Freund und Feind

Michael Pfeiffer • 14 Mai 2022
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Welcher Sinn wohnt solcher Rede inne?

Ich poche an die Tür. Die Stimme einer Frau antwortet: „Freund oder Feind?“

Zu welchem Zweck bin ich gekommen, was zu tun liegt mir im Sinn: zu schaden, nicht zu schaden, gar zu nutzen?

Ich komme wohl als Feind, denn ich überbringe die Nachricht vom Tod ihres Gatten.

Kaum ist die Botschaft ausgesprochen, werde ich aufs Herzlichste eingelassen: der Mann war ein grausamer Tyrann und dies der Beginn ihres neuen Lebens.

Ich lese die Replik eines Kritiker auf einen meiner Texte. Keiner meiner Gedanken bleibt unwidersprochen.

Ist er gegen mich? Die Antwort gibt er selbst. Er bewundert mein Denken, auch wenn er es nicht teilt, hält von meinen Fehlern mehr, als von dem Richtigen manch Anderer.

Was für ein Mensch bin ich? Bin ich Freund, bin ich Feind und wem bin ich solches?

Entscheidet mein Tun, meine Haltung, mein Sein?

Mag sein, dass „Freund“ und „Feind“ leere Begriffe sind. Dass sie auf strategische Weise gefüllt werden, dass Menschen in sie gezwungen werden.

Mag sein, dass dies Kampfbegriffe sind, militärische Semantik.

Kann Krieg erklärt werden ohne „Freund“ und „Feind“?

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Schöner Gedanke am Ende, Herr Pfeiffer. Der Krieg will durch so vieles erklärt werden und bietet selber so wenig Erklärung für irgendetwas.

Gabriele Jung

Michael Pfeiffer, herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Ihr Text spiegelt für mich sehr gut die Brüchigkeit von Freund-Feind-Schemata. Die vorgenommene Kategorisierung in Freund oder Feind ist aus meiner Sicht oftmals tatsächlich einem wie auch immer gearteten „Kampf“ geschuldet: Der tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung oder der Polarisierung in politischen Debatten.

Michaela N.

Freundschaft und Feindschaft gleicht einen Dahtseilakt. Viel zu oft verschwimmt die Grenze eigentlich zu einer einzigen grauen Masse.

Und nur der Stolz scheint die Trennlinen aufbricht zu erhalten.

Kaum sichtbar, aber im Inneren verankert. In den Erfahrungen, Verblendungen und im Stolz und der Dummheit.

Ist es auch ein klein wenig Interpretstionsfrage?

Meine Erfahrungen sind leider so, daß wir egal wie man es tut, es nicht beeinflussen können ob man Freund oder Feind für den Gegenüber ist.

Man kann das freundliche Wesen haben, und wird genau aus diesem Grunde dafür gehasst und automatisch zum Feind.
Auch wenn das eigentlich völlig irrsinnig ist.
Oft ist es genau due Eigenschaft die wir selber nicht wiedergeben können, die uns gerade an dem gegenüber zu stören scheint.

Im Sinne von Krieg traurigerweise gibt es immer nur entweder- oder.

Sehr sensibler Text und bringt einen zum Nachdenken. Danke dafür. So viele Fragen und so viel Spielraum um darüber zu philosophieren. Das wird sicher noch sehr interessante Gespräche hier geben zu ihren Text.

Michael Pfeiffer

Vielen Dank für die ftreundlichen Kommentare!
Ein weiterer Gedanke zum Text: Alles Politische ist angewiesen auf eine Imagination kollektiver Einheit, die das Andere abgrenzt, funktioniert also nicht ohne die Unterscheidung von "Freund und Feind". Dies verweist auf den Satz, Krieg sei die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln.

Gabriele Jung

Michael Pfeiffer, noch hoffe ich, dass Politik nicht zwangsweise nur über Polarisierung funktioniert, auch wenn sich häufig dieser Eindruck aufdrängt. Aber wichtig finde ich Ihren Gedanken der „Imagination kollektiver Einheit“. Denn oft - so scheint es auch mir - dient die Freund-Feind Einteilung nur dazu eine angebliche Einheit zu schaffen, die es gar nicht gibt. In Abgrenzung zu dem „Feind“, dem „Anderen“ entsteht so z.B. aus einer sehr heterogene Masse ein vermeintlich homogenes Gebilde, dessen einziges Bindeglied der gemeinsame „Feind“ ist. Der „Feind“ mobilisiert (und auch hier wieder die sprachliche Parallele zum Krieg) und schafft Zusammenhalt, so lange er als Vorstellung existiert. Denn ist nicht letztlich auch der Feind eine bloße Imagination? Sicher nicht immer, aber in vielen Fällen eben doch. So zumindest mein Eindruck.

Marcin Lupa

Gabriele Jung der Imaginationsgedanke gefällt mir sehr gut.


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