Erkenntnisgewinn woher?

Helmut Essl • 22 Mai 2020

Von dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Norman Birnbaum stammt der kecke Satz, es seien in der Regel nicht die klügsten Köpfe, die es in die Politik ziehe. Pikanterweise bestätigte vor Jahren Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt diese Ansicht, indem er bemerkte, die heutige politische Klasse in Deutschland sei gekennzeichnet durch ein Übermaß an Wichtigtuerei und Geilheit, in Talkshows aufzutreten, um dort, so könnte man ergänzen, "pig-philosophy" statt Weisheit abzusondern. Kultivierte, dem Erkenntnisgewinn dienende Streitgespräche vor dem Kameraauge sind längst dahin, erinnert sei wehmütig an das zwischen Gabriel Marcel und Ernst Bloch aus dem Jahr 1967, in dem dann so schöne Sätze fielen wie "dass in der Hoffnung ein prometheischer Akzent steckt: Nicht mehr weiter das aushalten!"

Also weg von diesem TV-Gestammel und hin zu Quellen, aus denen wirklich Substanzielles sprudelt. Beim Bücherabstauben ist mir ein Streitgespräch in die Hände gefallen, das vor 35 Jahren zwei kluge Köpfe geführt haben, nämlich der Sozialphilosoph Herbert Marcuse und der Aggressionsforscher Friedrich Hacker, und zwar über ein Thema, das die politische Philosophie schon immer beschäftigt hat: die Frage nach der legitimen Gewalt. (Abgedruckt in: Friedrich Hacker, Aggression. Die Brutalisierung unserer Welt, Düsseldorf und Wien 1985, S. 243 ff.) Dieses Gespräch in gebotener Kürze wiederzugeben erscheint lohnenswert.

Marcuse beharrt darauf, dass ein unqualifizierter Verzicht auf jede Gewalt zur politischen Hilflosigkeit führe, sie vielmehr als geringeres Übel in gewissen Situationen anzuwenden sei, um größeres Übel zu verhindern. Auf Hackers Frage, wann denn ein Gewaltakt legitim und notwendig bzw. Teil eines kleineren Übels sei, antwortet Marcuse: "Das Kriterium ist das, was lebensbejahend ist, was der Entfaltung menschlicher Fähigkeiten, menschlichen Glücks und Friedens dient. Ich weiß keine bessere Definition, ich bin einfach nicht gescheit genug." Ein bemerkenswertes Eingeständnis!

Hacker aber bestreitet, dass die simple Differenzierung zwischen lebensbejahenden und lebensverneinenden Zwecken zielführender oder objektiver sein solle als ähnlich wertgetränkte Gegensatzpaare wie gut und schlecht oder wertvoll und wertlos. Immerhin hält er Marcuse zugute, dass offenbar niemand gescheit genug sei, eine schablonenhaft einfache Wertunterscheidung diesbezüglich zu begründen. Völlig untauglich sei der bloße Glaube an die Gerechtigkeit der eigenen Sache, der nur dazu diene, die eigenen Aggressionen zu rechtfertigen. "Um überhaupt urteilen und handeln zu können, muss man sich eben gelegentlich mit der faktischen Komplexität einer Sachlage einlassen." Das sei das Gegenteil aggressiver Vereinfachung, deren Preis Gewalt sei als "Produkt von Denkfaulheit, Gefühlsarmut und Fantasielosigkeit", Gewalt, die "alle höheren, interessanten und originellen Möglichkeiten des Menschen und der Wirklichkeit ausschalte".

Letzteres könnte man auch auf bornierte Politiker in bornierten Talkshows beziehen - als existierende strukturelle Gewalt. Oder ist das zu aggressiv formuliert?

 

 

 

 

  

Kommentare (2)

Jürgen Germann

Lieber Herr Essl,
die Fragestellung ist eine zentrale, die beiden theoretischen Antworten - es werden ja keine Fallbeispiele und Belege vorgelegt - der Gesprächspartner sind vorläufig akzeptabel, und Ihre Schlussfolgerung ist bedenkenswert.
Aber gehen Sie doch gedanklich mit mir noch ein paar Schritte im Dialog weiter. Gedankenlosigkeit, Gefühllosigkeit und Mangel an Urteilskraft (und Einfallsreichtum) sind doch Eigenschaften, die man nicht nur bei Politikern antreffen kann, sondern die auch bei Publizisten, Medien-Mitarbeitern, Wissenschaftlern und Bürgern auftreten, die vieles oder alles (jenseits des Dialogs) meinen "besser zu wissen", – solange sie alle jeweils ihre Teil-Erkenntnisse als Summe und Gipfel und letzte Wahrheiten ausgeben.
"Meinungen" sind meines Erachtens oft nur eine legitimierte Form von Vor- und Fehlurteilen, die mangels Prüfung, weiterer Gedanken und Dialoge in die Öffentlichkeit gebracht werden, ohne dass ein Dialog daraus etwas Besseres macht, weil oder wenn dieser nämlich gar nicht gesucht oder geführt wird.
Formeln von Publizisten kann man leider nur mit besserem Wissen und guten Argumenten begegnen, - wenn man überhaupt gehört wird und ein fairer und folgenreicher Dialog geführt wird. An diesen beiden Stellen gibt es einen großen Mangel (bürgerseits) und in der Öffentlichkeit (Medien-dominiert).
Mit Gruß
Jürgen Germann

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  • Helmut Essl

    Sehr geehrte Herr Germann,
    vielen Dank für Ihre Anregung! Ihr ausführlicher Kommentar zu meinem kleinen Text hat mich gefreut und gezeigt, dass die in der Überschrift gestellte Frage doch komplex beantwortet werden muss! Ich war da wohl in puncto Fallbeispiel(e) etwas salopp.

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