Europa - aus dem Bericht eines Krisenmanagers

Wolfgang Hammer • 27 Dezember 2020
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Wolfgang Hammer

Europa

 

Aus den Erinnerungen eines Krisenmanagers

Schöne Frauen werden von solchen Männern umworben, die sie für eine adäquate Kopie ihrer Seele halten und deshalb den alleinigen Besitzanspruch anmelden:

Ich liebe mich – ich liebe dich

Du bist mein - ich bin dein

Wir bin ich!

 

Zeus, wenn man den Berichten glauben darf, gehörte zu der Männerkategorie sexgieriger Egomanen. Er entführte Europa in einem feurigen Gefühlstaumel. Sogar Kinder soll er ihr gemacht haben.

Wir, Mitarbeiter des mythopolitischen Instituts (MPI), bezweifeln die Richtigkeit des Gerüchts. Zeus mangelten für solch einen Akt die psychischen Voraussetzungen, gehörte er doch zu den Überkompensationsimpotenten. Deshalb verkleidete er sich auch als Stier, damit Europa seine Versagensängste nicht sofort merkte. Gerüchten, die heute noch auf Kreta kolportiert werden, schildern, dass selbst die ganze damalige weibliche Bevölkerung dazu angestellt war, Zeus zu helfen. Umsonst! Europa blieb Jungfrau und lebte nur in den Fantasien machthungriger Männer weiter. In Wirklichkeit vegetierte sie in einem kleinen Bauernhaus auf Kreta im Bett dahin. Die Schreckstarre nach den Vergewaltigungsversuchen durch Zeus ließ sie regungslos wie ein Stein daliegen. Immerhin konnte sie sich mit ihrer Magd unterhalten.

Zeus hingegen schaute nach seiner Tat in einen Spiegel und rühmte sich: »Der Europa hab ich‘s aber gegeben.« Mit dieser Selbstbespiegelung gestalteten Kaiser, Päpste und Könige das Leben der Menschen und fühlten sich dabei toll.

 Vor einigen Jahren erschütterte eine Krise nach der anderen die Welt: Kriege, Flüchtlinge, Atombomben, Terror, Pandemien ... Da schrumpften die großen Politiker zum Kleinformat: die Selbstbespiegelung half nicht mehr. Vielleicht hülfe die echte Europa aus der Patsche, hofften sie. Zu diesem Zeitpunkt holten sie uns zu Hilfe.

Wir von der MPI erarbeiteten einen Krisenplan zur »Befriedung europäischer Länder durch Vernunft und Selbstbeherrschung«.

Unsere Voruntersuchungen ergaben, dass ohne die von Zeus entführte Europa nichts gelingen würde. Wir statteten ihr einen Besuch ab. Sie erklärte uns, dass sie nach den Erlebnissen mit Zeus zwar in Schreckstarre verharre, tief im Inneren aber wünsche, jemand würde sie erlösen. Aber alle Kaiser, Könige und Fürsten hätten von der Weltherrschaft geträumt, nicht von ihr, Europa.

Die Europäische Union rede dauernd über sie, preise ihre Schönheit, ihre Körperformen, ihre Anmut, ihre Weisheit. ihre Haushaltsführung, ihre Solidarität usw., aber besucht habe sie auf Kreta keiner. Die Damen und Herrn Europapolitiker trieben sich in Rom, Straßburg oder Brüssel herum. Um das wirkliche Europa kümmerten sie sich nicht.  Wer immer nur in einen Spiegel schaue und sage »Ich liebe dich«, sei für sie als Ehemann nicht tauglich, klagte die jungfräuliche Europa.

Als es ernst wurde, durch eine Vereinigung europäischer Staaten die Krisen besser bewältigen zu können, fingen plötzlich alle zu spinnen an, als hätte sie eine Giftschlange gebissen.

Im Norden forderte ein Land viel Geld, damit es aus dem Verein austreten könne. Ein anderes schaffte die Grundrechte der Bürger ab und jubelte einer Diktatorin zu. Weiter südlich zäunte ein Herrscher seine Bürger mit einem drei Meter hohen Zaun gegen andere Menschen ab. Eine Präsidentin eines östlichen Landes wunderte sich, dass niemand in ihr die Europa erkannte und jemand im Westen wollte Marianne als Europa anerkannt wissen. Jedenfalls herrschte große Verwirrung.

Wir gestalteten ein Hilfsprogramm für Europa und führten es trotz der Widrigkeiten durch.

Die wichtigsten Politiker von Parlament und Kommission besuchten Europa. Wir hofften, dass die Schönheit dieser Frau, die uns hat sprachlos werden lassen, die Männer (und zwei Frauen) der Herrschaftsebene in einen Europaenthusiasmus versetzen würde, der sie zu Vollbluteuropäern werden ließe. Als sie am Bett der Dame standen, priesen sie in höchsten Tönen ihre Schönheit und jeder wollte sie besitzen (auch die zwei Frauen). Sie stritten so lange um das Recht der ersten Nacht mit ihr, bis sie erschöpft und zeugungsunfähig unter ihrem Bett lagen. Europa sagte nur: »Raus!«

Der zweite Schritt individualisierte die Bemühungen, den Körper der Liegenden mit Leben zu erfüllen. Ein Prinz sollte die Prinzessin wachküssen. Wir beauftragen damit den Präsidenten von Frankonien, weil die Männer dieses Landes  über einen hohen erotischen Charme verfügen soll. Nach zwei Wochen Charmetraining in unserem Trainingslager in der Wüste Gobi, in dem gut trainierte Geheimdienstlerinnen den Mann in die Mangel nahmen. Dann schickten wir ihn nach Kreta. Was rackerte sich der Mann ab: Er küsste sich die Lippen wund, bis er leise Regungen im Körper von Europa spürte.

Da wir über ein ausgeklügeltes medizinisches Beobachtungssystem verfügten und sämtliche Daten aus dem Körper Europas empfingen, regte sich in uns die Hoffnung, dass der Plan gelinge. Die wichtigsten Aktivitätsparameter stiegen langsam an. Nur noch eine Kussrunde von zwei Stunden - da platzte seine Frau Marianne in das Krankenzimmer und ohrfeigte den Mann, bis er in seinem Schloss war,

Nun verließen wir die Menschenwelt, sie stellte sich zu ungeschickt an. Wir riefen eine Konferenz europäischer Wappentiere zusammen und alle, alle kamen: die Adler und Löwen, die 70 Prozent der Versammlung ausmachten, ein paar Pferde, ein Einhorn, ein Drache, eine Milchziege, eine Kuh und ein Marder.

Selbst wenn uns die Tierwelt im Vergleich zu den Menschen immer hoffnungsfroher stimmte, fiel uns das Herz angesichts dieser uneinheitlichen und unausgewogenen Besetzung das Herz in die Hosentasche und noch weiter hinunter. Damit soll Europa wachgeküsst werden?

Der Drache übernahm die Führung: »Also, Leute, die Menschen stellen sich dumm an. Nicht, dass wir sie retten wollen, nein, aber unsere Reputation hängt an diesen Versagern. Wie reagieren unsere Kollegen in Afrika, Asien oder Amerika darauf?«

»Sie lachen uns aus!«, brüllte wütend ein Löwe.

»Sie beleidigen uns«, wieherte ein Pferd.

»Sie ziehen uns durch den Kakao«, ereiferte sich eine Biene, die nur zufällig in die Versammlung hineingeraten war.

»Wer bist du denn?«, fauchte ein anderer Löwe.

»Die Biene Maja!«

»Was willst du hier?«

»Mitreden!«

Totenstille; dann befahl der Drache: »Schmeißt sie raus! Hier sind nur Erwachsene zugelassen. Hier herrscht Demokratie.«

«Ich gehe von selbst«, sirrte das Bienchen, flog gemächlich eine Runde und schwebte hinaus, die Europahymne summend.

»Warum mischt sich dieses Volk in alles ein, macht es nur schwieriger. Also«, fuhr der Drache fort, »wir müssen das Problem lösen ...«

Wir vom MPI Menschen haben zwar Zugang zu den Herrschern des Raunens der Weltgeschichte, wie sich die Wappentiere gerne bezeichnen, besitzen aber keine Mitwirkungsrechte. Die Wappentiere regieren unerkennbar im Hintergrund. Uns wurde lediglich das Ergebnis der Konferenz der Wappentiere mitgeteilt. »Wir regeln die Sache!« Mehr erfuhren wir nicht.

Da wir sehr skeptisch schauten, fauchte uns der Drache  mit einem Feuerstoß aus seinen Nüstern an: »Wir sind keine Menschen. Wir haben Erfolg!«

Und dann, nach nur zwei Tagen ...

Wir, das MPI, können nur erahnen, was passiert sein könnte. Das Einhorn war beauftragt worden, diesen Fall zu lösen. Es raste mal schnell nach Kreta. Und nun gibt es mehrere Versionen des Geschehens:
Version 1. Es soll dort so herumgetobt haben, dass Europa von dem Lärm aufgewacht sei und das Tier besänftigt habe. Damit habe sie das Leben vieler Menschen gerettet. Diese soziale Tätigkeit habe Europa so gut gefallen, dass es nicht wie bei Zeus um Sex ging, sondern um Menschenliebe, dass sie gleich nach Brüssel geflogen sei, um ihr Ideal zu verbreiten.

Die zweite Theorie besagt, das Einhorn habe sich an die Unbewegte herangeschlichen und ihr etwas ins Ohr geflüstert, das so schrecklich gewesen sein musste, dass Europa kreidebleich aufgewacht und nach Brüssel geflogen sei, um die Ängste der in Europa lebenden Menschen zu mildern und das Schreckliche abzuwenden.

In der dritten Version soll sich das Einhorn in die Träume Europas eingeschlichen haben, und als Europa von ihrer Hochzeit mit dem Sänger der Band »Nihil« träumte, habe das Einhorn als Pfarrer verkleidet vom Altar aus verkündet, noch bevor die Ringe gewechselt waren: »Europa, die Menschen brauchen dich!« Daraufhin sei sie aufgewacht und nach Brüssel geflogen.

In einer »Rede an mein Volk« führte sie die Krisen dieser Welt und vor allem der gegenwärtigen auf ein Zuviel an Gesetzen zurück. Selbst von den Zehn Geboten seien die meisten überflüssig und schädlich. Die Menschen müssten sich nur an ein Gebot halten, mehr fasse ihr Verstand sowieso nicht, der Rest erledigte sich von selbst.

»Was ist das für ein Gebot!«, schrie man sie an.

»Achte die Würde jedes Menschen.«

Das sei kalter Kaffee, schrien die großen Europapolitiker, das tue man doch täglich.

Da traten nun die Wappentiere in Aktion. Sie  wiesen sanft darauf hin, dass, wenn die friedliche Einigung Europas zur besseren Behandlung von Krisen jetzt nicht klappe, sie alles kurz und klein schlagen würden. Das klang so überzeugend, dass ab dann Europa ein Kontinent der Harmonie wurde.

Alle überlegten dreimal, was sie sagen wollten und sie vermieden ihren unbegrenzten Zorn an anderer zu kühlen

 

Ergänzung nach einem Jahr.

 

Das Einhorn wurde zum Wappentier Europas gewählt. Europa herrschte in Brüssel wie eine gute Zauberin. Alle hielten sich an das Gebot der Achtung der Menschenwürde, denn sonst würde das Einhorn ...

Solche Strafe erwies sich niemals als notwendig, denn Einsicht und Vernunft hätten sich unter der Aufsicht der Tiere so verbreitet, dass Europa ein Paradies wurde. Wen wundert es, dass andere Erdteile das Erfolgsmodell übernahmen. Zum Tag der paradiesischen Weltvereinigung summte der Weltbienenchor und der Leitung der Biene Maja die Europahymne: Sum sum sumsum sum sum sum sum sumsums sum sumsuum summ

 

 

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Absolut genial. Gefällt mir sehr Ihr Text. Viele Dinge sehe ich ähnlich, außer dass ich große Probleme habe mir meine Seele nicht rauben zu lassen, von allerlei Dingen, die sie begeistern.

Nach dem Essen lese ich mir Ihren Text nochmal genauer durch und werde diesen Zeilen noch ein paar raufsetzen.

Nun nach dem Essen: es geht Ihnen darum das Europäische Modell der Achtung der Menschenwürde, als Saatgut der Welt zu verkaufen. Die Metaphern wofür die Tiere stehen, kann ich nicht einmal im Ansatz nachverfolgen, da ich kaum Zeitung lese und die Akteure nicht kenne (wie denn auch bei den gut über 200 noch nicht angefangenen Büchern im Keller und den ständig reinflatternden neuen, die sich dazwischendrängen?).
Ich finde Ihren Text dennoch sehr gut und jetzt auch genau richtig, da ich selber auch von der Durchsetzung der Menschenrechte - an die zu halten wir Europäer bisweilen große Schwierigkeiten haben -, gegenüber den Schrecken der Welt, ausgehe. Ich sehe da durchaus Parallelen.
Obwohl ich wirklich nichts davon halte, dass alle Menschen eine Würde besitzen. Es gebe da ein paar Kandidaten, wie beispielsweise jenen unglückseligen Norweger, der vor einigen Jahren ein christliches Friedensfest massakrierte und unzähligen Jugendlichen mit seinem MG das Leben nahm, dem ich persönlich - und man mag mich dabei gerne für einen Wahnsinnigen halten - jegliches Menschen - oder Lebensrecht aberkannt habe.

Vielen Dank für die Einblicke.

Wolfgang Hammer

Die Tiere sind Wappentiere von Herrscherhäusern. Sie sind einerseits eine Abbildung von Eigenschaften, die die Familien sich zuschreiben, andererseits sind sie auch als Botschaft an Kommunikationspartner gedacht, vorsichtig zu sein; deswegen so viele starke Tiere wie Stier oder Löwe. So könnte man darin auch eine Aufzählung von beliebten Tugenden sehen. Dass Sie, Herr Lupa, nichts davon halten, allen Menschen Menschenwürde zuzugestehen, weist auf die Problematik hin, dass wohl bei jedem Begriff höherer Abstraktion eine Lücke zwischen Begriff und Wirklichkeit besteht. Diese Lücke ist der Ort, wo man am schnellsten zur Hölle fährt. Wenn Menschenwürde, Menschrechte usw., wenn also die hohem Ideale nicht für alle gelten, und zwar gleich, führen sie zur Krise und zum Unglück. Ob die Vorstellung, man könne das Ideal erreichen, wenn man sich nur zusammenreißt, sich mindestens ein wenig bessernd auf die Menschen auswirkt, oder ob man gleich sagt, es ändert sich nichts und der Mord und Totschlag gehen weiter, mal mehr, mal weniger: Die Menschen bleiben in gegenwärtiger moralischer Ausstattung für viele, viele Jahr gleich. Ändern sich nicht die Lebensbedingungen, dann ändert sich der Mensch auch nicht. Wie viele Änderungsvorschläge, den „neuen Menschen“ zu schaffen, scheiterten, und man konnte froh sein, wenn sie nicht schlimmer wurden als der Durchschnitt. Zukunft? Immer mal was Neues, sekundär wichtig oder tertiär, wesentlich prolongiert sich der Mensch auf gleichem oder ähnlichem Niveau schon ein paar tausend Jahre. Also: vorwärts!

Marcin Lupa

Herr Hammer, vielen Dank für diese sehr schöne Erklärung. Insbesondere der Teil, in dem Sie darauf hinweisen, dass sich zwischen abstrakten Begriff und Wirklichkeit eine Lücke öffnet - vielmehr sogar ein Abgrund zum unermesslichen Entsetzen.

Ich bin froh, dass ich nichts entscheiden muss und ja, gehen wir vorwärts, rückwärts zu gehen, hätte auch keinen Sinn.

Luchs Aeterna

Schön geschrieben.

Das Einhorn ist das Wappentier Schottlands. Ich gehe davon aus, dass ein Wiedereintritt Schottlands in die EU, nach einem Austritt aus dem "Vereinigtem" Königreich, den europäischen Gedanken stärken wird.

Wolfgang Hammer

Vielen Dank, Luchs Aeterna oder Aeternus (?), für die Anerkennung und den wunderbaren Hinweis auf die europäische Hoffnungsrolle der Schotten. Mögen die schottischen Einhörner bald EU-Jungfrauen aufsuchen. Mein Einhorn ist Jesus, wie er im Einhornaltar im Erfurter Dom dargestellt wird.


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