Freund- und Feindschaft im Vergleich

Maria Theodora Freifrau von Bottlenberg-Landsberg • 27 Mai 2022
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Im Vergleich von Freundschaft und Feinschaft wird Gemeinsames und Trennendes herausgearbeitet und anhand von Zitaten beurteilt und eingeordnet


Freund- und Feindschaft im Vergleich

Freundschaften und Feindschaften, die beiden ausgesprochenen Gegenpole, bestimmen wie wenige Ereignisse, den ganzen Ablauf unseres Lebens. Schon das Kleinkind sucht sowohl die Gemeinschaft mit anderen Kindern wie es sich im Streit von ihnen abwendet.

Die weitere Kindheit sowie die ganze Jugendzeit wird bestimmt sowohl von Freund -als aber auch von Feindschaften. Von ihnen hängt letztlich auch im Erwachsenenleben ab, wie wir diese Phasen erleben und was sie mit unserem Selbstwertgefühl machen.

Wir schaffen uns Feinde, aber im Grunde genommen wollen wir doch eigentlich nur Freunde haben. Diese Sehnsucht nach Freunden drückt sich auch heute darin aus, wie wichtig in der Internetwelt die „Followers“ sind. Dabei könnte man diese scheinbar so erstrebenswerten Massen von angeblichen Freunden im normalen Dasein gar nicht verkraften. Das gilt natürlich auch für Feinde.  Denn Beides ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Wenn wir uns zunächst der Freundschaft zu wenden, gilt es als erstes zu betonen, dass Freundschaft, genau wie die Liebe, ein Geschenk ist, für das man nicht dankbar genug sein kann. Zwei Menschen entwickeln Interesse aneinander. Das kann sehr schnell, aber auch über längere Zeit hinweg entstehen und hat mit erfreulichen, um nicht zu sagen, beglückenden Momenten zu tun.

Ein derartiges Geschenk ist ein großer Wert. So sollte Freundschaft nicht nur dankbar machen, sondern auch dazu führen, Verantwortung für diesen Schatz zu übernehmen. Mit einem Wort, Freundschaft, auch wenn sie scheinbar in einer völligen Übereinstimmung zu bestehen scheint,  bedarf der Pflege, um nicht zu sagen, der Arbeit. Nur so erreicht man, dass dieser wertvolle Teil meines Lebens nicht beschädigt oder gar beendet wird.

Ich stamme noch aus einer Zeit, in der vor allem weibliche Teenager, Backfische genannt, sich gegenseitig tiefgründige Ratschläge fürs zukünftige Leben in so genannte Poesiealben schrieben . Mir fällt in vielen Zusammenhängen, und so auch hier, ein Zitat von Rabindranath Tagore ein: „Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“

Heute würde ich an die Stelle des Wortes „Pflicht“ den Begriff der Arbeit, des Bemühens setzen. An Freundschaften, wie an allen Beziehungen, muss ich arbeiten, um sie zu entfalten und zu erhalten.

Arbeiten muss ich auch an einer so negativen Beziehungen, wie sie sich aus Feindschaften ergeben. Gerade an dem Umgang mit Feindschaften ist in den vergangenen Jahrzehnten viel geforscht worden. Hier ging es vor allem um die Vermeidung von Feindschaften oder Streit. Es gab viele gute Ratschläge. Sie sind auch durchaus beherzigenswert. Aber sie greifen weder in der Freund- noch in der Feindschaft auf jeden Fall, ja, sie dürfen sogar nicht in jedem Fall greifen.

Denn in beiden Fällen- sowohl der Freund- und der Feindschaft-  ist jeder Fall anders. Entsprechend muss geprüft werden, ob die Ratschläge auch  eins zu ein übertragbar sind, eventuell einer Nachbesserung bedürfen. Friedensgedanken mit einzubeziehen schadet auf jeden Fall nie.

Da ist zunächst das lakonische, christliche „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“.

In diesem an sich so schwierigen Gebot verbirgt sich ein durchaus bedenkenswerter Lösungsansatz. Zunächst von  der Selbstliebe, dem Interesse an mir, ausgehend, wende ich mich dem anderen zu. Zur Selbstliebe gehört, dass ich mich und meine Anliegen ernst nehmen darf, ja muss, um in der Lage zu sein, den anderen nicht nur zu akzeptieren, sondern vielleicht in etwa zu verstehen. Hier setzt ein wichtiges Instrument zur Bewältigung des Lebens überhaupt ein: die Reflektion: erkenne Dich selbst.

Carl Friedrich von Weizsäcker, der Naturwissenschaftler, versuchte, hier anknüpfend, eine Lösung zu finden. Er meinte, das christliche Gebot der Nächstenliebe sei in vielen Fällen einfach nicht zu erfüllen, aber es wäre schon sehr hilfreich, wenn wir ab und an mit dem Kopf des Anderen dächten. Das heißt im Grunde genommen, ich muss versuchen,  mich zu bewegen, auch einmal von mir selbst und meinen Anliegen abzusehen, den andren als Maßstab einzusetzen seinen Blickwinkel herauszufinden. Das ist sicher kein schlechter Ratschlag, aber hilft er immer?

Ihm folgt schnell das aus dem Französischen ins Deutsche übernommene, von Madame de Staél  geprägte Sprichwort: „Alles verstehen, bedeutet, alles zu verzeihen“. Diese Aussage ist letztlich nicht brauchbar. Sie birgt in sich die Gefahr der Beliebigkeit, die der Ernsthaftigkeit vieler Probleme in Beziehungen, seien sie gut oder schlecht, nicht gerecht wird.  Verstehen und verzeihen sind in jeder Beziehungsform wichtig und angebracht, dienen dem miteinander umgehen. Vor allem die „Verzeihung“, die sehr oft mit „Vergessen“ verwechselt wird, ist nicht umsonst zu haben. Auch sie bedarf der ernsten Arbeit, der ehrlichsten Auseinandersetzung mit den entstehenden Fragen.

Beziehungen beruhen auf gegenseitiger Ehrlichkeit und Offenheit. Dazu gehört auch, dass man sich Fehler und ihre Folgen vor Augen führt. Zum Verzeihen gehört auch, dass der andere oder ich unsere Fehler einsehen. Die Sprache verrät viel: so kann „ich mich nie entschuldigen“, ich kann immer nur den anderen „um Verzeihung oder Vergebung bitten.“

Hanna Arendt bringt diese Ansicht auf den Punkt: „Denn nie­mand kann sich selbst verzeihen, und niemand kann sich durch ein Verspre­chen gebunden fühlen, das er nur sich selbst gegeben hat. Versprechen, die ich mir selbst gebe, und ein Verzeihen, das ich mir selbst gewähre, sind unver­bindlich wie Gebärden vor dem Spiegel.

Die Tat als solche kann ich in vielen Fällen nicht mehr aus der Welt schaffen, die Folgen sind oft weiter zu tragen. Hier kann ein Miteinander hilfreich sein, das vielleicht dazu führt, den eigenen Anteil am Geschehen zu begreifen und so die Schuld nicht einem Einzigen, nur dem Anderen zu überlassen.

Auch hier führt uns Hanna Arendt weiter. Sie erweitert den Begriff des Verzeihens um den des Versprechens. Im Verzeihen versprechen wir, dass wir auf Rache verzichten. Das schafft die Tat und ihre Folgen nicht aus der Welt, gibt sie nicht dem Vergessen preis, aber der Täter wird in seiner menschlichen Würde nicht mehr angetastet. Das Alte Testament kennt hier ein schönes Beispiel.

Den Brudermörder Kain verurteilt Gott und er versieht ihn mit einem Zeichen, das den Mörder erkennbar macht, aber zugleich klarstellt, dass dieser Mensch unter Gottes besonderem Schutz steht, dass ihm als Geschöpf Gottes Würde und Schutz zusteht, einen Schutz, der auch das alttestamentliche : „Die Rache ist mein“[1] beinhaltet.

Das berühmte Grau des Lebens überzieht auch Beziehungen, eine Schwarz-Weiß- Betrachtungsweise greift nicht. Wenn man dies bedenkt und in die Beurteilung der jeweiligen Freund- oder Feindschaft gewillt ist, den Eigenanteil mit einzubeziehen, so kommt ein Realitätssinn in die Bewertung, die der Sache nur nützen kann.

Wir sind da wieder bei der Reflexion, die man beinahe Gewissenserforschung nennen möchte. Es geht da um die Frage in beiden Beziehungen. Was bezwecke ich bei dieser Freund- oder Feindschaft? Was möchte ich für mich mit ihr erreichen? Aber auch: warum stört mich dieses oder jenes an den Vorstellungen des Anderen, an seinen Zielen besonders und wenn, warum? Wie sieht es mit seinen positiven Vorstellungen aus?

Hier gilt in etwa dann doch, dass ich, nachdem mein Standpunkt geklärt ist, versuche, mit dem Kopf des anderen zu denken, mich, nachdem ich ehrlich versucht habe, den eigenen Standpunkt zu klären, mich nun auf ihn und seinen Standpunkt hin bewege. Friede ist in Beziehungen also jederzeit möglich?

Es gibt das Schillerwort, das zum Sprichwort geworden ist: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“[2] Gilt dieser im Deutschen zum Sprichwort gewordene Satz nicht auch in unserem Thema?

Leider steckt in dieser Aussage viel Wahrheit und sie darf, ohne Realitätsverlust, nicht ausgeblendet werden. Sie beschreibt viele uns bekannte Situationen im persönlichen und öffentlichen Leben. Auseinandersetzungen sind manches Mal notwendig und ihre Vermeidung  zieht oft noch größeres Unglück nach sich. Aber selbst unter diesem Gesichtspunkt lässt es sich nicht leugnen, dass solche Auseinandersetzungen oft der Beginn einer größeren Feindschaft und das Ende einer wichtigen Freundschaft sein können. Leid ist vorprogrammiert und doch dürfen weder die Wahrheit noch die Gerechtigkeit unter Freund- oder Feindschaft leiden.

Wie sieht nun die Wurzel dieses hohen Gutes von Wahrheit und Gerechtigkeit in einer Beziehung aus, die es in jedem Falle zu vertreten gilt? Gleichgültig, ob das Problem in der Freund- oder in der Feindschaft auftritt, es bedarf der Reaktion, wenn es darum geht, die Stimme für die zu erheben, die keine haben.[3]

Diesem Anspruch ist jede Form der Freund- sowie der Feindschaft unterzuordnen. Die Freundschaft sollte dazu dienen, gemeinsam diesem Anspruch gerecht zu werden und die Tiefe jeder Feindschaft müsste in ihrem Wert an dieser Forderung gemessen werden.

Dieses Prinzip der sozialen Gerechtigkeit bringt uns näher zu einem Frieden, in dem Schwerter zu Pflugscharen um geschmiedet werden. Dieses starke Bild der Hoffnung bezieht sich allerdings auf die Endzeit der Menschheit und hat nichts mit unserer Gegenwart zu tun. Es ist ein unerreichbares aber immer wieder neu anzustrebendes, von der Hoffnung geprägtes Ziel für die Zukunft. Selbst wenn es nicht unserer Realität zu entsprechen scheint, bleibt es doch ein anzustrebendes Ziel.

So kennzeichnet das Befolgen der Aufforderung, sowohl in der Freund- als aber auch in der Feindschaft, immer wieder die Stimme für die zu erheben, die keine haben, durchaus die Gefahr, sich damit Verdruss und Leideinzuhandeln. Trotzdem bleibt der Auftrag bestehen, sich im Leben, und so auch der Freund- und Feindschaft durchaus dieses Auftrags bewusst zu sein. Sonst aber gilt in beiden Lebenssituationen reflektiert, nach Frieden zu streben.


[1] 5 Mose 32-35

[2] Friedrich von Schiller: Wilhelm Tell, IV,3

[3] Papst Paul VI.in der Enzyklika  „Populorum progressio” vom 26. März 1967

Kommentare (3)

Merchan Agaricus

Schön wenn man ein paar passende Zitate kennt, die zu diesen starken Empfindungen passen.
Ich persönlich gehe eher von Verhaltensweise aus, die man an den Tag legt, wenn man Freund oder Feind begegnet. Und in unserer Welt, ist ja eine Feindschaft dermaßen verpönt, dass man sie ja nur noch heimlich betreiben kann ...

Maria Theodora Freifrau von Bottlenberg-Landsberg

Danke für Ihren Kommentat. Es gibt ein Zitat von Edith Stein, dass,wenn man viel zitiert, beweist, dass andere gescheit sind. Wenn diese anderen die Dinge auf den Punkt bringen, habe ich keine Schwierigkeiten, sie zu zitieren und damit zu beweisen, dass sie gescheiter sind als ich, denn so knapp hätte ich es nicht sagen können.

Merchan Agaricus

Da haben Sie völlig Recht. Insofern ist es tatsächlich gut, dass Sie einige Zitate kennen.
Was die Klugheit der anderen angeht - die defacto meine eigene übetrifft -, labe ich mich an ihr, wie ein junger Bär an einem Bienenstock voll Honig, jedes Mal, sobald ich eine Buchhandlung betrete.


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