Erich Kästner, Das blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-1945

Gabriele Jung • 12 Januar 2022
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Erich Kästner, Das blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-1945

Erich Kästner musste sich - insbesondere nach 1945  - immer wieder dafür rechtfertigen, dass er mit Hitlers Machtübernahme nicht wie viele andere Schriftstellerkollegen und- kolleginnen emigrierte, sondern sich für das Bleiben in Deutschland entschieden hatte. Und das, obwohl  am 10. Mai 1933 auch sein Roman „Fabian“ und seine „Gedichtbände“ als Ausbund  von  „Dekadenz und moralischen Verfall“ öffentlich verbrannt wurden und er sicher auch persönlich gefährdet war.

 Während Kästner am Anfang noch davon ausging, dass der „NS-Spuk“ schnell vorüber sei und man das Ganze aussitzen könne, sah er sich mit zunehmender Fortdauer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mehr und mehr als Chronist des anderen Deutschlands, der - in bewußter Abgrenzung zur  NS-Propaganda -  über die Geschehnisse aus der Innenperspektive besser berichten und urteilen könne als all die, die Teil des Systems waren oder das System nur von außen betrachten konnten. Unter dieser Maßgabe, aber auch weil er den Plan verfolgte, irgendwann einen großen Roman über die NS- und Kriegsjahre zu schreiben (was nie passierte), begann er 1941 mit seinem geheimen Kriegstagebuch. 

Das Tagebuch, das Kästner im übrigen  nicht kontinuierlich über die ganzen Jahre geführt hat - der Hauptteil umfasst die Jahre 1941, 1943  und 1945 - lässt sich in drei wesentliche Themenkomplexe aufteilen.

Zum einen schildert Kästner den Kriegsalltag in Deutschland und Berlin, der zunehmend von den Bombardements alliierter Flugzeugstaffeln geprägt ist. Kästner dokumentiert Angriffe, Zerstörungen und Tote , berichtet über das Leben mit Versorgungsengpässen und den Folgen des Ausgebombtwerdens, beschreibt den  „Kampf“ mit dem Reichskriegsschädenamt um Entschädigung für seinen zerstörten Hausrat und lässt die Leser zumindest ansatzweise erahnen , wie man trotz alledem noch einen wie auch immer gearteten normalen Alltag leben konnte. 

Die zweite wesentliche Komponente des Tagebuchs spiegelt sich in Kästners Bestreben,  mit seinen Aufzeichnungen den Kriegsverlauf möglichst detailliert darzustellen. Und besonders hier zeigt sich die Problematik der nationalsozialistischen Abschottungspolitik für die in Deutschland Verbliebenen: da Kästner so gut wie keine „neutralen“ Informationen erhält, muß er häufig mutmaßen und liegt so mit seinen  Einschätzungen auch öfter falsch. Dennoch vermitteln seine Aufzeichnungen einen guten Eindruck, wie die anfängliche positive Kriegsstimmung, die auch bei  Kästner unterschwellig heraus lesbar ist, spätestens ab 1943 angesichts  sich häufender Niederlagen der deutschen Wehrmacht und zunehmenden Bombenangriffe der Alliierten in Ernüchterung umschlägt. 

Der dritte Themenkomplex beschäftigt sich mit dem Erleben des Kriegsendes, der notwendigen wirtschaftlichen, aber auch geistigen Neuausrichtung unter den Besatzungsmächten sowie mit der Aufarbeitung des Geschehenen, wobei letzteres nur am Rande eine Rolle spielt. Das Jahr 1945 beginnt mit Kästners fast schon filmreifer Flucht aus Berlin ins österreichische Zillertal, er beschreibt die ersten Versuche, sich mit den amerikanischen Besatzern zu arrangieren und im Sinne einer kulturellen Vielfalt wieder künstlerisch und journalistisch tätig zu werden und endet mit der Schilderung des Zusammentreffens mit einem Auschwitzüberlebenden.

Mit all dem heutigen Wissen über den Nationalsozialismus im Hintergrund ist man beim ersten Lesen des Tagebuchs manchmal sehr irritiert und versucht, vorschnell zu urteilen. Zu sehr vermisst man klare Stellungnahmen gegen das Regime - auch wenn es Seitenhiebe auf NS-Funktionäre gibt oder Kästner es sich zur Aufgabe macht, die sogenannten „Flüsterwitze“ zu dokumentieren. Das Erleben der Ausgrenzung, Verhaftung und Deportation  der deutschen Juden wird so nur in Nebensätzen und dann vollkommen nüchtern, manchmal fast schon zynisch abgehandelt: „Ein jüdisches Ehepaar, das in meinem Haus wohnt, hat mich gefragt, ob ich Möbel, Bilder, Bücher, Porzellan usw. kaufen will. Sie hätten sehr schöne ausgesuchte Dinge. Aber das Geld werden sie ja wohl auch nicht mitnehmen dürfen.“ (S. 97, Tagebucheintrag „Ende Oktober 1941“)  Eine Erschütterung spürt man erst am Ende des Tagebuchs als Kästner das Gespräch mit dem Auschwitzüberlebenden fast wörtlich wiedergibt, aber auch hier lässt er das Ganze unkommentiert, bezieht Stellung nur dahingehend, dass das Tagebuch mit diesem Bericht endet - vielleicht weil man angesichts soviel Grauens nur noch schweigen kann. 

Auch Berichte über Widerstandsaktionen fehlen oder werden nur unkommentiert erwähnt. So gibt es im Jahr des Stauffenberg Attentats 1944 gar keine Aufzeichnungen und die Hinrichtung der Mitglieder der Widerstandsbewegung „Die Weiße Rose“ 1943 erwähnt Kästner lediglich mit dem Satz: „Über München hörte ich vor Tagen merkwürdige Dinge.(….) Flugzettel seien verteilt und vier Studenten hingerichtet worden.“ (S. 106, Tagebucheintrag 1.März)

Selbst persönlich sicherlich erschütternde Ereignisse wie z.B. der Selbstmord des wegen Wehrkraftzersetzung inhaftierten Freundes Erich Ohser finden keine Erwähnung in seinen Aufzeichnungen. 

Und dennoch: Es lohnt sich, diesen Augenzeugenbericht zu lesen. Weil er eine Momentaufnahme ist, die aus dem Blickwinkel eines  Erlebenden geschrieben wurde,  der kein Mittäter, sondern vielleicht manches Mal nur ein Mitlaufender war, der sich nicht ausschließlich in die innere Emigration zurückzog, sondern als Drehbuchautor der Ufa Teil des Systems wurde (wenn auch nicht offiziell, sondern unter Pseudonym). Und weil das Tagebuch letztlich ein Zeitdokument dafür ist, dass nur die Wenigsten tatsächlich zu  „Helden“ taugen. Kästner hat  nach 1945 vieles getan, um den Autorinnen und Autoren der Emigration in Deutschland wieder eine Stimme zu verleihen. Damit hat er zumindest auf künstlerischer Ebene irgendwie auch eine Art moralische Wiedergutmachung versucht. 

Berücksichtigen sollte man darüberhinaus, dass Kästner selbst nie geplant hatte, das Tagebuch vollständig zu veröffentlichen. 1961 gab er lediglich einen kommentierten Ausschnitt unter dem Titel „Notabene 45“ heraus. Und darin wird er vermutlich nachfolgende Tagebucheintragung vom 08. Mai 1945, die aus meiner Sicht ein wesentliches  Leitmotiv der Aufzeichnungen spiegelt, nicht unkommentiert gelassen haben: „Da haben nun die drei größten Mächte der Erde fast sechs Jahre gebraucht, um die Nazis zu besiegen., und nun werfen sie der deutschen Bevölkerung, die antinazistisch war, vor, sie habe die Nazis geduldet! Deutschland ist das am längsten von den Nazis besetzte und unterdrückte Land gewesen, - nur so kann man die Situation einigermaßen richtig sehen.“ (S.205, Tagebucheintrag vom 8.5.45)

 

 

 

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Sehr geehrte Frau Jung,

Ihnen ist eine überraschend gute Rezension gelungen, bei der man sehr viel Hintergrundwissen zum Zweiten Weltkrieg und der NS-Zeit sieht. Dass Sie Kästners Tagebücher sehr genau gelesen haben, hätte ich erwartet, nicht jedoch so eine profunde Auseinandersetzung mit ihnen und der in ihnen enthaltenen Thematik. So auch die drei Themenschwerpunkte, die von ihnen hervorgehoben und erklärt werden.

Ich habe Ihre Rezension mit großem Gewinn und Begeisterung gelesen, zumal wir in der Klasse Kästners Werke in Form von zwei Filmen bereits durchgenommen haben. Er ist also nach wie vor gefragt unter den Schülern und auch im Lehrplan der vierten Klasse.

Für mich persönlich, der einige Familienmitglieder auf zwei Seiten der Front verloren hat, der deutschen und der polnischen - ein Großvater diente in der Wehrmacht, ein anderer bei der polnischen AK - ist der NS immer ein brisantes Thema. Das wird auch so bleiben, insbesondere in Anbetracht der heutigen Situation mit einer stärker werdenden Rechten, den Illusionen der AfD und jeder Menge uninformierten, aber auch uninteressierten Bürgern.

Man mag Kästner als opportunistisch beurteilen, ich persönlich glaube, dass er ein guter Mensch gewesen ist, der für sich gewählt hat, zwar nicht in den Widerstand zu gehen, dem Wahnsinn aber auf seine Weise zu begegnen und die Stirn zu bieten. Indem er blieb und schrieb. Die Kinderbücher sind die Essenzen und darin geht es um das gute Zusammenleben, um soziale Strukturen und Bindung. Werte, die der NS nur persiflierte, wie am Beispiel der grotesken Kameradentreue, die meines Erachtens nichts anderes gewesen ist, als eine unreflektierte kollektive Folgeleistung bis in die Selbstauflösung hinein - zum Vorteil von Psychopaten, die sich in ihrer Hybris komplett verschätzt haben.

Ich danke Ihnen für Ihre Rezension und werde mir Kästners Tagebücher auf die Liste setzen.

Mit freundlichen Grüßen
Marcin Lupa

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  • Gabriele Jung

    Hallo Herr Lupa,
    herzlichen Dank für Ihre Ausführungen! Es freut mich sehr zu hören, dass Erich Kästner auch heute noch in den Schulen ein Thema ist. Ich bin mit seinen Kinderbüchern groß geworden und sie haben mich sehr geprägt, vor allem „Das fliegende Klassenzimmer“..Und ja, Sie haben Recht, Kästner war kein Opportunist. Es ging ihm vermutlich wie vielen anderen klugen Köpfen, die nicht mit dem NS-System sympathisierten: man musste Kompromisse machen, um das Ganze irgendwie zu überstehen und letztlich auch um überleben zu können. Viele seiner Kollegen und Kolleginnen, die geflüchtet sind, taten das ab 1933 oftmals aus ernsthafter Sorge um ihr Leben wie Heinrich Mann, Alfred Kerr oder Gabriele Tergit. Andere die geblieben sind, bezahlten es mit ihrem Leben - so Carl von Ossietzky oder Erich Mühsam. Erich Kästner hatte „Glück“: er wurde „nur“ zweimal von der Gestapo festgenommen, wurde nicht in ein KZ verschleppt, sondern erhielt „lediglich“ Schreibverbot, war damit aber seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage beraubt. Dass sich für ihn, vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der Ufa manches zum Besseren wendete und diese Zusammenarbeit ihm 1945 vielleicht sogar das Leben gerettet hat, war nicht opportunistisch, sondern überlebensnotwendig.

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  • Luca Rosenboom

    Spannender Einblick in das Leben Kästners, vielen Dank. Derzeit befasse ich mich auch mit Künstlern, Musikern, Literaten etc. im Dritten Reich und es fällt immer wieder auf, dass viele von ihnen überhaupt keine Chance hatten, sich aus dem Reich zu entfernen (auch wenn es einige gab wie z.B. Thomas Mann, die blieben aber selten). Es gab extreme Schwierigkeiten, im Ausland Fuß zu fassen. Man musste sich die Frage stellen, ob man eine Möglichkeit sah, im Dritten Reich weiterzumachen. Wer floh, musste sich nebst Reichsfluchtsteuer und Vermögensabgabe auch mit der politischen und sozialen Konstellation im Ausland beschäftigen. Die meisten Menschen der USA empfanden die Kultur Deutschlands (bzw. die der Exilanten/Flüchtlinge) als 'abgehoben', man legte eher Wert auf Unterhaltsames als auf Anspruchsvolles. Dementsprechend mussten viele auf Alltagsjobs zurückgreifen wie z.B. Taxifahrer, Postbote etc.

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  • Gabriele Jung

    Hallo Herr Rosenboom,
    herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich kann mich Ihren Ausführungen nur anschließen. Für die meisten Emigranten war der Weggang aus Deutschland- so er ihnen überhaupt gelungen ist - nicht nur mit prekären wirtschaftlichen Verhältnissen in den jeweiligen Exilländern teuer bezahlt. Für viele bedeutete der Gang ins Exil auch das Ende ihrer künstlerischen Karriere. Die wenigen Erfolgreichen wie Thomas Mann, Franz Werfel oder Lion Feuchtwanger können nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit der Entscheidung für die Emigration und dem damit verbundenen Verlust der persönlichen und sprachlichen Heimat, eine Vielzahl von Menschen ihre Existenz und ihren Halt verloren.

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  • Marcin Lupa

    Migranten scheinen im Übrigen weniger Chancen zu haben, in einer fremden Kultur oder Gesellschaft, hohe Postionen und eine hohe gesellschaftliche Stellung zu erreichen. Thomas Mann war da sicherlich eine Ausnahme, war er doch auch schon als Deutscher sehr gebildet, sicherlich überdurchschnittlich.

    Es gibt heute ein berühmtes Beispiel eines Pizzafahrers aus Afghanistan, der vor einiger Zeit nach Deutschland kam, weil er in Afghanistan nicht mehr in seiner Profession tätig sein konnte, überhaupt von den Taliban verfolgt würde. Er war zuletzt Wirtschafts - oder Finanzminister in Afghanistan. Genau weiß ich es jetzt nicht mehr. Aber dieser berufliche Abstieg in einer fremden Gesellschaft ist für den Migranten eher typisch.
    Deswegen stellt sich immer die Frage nach dem geringeren Übel, gehen oder bleiben.

    Oder um das Dilemma der Flucht mit den einfachen, wenn auch lyrischen Worten von der Band, the Clash, zu beschreiben:

    Should I stay or should I go now?
    If I stay there will be trouble
    And if I go it will be double.
    So come on and let me know, should I stay or should I go!!!

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