Freund und Feind

Rüdiger Eduard Böhle • 27 Mai 2022
2 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 1 gefällt

Freund und Feind: Ein anregendes Thema! So uralt wie aktuell relevant! Vor der Folie der Gegenwart insbesondere!

„Freund und Feind“ setzt das gemeine Selbstverständnis differenziert widereinander und läßt das Alltägliche, Normale, eine Sozialität Tragende außer Acht: den gleich-gültigen und doch das Dasein ‚Grund-legend‘ vergewissernden sozialen Kontext – bis hin zu global! Freund und Feind hingegen kennzeichnen exklusive Verhältnisse: jenes primär emotional sympathisch und intentional progressiv konnotiert, dieses primär emotional aversiv und intentional aggressiv; jenes resultiert primär einem kontingenten Eindruck-von (J.König) Entsprechung, dieses einer weithin dissonanten Geschichte an Umgangserfahrung in der Spannweite von Sachgehalt und Ereignis über Vorurteil und Mißverständnis bis sittlicher, moralischer und wertender Tradition.
Darin jedoch gleichen beide einander, daß sie der Hege und Pflege bedürfen, um ihren Bestand zu wahren!
Während der Zerfall des Freundes, wenn Solches bewußt wird, schmerzt, eröffnet die Intention, den Feind aufzuheben, ein weites Feld der Ratlosigkeit; insbesondere, wenn der Feind für sich auf seinem Bestand so selbstgerecht wie denkresistent beharrt. Feindschaftsverhältnisse entwickeln ‚im Normalfalle‘ eine ziemlich stabile Tradition bis hin zum Selbstverständnisse: das Narrativ Rußlands, die Ukraine werde von Nazis beherrscht und müsse befreit werden; in Rußland scheint dieses Narrativ verläßlich zu wirken.
Die Weisheitsliteratur trägt eine Fülle an ‚guten Ratschlägen‘ für einen friedlichen Umgange der Menschen miteinander vor – ohne auch nur im Ansatze nach der Ursache für ein dissonantes Handeln und Verhalten der Menschen zu fragen. Im Kriterium der Geschichte offenbart die Weisheit: ein so untaugliches wie idyllisch-tödliches Geschwätz im Anspruche von ‚moralisch gut‘ zu sein!
„Quält dich ein Feind, dann setze dich ans Ufer und warte bis sein Leichnam an Dir vorüberschwimmt!“ – Na, toll! Dann quält mich nicht nur mein Feind, sondern ich widme ihm auch noch mein Leben; zierlich garniert mit der Öde des Wartens! Solch ein Leben nutzlos verschleudernder Spruch fällt nur der Weisheit ein: alle Weisheit hat das Leben längst hinter sich und nur noch den Tod vor sich!
„Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen …!“ – Solches sage man Jesiden, insbesondere jesidischen Frauen, im Anblicke des IS; Ukrainern im Anblicke der Aggression Rußlands; Indigenen des Regenwaldes im Anblicke der Holzmaffia; Bürgerkriegsparteien im Jemen, Syrien, Libyen, Äthiopien … vergewaltigten Frauen im Anblicke ihrer Vergewaltiger! – Da kommt doch Freude auf und endlich gibt es Frieden in die Welt!

In ihrem Einleitungstext sprechen Sie, Herr Jakob, das Dilemma in der Sache präzise aus: „ … können … können … können … mal leichter … mal schwieriger“! Soweit wir in der Geschichte – empirisch belegt – zurückblicken, vernehmen wir ab ovo das Begehren nach Frieden, das Bewußtsein vom Kriege als einem Verhängnisse – und dann die triviale Realität: Seit eh und je führen die Menschen widereinander Krieg; seit eh und je erleben die Menschen den Krieg als Katastrophe; seit eh und je hegen und pflegen die Menschen das Desaster des Krieges sowohl vorbereitend wie tätig – bis hin zum hybriden Pathos des Heroischen: „… im Felde da ist der Mann noch was wert, da wird ihm das Herz noch gebogen“! Homer und Thukydides berichtet ein kontradiktorisch Anderes; so faktisch nüchtern wie bis heute kein anderes ‚Antik-Kriegs‘-Buch. – Zugegeben: rund 3000 Jahre alt! Aus der Geschichte der Menschheit können wir lernen, daß die Menschheit aus ihrer Geschichte nicht gelernt hat – wie unsere Gegenwart mal wieder konkret offenbart!

Auf der Stufe der alltäglichen Vernunft, die wir gemeinhin auch den „gesunden Menschenverstand“ nennen, wird ein solches Handeln und Verhalten als „absurd“ bezeichnet. Wie die Geschichte der Menschheit ab ovo uns in epischer Breite erzählt und die Gegenwart uns gerade konkret erfahren läßt, ereignet sich Solches auf eben diese ‚absurde Weise‘ und zugleich selbstverständlich von jedem der Kombattanten für sich im Anspruche des Rechtes, der Würde, der Ehre, der Humanität bis hin zur Gottgefälligkeit: Afghanistan, Jemen, Syrien, Mali, Libanon, Äthiopien, Palästina, Sudan, … Ukraine: „… ’s ist leider Krieg – und ich begehre, / Nicht schuld daran zu sein!“ – Naja, wer ist schon schuld an einem Kriege, außer den Anderen?

In der uns historisch überschaubaren und per kultureller Relikte näher bestimmbaren Epochen der Menschheit avisieren die Religionen den Frieden gemäß der Befolgung göttlicher Gebote. Im Anblicke der Realität menschlichen Weltverhaltens avisieren einige Religionen den göttlich begeisterten Friedensfürsten. – Klappte allerding bis heute noch nicht; sondern belegt mannigfach das Idiom: gegen die Dummheit, die Widersprüche auch in der Gestalt von Absurdität nicht als Anstoß zum Bedenken vernimmt, kämpfen bekanntlich selbst Götter vergebens! (Homer, Odyssee I, 32ff) Wie Dummheit und Unkultiviertheit, allerdings nur bei hierzu ‚geeigneten‘ Menschen aufzuheben wäre, führt schon das Gilgamesch-Epos bei Enkidu vor: 3000 a.chr.!

Krieg als Resultat der Dummheit und Frieden als Resultat des Denkens? Solches vor der Folie, daß gemeinhin vom Mensch, und also vom geistigen Lebewesen, Krieg als „ultima ration“ bezeichnet und bis zur Kriegskunst (Clausewitz, Moltke …) sublimiert wird und darum, sehr wohl realitätskonform, eine gewaltige Kriegsmaschinerie für alle Fälle der besonderen Ratio institutionalisiert werden muß? – paßt auch nicht so wirklich zusammen; wird aber dennoch gehegt und gepflegt! (Wenn eine Regierung an die Menschlichkeit glaubt, verrät sie das eigene Volk und Land! – Fichte)

Gemeinsamkeit
Warum ist das eigentlich so? „Gemeinsamkeiten können binden“, wie Herr Jakob betont; sie können aber auch trennen, diktieren, restringieren, desavouieren … bis hin zu vergewaltigen! Vor dieser Folie stellt sich die Frage, wie Gemeinsamkeit aus sich selbst her sich bestimmt, und also an und für sich gedacht und begriffen wird? und andererseits: wie Gemeinsamkeit im gemeinen Selbstverständnisse bestimmt, und also, äußerlich und intentional konnotiert, zum Zwecke instrumentalisiert wird? Wobei in kritischer Distanz sich zeigt, daß dieser Terminus der Gemeinsamkeit in der Tradition sich legitimiert – gemeinhin und bedenkenlos: „niemand weiß, woher sie (die Verdikte der Sittlichkeit und Moral bis hin zur Kultur; REB) stammen; und also sind sie heilig!“, schwadroniert, moralisch so richtig selbstgerecht, eine pubertär aufmüpfige Antigone. [Antigone sei jedoch zugleich gewahrt, denn sie erkennt – ein bißchen spät, aber immerhin: „wenn die Götter dulden, daß ich leide, dann habe ich gefehlt!“ Eine derart kritische Distanz gegenüber sich selbst mangelt dem gemeinen Selbstverständnisse, wie wir es hier angesprochen haben, elementar!]

„Gemeinsamkeit“ auf der Stufe des Gedankens oder des Begriffes resultiert in die kritisch distanzierte oder diskrete Identität des Einzelnen mit dem, was ‚allen das Gemeinsame‘ ist. Solches fundiert sich in der Souveränität, dem subtilen Ursprunge der Verantwortung. Auf dieser Stufe setzt das Bewußtsein in der Bestimmung der Gemeinsamkeit das Moment des Exklusiven ‚zweckmäßig konnotierte‘ sich zur orientierenden Einschränkung für ein adäquates Handeln und Verhalten; nicht aber zur ‚absolut geltenden‘ Beschränkung nicht nur aller trivialen Aktivität, sondern des Denkens in kritischer Distanz – qua Moral, Sittlichkeit, Werte und deren Hierarchie.

Das Bewußtsein auf der Stufe einer ‚absolut geltenden‘ Gemeinsamkeit restringiert die Bewegungen des Geistes und spiegelt die Intention, eine Mannigfaltigkeit von Menschen auf ein – wie und warum auch immer – proklamiertes Gemeinsames ‚von höherem Werte‘ hin zu disziplinieren und auf diese Weise die Exklusivität hybride zu verabsolutieren. Das Gelingen einer derart terminierten Gemeinsamkeit erfordert die Subordination des Menschen, die notfalls innerlich durch ein ‚schlechtes Gewissen‘, äußerlich durch eine soziale Desavouierung erzwungen werden soll. Diese typische Denkresistenz im gemeinen oder trivialen Selbstverständnisse von Gemeinsamkeit, gepaart mit der Sympathie zum Zwange, evoziert bei Hölderlin die existentielle Frage an Diotima: „warum soll Eines und Eines nur sein?“; bei Balzac das Desaster des Pere Goriot; bei Fontane die Tragödie der Effi Briest; bei Hebbel das Verhängnis der Magdalena; bei Brecht die süffisante „ungehörige Alte“; bei Torquemada ein Gott-gefälliges Autodafé; bei Herzog Alba die Installierung eines „Rat der Unruhe“ (Blutrat von Brüssel) und der Netze in engen Straßen; bei … !
So ‚gemeinsam‘ erweist sich die Gemeinsamkeit in realitate dann doch nicht! Die Realität spiegelt die Fundierung der Gemeinsamkeit in diffus-variablen Termini in der Spannweite von Meinen, Glauben, Moral, Sittlichkeit, Werte und nicht im Begriffe; sie spiegelt die strikte Negation des Menschen qua geistigem Lebewesen, Zweck an sich selbst, Individuum, Souveränität und Verantwortung! – Es sei mal wieder auf Leibniz verwiese: „Aus Widersprüchlichem läßt sich nur Widersprüchliches folgern!“

Gegensätze
„Gegensätze können bereichern, können aber auch Ablehnung hervorbringen.“ Das Wörtchen „kann“ hat nun mal so seine (logischen) Tücken und spiegelt auch hier wieder präzise das ‚weite Feld‘ des subjektiv konnotierten Selbstverständnisses in der Sache! „ … können … können aber auch …“ eröffnet, anscheinen beiläufig, für ein aufmerksames Bewußtsein die Notwendigkeit, diese Dissonanz schlüssig zu einer Zukunft eröffnenden Lebenstauglichkeit aufzuheben. Gegensätze bereichern – innerlogisch notwendig – auf der Stufe des Begriffes von Gemeinsamkeit; diesem virulenten Bewußtsein, daß alles mit allem ‚Grund-legend‘ zusammenhängt und nur das Ganze, gewahrt in der ihm elementar eigenen und darum so virulenten Logik, das Leben überhaupt und des Menschen im Besonderen vergewissert!

Im Begriffe und nur im Begriffe haben Sprache und Bewußtsein oder der Mensch qua geistigem Lebewesen ihren Ort. Hier kommen Gegensätze zur Sprache und in der Sprache zum Bewußtsein – von diskreter und in sich achtsam differenzierter Gemeinsamkeit: „ein Gespräch wir sind und hören voneinander“! [en passant historisch: die ‚Bedenklichen‘ im Kreuzzugsheere sahen den Spitzbogen der sarazenischen Architektur und vernahmen oder ‚ließen sich die Logik der Sache erzählen‘. Vom Hören des Anderen geführt, erkannten sie die Lösung der eigenen statischen Probleme in der romanischen Architektur, die Dynamik des exponentiell steigenden Seitendruckes auf die Wände bei steigender Höhe des Kirchenraumes sicher in den Boden abzuleiten: die Gotik; bis zur heiteren Leichtigkeit gesteigert: Gaudi! Was bei den Sarazenen nur Schmuck war, wurde für die Kreuzfahrer auf ihre Problematik hin ‚gedacht‘: Gegensätze bereichern – innerlogisch stringent – in der Arbeit des Geistes oder ‚im Gespräch‘, diesem unendlichen Arsenal an mentalen Anstößigkeiten, bis dato unbekannte Horizonte des Lebens sich zu erschließen!]

Gegensätze bringen, innerlogisch notwendig, die Empfindung von Ablehnung hervor – auf der Stufe von Subordination unter eine, gemeinhin aus der Tradition her bedenkenlos terminierte, und darum auch absolute Geltung beanspruchende, Gemeinsamkeit. Der Bewußtseinsstatus, dem Gegensätze die Empfindung von Ablehnung evozieren, spiegelt eine aktuelle, in realitate aus einer langen bis unüberschaubaren Tradition her konditionierte, Denkresistenz. Keine Denkresistenz ‚fällt vom Himmel‘ und resultiert nicht aus dem Mangel an mentaler Potenz, sondern fundiert sich in einer wohl erwogenen und von lange her gehegten und gepflegten Geschichte des Meinens und Glaubens bis hin zu deren Sublimierung zu Sittlichkeit, Moral und Wert im Anspruche von absoluter Geltung als das Kriterium für ‚wahr, gut und schön‘! Dem Menschen eignet qua geistigem Lebewesen hier ganz richtig nur die Qualität des Skandalon. [Die Desavouierung des Menschen oder des Geistes zum Ärgernisse der Götter trägt schon das Gilgamesch-Epos vor; über die Erzählung von der Sintflut tradiert das AT diesen Topos bis in unsere Kultur und Gegenwart.]

En passant eine sprachliche Anmerkung: Gegensatz ~ gegen-Satz; von der Sprache her: Gegenwort ~ Antwort ~ Ant-i-Wort; und also: Gespräch! Hat kein Gespräch statt, worin Gegen-Sätze zur Sprache kommen und so die einander Anderen einander sich mitteilen und diskret zum Verstehen durch Mitdenken einladen (Humboldt), terminiert die denkresistent absolut gesetzte Exklusivität des Eigenen wider alles Andere das konkrete Bewußtsein, der Ursprung alles Handelns und Verhaltens: das Arsenal der Anstößigkeiten seitens des jeweilen Anderen zerfällt vor diesem hybriden Anspruche und absoluten Kriterium, das jedes Bedenken in kritischer Distanz ausschließt, nicht nur zur Nichtigkeit, sondern mutiert, so subjektiv wie denkresistent konditioniert, zur konkreten Erfahrung existenzieller Bedrohung und resultiert stringent zur Forderung des Krieges! [die gegenwärtige Regierung Rußlands spielt professionell (fast) perfekt auf dieser Klaviatur der Menschenverachtung: zum Zwecke der Macht; zum Zwecke der Domination über eine Menge oder Masse an Menschen.]

„Wie können Menschen unterschiedlichster Herkunft, Ethik und Religion in Einklang zusammenleben und warum gestaltet sich dieses für den Menschen mal leichter und mal schwieriger?“
Schon Gudea konstatierte vor der Folie der ‚absoluten‘ Herrschaft des Sargon, daß differente Herkunft und Ethik, spezifisch differente Religionen dann und nur dann ‚gut‘ miteinander auskommen und einander förderlich zu wirken vermöchten, wenn politisch gesicherte räumliche Distanzen die Konflikte sozialer Distanzen verhindern! Was bei Gudea – in kongenialer Zusammenarbeit mit Enanepada, seiner subtilen Schwägerin und brillante Theologin –, pragmatisch zum (Wohlstands-)Staate organisiert wurde, expliziert Aristoteles auf der Stufe der Logik in seiner Metaphysik.
Auf der Stufe des Selbstverständnisses oder traditionskonditioniert denkresistenten Bewußtseins, das Eigene und mit diesem sich selbst zur absoluten Position zu hypostasieren, ereignet sich ein ganz Anderes und gemeinhin alltäglich erfahrbar: eo ipso geht hier wenig bis gar nicht! Auf der Stufe der kritischen Distanz, primär zu sich selbst, dem Ursprunge der Souveränität und der Verantwortung und dem lebendigen Orte des Gespräches, wo Herkunft, Ethik, Religion, und also das bis dato die Art und Weise des Lebens fundierende Selbstverständnis, zur Sprache kommt und somit, in kritischer Distanz bedacht, zum Bewußtsein gebracht wird: hier gelingt ein ‚gute‘, ein
lebendiges Zusammen eo ipso so notwendig wie effektiv! Der Mensch qua geistigem Lebewesen oder Zweck an sich selbst entspricht sich nur und immer nur im selbst-gestalteten Einklange mit Anderem bis hin zum Fremden [… bald sind wir aber Gesang; Hölderlin], dem einfachen Resultat des Gespräches, mit Anderen – zum Zwecke des vergewisserten, eine prosperierende Zukunft eröffnenden und darum freien Zusammenlebens. – Eigentlich [Jargon der Eigentlichkeit; Adorno]: simple Logik! Es sei wiederholt: Schon Gudea führt es versus Sargon in der Staatslenkung vor, Hamurapi institutionalisiert es in seinem ‚fürsorglichen‘ Gesetz und Parmenides expliziert es schließlich in der Logik, die Aristoteles ‚auf den Punkt bringt‘!

In realitate öffnet sich dem gemeinen, im Eigenen denkresistent absolut verorteten, Selbstverständnisse im Anblicke differenter „Herkunft, Ethik und Religion“ nur der erschreckende, der Panik evozierende Blick in den Abgrund (Courbet). Ein derart verunsichertes Bewußtsein empfindet sich durch das Andere und Fremde elementar desavouiert und damit existentiell gefährdet; darum so genötigt wie verpflichtet, das Eigene vor der empfundenen Bedrohung zu bewahren. Diesem Bewußtsein stellt sich die Aufgabe, die avisierte Vernichtung des eigenen Fundamentes ‚mit allen Mitteln‘ zu vermeiden: die hybride Exklusivität des Eigenen evoziert die ebenso hybride Abwertung des Anderen und resultiert – innerlogisch notwendig – zum Kriege: zum kalten Kriege in der Gestalt von Diktatur und Parallel-Gesellschaften (Tuba Sarica); zum realen Kriege in der Gestalt des Terrors gegenüber exkludierten Menschen und Völker, Staaten und Institutionen, kulturellen Relikten …
Die konkrete Differenz von „Herkunft, Ethik und Religion“ spannt sich in einer sich als zivilisiert verstehenden Sozialität im akuten Maße der Toleranz aus; ein Maße, das im Anscheine von Humanität die Stringenz, das Andere zu exkludieren, überall dort, wo Eigenes vom Fremden nicht bzw. nicht relevant berührt wird, soweit zurücknimmt, daß dem Anderen und Fremden eine so exkludierte wie exkludierende Existenz gewährt wird. Toleranz eröffnet seit eh und je ein weites Feld der höflich konnotierten Mißachtung, demütig eingehüllt in das rechtfertigende und moralische Wohlgefühl des Anstandes und der Humanität. Die Realität erzählt allerdings ein kontradiktorisch Anderes: Die Konzentration derart tolerant gewährter, pragmatisch gewahrter und verorteter Existenzmöglichkeiten nennen wir „Ghetto“: die exkludierende Integration. Die an der Sache desolate bis katastrophale Konzeption erfährt das Bewußtsein der toleranten Sozialität in der latent explosiven Verunsicherung: sozialer Brennpunkt.

Wenn das Denken auf der Stufe der kritischen Distanz, und also im Anspruche von Erkenntnis und wahr, im Anblicke von „Herkunft, Ethik und Religion“ als Frevel empfunden, und darum, moralisch fundiert, zum Sakrileg mutiert wird, zerfällt der Horizont für eine prosperierende Zukunft. Was soll auch Anderes resultieren, wenn das Bewußtsein von „Herkunft, Ethik und Religion“, im Anspruche von absolut und sakral prädeterminiert, das Fundament des Menschen, ein geistiges Lebewesen, und also von Grunde auf souverän und Verantwortung zu sein, zum Ursprunge seiner Nichtigkeit erklärt? dieser Weise in sich selbst gewiß verortet, alles Handeln und Verhalten unter das Verdikt von Regeln und Werten subsumiert, deren absolute Gültigkeit in einer Transzendenz sich vergewissert? – Was soll auch sonst bei einem Selbstverständnisse dieser Provenienz im Anblicke einer fremden „Herkunft, Ethik und Religion“ Anderes herauskommen? Wo Meinen – in der Spannweite von Gusto bis Glauben – regiert oder ‚die Macht hat‘, hat eo ipso der Mensch keinen Ort.

Woraus her begründen sich derartige Dissonanzen bis hin zum Kriege? Woraus her begründet sich diese gemeinhin selbstverständliche Hege und Pflege derart lapidar offenkundig tödlicher Absurditäten, einerseits Anderes und Fremdes zu exkludieren und die resultierenden Dissonanzen bis hin zum Kriege als Verhängnis nicht nur zu erfahren, sondern sehr wohl auch zu erkennen – und doch zugleich immer wieder die aggressive Exklusion des Anderen und Fremden in der Handlung des Krieges als ultima ratio zu intendieren, darauf hin ‚in friedlichen Zeiten‘ sich achtsam, sorgfältig und kostenaufwendig vorzubereiten und bei Gelegenheit dann auch auszuführen? – „ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“! (Hamlet)

Woraus her begründet sich diese Absurdität, Anderes und Fremdes in der konkreten Gestalt des Menschen und seiner differenten Weise der Lebensgestaltung, die wir gemeinhin „Kultur“ nennen, bis hin zur Nichtigkeit zu desavouieren? und Solches seit der Epoche des homo erectus kontinuierlich bis hin zur Gegenwart?
Wie die Geschichte in epischer Breite erzählt: aus der subjektiv – in der Spannweite von borniertem Meinen bis transzendenzvergewissertem Glauben, Moral, Sittlichkeit, Werte und deren Wertehierarchie – konnotierten und zur Sakralität hypostasierten Denkresistenz! Sie spiegelt die zur höchsten Ehre proklamierte Nichtigkeitserklärung des Menschen an und für sich; die Nichtigkeitserklärung des Menschen qua Zweck an sich selbst; die Nichtigkeitserklärung von Souveränität; die Nichtigkeitserklärung von Verantwortung! „sehet hin auf den Menschen! All sein Trachten geht nur auf das Böse!“ [die Römer, die ‚Erfinder‘ von Recht und Gesetz auf der Stufe des Begriffes, wußten, welch eine Katastrophe und Beschädigung der Krieg intendiert; darum bedurfte der Krieg der Legitimation, die auch allemal bestens geleistet wurde: bellum iustum! – Lug und Trug wohl kalkuliert eingeschlossen und aktuell erfahrbar!]

„Wo zeigen sich … Chancen … eines friedlichen Miteinanders aktuell“?
Ein elementares Moment in der Bestimmung des Wortes „Chance“ zeigt sich im Unwägbaren, Kontingenten und in der elementaren Konditionierung seitens der akuten, eo ipso virulenten Umstände. Wie die Geschichte ab ovo erzählt: außer in ‚glücklichen‘ Umständen und für kurze, sehr kurze, Zeit – keine Chance! Und das auch noch ganz richtig oder eben: innerlogisch stringent! Das friedliche Miteinander resultiert nicht der Kontingenz günstiger Umstände und Augenblicke, sondern dem Denken auf der Stufe des Begriffes oder der kritischen Distanz, eo ipso vorzüglich gegenüber sich selbst, und resultiert der gängig-trivialen Anstrengung des Menschen qua geistigem Lebewesen, mit der gegenwärtigen Welt bedenkender Weise sich auseinanderzusetzen, und also in der Anstrengung des Begriffes, erkenntnisfundiert die Welt und das Leben auf den Begriff zu bringen – zum Zwecke, dem Leben überhaupt und dem Leben des Menschen oder des Individuums im Besonderen einen adäquaten Horizont der Gestaltung seiner selbst zu eröffnen.
Eine Welt und ein Leben des Menschen, und also im Bewußtsein des doppelten Genitives, bestimmt sich stringent, durch die Arbeit des Geistes gegangen zu sein. So und nur so entspricht der Mensch sich selbst; so und nur so gestaltet der Mensch eine Welt, die ihm entspricht: eine Welt ‚des‘ Menschen! Die Welt, worin das geistige Lebewesen, das der Mensch an und für sich ist, ‚wirklich‘ ist: seiender wie wirkender Weise! Der Mensch ist – auf der Stufe seines Begriffes: Zweck an sich selbst!

Allerdings: billiger als in der Anstrengung des Geistes, sich selbst in der Gestaltung von Leben und Welt auf den Begriff zu bringen, ist ein ‚friedvolles Miteinander‘ nicht zu haben; und schon gar nicht vergewissert!

Die Krux an der Sache und der Ursprung des Scheiterns: der Wunsch nach Frieden!
Wer soll diesen Wunsch denn erfüllen? Die Götter? Die Umstände? Ein Messias?

Gudea schreibt einen Hymnus auf die Hacke und sprach die Grundlegung des Lebens in der Schaffung und im Gebrauche adäquater Mittel, die aktuell gegebene Welt zur Welt des Menschen zu gestalten, vors Bewußtsein: Vor über 4000 Jahren!
Zum Anfange der Odyssee spricht Zeus vor den versammelten Olympiern die bis heute aktuelle Absurdität im Selbstverständnisse des Menschen aus: „Seltsam, wie halten die Menschen doch nur die Götter für schuldig! Sagen sie doch, von uns käme alles Übel, doch tragen Leiden sie selbst wider das Schicksal durch eigene Frevel!“ und welch ein Klartext erzählt die Ilias über die Brutalität des Krieges; wie drastisch offenbart die „Übergabe von Breda“ das Selbstverständnis der Menschenverachtung; ebenso Dix, der Krieg; Picasso, Guernica; Thukydides‘ Melier-Dialog; Simplizissimus; draußen vor der Tür; die Nackten und die Toten …!

Worüber empört sich das gemeine Bewußtsein im Anblicke der Ereignisse in der Ukraine? Was ereignet sich in der Ukraine so Besonderes, was nicht seit eh und je im Kriege sich ereignet? – wohl terminierter Weise; sublimiert bis zur „Kriegskunst“ und glorifiziert in der Strategie und den Strategen! (Alexander, Pompeius, Caesar, Juan de Austria, Nelson, Napoleon …) Krieg, Soldaten, Waffen ereignen sich in Schlachten: weshalb so mancher erfolgreiche ‚war lord‘ auch „Schlächter von …“ genannt wird; intendieren, Menschen zu töten und Lebensmöglichkeiten, die wir heute „Infrastrukturen“ nennen, effektiv zu zerstören (Billard um halb zehn); Achtung und Würde des Menschen zu desavouieren: Plünderung und Vergewaltigung! Krieg ereignet sich nicht im Schoße der Humanität, mit Samthandschuhen, Küßchen am Wegesrand und bunten Blumensträußchen! Krieg heißt: „vae victis!“
Das empörte Bewußtsein offenbart das Selbstverständnis, daß ein Krieg oder das Handeln und Verhalten auf dem Schlachtfelde sauber, anständig, ehrwürdig und human geführt werden könne und müsse; notfalls einklagbar – hinterher!

Nicht nur ‚das Wüten‘ des Krieges und die Ausbreitung des Leides wird uns bestens in diversen Kultur-Relikten erzählt, sondern ebenso eindringlich wird die Aufhebung des Verhängnisses vor ein aufmerksames Bewußtsein gestellt: die Werke der Musen explizieren eine so diskrete wie präzise Anleitung zur Gestaltung der Eudaimonia! Naja, eine gewisse Arbeit des Geistes muß allerdings geleistet werden: die Orestie des Aischylos, insbesondere im Schlußakt der Eumeniden; Acharner; der goldene Esel in toto, spezifisch Amor und Psyche; Narrenschiff; Natan; Stechlin; Marquise von O; Romeo und Julia auf dem Dorfe; Josef und seine Brüder … ! Die Liste läßt sich leicht fortsetzen – auch ohne auf die Anstrengung der Philosophie zu verweise: also könnte die Gegenwart bestens den Ursprung und die Aufhebung des Desasters vernehmen und in concreto leisten, wenn sie es denn intendierte und wenn sie die zweckmäßigen Mittel eruierte!

Verallgemeinerung: Die kulturellen Relikte erzählen ab ovo der Menschheit von einer Welt des Menschen und wie diese in realitate zu bewirken, zu gestalten sei! Die Welt des Menschen (doppelter Genitiv) ist kein Mysterium und schon gar nicht Geschenk aus einer Transzendenz her: unsere Bibliotheken, Museen, Pinakotheken … sind bestens angefüllt mit derartigen Anstößigkeiten!
Moral, Sittlichkeit, Glauben, Weisheit … bemühen sich ab ovo ad datum um ein ‚freundliches‘, zumindest um ein ‚friedliches‘ Miteinander: Bekanntlich klappt es aber nicht so wirklich! Zuverlässig oder vergewissert schon gar nicht, wie die Gegenwart drastisch zeigt.

Wenn ein so lange andauerndes Bemühen nichts bringt, könnte ja (Konjunktiv; real: conjunctivus irrealis) dieses Bemühen und seine dieses leitenden Ideen fundamental ‚daneben liegen‘!

Kommentare (2)

Merchan Agaricus

Sehr guter und wahrer Text. Sich zu vertragen ist ein Kunststück.

Merchan Agaricus

"Ein derart verunsichertes Bewußtsein empfindet sich durch das Andere und Fremde elementar desavouiert und damit existentiell gefährdet; darum so genötigt wie verpflichtet, das Eigene vor der empfundenen Bedrohung zu bewahren."

Und so setzt es sich in der Innenpolitik fort. Während die einen die unternehmefreundliche Seite wählen, wählen die anderen die der Arbeitnehmer. Beide Seiten stehen im Clinch zu einander. Ein Krieg ist es nicht, dennoch ein Widerstand. Mit Folgen, wie dem gelebten Stress und der Unzufriedenheit mit der eigenen Position. Auf Seiten der Arbeitnehmer in einer viel höheren Anzahl.

Ein anderer Aspekt ist die Ökologie. Die erschreckende Selbstverständlichkeit mit der die Natur (vielfältig gehegt und gepflegt von der einen Seite) gebraucht, um nicht zu sagen, für ökonomische Zwecke, mißbraucht wird, erzeugt den Widerstand der Naturliebhaber.
So gibt es klare Gegensätzlichkeit und wenig Aussicht auf Kompromisse. Auch wenn die herrschenden Parteien sich momentan einen ökologisch-sozialen Anstrich verpassen, so wirtschaften sie weiterhin mit den vorhandenen Ressourcen. Der Lebensraum des einen, an dem er Herz und Bewußtsein hängt, den er auf seine Weise liebt oder verehrt, wird zum Rohstoff des anderen. Und wieder ist es eine Frage der Macht. Macht aber impliziert Unterwerfung.

So sind wir wieder bei Ihrer Schlußbetrachtung: "Wenn ein so lange andauerndes Bemühen nichts bringt, könnte ja (Konjunktiv; real: conjunctivus irrealis) dieses Bemühen und seine dieses leitenden Ideen fundamental ‚daneben liegen‘!"
Somit wäre eine Einigung zu erzielen, vielleicht nur illusorisch und der Konflikt der Grund unserer Existenz.
Für mich als harmonieliebenden Menschen eine traurige Gewissheit.

Ob es zu einer Freund-Feind-Bestimmung gereicht, bleibt ungewiss, da die Intensität des Widerstands einer eigenen Betrachtung bedürfe.


Please anmelden or sign up to comment.