Die Fragwürdigkeit des Menschen

Gerhard Joseph Lindenthal • 21 Juni 2020

Die Fragwürdigkeit des Menschen

In einem 1991 geführten Gespräch Marie-Luise Botts mit dem Philosophen Walter Schulz, das die Wochenzeitung »Die Zeit« wiedergibt, äußerte dieser, dass der Mensch eine verdächtige Kreatur sei. Was bedeutet es, wenn ein namhafter Philosoph erklärt, dass ihm der Mensch eine verdächtige Kreatur oder Figur sei oder dass von einer Ethik gefordert werden müsse, dass sie sich bis zu den „verdächtigen Grundlagen des Menschen“ hindurchzufragen habe? Diese Fragen zu bedenken, soll den Vorspann zu dem Versuch einer philosophischen Einordnung des neuen Buches von Richard David Precht »Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens« abgeben.

Wir fragen zuerst, was bedeutet das Wort ‚verdächtig‘? Verdächtig heißt in aktivem Sinne, einen Verdacht hegend, und in passivem Sinne, mit Verdacht behaftet sein. In diesem zweiten passiven Sinne spricht Walter Schulz, wenn er sagt, dass der Mensch, in ethischer Hinsicht, eine verdächtige oder suspekte Erscheinung sei, dass er mit einem Verdacht behaftet sei. Verdacht bedeutet Argwohn, ein Argwohn aber ist ein nicht auf hinreichenden Gründen beruhendes Urteil. Diese Erkenntnis auf den Menschen übertagen, bedeutet, dass der Mensch, nicht nur ethisch gesehen, ein Wesen ist, das auf einer nicht hinreichend gesicherten Grundlage steht. Der Mensch ist ein Wesen, muss als ein existentielles Urteil über ihn ausgesagt werden, das auf einer a weltlich und b irdischen Grundlage fußt, deren Sicherheit oder deren Bestand in äußerster Weise in Frage zu stehen scheint.

Fragwürdigkeit der Welt und der Natur

Die fragwürdige Verdächtigkeit des Menschen, die erst in der eine dreitausend Jahre währende  Menschheitsgeschichte abschließenden Epoche der Moderne zu Tage tritt, seine ausgesprochen modern erscheinende Suspektheit und Gereiztheit, wäre demzufolge durch zwei Umstände bestimmt, dass erstens der Mensch in geschichtlicher Weise in der Welt, über die er verfügt, ist und dass zweitens der Mensch sein geschichtliches In-der-Welt-Sein in einer Weise erfährt, das als Faktum der Natur, über die er nicht verfügt, bezeichnet werden kann. Die menschliche Weltbezogenheit, deren verfügbaren Vollzüge die Welt mitgestalten, wird ausschließlich als ein Vorgang erfahren, die den Menschen als ein geschlechtliches, vergängliches, ein dem Tode anheimgegebenes Wesen ausweisen. Hinsichtlich dieser beiden nichtruhenden Pole, zwischen denen der Mensch aufgespannt ist und die ihn in seinem hin und her schwankenden  Oszillieren verdächtig und gereizt erscheinen lassen, kann aber, und das ist das Entscheidende, kein Ausgleich stattfinden, denn die naturale Angefochtenheit des Menschen, die ihn zwingt, die Erde umzugestalten, dominiert weit über deren entgegengesetzen Pol eines geschichtlichen Verflochtenseins mit der Welt, dieses Verflochtensein den Menschen nötigt, tätig zu sein in und an der Mitgestaltung der Welt.

Suspektheit seiner Welt und einer Natur, die nicht die seine ist

Umgestaltung der Natur durch den Menschen und dessen Mitgestaltung der Welt, diese fristgesetzte Mitgestaltung Politik genannt wird, heißen die beiden Pole, zwischen denen der Mensch sein schwankendes Dasein fristet. Eine Umgestaltung, wie der Name sagt, kann aber immer nur eine Gestaltung gegen etwas sein, anderenfalls sie Mitgestaltung hieße. Wenn der Mensch sich genötigt fühlt, die Natur umgestalten zu müssen, dann geschieht dieses Umgestaltung gegen den Willen der Natur, die in dieser menschlichen Anmaßung einen äußersten irreparablen Schaden erleidet, der durch keine noch so gelungene politische Mitgestaltung der Welt aufgewogen oder abgeschwächt werden kann, einmal von dem Umstand abgesehen, dass gegenwärtig von einer politisch gelungenen Welt-Gestaltung in gar keiner Weise die Rede sein kann.

Diese hermeneutische Vorerinnerung an das, was das Ungleichgewicht eines a weltlich geschichtlichen und b irdisch naturalen Seins des Menschen ausmacht, das als Polarität seiner Verdächtigkeit in äußerster Kürze und Gedrängtheit zu entwickeln war, erschien notwendig, um die Antworten, die auf diese Verdächtigungen gegeben werden, richtig, das heißt, der Wahrheit gemäß, einordnen zu können. Eine dieser Antworten ist das Buch von Richard David Precht »Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens«, das einen Umfang von 256 Seiten hat, und dessen Inhalt nach den oben angegebenen Kriterien zu beurteilen ist. Zunächst aber, da dieser Tatbestand auf eine Unbedachtheit hinweist, muss gefragt werden, was heißt es, in einer Zeit äußersten Niederganges, der fälschlicherweise als sein Gegenteil wahrgenommen wird, zu leben.    

Der Fall Richard David Precht

Richard David Precht ist das Produkt seiner künstlichen Intelligenz, die ihre weltliche Gebundenheit und ihre irdische Verflochtenheit leugnen muss. In ihr, was nicht seine Intention ist, scheint er den Beweis antreten zu wollen, dass der Mensch als Träger sprachlicher Intelligenz, eine andere als diese gibt es nicht, nicht in der Lage ist, dass so etwas wie der Sinn des Lebens nicht aus diesem Leben selbst heraus verstanden werden kann. Etwas aus sich selbst heraus verstehen zu wollen, das ist die Methode derjenigen, die von Philosophie nur wenig verstehen, hieße, den Sinn beispielsweise des Urinierens in sich selbst finden zu wollen. Aber kein Mensch uriniert umwillen des Urinierens, sondern umwillen von etwas, was das Urinieren transzendiert, was in diesem Falle der Stoffwechsel ist. Essen und Trinken und deren Verdauungsvorgänge geschehen umwillen von etwas gänzlich Anderem, als es die Aufnahme von Nahrung und deren Verstoffwechselung an sich nahe legen.

Übertragen auf den Fall Richard David Precht, der sich selbst mit missionarischem Eifer behaftet, hieße, dass jedwede Intelligenz und jedweder Sinn über das, was Intelligenz und Sinn vorgeben zu sein, hinausweist. Die Einsicht, dass ontologisch Seiendes, um überhaupt begreifen zu können, was es geschichtlich ist, scheint aber gerade denene abzugehen, die urgieren, Philosophen zu sein. Wer beansprucht, philosophisch ernst genommen zu werden, muss den Erweis eigenständigen Denkens erbringen, dieser Erweis nicht mit der Weisheit Anderer drappiert werden kann. Precht zitiert Paul Valéry, der sagt, eine Natur-Gewalt vermag eine Stadt zu zerstören, aber sie ist nicht in der Lage, das Siegel eines Briefes oder den Knoten einer Schnur zu lösen. Zu fragen ist, was wollen Paul Valéry, dessen Grad an sprachlicher Intelligenz keines Beweises mehr bedarf, und Richard David Precht sagen, wenn sie eine Natur-Gewalt gegen eine menschliche Fertigkeit, die, und das ist das Entscheidende, nur auf der Grundlage sprachlicher Intelligenz beruhen kann, ausspielen.

Zu Paul Valéry wäre anzumerken, dass er die Ansicht vertritt, dass es nicht die unfassbare Größe göttlicher oder naturaler Gewalt ist, die das Leben ausmacht, sondern dass das menschliche Leben sich aus Dingen zusammensetzt, die, bei rechter Betrachtung, ein Geheimnis, das, um mit einem Wiener Volksschullehrer zu sprechen, in gar keiner Weise identifiziert oder verifiziert, und noch viel weniger falsifiziert, werden kann, in sich bergen, denn um etwas von seiner ihm auferlegten Last oder Schuld befreien zu können, bedarf es der Kenntnis oder der Fertigkeit eines in sich selbst verborgenen Geheimnisses, dessen Lüftung die Leistung der Sprache ist. Es bedarf, um überhaupt den Knoten einer Schnur lösen zu können, die Schnur von der Last ihrer Verknotung oder den Brief von der Last seiner Verschließung zu entbinden, der Sprache, die sagt, was unter einem Knoten oder unter einem Siegel überhaupt begriffen werden kann.

Der Verlust der Sprache

Wenn die Sprache angibt, was unter einem etwas alles begriffen werden kann, dann gibt sie in ihrem sprachlichem Wissen dem Menschen Kenntnisse, Fertigkeiten und Techniken an die Hand, wie dieser mithelfen kann, der Welt eine ihm bewohnbare Gestaltung zu verleihen. Das wäre unter einem Sinn des Lebens zu verstehen, der nur dann verloren gehen kann, wenn die Sprache ihren Sinn verliert. Die Sprache aber scheint genau da ihren Sinn verloren zu haben, wo der Mensch sich einer Technik, deren industrielle Massenerscheinung bereits die Voraussetzung der Bewohbarkeit der Welt ist, aussetzt. Wenn aber die industriellen Massen-Produkte der Technik die Voraussetzung bilden, dass die Erde überhaupt noch bewohnbar bleiben soll, dann scheint ein Zustand eingetreten zu sein, in dem die durch die Sprache vermittelten technischen Fertigkeiten des Menschen beginnen, ein Eigenleben zu führen. Dieses Eigenleben technischer Dinge erzwingt aber eine menschliche Sprachlosigkeit, die unfähig macht, welcher Ethik der Mensch eigentlich bedarf, um die Schäden, die er der Natur bereits zugefügt hat, in eine Heilung der Erde umkehren zu können.

Die Heilungsbedürftigkeit der Erde

Wir stehen vor der gigantischen Aufgabe, für die jede so genannte künstliche Intelligenz blind bliebe, der Erde diejenigen Heilungskräfte wieder zuzuführen, die wir ihr in unserem technischen Wahn geraubt haben. Wie soll das geschehen? Diese Aufgabe kann nur erfüllt werden, wenn wir uns zu Füßen derjenigen Philosophen setzen, die den Weg einer ethischen Besinnung der Gegenwart bereits gegangen sind, um nur zwei zu nennen, Walter Schulz in seinem Buch »Grundprobleme der Ethik« und Hans Jonas in seiner Schrift »Das Prinzip Verantwortung«. In diesen beiden Werken wird behauptet, dass der Mensch gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt, deren Mitgestaltung ihm aufgegeben ist, zu Verantwortung aufgerufen ist, indem er sein Tun vor anderen, aber auch vor sich selbst, zu rechtfertigen habe. Die Rechtfertigung seines Selbst, als Verantwortung seines Tuns, ist Alles, was von dem Menschen ethisch behauptet wird. Was aber behauptet Precht? Precht behauptet, dass der Mensch mehr sei. Der Mensch sei beispielsweise mehr, als das unvollkommene Produkt seiner unerfüllbaren Wünsche und Sehnsüchte. Der Mensch sei mehr, als seine Natur. Er sei mehr, als sein beständiges Verlangen, geliebt und verstanden werden zu wollen, mehr, als sein Bedürfnis nach Anerkennung, mehr, als die alltäglichen Verbrechen es ihm nahe legen. Wer dieses Postulat aufstellt, dass der Mensch mehr sei, als er an sich selbst oder an seinem Verhalten zu erkennen gibt, vergisst, dass er dem Menschen etwas zuschiebt, das mit dem Wort ‚erlösungsbedürftig‘ umschrieben werden kann.

Der Mensch ist erlösungsbedürftig, aber die Erde ist heilungsbedürftig, würden die beiden entgegengesetzten Thesen lauten, die eine unwirkliche und eine wirkliche Philosophie aufstellen. Dieses kann das Fazit sein, das eine Lektüre des Buches von Richard David Precht ex negativo lesenswert macht. Solange der Mensch, religiöse Kreise neigen zu diesem überholten Ansinnen, der Meinung verhaftet bleibt, dass er erlösungsbedürftig sei, solange kann er der Erde ihre von ihm geraubten Heilungskräfte nicht wieder zuführen. Ethik muss dieses bedenken.      

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