Einführung in die Ethik – Aristoteles

Gerhard Joseph Lindenthal • 19 Juli 2020

Die Bedeutung des Aristoteles, eigentlich für jede Zeit, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, „[d]enn in seinem universalen Geiste umfaßt er das gesamte Wissen seiner Zeit“ (Nestle 1944, S. 285). Aristoteles (384–322), neben Thomas von Aquin (1224–1274), René Descartes (1596–1650) und Martin Heidegger (1889–1976), gehört zu jenen vier epochebildenden philosophischen Denkern, die in ihrem Denken, durch dasselbe und kraft dessen Weltbedeutung erlangt haben. Diese Weltbedeutung ist Leibniz, Kant, Hegel und Schelling versagt geblieben, obwohl deren Geist nicht weniger universal ausgerichtet war. Wenn wir fragen, auf welche Umstände das Weltversagen dieser letztgenannten Denker zurückzuführen ist, dann kann die Antwort nur lauten, eben dass sie das Phänomen der Welt, zugespitzt in der Frage, was Welt philosophisch eigentlich besagt, das neben Gott und Mensch das philosophisch umfassendste ist, ausgeklammert haben und an dessen Stelle einzelwissenschaftliche, noch aus der Philosophie erwachsende Fragestellungen, Leibniz das mathematische, Kant das transzendentallogische, Hegel das dialektische und Schelling das christliche als absolut geschichtliches, treten ließen. Steht die Weltbedeutung jener vier philosophischen Denker, Aristoteles für die Antike (1000 v. Chr. bis 500 n. Chr.), Thomas von Aquin für das Mittelalter (501–1500), René Descartes für die Neuzeit (1501–1800) und Martin Heidegger für eine in sich selbst zerfallende, nihilistisch sich auflösende und sich zersetzende Moderne (1801–2100) fest, denn Welt bedeutet für die Antike Kosmologie, für das Mittelalter Theologie oder Onto-Theologie, für die Neuzeit deren rationale Beherrschbarkeit und für die Moderne deren nihilistischer Entzug, muss dennoch nach deren ethischer Relevanz gefragt werden. In dieser Fragestellung erscheinen Aristoteles und Thomas von Aquin, je für ihre Epochen und über dieselben hinaus, als die beiden geistmächtigsten eigenständigen Begründer eines ehtischen Denkens (für Thomas von Aquin hat diesen eigenständigen ethischen Begründungsvorgang Wolfgang Kluxen in seiner Schrift »Philosophische Ethik bei Thomas von Aquin« in eindrucksvoller Weise hervorgehoben), neben diesen beiden die rein ethische Frage in den Werken von René Descartes und Martin Heidegger keine tragende Rolle bei Descartes und überhaupt keine bei Heidegger spielt.

Wenn wir mit Wilhelm Nestle Aristoteles als den „Vollender, teilweise aber auch erst [als den] Begründer zahlreicher Einzelwissenschaften“ (a. a. O., S. 285) ansehen, dann erkennen wir in dessen überragender philosophischen Gestalt „seine geniale Tat, daß er die transzendentale Existenz der Ideen aufgehoben und das ›Eidos‹ als immanentes formendes Prinzip in die Natur hineinverlegt hat“ (a. a. O., S. 286). Damit habe, betont Nestle, „Aristoteles den Weg zur wirklichen Welt zurückgefunden“ (a. a. O., S. 286). Mit dieser Tat steht die Weltbedeutung des Aristoteles, nicht nur für seine eigene Epoche und in einem fast noch höheren Maße für die des katholischen Mittelalters, weniger für die Neuzeit, die sich von ihm abwendet, sondern vor allem für die Epoche der Moderne, in der dessen umfassender Rezeption durch Martin Heidegger in vielen seiner deutsch-jüdischen Schüler sich für die Disziplinen der Politik und der Ethik schulbildend auswirkte, fest. Das aristotelische Denken verbürgt die Einheit des Kosmos mit der seiner Erkenntnis. Aristoteles quasidefiniert De Caelo 280a21 ‚Kosmos‘ als „ἡ τοῦ ὅλου σύστασίς ἐστι κόσμος καί οὐρανός“, dt. „den Zusammenhang (das Zusammenstehen) alles (Seienden) bilden (verbürgen) Welt und Himmel“. Wenn das griechische Denken zurecht als ein kosmologisches benannt wird, dann umfasst es nichtsdestotrotz die beiden getrennten Sphären des Irdisch-Weltlichen, der Stätte vergänglicher Menschen, und des Himmlischen, dem Aufenthaltsort ewig seiender Götter. Der Mensch aber ist nicht nur ein theoretisch schauendes, erschauendes und erkennendes, er ist ebenso ein praktisch wirkendes Wesen. Aus diesem Grunde, da er praktisch handelnder Mensch ist, bedarf er einer Ethik, die ihn in den Stand setzen soll, sein Leben zu regeln. Ethik ist in diesem Sinne der gültige oder jeweils geltende Regulationsprozess des Lebens, dessen Vorschriften aus diesem Leben selbst geschöpft werden müssen, wennanders Ethik die Unbedingtheit ihrer Lebensnähe nicht in stete Verleugnung bringen will. Allerdings kann das Leben selbst nicht das alleinige Kriterium einer Ethik sein. Ethik ist „bis zu einem gewissen Grad von [der] Erkenntnis [des Menschen] bestimmt“ (a. a. O., S. 296), „vor allem von seiner Erkenntnis des Guten und Bösen und des Wertes der verschiedenen Lebensgüter“ (a. a. O., S. 296 f.).     

Man hat, um Aristoteles in seiner Begründung der Ethik recht verstehen zu können, auch auf seinen Lehrer Platon einzugehen, dessen eigenständiges ethisches Denken in der Hauptsache von einem sokratischen Idealismus geprägt war. Platons ethisches Denken hatte, nicht unähnlich dem Christentum, letztlich „das ewige Wohl und das jenseitige Schicksal des Menschen“ (a. a. O., S. 297) in dem Auge behalten wollen, hingegen ist die Ethik des Aristoteles „rein diesseitig orientiert“ (a. a. O., S. 297). Die »Eudemische Ethik« zeugt zwar noch von einer gewissen mantisch zu nennenden Transzendenz des Menschen, deren μαντικὴ τέχνη, einer für den Glauben an göttliche Offenbarungen wichtigen Art zukunftdeutenden Wahrsagens streng religiöser Natur, dem Menschen aufgrund von Träumen gegeben sei, insofern dieser erste ethische Entwurf, den er nach seinem Schüler Eudemos von Rhodus benannt hat, „die Mantik als göttliche Inspiration noch hoch bewertet“ (a. a. O., S. 290). In seiner späteren Schrift De somniis erklärt Aristoteles die Mantik jedoch als natürlich, und in der Schrift De anima äußert er, dass „die Ekstase der Sibyllen und Bakiden [haec sunt Bakchiden] für einen psychopathischen Zustand, der entweder auf Krankheit oder auf eine besondere Mischung der Körpersäfte […] zurückzuführen sei“ (a. a. O., S. 290 f.). Nichtsdestotrotz kann auch dieser erste ethische Entwurf des Aristoteles, die Ethica Eudemica, die Bestimmung ihres Zieles, als der „Verehrung und Anschauung Gottes“ (Ethica Eudemica 1248a30 u. 1249b20) nicht ungesagt sein lassen, und es muss bei dieser Bestimmung unbedingt in die Augen fallen, dass Verehrung etwas praktisches, Anschauung hingegen etwas rein theoretisches ist. In der »Nikomachischen Ethik« hat Aristoteles ihr transzendentes Begründungsverfahren ganz aufgegeben. Das diesen Ethikentwurf inhärierende Ziel ist nicht mehr die Verehrung der Götter, sondern es ist die Eudämonie, die innere Glückseligkeit. Dieselbe wird „durch eine Lebenshaltung [erreicht], die sich in der Mitte zwischen den Extremen bewegt und die ihrerseits durch die vernünftige Einsicht bestimmt wird“ (a. a. O., S. 297). Dass die aristotelische Erlangung des Mittleren zwischen zwei Fehlern von Nestle als deskriptiv bezeichnet wird, zu dieser „deskriptiven Ethik“ (a. a. O., S. 298) Aristoteles unvermerkt gelangt sei, ist richtig. Nichtsdestotrotz muss hervorgehoben und festgehalten werden, dass Aristoteles, und vor ihm Platon, in dem Begriff der Eudämonie, der inneren Glückseligkeit, das Ziel jeglicher Ethik formuliert hat. Dass unserer Zeit die innere Glückseligkeit des Menschen völlig verloren gegangen ist, mag an dem Umstand liegen, dass derselben überhaupt kein Ziel mehr eignet.                        

Literatur

Wilhelm Nestle: Griechische Kulturgeschichte von Homer bis Lukian. In ihrer Entfaltung vom mythischen zum rationalen Denken dargestellt v. Wilhelm Nestle. Kröners Taschenausgabe. Bd. 192. Stuttgart 1944. XII, 554 S.

Aristoteles: Werke in deutscher Übersetzung. Hrsg. v. Ernst Grumach. Bd. 6: Nikomachische Ethik. Berlin/Darmstadt 1956. 606 S.

Gerhard Krüger: Grundfragen der Philosophie. Geschichte, Wahrheit, Wissenschaft. Frankfurt Main 1958. XII, 288 S.

Aristoteles: Werke in deutscher Übersetzung. Hrsg. v. Ernst Grumach. Bd. 7: Eudemische Ethik. Berlin/Darmstadt 1962. 504 S.

Karl Löwith: Gott, Mensch und Welt in der Metaphysik von Descartes bis zu Nietzsche. Göttingen 1967. 252 S. 

Wolfgang Kluxen: Philosophische Ethik bei Thomas von Aquin. Mainz 1964. XXXVI, 244 S. – 2., erw. Aufl. 1980. Hamburg 1980. XLVI, 264 S. – 3., durchges. Aufl. 1998.    

Aristoteles: Werke in deutscher Übersetzung. Begr. v. Ernst Grumach. Hrsg. v. Hellmut Flashar. Bd. 12.3: Über den Himmel. Berlin/Darmstadt 2009. 534 S. 

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