkumulation von Kriegen und Konflikttypen, steht im Mittelpunkt des Interesses. Als kriegstreibende Faktoren werden mentale, konfessionelle, ökonomische, militärtechnische, soziale und genuin politische Strukturen gewichtet. Kriegsverlängernd wirkten nicht zuletzt die Etablierungsprobleme des modernen Staatensystems, das sich zwischen Universalkonzeptionen und Ständerecht im Laufe dieses Krieges erst durchsetzte. Die Verstaatlichung von Krieg und Frieden steckte noch in einer Übergangskrise und zeigte doch schon die kommenden Schwachstellen. Erste Lösungshorizonte zeichneten sich 1648 in völkerrechtlichen Verhaltensnormen und in der föderativen Verfassung des Reiches deutscher Nation ab. Ein Krieg der Kriege aber war es auch im Sinne einer zum Mythos gebündelten außergewöhnlichen Kriegserfahrung.

 

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Der Dreißigjährige Krieg: Als Deutschland in Flammen stand

Christian Pantle

Wie erlebten die Menschen vor 400 Jahren Tod, Vertreibung und Barbarei? Bestsellerautor Christian Pantle bietet ein vielschichtiges Panorama des Dreißigjährigen Krieges und eröffnet uns Einblicke in eine der schrecklichsten und folgenreichsten Tragödien der Menschheit. Er erzählt vom blutigen Leben der Söldner auf dem Schlachtfeld und von den Zivilisten in den verwüsteten Dörfern und Städten. Er lässt den Pappenheimer Peter Hagendorf zu Wort kommen, der 23 Kriegsjahre von einem Kampfschauplatz zum nächsten marschiert. Und er schildert die Verzweiflung des Mönchs Maurus Friesenegger über die Zerstörungen rings um sein Kloster. In ergreifender Weise beschreiben die Zeitzeugen ihre schrecklichen Erlebnisse, aber auch Momente der Solidarität und des Mitgefühls. Pantle verknüpft ihre Berichte zu einer großen Erzählung: Wie durch ein Zeitfenster sehen wir in eine von Machtkämpfen und Religionskriegen zerrissene Welt und lernen die Menschen vor 400 Jahren verstehen.

 

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Der Dreißigjährige Krieg: Eine Einführung

Axel Gotthard

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) war einer der längsten und blutigsten Kriege der Weltgeschichte. Diese neue Einführung arbeitet die zentralen politischen Weichenstellungen und die militärischen Schlüsselereignisse übersichtlich heraus. Sie fragt insbesondere nach den Ursachen des Krieges, diskutiert die Frage nach der Schuld und zeichnet den langen Weg zum Frieden nach. Auch die Frage, wie es den damaligen Menschen gelang, den Zeitumständen Sinn abzutrotzen und ihren mentalen Haushalt im Lot zu halten, wird thematisiert.

 

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Böhmen, der Prager Fenstersturz und der Winterkönig

Joachim Schwarz

Der Krieg zwischen Böhmen und dem Kaiser, zwischen Protestanten und Katholiken war das Ergebnis einer langen Kette von Streitigkeiten und Ereignissen, die sich über die Jahre hinweg zwischen den beiden rivalisierenden Parteien immer mehr zuspitzten. Die Frage nach den Ursachen lässt sich nicht auf rein politische oder rein religiöse Ereignisse beschränken. Vielmehr ist der Krieg Folge des Einhergehens von politischen und religiösen Gegensätzen, die im folgenden jedoch zu trennen versucht werden.

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