Freiheit

Thomas Stölner • 31 Mai 2021
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Tief im Süden, wo die schwüle Hitze über Alabama hängt und das Denken der Menschen so träge über den Boden kriecht wie der Atem einer alten Schildkröte, der nach Jahrhunderten zum letzten Mal ihre Lungen verlässt, lag die vierzehnjährige Caro in ihrem Schweiß und träumte in die mit Sternen besetzte Dunkelheit hinaus. Sie hörte die Geräusche der Tiere durch ihr sperrangelweit geöffnetes Fenster, der wilden und die ihrer Farm. Die einen waren behütet und eingesperrt, die anderen frei und ihren Instinkten überlassen. In solchen Nächten gerann ihr die Müdigkeit zu fiebrigen phantasiegetriebenen Bedrohungen, deren Bilder denen Edgar Alan Poes glichen, dessen Erzählungen auf ihrem Nachtisch lagen. Caro wünschte sich weg von hier, raus aus den fünfziger Jahren ihres Landes.

Kein Lufthauch durchstriff die Seiten ihres Buches. Atticus, wie sie ihren Vater liebevoll nannte, hatte es ihr geschenkt. Jedoch solle sie sich davor hüten, es vor dem Schlafengehen zu lesen. Da öffneten sich die Buchdeckel und die Seiten begannen zu rascheln, als ob die Zeit ihnen die Geduld ausgespannt hätte. Aufgefächert schlugen sie mitsammen gegen die Luft, um der Schwerkraft zu entfliehen, gerieten über ihren Erfolg in hörbare Ekstase und ließen Caro mit vereinten Kräften zurück.

Ein Buch ist eine Reise. „Bleib da“, rief Caro, setzte sich auf und wollte ihren Erzählband an der Flucht hindern. „Du bist meine Reise in die Welt der Phantasie. Meine einzige Freiheit in dieser Welt.“ Doch sie konnte ihrem Buch nur noch hilflos die Hände hinterher strecken. „Du bist nicht auf dich allein gestellt, liebste Leserin“, flatterte das Buch, keine drei Meter vor ihr innehaltend. „Ich war nur der Beginn deiner Reise. Leb' wohl und fahre fort.“ Ihr Buch stolperte mehr durch die Luft, als dass es flog. „Schau“, dachte Caro, „die Freiheit humpelt“.

Kommentare (3)

Marcin Lupa

Macht Lust auf mehr. Schön erzählt. Alle Dinge streben nach Freiheit. Auch die Atome. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik: Entropie.

Irgendwann befreien wir uns von uns selbst ...

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  • Thomas Henkel

    Wer schreibt oder liest, begibt sich in das Reich der Phantasie und der Freiheit.

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