Die fehlende Synthese (Dialog)

Conrad Fredo Vulturius • 31 August 2020

Die fehlende Synthese

- Idealismus und Materialismus im Gespräch
 

Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält?

Zwei philosophische Köpfe führen eines Abends ein Gespräch über das wahre Wesen aller Dinge. Einer ist Idealist, er liest Hegel - und versteht ihn. Der Andere nennt sich einen Marxisten und somit Materialisten. Als altbekannte (nach philosophischer Tradition) Freunde und Gegner zugleich, stehen sie sich nun gegenüber, um jenes dialektische Streitgespräch zwischen ihren Positionen zu führen, das es zu Lebzeiten des Lehrers leider nicht mehr gegeben hat …

 

Idealist: Kennst du das? Gestern Abend habe ich mir die Sterne angesehen, ich bin zum Garten hinausgegangen, habe mich in den Liegestuhl gelegt und zum Himmel hinaufgesehen. Es war wunderschön, ein richtiges Spektakel, all diese wirr durcheinander geworfenen Lichtpunkte, hinter denen doch ein System zu stecken scheint. Da fühlt man sich ganz klein, vergisst plötzlich das, was man sonst für das Wichtigste hält - sich selbst.

Materialist: Ich kenne das schon, nur fand ich es nie besonders reizvoll, da es wenig greifbar bleibt. Denn du hast Recht, wir sind ein kleiner Punkt, aber dieser Stern doch auch: Es ist nicht mehr Besonderheit an ihm als an dir. 

I: Wie könnte das sein, dass ein Stern nicht mehr Bedeutung hat als ich? Was für ein schrecklich nüchterner Gedanke, zu schön ist mir der Sternenhimmel.

M: Wie möchtest du „Bedeutung” in solchem Kontext überhaupt sehen, ich wage sie zu bezweifeln … Doch um mich zu erklären: Sollte die Hypothese des Urknalls stimmen, so ist dieser Stern aus demselben Haufen Stoff entsprungen, in dem du vor Milliarden von Jahren auch noch stecktest.

I: Wie meinst du das? Ich kann doch gar nicht in diesem Haufen gesteckt haben, schließlich lebte ich zu dieser Zeit noch nicht, ich hatte kein Bewusstsein, also war ich auch nicht dort. Allerdings haben wir (der Stern und ich) wohl mehr gemeinsam, als man zunächst annehmen mag, da stimme ich dir zu. Denn schließlich sind wir beide in der gleichen Einheit des Raumes zuhause, wir beide sind Punkte des Universums. Da man das sonst nicht begreift, erkennt man in solchem Moment des In-die-Ferne-Blickens auch stets sich selbst.

M: Nun, das ist doch offensichtlich - die Materie, die chemischen Verbindungen aus denen allein dein Körper, ebenso wie der Stern besteht, ist irgendwann in einem einzigen Punkt zusammen gewesen, bevor sie der Urknall zerstreut und neu formiert hat. Deswegen besteht euer Dasein, genauergesagt alles, was dieser ihr wahrhaft seid, als eine stoffliche Ausdehnung in jener Räumlichkeit des Universums allein. 

I: So meinte ich das nicht, nie und nimmer ist es unsere einzige Gestalt, dass wir nebeneinanderstehende Klumpen von Masse sind. Wie könntest du gerade darüber reden, dass der Urknall gewesen sei, oder was das Universum ist? So musst du nämlich von beidem eine Vorstellung haben, die über dein eigenes, rein körperliches Dasein und Wahrnehmen hinausgeht - sonst hättest du weder von jenem Ereignis weit vor der Zeit deiner Existenz, geschweige denn von einer (in ihrer Größe) deinen Sinnen nicht zugänglichen Räumlichkeit sprechen können.

M: Spreche ich jetzt mit dir, so bewegt sich der Lappen von Fleisch, den ich meine Zunge nenne, und es strömt Luft aus dem Hohlräumen meiner Lungenflügel. Hörst du mich dann, so schwingt dein Trommelfell, weil ich die Umgebungsluft in Schwingung versetzt habe. Denke ich nun an diese Begriffe, über die wir sprechen, so schießt es Elektronen in den Eiweißketten meines Nervensystems umher. Und zuvor konnte ich davon eine Ahnung erhalten, da Maschinen aus Glas und Metall sie mir begreifbar machen. An was mangelt es solcher Theorie also, wenn die materielle Welt das tatsächliche Leben selbst ist, an dem ich überaus Anteil habe?

I: Nun, alles von dir Genannte, sei es sprachliche Kommunikation, sei es optische Wahrnehmung, sei es das Denken und der Begriff selbst, scheint im Prozess durch die eine Blackbox zu gehen, die in deiner Gleichung außen vor bleibt. Du beschreibst, wie das Gehirn als Knotenpunkt von Nervenreizen, rein elektronischen Signalfolgen fungiert. Doch das Gehirn, ebenso wie alle andere Materie ist nur der materielle „Wohnsitz” dessen, was sich eigentlich dahinter verbirgt.

M: Ein Gespenst, das im Gehirn sein verstecktes Zuhause hat, was das wohl sein mag …

I: Ja, in der Bedeutung des Gespenstes ist das Wort den meisten wohl vertraut: Geist. Doch gemeint ist vieles mehr, es geht um nichts Geringeres als um das gesamte Leben, das Universum, und das Sein. Denn auch wenn Materie die für uns einzig sichtbare Erscheinungsform aller Dinge zu sein scheint, so wenig glaubhaft wirkt sie als Erklärung für Kräfte und Naturgesetze, für Entstehen, Wandeln und Vergehen, oder gar für das Denken, die Wahrnehmung und das Bewusstsein. So scheint hinter der sichtbaren „Verkleidung” der Gegenständlichkeit etwas zu wirken, was tiefer geht, was die Materie erst belebt.

M: Für mich hört sich das stark nach Fiktion und Fantasterei an. Wo man kein höheres Prinzip zur Erklärung der Dinge braucht, da sollte doch ein vernünftiger Mensch es nicht annehmen. Was also ist lückenhaft daran, dass die Materie selbst all diese Prozesse verursacht, weil sie sie bereits in sich trägt, da sie ja als das Existente selbst erscheint?

I: Lass mich mit einer Gegenfrage beginnen. Warum sollte Materie an sich überhaupt etwas hervorbringen oder irgendein Gesetz bilden? - Die Materie scheint für dich nach kausalen Prinzipien zu funktionieren. Die Ursache, um sie zum Sein zu bringen, kann nicht von ihr selbst ausgehen, weil sie ursprünglich noch Nichts (oder noch nicht) war. Warum also sollte überhaupt etwas sein, wenn die Materie doch genauso in ihrem ursprünglichen Zustand, dem Nichts-Sein vor dem Urknall, hätte verweilen können? Die Ursache der Ausgestaltung in jener Materie selbst scheint zu fehlen. Da dem jedoch nicht so ist, dass nichts ist, muss der vernünftige Mensch, aufgrund hinreichender Wahrscheinlichkeit, eine immaterielle Ursache für das Werden annehmen.

M: Allmählich fange ich an, zu verstehen, worauf du hinaus willst. Doch wie sollte die Ursache von irgendetwas, das sich nur an der Materie zu vollziehen scheint, denn außerhalb der Materie liegen? Also für mich klingt das mit dem Materialismus immer noch schlüssig, du hast schließlich nichts Anderes vorzuweisen, als den altbekannten Wandel jener Dinge, die eben materieller  Natur sind. - Denn Materie scheint nicht weniger als das Alles zu umfassen.

I: Prozesse des Werdens vollziehen sich, selbst in der alltäglichen Erfahrung, nicht nur an materiellen Dingen: Da seien psychologische Bewusstseinsstufen, gesellschaftlicher Wandel, kulturelle Strömungen und zahlreiche andere Beispiele genannt. Das ist alles ein Ausdruck dafür, dass sich etwas verändern kann, ohne dass die Materie davon ernstzunehmend berührt wäre. Der Geist, auch wenn der Begriff angestaubt und mystisch klingen mag, ist überaus real. Wo bliebe die Freiheit, das Menschliche, wenn die Materie nur in sich selbst schlüssig wäre?

M: Moment mal, was widerspricht daran der Freiheit, wenn der Mensch sich als körperliches Wesen in der gesamten dinglichen Welt bewegen kann und auf einer Ebene mit ihr kommuniziert? Für mich gibt es wohl kein eindeutigeres Sinnbild dafür, die Welt erscheint geradezu als „ewiger Spielplatz des Menschen”, das schließt doch beispielsweise die Kultur, wo am Material geschaffen wird, mit ein.

I: Ziemlich sicher wäre wohl das genaue Gegenteil der Fall, wenn Materie das Bestimmende hinter ihrer selbst wäre. Nehmen wir einmal an, Materie könnte aus sich selbst überhaupt etwas hervorbringen, so müsste sie wohl einen genauen Plan in sich schon enthalten, um dieses intelligent designte Universum hervorbringen zu können, in dem wir leben. - Würde Materie in sich ihren eigenen Wandel enthalten, so wäre das purer Determinismus, da dieses Werden seine eigene Ursache und Folge zugleich, und somit eine absolut unangreifbare Kausalkette wäre. Die Materie alleine ist tot und kalt, die Welt nach ihrem Prinzip muss unfrei sein. Das Geistesleben - im vielfachen Sinne des Wortes - ist so viel mehr!

M: So schließt eine Welt, in der die Materie mit sich selbst Ursache-Wirkung-Domino spielt, die Freiheit aus, das klingt einleuchtend. Aber warum sollte die reine Materie überhaupt so reagieren, und nicht zum freiheitlichen Zufall oder zur Abweichung fähig sein? Schließlich fehlt ihr ja ein äußeres Bestimmendes.

I: Nun, das Wesen der Gegenständlichkeit ist doch, dass sobald sie an einem beliebigen Punkt angestoßen, es immer wieder vom Einen zum Nächsten weitergegeben wird? Am Beispiel der Bewegung wird das recht deutlich, darum kann man ja Domino spielen: Das angestoßene Erste fällt, stößt dabei das Zweite an, … und immer so weiter. Gäbe es nun keine anderen Prinzipien, würde das immer so weitergehen. Dabei würde doch die Welt am Menschen vorbeiziehen, er wäre nur ein Augenblick im Strudel der durchgehenden Kausalität. - Natürlich vorrausgesetzt, die Welt wäre überhaupt in ihrer uns bekannten Form möglich, da sie ja die Naturgesetze nicht enthielte, gäbe es nur den Stoff allein.

M: Gut, das klingt ja bis hierhin noch alles ganz einleuchtend, ich gebe mich zugegebenermaßen geschlagen. Doch vor lauter Kritik an der puren Stofflichkeit, vergisst du: Der „Geist”, wobei du dieses Konzept bitte noch einmal anschaulicher erklären müsstest, wäre ja in seiner Reinform ebenso das Nichts? Denn Gesetze, Kräfte und Seele alleine machen doch auch keine Welt, wenn sich das alles nicht an der Materie vollzieht!

I: Ganz recht, Materie und Geist scheinen einander abwechselnd zu bedingen, so wie nur ihr  ineinander verwobenes Zusammenspiel das wirkliche Sein darstellt. Doch wie stellst du dir das vor? Noch einmal zum Verständnis des Begriffes „Geist”: Der Geist ist das Leben in der Materie, er ist ihre Ordnung, die Kraft und das Naturgesetz. Und ebenso ist er auch die Vernunft im Menschen, seine Seele insgesamt, da nur er seinen starren Zellen, ebenso wie jedem anderen Molekül das Leben einhaucht. Er ist „die Form im Stoff”.

M: Vorhin sprachst du davon, dass das Universum intelligent designet sei. Davon gehe ich tatsächlich auch aus, zumindest ist es funktional, beziehungsweise ein selbsterhaltendes System - weniger idealistisch ausgedrückt. Um das zu erreichen, müssen Materie und Geist ja engstens ineinander verwoben sein. Sind sie denn überhaupt 2 getrennte Elemente, wie könnten sie dann so synchron verlaufen?

I: Zwar läuft bei den seelischen Denkprozessen gleichzeitig die biochemische Reizweitergabe im Neurosystem ab, zwar wirkt das Naturgesetz synchron zu seiner vollzogenen Folge am Gegenstand, doch deswegen ist die Welt nicht zu entzweien. Ist diese Entzweiung, die einen Graben zwischen den zeitgleich verlaufenden „Welten” gräbt, nicht eben das Problem, an dem sich die menschliche Vernunft seit Jahrhunderten, ja gar Jahrtausenden die Zähne ausbeißt?

M: Es ist doch so offensichtlich, jetzt überkommt mich die Einsicht! Vor lauter Hin und Her im Streit zwischen Materialisten und Idealisten bleibt seit jeher Eines unbeachtet: Sie sprechen von ein und demselben Ding, das sie nur unterschiedlich zu betrachten pflegen. So graben beide Seite an jenem Graben weiter, den sie zu überwinden trachten. So dass sich die Fronten verhärtet und die Sichtweise verengt haben, obwohl der wahre Schatz erst in der Vereinigung entstehen kann. So kehrt die Zweiteiligkeit wieder in das Sein selbst zurück, womit dessen Wesen - als das Ganze, die Synthese - unverkennbar wird. Denn das Ganze, und das vermag keine beider Seiten zu leugnen, ist Ziel aller vorangegangenen Betrachtung, weshalb die eigene Reserviertheit um seinetwillen zu überwinden ist.

I: Das Sein, das gesamte Sein ist eine Medaille, deren eine Seite die Materie als „Stoff” oder „Gegenständlichkeit” ist, ihre andere Seite ist der Geist als die „Kraft” und „Belebtheit”. Und diese Medaille ist die der Freiheit, man darf nicht zögern nach ihr zu greifen! 

M: „Das Wahre ist das Ganze”. Dem Weltgeist Hegel Alles Gute zum 250. Geburtstag, darauf trinken wir!

 

CFV, 2020

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