Die erste Freundin meines Bruders

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Mein Bruder rief mich an und fragte beiläufig, ob ich mich noch an J. erinnern könne, seine erste Freundin im Studium. Sie habe ihn und seine Frau kürzlich besucht, und dabei nach meiner Telefonnummer gefragt. Er erzählte noch, dass sie vor ein paar Monaten von ihrem Mann verlassen worden war und jetzt mit einem Sohn alleine lebe. Ich konnte mich schon an sie erinnern, wenn auch an wenig Konkretes, mehr an das unbestimmte Gefühl, dass da eine Art Sympathie gewesen war. Ich hätte nicht mehr sagen können, wie sie damals ausgesehen hatte. Mein Bruder und J. waren in Kontakt geblieben, sporadisch hatte er mal was von ihr erzählt. Mir fiel wieder ein, dass ihr Leben nicht einfach gewesen war. Ein Baby war ihr gestorben. Wie viele Kinder hatte sie denn bekommen? Ich wusste es nicht. Sie erkrankte doch auch noch an … genau, MS. War sie denn behindert? Laut meinem Bruder komme sie mittlerweile häufiger wegen irgendwelcher Verpflichtungen in meine Stadt, und da sei sie auf die Idee gekommen, mal bei mir vorbeizuschauen. Behindert wirke sie nicht.

Soso, die J. Was könnte sie von mir wollen nach so langer Zeit? Ich lebe alleine, und will das auch so haben. Ich fand das ständige Zusammensein mit anderen Menschen immer schon zu anstrengend. Die Anspruchshaltung, die Fremdbestimmung, gegenseitige Abhängigkeiten. Früher, ja früher, da habe ich mich auch mal nach Geborgenheit gesehnt, nach Zärtlichkeit und Vertrautheit. Aber so lief es nie. In Beziehungen empfand ich mich als gegängelt, und ich schien es nie jemandem recht machen zu können. Aber bei J. hat es dann ja auch nicht geklappt. Nach 25 Jahren einfach so sitzen gelassen, wegen einer Jüngeren. So sind die Männer halt. Vielleicht hat sie aber auch überhöhte Ansprüche an ihn gestellt mit ihrer Krankheit? So etwas würde mich auch nerven. Ich antwortete meinem Bruder jedenfalls, er könne ihr meine Nummer gerne geben. Wollte ja nicht unhöflich sein, und war auch etwas neugierig.

Und wirklich schickte sie mir bald darauf eine Nachricht. Sie würde sich sehr freuen, wenn wir uns mal treffen könnten, wenn sie wieder vor Ort sei. Zwei Wochen später kam es dann zu einem Wiedersehen. Mein Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich betreue Klienten zu Hause und bin viel unterwegs. Eigentlich fühlte ich mich zu erschöpft und hätte den Abend lieber auf dem Sofa verbracht, doch eine kurzfristige Absage wäre natürlich völlig daneben gewesen. Während ich mein Rad mit dem Fahrradschloss an einem Verkehrsschild befestigte, kam sie aus dem Hoteleingang. Ich hätte sie nicht mehr erkannt. Groß, rot gefärbte, kurze Haare, nicht viele Falten, gut gehalten, aber nicht mein Typ. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung, und ich gab ihr, wie in Spanien üblich, ein Küsschen auf die Wange. Im ersten Moment überwog eine leichte Befangenheit, dann machten wir uns auf, ein geeignetes Restaurant zu suchen.

Als sie von ihrem Leben erzählte, merkte ich, dass sie nicht zu Selbstmitleid neigte. Nur wirkte sie verbittert, als sie andeutete, wie Alleingelassen mit der Kindererziehung und den ganzen häuslichen Pflichten sie sich in ihrer Ehe gefühlt hatte. Dennoch hatte sie ausgeharrt. Ich fragte mich, warum sie die Sache dann nicht einfach selbst beendet hat. Häufig bleiben gerade Frauen zu lange in schlimmen Beziehungen stecken, weil sie die Einsamkeit fürchten. So persönlich wollte ich unser Gespräch aber eigentlich nicht werden lassen, es ging mich auch gar nichts an. Wenig später ist es nicht mehr sie, die von sich erzählt, sondern ich höre mich von meinem Leben reden. Normalerweise bin ich da nicht so aufgeschlossen, denn ich habe keinen geradlinigen Lebenslauf aufzuweisen. Ich habe mein Studium so spät abgeschlossen, dass ich in diesem Bereich nicht mehr anlanden konnte und beruflich in meinem Studentenjob hängen geblieben bin. Wenige Beziehungen über relativ kurze Zeiträume, keine Kinder. Letzteres stört mich heute am meisten, aber das sagte ich ihr dann doch nicht. Ich merkte, ich fühlte mich mit J. auf einmal richtig wohl. Von den lebensgeschichtlichen Themen gingen wir zur Literatur über, zu unseren Interessen, unserer Sicht der aktuellen politischen Entwicklungen, Befürchtungen, wie sich die Gesellschaft entwickeln würde. Sie war eine interessierte, kluge und einfühlsame Gesprächspartnerin, und ich konnte ihr anvertrauen, was mich gerade innerlich am meisten bewegte. Sogar von meinem Buchprojekt habe ich ihr erzählt, und sie will lesen, was ich schon zu Papier gebracht habe. Wobei ich lieber Vorsicht walten lassen möchte. Ich bin nicht auf Beziehungssuche. Deshalb betonte ich an mehreren passenden Stellen im Gespräch, dass Beziehungen mir prinzipiell zu anstrengend seien, nur für alle Fälle.

Wir brachen später auf, als ich eigentlich vorgehabt hatte, und ich begleitete sie zurück zu ihrem Hotel. Zu meiner Überraschung fühlte ich ein leises Bedauern, als wir uns verabschiedeten, und ich fragte sie, ob sie bald wieder in die Gegend kommen würde. Sie konnte es nicht sagen, würde sich aber gerne wieder bei mir melden. Dann drehte sie sich um und ging hinein.

Unsere Unterhaltung war entspannt, lebhaft und, trotz der langen Zeit, die vergangen war, vertraut gewesen. Mir kamen vage ein paar Erinnerungen daran hoch, dass es schon mal so ähnlich gewesen sein müsse. Nach der Trennung von meinem Bruder hatte sie mich doch einmal besucht, aber danach nie wieder. Warum eigentlich nicht? Aber okay, ich hatte natürlich auch keine Initiative gezeigt. Unser Verhältnis war einfach nicht so tief gewesen, wie es nötig gewesen wäre, um Kontakt zu halten. Jedenfalls hatte ich keinen Wunsch danach verspürt. Ob J. der Abend gefallen hat? Es kam mir so vor, aber wie konnte das sein? Ich habe nichts zu bieten, kein Haus, kein Auto, kein Boot. Ich verstehe nicht, wie Frauen ticken, aber J. scheint das nicht zu bemerken. Mit Themen wie Marxismus, Wirtschaft und Aktienspekulationen konnte ich bisher eigentlich noch nie punkten. Und überhaupt leben wir zu weit voneinander weg. Und für Kinder, falls ich das denn doch noch ins Auge fassen wollte, wäre sie sicher auch zu alt. Und für gleichaltrige Frauen interessiere ich mich sowieso nicht. Was für blöde Gedanken. Wahrscheinlich wird sie sich nicht mehr melden. Doch, es war ein schöner Abend, immerhin.

Drei Tage später schreibt sie mir, sie käme schon kommende Woche wieder her, ob ich nachmittags Zeit hätte. Ja, habe ich.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Liebe Frau Unglaube,

ich werde nicht gänzlich schlau aus Ihrer Geschichte. Ist sie denn fiktiv? - Offenbar können Sie schön erzählen, besitzen einen schönen Sprachrhythmus, ihr Text liest sich flüßig. Man kann sich hineinfühlen. Doch Sie scheinen das nicht zu sein, die die Exfreundin ihres Bruders datet. Denn wie soll eine Beziehung mit Kindern kommen, wenn Sie eine Frau sind? Nun ja, es gebe da einige Optionen, die ich mal alle durchdenken werde. Primär denke ich aber, der fiktive Erzähler ist ein Mann.

Jedenfalls ist Ihr Text, für mich an dieser Stelle noch ein fiktiver, schön. Sie kriegen ein Like von mir. Mir gefällt die Pointe mit der Beziehung die sich durch die Nachricht am Ende anbahnt.

Eines möchte ich Ihnen aber sagen: für mich als feinfühliger Mensch liest sich der Passus bei dem der vielleicht fiktive Erzähler sich auf die Behinderung von J. bezieht, etwas hart. MS ist eine Krankheit und man hat auch einen Behindertenstatus, man bekommt einen Schwerbehindertenausweis und einen Grad der Behinderung zugesprochen. Doch sind behinderte Menschen nicht auf ihre Behinderungen zu reduzieren. Vielmehr ist die Behinderung dieser Personen nur eine Eigenart und eine Herausforderung, primär für sie, um mit ihr leben und umzugehen zu lernen, sekundär für die Gesellschaft, die auch Schwierigkeiten hat, diese Menschen zu nehmen, wie sie sind. Aber so gesehen, haben wir alle unsere Eigenarten und sind behindert. Wenn man die Begrifflichkeit der Behinderung sehr eng auslegt, gibt es immer etwas in unserem Leben, an uns, an der Gesellschaft, an dem politischen und wirtschaftlichen System, das uns behindert.

Wie viele Prozent der Mitteleuropäischen Bürger haben eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung? Wie schwerwiegend ist eine "Behinderung", wenn es sich um malignen Narzissmus handelt, um soziale Pathologie? - Und dennoch haben diese Menschen meistens keine Diagnosen und werden auch nicht auf ihre Charakterschwäche reduziert, irgendwo schillern sie auch, trotz ihrer Unzulänglichkeit, sonst würden sie nicht so viele Bewunderer anziehen.

Das fällt mir nur auf, das soll jetzt keine Kritik sein, sondern eine Erklärung für meine Rezeption. Vielleicht eine Art Feedback.

Letztendlich ist der Mensch nur Mensch, egal ob mit oder ohne Behinderung. Teil einer Gemeinschaft, mit bestimmten Vorlieben, wie wir alle hier bei der wbg Community mit einer mehr oder minder starken Affinität zur Literatur.

Und dann haben wir allesamt unsere Schwächen und Stärken, Sie schreiben beispielsweise schöne, zum Nachdenken anregende reflektierte Texte. Sie schildern Charaktere, das hat eine literarische Note, eine prosaische Komponente.

Vielen Dank Ihnen!

Schöne Grüße
Marcin Lupa

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