Flimmernd ausgegossenes Weltall - Wahrheit als Lüge

Stephan Gräfe • 31 August 2020

Poetische Wahrheit der Sprache in Nietzsches Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

 

„Wenn Nietzsche spricht, flutet Pathetik die Welt“ hat Thomas Bernhard einmal in einem Interview verlauten lassen. Damit bezog er sich in erster Linie auf dessen Sprache. Denn jeder der sich auch nur einen Abschnitt Nietzsches durchliest, kann nicht umhin zu bemerken wie sehr sie von Metaphern und Allegorien getränkt ist, Poesie durchzieht die Textstruktur wie die Maserung das Holz. Oft wird Nietzsche (andere Philosophinnen und Philosophen teilen dieses Schicksal) aufgrund dieses essayistischen Stils, seinen nebenher verfassten Gedichten, die seine Schriften immer wieder zum Aphorismus drängen, aus den Listen seriöser geisteswissenschaftlicher Literatur gestrichen. Ein Autor, der wie Schopenhauer verschrien ist, der philosophische Erstkontakt vieler an Weltschmerz leidender Jugendlicher zu sein, bevor sich schließlich den ernstzunehmenderen Vertreterinnen und Vertretern zuwendet. Dabei sind seine Texte gerade dafür ein Prüfstein, wie grundlegende Begriffe des geisteswissenschaftlichen Arbeitens überhaupt definiert werden können: Objektivität, Gültigkeit, Geschichte. Und auch wenn Nietzsche über Wahrheit spricht, etwas von dem allgemein angenommen wird, dass es sich dabei um ein größtmögliches Maß an überprüfbarer Klarheit handeln müsse, verklärt er sein argumentatives Vorgehen mit poetischen Bildern. Wobei ich, wenn von verklären die Rede ist, nicht gängige Sprachbilder meine, welche sich der Leserin oder dem Leser nach einigen Sekunden der Reflexion erschließen, sondern solche, welche den Text seiner klaren Linie berauben, ihn verschlüsseln, einen im Verständnis zurückwerfen oder doch zumindest die Frage aufwerfen, welcher argumentative Nutzen diesen Sprachbildern überhaupt zukommen soll.

In seinem Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne wird dieser Problemkomplex inhaltlich wie formal performiert. Gleich zu Anfang des ersten Abschnitts, leitet der Satz „In irgendeinem Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden.“ Nietzsches Überlegungen ein. Wird dieser Satz nicht einfach zu Gunsten eines schnellen Vorankommens weggelesen, sondern lässt man sich, wie Roland Barthes es von guten Texten gefordert hat, von ihm unterbrechen, zerstreuen oder versenkt sich kontemplativ in das Bild, lässt sich oberflächlich kein genauerer Zweck ermitteln, warum von einem „flimmernd ausgegossenen“ Weltall gesprochen wird, dieses Sprachbild ist nicht notwendigerweise mit der Argumentation verkettet, im Gegenteil scheint es den Textinhalt auf keiner rational erkennbaren Ebene zu erhellen. Vielmehr eröffnen sich seltsame Bezüge und Fragen: Warum wird das All als Flüssigkeit dargestellt, lässt das Ausgießen nicht auf einen handelnden Schöpfer schließen, der ausgegossen hat, was löst das Sprachbild für eine emotionale Empfindung aus? Anders als ein sprachliches Bild, genauer eine Metapher, die lauten könnte „Die Wurzeln dieser Argumentation reichen tief ins Erdreich der Erkenntnistheorie“, bei dem wir sofort das Wurzelwerk des Baums als Bild zu adaptieren wissen, um zu erkennen, dass besagte Argumentation fest im fundamentalen Feld der Erkenntnistheorie verankert ist, entzieht sich Nietzsche dieser klaren Zuordnung. Ein solch diffuses Sprachelement taucht immer wieder in dieser wie auch seinen anderen Schriften auf und scheint gerade hier mit besonderer Wichtigkeit auf eben jenen Gegenstand, den er behandelt hinzudeuten – die Wahrheit. Nietzsche, der schon in rational verständlicher Weise eine Kritik am Wahrheitsbegriff anhand menschlicher Konstitution und dem was ich hier vielleicht etwas wertend als gewöhnliche Sprache bezeichne in ihrer Verwendung als untauglichem Werkzeug ihres Erkennens wie Formulierens aufmacht, scheint mit seinem poetischen Stil eine zusätzliche Facette eben dieser Kritik zu eröffnen indem eine weitere Ebene der Erkenntnis von Wahrheit erschlossen wird, nämlich eine irrationale durch Kunst, eben die Poesie. Um diesen Umstand aber fassbar zu machen, müssen erst einmal die nebulösen Schichten um Ziel und Praxis der Poesie wie von einer Zwiebel abgetragen werden damit am Ende festgestellt werden kann, dass es auf die Wahrheit bezogen gar keinen Kern gibt auf den man so treffen könnte. Eine Vielschichtigkeit ohne Kern.
Dazu ziehe ich lose Inhalte aus den linguistischen Werken Die Struktur der poetischen Sprache und Die hohe Sprache von Jean Cohen heran. Dieser eröffnet einen interessanten, frischen Blick auf Poesie indem er ausführt, dass Poesie sich im Vergleich zur gewöhnlichen Sprache, die dazu dient Informationen zu übermitteln, erhebliche Abweichungen erlaubt. Sie nutzt Epitheta, die nicht zwingend sind, wird inkonsequent, inkonsistent und zelebriert zuweilen die Redundanz, die Prosa als Wiederholung ächtet. Doch wie genau lässt sich diese Abweichung greifen - sie ist nicht, dass der Poesie, wie man vielleicht aufgrund der früher noch unabdingbaren Versform vermuten würde, eine gewisse Musikalität beigemischt wird, auch nicht die Tatsache, dass man einer unterschwelligen Bedeutung eine explizite hinzufügt (marxistische/freudsche Deutung) und auch die polysemische Theorie, die hinter der ersten Bedeutungsschicht mehrere andere zu erkennen glaubt, verfehlt den Sachverhalt. Verkürzt bedeutet das: Poesie ist nicht Prosa, der etwas hinzugefügt wird - sie ist von ihrem Wesen etwas anderes.

„Unter Reagans Regierung hat die Rüstungsindustrie einen erheblichen Aufschwung erlebt.“

„Die Masse einer Bleikugel ist höher als die einer Papierkugel, weshalb sie schneller vom Gravitationsfeld angezogen wird.“

An diesen Beispielen wird deutlich, dass die Sprache der Prosa sich in Argumente gliedert, Fakten und Überlegungen. In diesem Schreiben verschwindet jeder qualitative oder emotionale Aspekt. Es ist die vollkommene Verwirklichung von Demokrits Ausspruch: „Das Zarte und das Bittere, das Warme und das Kalte, sind nur Meinungen: Es gibt an Wahrem nur die Atome und die Leere.“ Sicherlich gibt es Versuche der gewöhnlichen Sprache eine poetische Injektion zu verpassen indem ihr Metaphern und Vergleiche unter den Blutkreislauf gemischt werden, aber sie dienen letztlich doch immer dem Zweck einer logischen Verkettung, etwas plausibel zu machen. Doch echte Poesie verweigert sich diesem Argumentationszusammenhang, sie spricht ebenfalls von der Welt, aber ohne rationalen Charakter, sondern ganz aus der subjektiven Wahrnehmung des Individuums. Sprache (der Signifikat) ist für die Poesie nur ein Mittel, Jean Cohen spricht vom „Gesang des Signifikats“, ein poetisches Bild steht demnach dem Schrei, einem Klagelied näher als einer bloßen Sachvermittlung, sie überträgt Empfindungen und verzichtet dabei auf kausale Zusammenhänge.

Inhaltlich verweist Nietzsche in dem Text auf den Umstand, dass es keine Philosophie (in diesem Zusammenhang auch keine Politik, Naturwissenschaft, Juristerei usw.) ohne Rhetorik gibt. Argumente, Ergebnisse von Statistiken, Parteiprogramme, Nachrichtenmeldungen und Rechtsordnungen sind allesamt in Sprache gefasst und daher zwangsläufig ohne Zugang zu so etwas wie einer unmittelbar gegebenen Wirklichkeit oder Wahrheit: „Was also ist die Wahrheit?“, fragt Nietzsche in einer Passage seines Essays, um zu antworten:

„Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.“

In diesem Sinne ist also immer Vorsicht geboten, wenn politische Entscheidungsträgerinnen und -träger von alternativlosen Entscheidungen reden oder Leute dogmatisch mit wissenschaftlichen Befunden argumentieren. Wenn es sich bei der Wahrheit auch immer um eine rhetorische Figur handelt, ist der Kampf um sie niemals abgeschlossen, der Widerspruch niemals aufgehoben. Durch den Gebrauch poetischer Sprachmittel vermittelt Nietzsche dem Leser Janusköpfigkeit von sprachlicher Wahrheit, die argumentative des prosaischen Schreibens und eine gefühlte des poetisch sprechenden Individuums. In seinem Text spielen sie sich permanent ineinander über, sind als Maschen des selben Strickmusters derart fein ineinander verwoben, dass die Trennschärfe sich vollkommen in der Einheit auflöst, die einzelnen Striche einer Schraffur in der Entfernung zu einem Schatten verschmelzen. Die Wahrheit als absolut zu behaupten, wäre demnach eine tückische Lüge, die Menschen in falscher Gewissheit hält. Nur im Reflektieren dieser zwei Pole, im permanenten Oszillieren und Ineinanderübergehen wird der Wahrheit Rechnung getragen. Indem sie über die Lüge im künstlerischen Sinne ihren eigenen Charakter zeigt. Deshalb gilt es, wissenschaftliche Texte wie Lyrik zu lesen (metaphorisch, rhetorisch, ambivalent), und der Selbsttäuschung nicht nachzugeben, man verfügte selbst über eine einzelnen Interessen und Perspektiven enthobene Sprache. Aus dieser Bedingung heraus ist Nietzsches Sprache mit Sorgfalt und Lust so pathetisch, ironisch, pompös, doppelbödig und irrig wie sie ist.

 

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