Freiheit für Alle - Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten

Merchan Agaricus • 23 Mai 2022
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Seit dem Antritt in der Grundschule besteht ein Großteil meines Lebens aus Arbeit. Der Anteil der Freizeit daran, wird zunehmend geringer. Nicht alles daran ist jedoch Erwerbsarbeit, viele Verrichtungen, die einen mehr oder minder großen energetischen Aufwand bedeuten, bringen keinen pukuniären Lohn für mich.

Da ich mir einen Überblick über Arbeit und ihre Stellung innerhalb unserer modernen Gesellschaft machen will, lese ich dieses mit einiger Spannung und Neugierde erwartete Buch.

Meine Frage hierbei: gibt es eine Möglichkeit das schier endlose Pensum an erwerblichen und nicht erwerblichen Tätigkeiten zu reduzieren, ohne dabei zu verhungern oder Dinge die unbedingt erledigt gehören, unerledigt zu lassen?
Sicherlich wäre eine adaptive Hilfe seitens der KI wünschenswert, beiderlei Tätigkeiten zu erleichtern, die Lohnarbeit sowie die lästigen unerwerblichen Beschäftigungen des Alltags in der freien und dadurch doch nicht so freien Zeit.

Da Precht zumindest immer nette Ideen hat und anspruchsvoll schreiben kann, freue ich mich auf die Auseinandersetzung mit dieser Lektüre. Eine Beschäftigung, die ich eher zu den Vergnügungen rechne, wobei es ja Leute geben soll, die mit ihren Vergnügungen auch Geld verdienen. Manchen macht ihre Erwerbsarbeit auch Spaß.

Das Buch ist zu beziehen über die wbg: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/42267/freiheit-fuer-alle 

Kommentare (11)

Lara Hitzmann

Lieber Herr Lupa, wie sieht Precht die Befreiung von der Arbeit? Ich bin gespannt, denn es wäre wirklich wünschenswert, wenn jede und jeder Spaß an seiner Arbeit hätte und gleichzeitig aber genug Einkommen und Zeit, um auch das Leben zu genießen.

Norbert KNOLL

Lieber Herr Lupa,
der Titel erinnert mich unweigerlich an "Utopia" von Thomas Morus und sollte in einer zukünftigen Auflage leicht abgeändert werden:

"Arbeit für Alle - Das Ende der Unfreiheit wie wir sie kannten".

In Utopia wird im ersten Kapitel das arbeitsscheue Gesindel der Pfaffen und Adeligen beklagt und die eingebildeten, europäischen Fürsten, deren sinnlose Kriege Ressourcen verschlingen, sodass die verarmte Bevölkerung von Hunger und Elend geplagt wird, obwohl sie brav schuftet.

Auf der Insel Utopia hat man schon vor über 500 Jahren den 6-Stunden-Arbeitstag eingeführt. Dies zu ermöglichen, ist kein Verdienst des Einsatzes besonderer Technologien - ja man kommt gänzlich ohne KI aus.

Das kann nur in weltfremd-utopischen Phantasien so sein, werden Sie jetzt sagen?!

Nein, man hat in Utopia nur gelernt, auf Ressourcenfressende Kriege weitgehend zu verzichten, kennt weder prächtige Paläste und Jachten noch sonstige Luxusgüter (die sich nur Superreiche & Oligarchen leisten können) und lässt alle Menschen - mit Ausnahme der Kinder, der Alten und der Kranken - nur noch vormittags arbeiten.

In Utopia könnte man vermutlich sogar auf die in beschränktem Ausmaß praktizierte Sklaverei verzichten, wohingegen moderne, westliche Wohlfahrtstaaten ohne die modernisierten Formen der Sklaverei kaum vorstellbar sind.

Vielleicht sollte man weniger Hoffnung in die segensreichen Fortschritte produktivitätssteigernder Maschinen setzen, über die wir längst verfügen und die ermöglichen, dass - anders als vor 100 Jahren - nicht mehr die Hälfte sondern ein Bruchteil der Bevölkerung damit beschäftigt ist, die für das Überleben der Gesellschaft nötigen Nahrungsmittel zu produzieren.

Es kommt vermutlich weniger auf die richtige Technik als vielmehr auf die richtige Verteilung & Entlohnung der Arbeit an.

Bin gespannt, was Precht darüber zu berichten weiß.

PS Ein Buch das ich allen an KI interessierten wegen seiner guten Lesbarkeit empfehlen kann, ist kürzlich bei Junius erschienen: Sebastian Rosengrün, "Künstliche Intelligenz zur Einführung"

Merchan Agaricus

Lieber Herr Knoll,

ich sehe das absolut wie Morus, der lasterhafte, rücksichtslose Lebenswandel der Reichen müsste aufhören, diese Leute zur Verantwortung gezogen werden. Doch sie sichern sich mit dem Terror (Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung) ab, um nicht belangt zu werden. Es ist immer wieder traurig feststellen zu müssen, dass ein kleiner Prozentteil der Menschheit die Regeln diktiert, die ein Großteil der Menschheit einzuhalten hat, damit dieser kleine Prozentteil stets in seinem Übermass aufrecht gehalten werden kann. Scheinbar geht es bei der Menschheit nur um diese Dynamik. Alles andere wird nicht als erfolgreich erkannt. Die Natur - natürlich ohne ein Bewußtsein und eine Vernunft dahinter - funktioniert ganz einfach so, dass sie die Gerissenen, grausamen, rücksichtslosen, ja banal gesagt bösen belohnt, während sie die rechtschaffenen foltert und zwingt.

Ich finde persönlich keinerlei Hinweise, dass es jemals anders gewesen ist und erlebe das heutzutage immer wieder im privaten Umfeld. Je grausamer, rücksichtsloser und böser, desto glücklicher und erfolgreicher die Individuen.

Der Versuch mit dem Christentum war wohl eine Art der Blendung, damit die Benachteiligten glauben, sie würden durch ihr rechtschaffenes Verhalten irgendwelche Vorteile bekommen. Leider erst im Jenseits, was man nicht überprüfen kann, weil man nicht überprüfen kann, ob es je ein Jenseits geben wird. Vermutlich eher nicht, auch keine Form von Ausgleich oder Wiedergutmachung.

Bleibt die Frage, wie leben, ohne zu sehr ausgebeutet zu werden und sich zu Tode zu schuften, jung zu sterben, kaputt gemacht durch zu viel Arbeit?
Möglicherweise ist KI dabei etwas hilfreich. Jedenfalls so weit, dass man ein paar glückliche Tage herausschlagen kann und am Ende ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte dazugewinnt.

Ob mir Precht dabei eine Antwort liefert, werde ich noch sehen.

Ich danke Ihnen jedenfalls für den Hinweis mit dem Morus. Dieser ist ja nun ein vielfach erwähnter Klassiker und man findet sehr viele Hinweise auf ihn, wenn man viel liest.

Liebe Frau Hitzmann,

der Arbeit werden wir schon nicht entkommen, nur unsere Auszeiten sollten wir uns nehmen und nicht zu schnell altern dabei.

Herzliche Grüße an Sie beide
Marcin Lupa

Gabriele Jung

Lieber Herr Lupa, ich freue mich schon sehr auf den Austausch mit Ihnen. Viele Gedanken Prechts finde ich sehr schlüssig, aber wie der von ihm angestrebte Paradigmawechsel, Arbeit und Einkommen zu entkoppeln, tatsächlich gelingen kann, weiß ich nicht. Da bin ich sehr auf Ihre Einschätzung gespannt. Wir hören uns! Herzliche Grüße!

Merchan Agaricus

Insofern ist ja Arbeit und Einkommen schon entkoppelt. Denn für die meiste Arbeit, die wir tagtäglich verrichten gibt es kein Geld. Es gilt jetzt mehr einen festen Posten des Einkommens aufzubauen, der nicht an eine Arbeitsleistung gekoppelt ist. Das wäre laut Precht das Grundeinkommen für jeden. Darüberhinaus soll es in Zukunft - und damit meint er eher die nächsten Jahrzehnte als Jahre - das geben, was Herr Knoll oben bereits anspricht und das als Tendenz bereits seit der Aufklärung und schon vorher in den Ansätzen durch die Gesellschaften schweifte, nämlich die Idee von einer gerechten Vermögensverteilung. Klar, dass da auch der gelebte Sozialismus einen Bärendienst erwiesen hat. Aber vielleicht gibt es für diese prinzipiell gute Idee trotzdem auch heute einen Weg.

Merchan Agaricus

Einen Auszug möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, darin ist der Grundtenor des Buches zum Ausdruck gebracht (Seite 142f.): "Offensichtlich bestand das frühe Menschsein in der Savanne zum überwiegenden Teil aus freier Zeit, Müßiggang, Spiel und Kommunikation, nicht anders als bei anderen geselligen Säugetieren auch. Und wahrscheinlich lag gerade hier, in der nicht zweckgebundnen Zeit, der Ursprung der menschlichen Kulturentwicklung und nicht etwa in einem endlosen, Hunderttausende von Jahren währenden Herumgetüftel an Schlagstöcken und Auskeilen."

Damit ist klar, dass Precht darauf hinauswill, den arbeitsscheuen Menschen zu rehabilitieren, indem er zeigt, dass 99% unseres Daseins als höher entwickelte Menschenaffen, nicht der Arbeit und Verrichtungen angehörten, die kein Spaß machen und erschöpfen, jedoch den Zweck haben unser Überleben zu sichern.

An einer anderen Stelle sagt Precht, dass ein Buch wie dieses zu schreiben, unmöglich zur Lohnarbeit zu zählen sei. Es sei viel mehr eine Beschäftigung, die ihm Vergnügen bereitet, Teil der Selbstverwirklichung und darüber hinaus Verdienst schafft.

So glücklich möchte man sich wähnen und ich werde dabei nur neidisch. Neidisch auf einen so intelligenten Geist, der es sich einrichten konnte, aus Selbstverwirklichung Kapital zu schlagen.

Gabriele Jung

Lieber Herr Lupa,
das Zitat spiegelt in der Tat auch für mich einen zentralen Gedanken des Buches. Darauf würde ich noch gesondert eingehen.

Hier jetzt aber erst einmal meine Erläuterungen zu dem, was ich mit dem Paradigmawechsel gemeint habe. Mir ging es um eine grundsätzliche Frage. Unser gesellschaftliches Zusammenleben basiert nun schon über mehrere Generationen auf dem Prinzip, dass Arbeit mit Geld entlohnt wird und der gesellschaftliche Stellenwert bzw. die Wertschätzung der getätigten Arbeit mit der Höhe der Bezahlung steigt. Auf die simple Formel gebracht, nur wer arbeitet, „verdient“ Geld, wer viel Geld „verdient“, erledigt eine gesellschaftlich wertgeschätzte Arbeit. Dass das nicht zwangsläufig stimmt und es dabei auch schon immer Arbeit gab, die unentgeltlich erledigt wurde, vor allem im häuslichen Bereich oder mit Blick auf sogenannte soziale/ caritative Tätigkeiten, ist dabei unbestritten.

Dennoch ist dieses Prinzip aus meiner Sicht tief in den Köpfen verwurzelt und es wird Generationen brauchen, eine Abkehr von diesem Paradigma zu erreichen. Das setzt aber auch voraus, dass diejenigen, die dieses Prinzip wie ein Mantra vorbeten und auch ein großes Interesse daran haben, dass das so bleibt, irgendwie in den Prozess des Umdenkens mit einbezogen werden. Denn das BGE allein wird den Paradigmawechsel aus meiner Sicht nicht stemmen können. Zumal damit ja nicht gemeint ist, dass keine weitere Arbeit mehr geleistet wird und man sich quasi, dem reinen Müßiggang hingibt, also sprich „frei von allen Arbeitszwängen“ wäre. Ich glaube, damit wären lediglich die ökonomischen Überlebenszwänge etwas befriedet und abgemildert. Es ist jedoch sicher der erste Schritt in die richtige Richtung. Aber darüber können wir uns noch ausführlicher austauschen.

Die Rolle der KI in diesem Gedankengebäude ist zwar sicherlich einerseits eine entlastende, unterstützende, sie sorgt aber laut Precht auch dafür, dass eine Vielzahl von bisher ordentlich bezahlten Arbeitsstellen verloren gehen wird. Der gesamte Büro-Sektor z.B. , in dem derzeit eine große Anzahl von Menschen tätig ist, wird durch den Einsatz moderner Technologien „menschenbefreit“ werden und es werden dann nur wenige gut ausgebildeten Kräften gebraucht, die diese automatisierten Abläufe gestalten und überwachen. Was passiert aber mit den anderen Arbeitskräften? Sollen sie alle Umschulungen für die Bereiche machen, in denen KI nicht im großen Stil einsetzbar ist, sprich im Bereich der Erziehung, im medizinischen oder pflegerischen Sektor? Das wird nicht funktionieren.
Hier setzt aber dann wieder der Gedanke des BGE an, das quasi an die Stelle eines befristeten Arbeitslosengeldes tritt und den ökonomischen und sozialen Sprengstoff, der in dem Zustand der Arbeitslosigkeit liegt auf individueller wie auch gesellschaftlicher Basis entschärft. Denn auch diese Argumentation Prechts ist für mich einleuchtend: die Kosten eines an die gesamte Gesellschaft ausgezahlten BGE wären letztlich nicht höher als die Kosten für Sozialausgaben, die wir angesichts schwindender Arbeit leisten müssen. Aber das können Menschen, die die Zahlen besser kennen als ich, richtiger beurteilen.

Und wäre das nun ein Argument für diejenigen, die unbeirrt an der Koppelung von Arbeit und Geld festhalten möchten? Vielleicht. Und wie werden es die betroffenen Menschen empfinden? Wird es ihnen tatsächlich die Freiheit geben, neue sinnvolle Tätigkeiten zu suchen und vor allem auch zu finden? Aber das setzt wirklich ein zentrales Umdenken voraus und vor allem auch ein hohes Maß an Selbstreflexion.

Und hier setzt auch ein weiterer Gedanke Prechts an: der Übergang zur Sinngesellschaft, in der Bildung eine große Rolle spielt. Aber auch das ist ein Thema für sich.

Das sind jetzt nur erste Überlegungen, die noch unausgegoren sind und deshalb freue ich mich auf Ihre Sicht und Einschätzung.

Herzliche Grüße!

Merchan Agaricus

Liebe Frau Jung,

ich sehe es auch so, dass KI Arbeitsplätze beseitigen wird. Precht geht davon aus, dass es neue Arbeitsplätze in der Steuerung der KI geben wird, oder eben jene schlechtbezahlten Arbeitsplätze in den Empathie-Berufen zunehmen.

Insgesamt verstehe ich aber seine Kritik auch so, dass Arbeit ohnehin einen viel zu zentralen Stellungswert in unserem gesellschaftlichen Wertesystem besitzt. Es ist ein Trick den Leuten glaubhaft zu machen, Arbeit wäre Tugend (wie es seiner Auffassung nach das Christentum seit seinen Anfängen in die menschliche Wahrnehmung sät), sie dabei aber völlig gnadenlos auszubeuten. Was bei dem Gros der Gesellschaft, von einem kleinen Prozentteil derselben gesteuert, geschieht.
Ich glaube Precht geht es darum, von dem Gedanken abzukommen, man müsste sich durch Arbeit rehabilitieren und aufopfern, um ein akzeptierter Bürger zu werden.
Stattdessen sollte man an seine Selbstverwirklichung arbeiten und einfach das tun, was einem liegt, dabei auf eine Grundversorgung zählend, die einem auch mal erlaubt, nicht nach dem finanziellen Gewinn zu streben. Bei dem Streben nach Selbstverwirklichung sollte sich ein finanzieller Gewinn dann automatisch, auf Grund der Beschäftigung mit Tätigkeiten, die auch einen finanziellen Erfolg/Lohn bringen, einstellen.

So wie ich Precht verstehe, geht es ihm darum, das Vermögen gerechter zu verteilen und auch die Zugänge so zu schaffen, dass Lohn auf Arbeiten vergeben wird, die aus Selbstverwirklichung resultieren. Und das für die breiten Massen der Gesellschaft. Also ein sozialer Gedanke, der uns wiederum Herr Knoll und seinen Thomas Morus näher bringt.

Natürlich wirft es die Frage auf, ob die Profiteure der modernen Lohnarbeitsklaverei es zulassen werden, dass Ihnen die Rendite gedrosselt wird, um das Kapital den breiten Massen zukommen zu lassen, was gerechter wäre.

Als Schulbegleiter wünsche ich mir natürlich auch eine bessere/gerechtere Entlohnung und eine schlechtere für etwaige Unternehmer oder Spitzensportler.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

Gabriele Jung

Ja, ich sehe das ähnlich wie Sie, Herr Lupa. Ich würde es so formulieren, dass Precht eine Umdeutung des Arbeitsbegriffs anstrebt und die wesentliche Grundlage hierfür ist die Entkoppelung von Geld und Arbeit. Diese Umdeutung sieht er auch deshalb als notwendig an, weil die Zeiten der Vollbeschäftigung auf ihr Ende zugehen. Zwar wird es in einigen Bereichen weiterhin genügend Arbeit geben, Precht nennt z.B. das Handwerk oder die sogenannten empathischen Berufe, aber zum einen ist die Anzahl der zusätzlichen Arbeitsplätze begrenzt, zumal diese auch eine immer bessere Ausbildung erfordern und zum anderen ist nicht jeder dafür geeignet.
Durch das BGE hat jeder die Möglichkeit zu entscheiden, mit welchen sinnhaften oder auch sinnlosen Tätigkeiten er/ sie seine/ihre Zeit zukünftig verbringt. Ob man zusätzlich in Teilzeit arbeitet und dabei auch stupidere Arbeiten ableisten kann, weil es keine auf Dauer angelegten Tätigkeiten sind oder seine Erfüllung in irgendwelchen anderen (ganztägigen oder…) Arbeiten/ Tätigkeiten oder im Nichtstun findet. Und der Beruf und die Arbeit sind dann im Idealfall eben nicht mehr die einzige und maßgebliche Kategorie, die wie Sie schreiben den Stellenwert eines „akzeptieren Bürgers“ ausmachen, sondern diese neue Form der Beschäftigung bietet die Möglichkeit zur Weiterentwicklung des Einzelnen, aber auch der Gesellschaft als Ganzes ( Siehe dazu auch Ihr Zitat). Und hier kommt dann eben auch wieder das Bildungssystem ins Spiel.
Und ja, es wird nicht ohne Umverteilung gehen, wie auch immer diese gestaltet ist. Als sehr zentral halte ich sein Plädoyer, den vollkommen unproduktiven, reinen Kapitalmarkt stärker zu besteuern. Auch der Gedanke zusätzliche Einkommen bis 20 000 Euro unversteuert zu lassen und alles was darüberhinaus geht, deutlich stärker steuerlich zu belasten, ist eine Art Umverteilung.
Aber auch hier muss ein eindeutiges Umdenken des Einzelnen und der gesamten Gesellschaft einsetzen. Ein individualistisches, egoistisches Verhalten mit dem Fokus auf die eigene Wohlstandsvermehrung muss zumindest ansatzweise einem gemeinschaftlich solidarischen Denken weichen. Aber das wäre ja auch das, was wir hier an den verschiedensten Stellen bereits diskutiert haben. Ich denke immer noch darüber nach, wie das geschafft werden kann.
Vielleicht werden äußere Zwänge und die daraus resultierende Notwendigkeit, den sozialen Frieden zu sichern, fast zwangsläufig dazu führen, zumindest, wenn wir uns die Rahmenbedingungen unserer westlichen Demokratien erhalten möchten.
Ich bin gespannt auf Ihre weiteren Ausführungen und Eindrücke. Wir hören uns!

Merchan Agaricus

Gabriele Jung, da Sie es so schön formuliert haben, habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen.
Einzig vielleicht noch der Vermerk, dass Precht auch von einer Transaktionssteuer spricht. Kleine Transaktionen bei Banken würden unwesentlich belastet, so dass der Geringverdiener keinen großen Nachteil daraus hätte, wenn er pro Monat ein paar Euro abgibt. Bei großen Banktransfers, wie in der Wirtschaft täglich der Fall, würde sehr viel Geld ins Staatsbudget fließen. Daher halte ich diese Art von Unternehmerbeschneidung für sinnvoll.

Sollte mir in der Folge noch etwas auffallen - das Buch lese ich mit großem Vergnügen gerade jetzt - werde ich es hier anführen.

Merchan Agaricus

Einen Aspekt möchte ich noch als Schlussbetrachtung erwähnen: Precht argumentiert mit dem Soziologen Dehrendorf, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) nicht als Transferleistung kommen soll, sondern losgelöst vom Arbeitsmarkt und einer negativen Einkommenssteuer als Grundrecht jedes Menschen auf Teilhabe an anderen Grundrechten, die erst dadurch garantiert werden, dass man liquide ist. Denn ohne Kaufkraft auch keine Würde des Menschen, diese hingegen kann nicht daran gekoppelt sein, dass man in einem Arbeitsverhältnis steht. Sonst würde es im Artikel 1 heißen: "Die Würde des ARBEITENDEN Menschen ist unantastbar" - leider sehen es aber genau so, viele Bundesbürger, die privilegiert sind und in Arbeitsverhältnissen stehen.

Precht und Dehrendorf fragen aber nach der Würde und anderen Grundrechten von Menschen, die kein Geld verdienen. Oft weil sie es nicht können, weil ihnen gewisse Strukturen dazu fehlen, wie beispielsweise Netzwerke, die zu Bildung, etc. geführt hätten. Sei es, dass sie aus der Unterschicht stammen oder sich ihnen eine Krankheit in den Weg gestellt hat.
Hierzu ein interessanter Beitrag in den Sternstunden der Philosophie, zum Thema Depressionen (auch hinsichtlich einer gewissen Privilegiertheit interessant): https://youtu.be/4Pzlp8C0hp0.


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