Filip Müller, Sonderbehandlung. Meine Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz

Lara Hitzmann • 13 Dezember 2021
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Filip Müller
Sonderbehandlung


Meine Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz


Die „Sonderbehandlung“, mit diesem Begriff tarnten die Nationalsozialisten den Ort, an dem sie unvorstellbar viele Menschen umbrachten. Filip Müller, der in den Krematorien und Gaskammern arbeiten musste, war der einzige, der berichtete, was er erlebt hatte. Was er gesehen hatte. Wozu die Nationalsozialisten ihn zwangen.


Die lesende Person erfährt zunächst nicht, wie Müller nach Auschwitz kam, er beginnt seinen Bericht bei einem Morgenapell im Mai 1942, als er bereits Häftling in Auschwitz war. Auf gut 260 Seiten schildert Müller nun seine Zeit in Auschwitz, wie die Nationalsozialisten die Häftlinge, überwiegend Juden, auf grausame Weise umbrachten und was danach mit den Leichen geschehen ist. Müller schildert auch den Ausbau der Krematorien, die Zustände im Lager, von seinen Mithäftlingen und den Peinigern - jede Zeile ist voller Schmerz, Angst, Leid und dem unvorstellbaren Bösen. 

Letztendlich ist es Filip Müllers wunderbarem, lebhaften und immens spannendem Schreibstil zu verdanken, dass ich das Buch in kürzester Zeit verschlungen habe. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass mich das Gelesene nicht mehr loslassen wird. Immer wieder frage ich mich: Wie ist das möglich gewesen? Wie kann man nur so böse sein? Und wie kann es sein, dass es Menschen gibt, die diese Verbrechen leugnen?

Bereits 1979 veröffentliche Müller diesen Bericht nach jahrelanger Arbeit, aber es verfehlte die gezielte Wirkung um längen. Anstatt die Menschen auf das Grauen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern aufzuklären und den Opfern eine Stimme zu geben, wurde Müller Ziel von Auschwitz-Leugnern, Geschichtsrevisionisten und antisemitische Hetze, nicht nur aus Deutschland. 

 


Was mich am meisten berührt hat, ist die Exekution der Häftlinge aus Theresienstadt. Das KZ befand sich in der Nähe des Wohnortes meiner Großmutter und sie hat mir früher manchmal davon erzählt, wie Juden von den Nationalsozialisten mitgenommen wurden. „Dann kamen die Deutschen und haben die Deutschen mitgenommen. Wir haben es zuerst nicht verstanden,“ dann fing sie meist an zu weinen. 

Die hochwertige literarische Darstellung des Zeitzeugenberichtes Müllers in der „Sonderbehandlung“ wird umrahmt von einem Grußwort von Felix Klein und Josef Schuster, sowie biografischen Angaben der im Buch erwähnten Sonderkommando-Häftlinge, der SS-Angehörigen sowie zahlreichen Abbildungen. 
Ohne Frage handelt es sich bei „Sonderbehandlung“ um ein Zeugnis des Grauens. Es schildert einen Teil deutschen Geschichte, der Weltgeschichte und ich würde jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen. 

 

 

 

BuchMüller, Filip

Sonderbehandlung

Meine Jahre in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz

Wer, wie Filip Müller (1922 - 2013), KZ und Zwangsdienst im Sonderkommando Auschwitz-Birkenau über gur drei Jahre er- und überlebt hat, gehört zu den wichtigsten Zeugen des Grauens des Holocaust - und ist für sein Leben gezeichnet.

1979/80 veröffentlichte er auf Deutsch seinen Zeugen-Bericht „Sonderbehandlung“: Erschütternd, schonungslos und mit geradezu literarischer Wucht erzählt er von seiner Lagerzeit, beschreibt Täter und Opfer und gibt den Blick frei ins Herz der Finsternis. Es handelt sich dabei um die erste authentische Gesamtdarstellung der Geschichte des Sonderkommandos. Wer Müller, als einzigen Zeugen des Sonderkommandos, in Claude Lanzmanns Film „Shoah“ gesehen hat, vergisst sein Gesicht, seine Stimme nicht.

Nach der Veröffentlichung 1980 gab es massive Bedrohungen durch Alt- und Neo-Nazis, so dass Müller nie einer deutschen Neuausgabe zustimmt. Zum 100. Geburtstag 2022 nun macht seine Familie eine kommentierte Neuausgabe möglich.

Neuausgabe mit einem gemeinsamen Vorwort von Felix Klein und Josef Schuster und einem Nachwort von Andreas Kilian. 2022. 320 S. mit ca. 40 Abb. und Plänen. 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.

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