Eine Geburtstagserinnerung: Pantelej, der Hausmeister unserer Ideenwelt

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Die Bücher in unseren Regalen könne ruhig durcheinander geraten. Wenn das mit unseren Gedanken und Ideen passiert droht größeres Übel. Damit auch in der Welt des Ausdenken und Tagträumen eine gewisse Ordnung herrscht, huscht ein Mann mit flottem Bart und blauer Montur durch die Geschichte der Geschichten und fegt, verräumt und verstaut was nicht bei drei auf einem Baum gedacht wurde. Und schließlich auch diesen.

Hausmeister Pantelej gibt es natürlich gar nicht. Das heißt, vielleicht wäre es besser zu sagen, dass es ihn nur zwischen den Zeilen gibt. So richtig trifft es auch das nicht, schließlich ist er keine versteckte Metapher, kein exegetisches Geheimnis das es zu entschlüsseln gilt, vielmehr durchdringt und animiert ihn das geschriebene Wort. Das bedeutet es am Tropfen der literarischen vis vitalis zu existieren. Ein anderes Existieren als das unsere. Niemand von uns, wir die wir jenseits der Buchdeckel überleben, könnte ihm zum Beispiel durch den Bart wuscheln. Glauben wir wirklich an die vollständig gesättigte Realität von jemanden dem man nicht durch das Haar wuscheln kann? Sehen Sie. Rasur war schon immer ontologische Vernichtungspraxis; Raubbau am Sein selbst.

Noch viel schlimmer als die scharfe Trennung von realem Haar von realem Körper ist aber die Beschneidungspolitik die wir uns in der Welt der Gedanken und Fantasie erlauben. Auf jedes geschnittene Haar kommen unzählige, aber leider nicht unimaginierte Haar- und Gedankenverkrüppelungen. Denken Sie nur an sich selbst. Erst neulich haben Sie bestimmt wieder einmal daran gedacht etwas zu dichten. Aber dann kam doch wieder der Tatort oder die bingige Serienstaffel dazwischen und schon wird der neckenden Muse eine Migräne vorgespielt. Der Tag war aber ja auch wirklich lang und anstrengend. Und wie die Füße schmerzen!

Und was ist eigentlich mit Ihren ganzen Kündigungsszenarien die Sie innerlich ständig vor Augen haben? Nehmen Sie sich doch mal zusammen und sagen Sie Ihrem Chef endlich das was sie schon hundertmal durch fantasiert haben. Aber nein, der Mut, die finanzielle Absicherung, vielleicht sogar der soziale Rückhalt fehlt. Schon gut, sie kennen ihre Situation besser als ich, aber täuschen Sie sich nicht darüber was Sie damit anrichten. Denn Nachhaltigkeit gilt auch im Reich der Vorstellungskraft. Was glauben Sie was mit diese ganzen angedachten und abgebrochenen, ungesagten und ungeschriebenen Gedanken und Zeilen eigentlich passiert? Viel wiegt so ein unfertig Ausgedachtes natürlich nicht – aber mit der Zeit läppert sich das ganz schön.

Gut, dass es Personen wie Hausmeister Pantelej gibt und für die fantastische Aufgeräumtheit sorgt. Es wäre auch unglaublich lästig ständig über die eigenen ausgedachten Liebesabenteuer oder vergessene Kochzutaten zu stolpern. Das dies uns ab und an doch passiert ist kein Grund sich gleich einen wütenden Leserbrief an Herrn Pantelej auszudenken. Erstens würde der Vorstellungsmüllberg durch diese ausgedachten Rüge nur noch schneller anwachsen, zweites ist Herr Pantelej nun mal nicht der Liebe Gott. Letzterer, das sei nur nebenbei bemerkt, ist übrigens, auch nach reichlichen Versicherungen von Seiten moderner, aufgeklärter Religionskritik tatsächlich nicht im Reich des Ausgedachten zu finden. Sonst wäre Herr Pantelej schließlich nicht Atheist.

Seinen Beruf verrichtet Pantelej schon so lange ich zurückdenken kann. Jedoch zur ersten allgemeinen Aufmerksamkeit hat ihn der russische Autor Daniil Charms im Jahre 1936 verholfen. Der brauchte in seinem kurzen Text Darüber wie ein Mann zerbröselte schnellstmöglich eine Fachkraft um den, nicht nur in seiner Männlichkeit fragilen, Charmebolzen aufzufegen:

»Es heißt, gute Weiber haben alle einen dicken Arsch. Ach, ich liebe Weiber mit Holz vor der Hütte, mir gefällt, wie sie duften.« Nachdem er das gesagt hatte, wurde er immer größer, und als er an die Decke stieß, zerbröselte er in tausend kleine Kügelchen.

Da erschien Pantelej, der Hausmeister, fegte die Kügelchen auf eine Kehrschaufel, mit der er normalerweise Pferdeäpfel einsammelte, und trug die Kügelchen irgendwohin auf den Hinterhof.

Die Sonne schien wie zuvor, und die üppigen Damen dufteten so berückend wie zuvor.

Hier zeigt sich auch, dass der Aufgabenbereich Pantelejs nicht nur den unfertigen Ideen und abgebrochenen Reimen gilt, sondern auch vollständig und kreativ abgeschlossene Fantastereien einschließt. Wer will schon ständig von, wenn auch literarisch wertvollen und lyrisch wohlgetrimmten, Pferdeäpfeln lesen? Rosen düngen sie sicherlich prächtig, aber der teuflische Pudel dünkte sich im Pferdestall und nicht in der Studierstube des Dr. Faust. Dem Gretchen wäre so freilich einiges erspart geblieben. Die Schuld trägt aber auch hier die Feder des deutschen Dichterfürsten und nicht der Kehricht des Hausmeisters.

Wenn man eines dem guten Hausmeister nicht nachsagen kann, dann einen Hang zur Nachlässigkeit. Aber auch dem loyalsten Arbeiter verlockt einmal die Transgression. Oder, wie in Falle Pantelej, auch zweimal.

Beide Regelüberschreitungen folgten in verhältnismäßig kurzem Abstand zueinander. Das es sich in beiden Fällen sogar um europäische Texte handelte die schlussendlich zu einem Eingreifen Pantelejs verleiteten, spricht vermutlich für den Mangel an Kreativität von Seiten dieses Autors.

Umberto Ecos Roman Il nome della rosa schien nicht zuletzt ein Versprechen nach einem imaginierten Wiederentdecken des zweiten Buches der aristotelischen Poetik zu sein. Aber statt den verheißenen, fantasierten Schatz zu bergen, scheint die Fantasie Ecos nur zu dessen erneuten, diesmal absoluten Verlust zu führen. Verbannt und verraucht sind die Seiten, die Zeilen und Buchstaben zusammen mit unzähligen anderen ausgedachten Bücher in der ligurischen Klosterbibliothek. So scheint es zunächst zu sein, wäre da nicht der erste Ausrutscher unseres pflichtbewussten Pantelejs gewesen, welcher diesmal nicht das Ende der Geschichte abwarten konnte. Vom Abwart zum Eingreifwart und dem Himmel sei's gedankt. Vor das Feuer die letzten ausgedachten Regale ergreifen konnte, verschwanden nicht nur Aristoteles Poetik, sondern auch ein Dutzend anderer Eco'schen Fantastereien im treuen Müllsack Pantelejs. Darunter unbekannte Werke wie die erotischen Schriften des Augustinus, ein schmackhaftes Rezept für Bohnensuppe der Mutter des Pythagoras, sowie eine Anthologie von Liebesbriefen von Ecos unerwiderten Liebschaften. Einsicht in die Schriften erfolgt über die fantasieeigenen Bibliotheken ihrer Wahl.

War es der Schutz von buchstäblichem geistigen Eigentums den Herr Pantelej im Fall der Eco'schen Seiten motivierte, war es eine vielleicht weniger noble Gemütslage die zu seinem zweiten, jedoch in in Anbetracht seiner gesamten Lebensleistung, sicherlich zu ignorierenden, Fehltritt führte.

Einige Jahre zuvor, allerdings erst einige Jahre nachdem der Autor dieses Textes den Roman Ecos gelesen hatte, verfasste ein gewisser europäischer Dichter folgende Zeilen:
 

Liebste, sollst mir heute sagen:
Bist du nicht ein Traumgebild,
Wies in schwülen Sommertagen
Aus dem Hirn des Dichters quillt?

Aber nein, ein solches Mündchen,
Solcher Augen Zauberlicht,
Solch ein liebes, süßes Kindchen,
Das erschafft der Dichter nicht.

Basilisken und Vampire,
Lindenwürm und Ungeheur,
Solche schlimmen Fabeltiere
Die erschafft des Dichters Feur.


Was mag ausgerechnet an diesem Gedicht zur literarischen Intervention verleitet haben? Nun es war einer dieser Tage an dem alles schief geht. Erst rutscht man auf den auslaufenden Hirngespinsten des Dichters aus, geblendet durch das Zauberlicht seiner Wortmagie und dann steht man auch noch einigen Kreaturen gegenüber bei denen die Mülltüten sicherlich reißen werden, wenn man sie ihnen überstülpt. Herr Pantelej ist ja einiges gewöhnt, aber irgendwann ist auch bei einem ausgedachten Mann eine Grenze des erträglich erreicht. Jedenfalls konnte er es sich diesmal nicht verkneifen zum Stift anstelle des Kehrwisch zu greifen:
 

Monstren, viele Ungetüme,
fleißig Witz und lustvoll's Träumen.
Passt alles auf des Dichters Bühne.
Allein, an mir verbleibt es aufzuräumen.

 

Diese Zeilen, seit dem in aller Welt bekannt, hätten natürlich fürchterliches für Herrn Pantelej bedeuten können. Kurz nachdem er den Stift abgelegt hatte, bereute er schon den Eingriff in die Welt der Schreiberlinge. Seine Hand eilte schon Richtung Lösemittel, da bemerkte er erschrocken, dass Heine bereits das Niedergeschriebenen bemerkt hat. Zur Überraschung und Erleichterung unseres Hausmeisters schien sich jener Heinrich Heine aber tatsächlich für den Autor auch dieser Zeilen zu halten. Leicht verwundert, dann aber mit breiter Brust erklärend, dass nun seine dichterische Potenz wohl auch schon ohne sein Wissen auf das Pergament drängt. Wieso seine Potenz ausgerechnet zum Aufräumen drängt, schien ihn weniger zu kümmern.

Gewiss darüber das seine Fehltat gnädig von der Hybris des Dichters versteckt würde, beschloss Hausmeister Pantelej nun noch energischer seine Aufgabe als allgegenwärtiger Kreativitätsermöglicher anzugehen. Zwar mag die leere Seite ihre ganz eigene Ehrfurcht entfalten, und so manchnes Schreibvorhaben quälend in die Länge zu ziehen, aber was wäre erst eine Seite, angefüllt von tausenden, Millionen von literarischen Leichenteilen? Wo hin mit meinem lieblichen Verschen? Wo wäre noch Platz für meinen historischen Roman über die Liebeleien Immanuel Kants? Nein, im Freiräumen der Welt des Geistes ist Hausmeister Pantelej die Bedingung der Möglichkeit unserer dichterischen Höhenflüge. Ein transzendentales Entrümpeln und Durchlüften unserer Ideenwelt, deren Notwendigkeit wir so häufig vergessen.

Was alleine schon dieser Shakespeare an ausgedachten Leichen herumliegen lassen hat. Ganz still und leise, unbemerkt vom restlichen Schreibe- und Lesebetrieb, läuft ein bärtiger Herr im Blaumann zwischen den Toten Laertes und Hamlet umtriebig umher. Immerhin hatte der englische Demiurg unserem Hausmeister Pantelej wenigsten in diesem Stück einen Totengräber zu Seite gestellt. Im Rücken hat es Pantelej noch nicht, aber dankbar für bereits ausgehobene Löcher ist er dennoch. Und wenn man genau hineinsieht, dann ist da auch noch Platz für das Ende dieses Textes.

Ein Lob an unseren Hausmeister Pantelej. Gäbe es ihn nicht wären nicht nur unsere Köpfe voller alter Gedankenlumpen, sondern auch unsere Nase voller Leichenstunk, wenn wir die Seiten unserer Ilias oder Raskolnikovs durchblättern. Hinterlassen Sie ihm doch beim nächsten Tagtraumausflug eine Kleinigkeit für seine Mühen. Er mag ganz besonders...ach, dass können Sie sich ja selber denken.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Humorvoll möchte ich anmerken, dass auch die Texte, die ich hier auf der Community zu elektronischen Papier bringe, wohl nur zu einem Blätterhaufen für das Feuer des Herrn Pantelej taugen. Er wird es entzünden und sich anderem widmen, was sein gutes Recht als Hausmeister der Schriftstücke ist.

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