Einblicke in den Alltag eines Buchhändlers

Marcin Lupa • 4 September 2021
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Maciej verließ das Buchcafé wie jeden Tag um 17:00 Uhr. Er schloß die Tür hinter sich ab, denn das Buchcafé hatte wie er Feierabend.
Er machte sich auf den Weg zu den Gleisen. Sein Zug fuhr auf Gleis 3. Maciej wohnte in Grafing bei München und das Buchcafé stand am Bahnhof in Rosenheim, in einem alten Gebäude, dass ehemals als Kantine für die Bundespolizei genutzt wurde.
Heute, da es restauriert war, diente es als Speiselokal und gleichzeitig als Buchhandlung für Bücher aus zweiter Hand. Diese Bücher wurden dem Betrieb gespendet und für einen guten Preis an interessierte Leser verkauft.

Träger des Buchcafé war der Caritas Verband der Erzdiözese München und Freising. 

Maciej war dort Buchhändler, als solcher wurde er angeworben und eingestellt. Ein befreundeter Ergotherapeut, der in der sich im gleichen Gebäude oberhalb des Buchcafes befindenden Tagesstätte für Menschen mit psychischer Erkrankung arbeitete, und den Maciej vom Klettern kannte, unterrichtete ihn von dieser Stelle. Er bewarb sich und wurde genommen.

Am Gleis 3 angekommen hatte Maciej noch eine halbe Stunde auf den Zug nach München zu warten, so nahm er auf einer der wenigen Bänke platz, blickte zu der sich in unmittelbarer Nähe aufbäumenden mächtigen Hochries, einem jener markanten Bergmassive des bayrischen Voralpenlands und mußte lächeln. 
Was für ein schönes Panorama er doch genießen durfte. An einem schönen Sommernachmittag saß er auf einer Bank, atmete frische Bergluft ein und durfte sich des Augenblicks erfreuen.

Er hatte aus dem Buchcafé ein Buch über die Geschichte der Universitäten mitgenommen, als Buchhändler durfte er freie Exemplare lesen. Er brachte sie ausgelesen immer wieder zurück und stellte sie in die Regale. 
Sein Buch wurde von der wissenschaftlichen Buchgesellschaft herausgegeben. Maciej wollte zu Hause in Erfahrung bringen, wer die wbg sei. 
So las er im Stillen und wartete auf dem Zug. Immer wieder unterbrochen durch den Krach vorbeifahrender Züge und von Bahnhofsansagen. 

Im Zug nahm er in einer lehren Vierergruppe am Fenster platz und setzte seine Corona-Maske auf, zu dieser Zeit waren alle Bahnreisenden verpflichtet eine solche zu tragen. Dort hatte er einen Tisch und eine Steckdose, an die er sein Handy anschloss. 

Der Zug fuhr los, und Maciej las in seinem Buch. 

Er wollte alles über die Bildungsanstalt der Universität wissen, schließlich war es ihm in seinem Lebenslauf verwehrt zu studieren. Seine Eltern waren sehr einfach gestrickte Leute, sein Vater Handwerker, seine Mutter Hebame, die als Altenpflegerin arbeitete. Zudem kamen sie aus Polen, hatten es also schwer mit dem Anschluß und der Adaptation an eine schnelllebige und auf Leistung getrimmte Gesellschaft. Sie waren Flüchtlinge, die als Fluchtursache die starken Repressionen einer kommunistischen Gesellschaft angaben, deren Regierung Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts das Kriegsrecht ausrief. Grund für seine Familie das Land umgehend zu verlassen.

Maciej assimilierte sich schnell und gut, schon als zwölfjähriger Junge half er seinen Eltern als Übersetzer von Texten und bei Behördengängen. Er war darin begabt und von überdurchschnittlicher Intelligenz. Schade, dass er nicht mehr daraus gemacht hat. Sollte Buchhändler das Ende vom beruflichen Lied gewesen sein. Hier im Buchcafé an einem oberbayrischen Bahnhof, inmitten von gebrauchten Büchern und Menschen mit Behinderung? - Maciej war noch jung und hatte Ambitionen. Vielleicht würde es ihm gelingen zu einem späteren Zeitpunkt zu studieren, Wissen zu erwerben, es zu teilen und weiter zu denken. Interesse zeigte er für unterschiedliche Fakultäten, allem voran für die Literaturwissenschaften. 

Die Züge in denen er nach Hause fuhr waren zu dieser Stunde meistens leer. Auf der Strecke Rosenheim – München fuhren nicht viele Pendler in diese Richtung. Hingegen auf der Strecke München – Rosenheim. So war es am Morgen, wenn er zur Arbeit fuhr, umgekehrt, Rosenheimer und Leute aus dem Inntal fuhren nach München, wenige von München und der Fläche nach Rosenheim und ins weitere Inntal, nach Salzburg oder Kufstein, die beiden anderen Endstationen der Züge. 
Maciej liebte das Zugfahren, denn da konnte er vollkommen abschalten. Das Buchcafé hinter sich lassen, keine Kunden- und Mitarbeitergespräche mehr, aber auch noch keine gemeinsame Zeit mit Kind und Ehemann. Er liebte seine Familienmitglieder sehr, aber auch die Zeit fürs allein sein, in der er niemals einsam war, schließlich hatte er immer ein Buch zur Hand oder einen schönen Ausblick über den er nachsinnen konnte. Manchmal schrieb er Gedichte in seinen Notizblock hinein und las sie am Abend seinem Mann vor, der ihm dafür immer ein bezauberndes Lächeln schenkte. 

Besonders an dem heutigen Tag war er von der Arbeit geschafft. Er hatte eine Unterredung mit seiner narzisstischen Vorgesetzten, einer Sozialpädagogin, die er nicht besonders mochte, die er auch nicht wirklich verstand. Anna leitete das Buchcafé seit seinen Anfängen am Bahnhof, wohin es aus einem anderen Stadtteil umzog, um sich neu zu definieren und aus einem heruntergekommenen alten Gebäude auszuziehen. Neue Möbel, neue Regale, im Design eines Großraumbüros. Das gefiel nicht jedem, Maciej, der zu einer strukturierten Ästhetik neigte, allerdings schon. Die Tische waren weiß, ebenso die Stühle und waren einheitlich, mit einer mit weißem Lack überzogenen Holztafel auf Metallstelzen. Die Regale waren ebenso weiß und metallisch, prall gefüllt, nach Kategorien geordnet. Darauf hatten Maciej und Richard ein Auge. Anna war sehr wirr und nicht besonders freundlich mit ihren Mitarbeitern, manchmal sogar gemein. Stets verlangte sie eine Art Aufmerksamkeit, die man nicht im Stande war ihr zu geben. Eine Persönlichkeitsstörung macht allen im Umkreis der Person, die sie hat, das Leben schwer. 

Richard war ehemals Bibliothekar in der Staatsbibliothek in München, ehe er an einer Schizophrenie erkrankte. Wie zahlreiche andere Mitarbeiter des Buchcafés war Richard berentet und arbeitete im Zuverdienst. Die Idee des Buchcafés war es Menschen mit Behinderung in Arbeit zu bringen, auf dem zweiten Arbeitsmarkt, fern von gewissen härten des Marktes und Spannungen der Arbeitswelt. So der Theorie nach jedenfalls. Die Praxis sah ganz anders aus, weniger blumig und verklärt. Sein Integrationsmanager hatte ihn nicht ohne Grund mit den Worten „Willkommen auf der schiefen Bahn“ begrüßt. Inklusion konnte auch sehr ernüchternd sein. 

Maciej hatte sein Päckchen zu tragen, er war ein Autist. Für ihn war Richard auch einer, der seinen Autismus leider nie entdeckte und so eine Komorbidität entwickelt hat, seine Schizophrenie. Bei Maciej waren es Depressionen, die ihn hin – und wieder in bizarre Löcher fallen ließen, die ihm den Grund unter dem Boden entzogen und aus denen er nur schwer und äußerst langsam herausfand. Nicht zuletzt dank der aufopfernden Hilfe seines Ehemannes und der Freundlichkeit ihres gemeinsamen Sohnes, die ihn einfach nur aus ganzem Herzen liebten. So wie er auch sie. 

Und dennoch hatte Maciej Ziele, Vorstellungen, Ideen. Auch er hatte bereits ein immenses Wissen erworben, zumal er dauernd las. Wenn er ein Buch aus der Hand legte, nahm er eines der zahlreichen parallel gelesenen Bücher in die Hand, um es abzuschließen. 

Am meisten profitierten von seinem Wissen seine Leute zu Hause, denen er es stets weitergab, so fern ihm die Möglichkeit dazu blieb. Sein Sohn nannte ihn das Biest, dass viele Bücher liest. „Biest“ war nur lieb gemeint. Es gab in seiner Fantasiewelt Bestien, die kinderfreundlich sein konnten und die ihm halfen Gefahren abzuwehren. Leon war wie Maciej Autist, hatte das Syndrom wohl von ihm geerbt, war aber wie er hochfunktionell und wenig auffällig im Spektrum. Eine Familie sanfter Autisten, geführt von dem liebenswürdigen aber geordneten und präzisen Verstand eines herzlichen Ehemannes. Ein Haushalt voller Freude und Freundlichkeit. 

Heute kam Maciej etwas bedrückt nach Hause, weil ihm die Chefin den Wind aus den Segeln nahm. Maciej baute in dem letzten Jahr den Onlinehandel im Buchcafé auf, den er parallel zu dem Sortiment im Innenraum und seinen Dienstleistungen im Service betrieb. Doch die Chefin entzog ihm sein Baby wieder als es zu laufen lernte und übergab es einem neu angeheuerten Mitarbeiter im Rollstuhl, der ihr dazu besser geeignet erschien. Für Ludwig freute sich Maciej natürlich sehr, für ihn selber, der somit zum Hilfsarbeiter von Ludwig wurde, tat es ihm leid, denn er machte den Onlinehandel gern. Eine üble Eigenschaft von Narzissten ist es, dass sie keinerlei Empathie und somit Verständnis für andere haben. Ihr Leben ist eine ewige Nabelschau. 

Maciej kam nach Hause und wurde von seinen Liebsten mit strahlenden Gesichtern überschwänglich begrüßt. Sein Mann hatte Hühnchenkeulen zum Mittagessen gekocht und Maciej welche übriggelassen. Er aß zwar Mittags im Buchcafé, hatte am Abend aber immer Hunger und so aß er die aufgewärmten Gerichte seines Mannes sehr gern. 
Nach dem Essen setzte er sich vor den Computer und googelte die wbg. Er staunte nicht schlecht über eine wissenschaftliche Buchgesellschaft, die sich zum Motto den Wissenstransfer gemacht hat und die eine kostenlose Online-Community unterhielt. 
Er meldete sich sofort an und forschte durch die Themenbereiche. Und schon fiel ihm ein, was er kommentieren konnte, wo er mitreden wollte. Besonders interessierte er sich für die Gruppen Geschichte und Philosophie, denen er alsdann beigetreten ist. 
Maciej würde mit der wbg noch viel Spaß haben und wer weiß, vielleicht das eine oder andere nette und intelligente Mitglied kennen lernen, mit denen er sich austauschen konnte. Von Facebook hatte er, ob der dort nicht mehr vorhandenen Diskussionskultur genug. Es war Zeit zu neuen Ufern zu segeln.

An diesem Abend wollten seine Herren zum Schwimmen fahren, so packte Maciej sein Buch zu den Schwimmsachen und fuhr mit den beiden zum Kastensee. 
Es war ein warmer, nahezu heißer Abend und die Atmosphäre war sonnendurchflutet schön. Die drei hatten große Freude beim Schwimmen, spielten im Wasser, scherzten, waren einander zugeneigt.
Und Maciej fand Entlastung von der Arbeit, konnte entspannen und abschalten, Wissen erwerben und für sich selber weiterdenken, denn anderntags sollte es weitergehen, das Treten im Hamsterrad. 

Ende. 

Kommentare (8)

Rita Lipelli

Eine schöne (und nicht zu tragische, hoffe ich) Geschichte und sehr, sehr schön und lebendig und klar geschrieben, gefällt mir sehr gut. Allerdings empfinde ich die ersten beiden Absätze mit Anna und Richard etwas unklar und vom Stil dem Rest der Geschichte unterschiedlich, aber wie gesagt: sehr schön zu lesen.

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  • Marcin Lupa

    Vielen Dank für Ihren Kommentar und die ehrliche Rückmeldung. Anna und Richard sind in der Tat vielleicht ungeschickt herausgearbeitete Einschübe. Allerdings wollte ich zwei unterschiedliche Personen des Buchcafépersonals kurz charakterisieren, um das Umfeld von Maciej zu schildern, seine Arbeitskollegen und die Bedrängnis durch die Vorgesetzte, als das Hauptproblem des Protagonisten, der ansonsten keines zu haben scheint. Außer seinen Autismus, den er - das wiederum zu wenig ausgearbeitet - gar nicht als Problem auffasst.

    Der Grundtenor der Erzählung soll melancholisch nicht tragisch anmuten.

    Es ist ein Spiel aus Außen - und Innensicht. Zugegeben ist das mein erster literarischer Text überhaupt. Und ich habe mich mal in prosaischer Erzählung versucht. Sonst schreibe ich nur Aufsätze.

    Vielen Dank Ihnen, Frau Lipelli, für das genaue Lesen und Reflektieren.

    Sicherlich könnte man diese Erzählung auch noch ausbauen und schleifen. Im Rahmen des Schreibwettbewerbs genügte mir aber so eine Ausarbeitung. Ich hoffe, Sie haben Nachsicht.

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  • Rita Lipelli

    Oh, Nachsicht ist gar nicht nötig, im Gegenteil, ich finde Ihren Text klasse. Die Erzählweise finde ich richtig toll. Bitte weiter so und mehr davon.

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  • Luca Rosenboom

    Ich bin an dem "Es war Zeit zu neuen Ufern zu segeln" stehen geblieben und habe nachgedacht, zumal ich neulich einen Text aus dem Markus-Evangelium gelesen habe, bei dem (fast) das Gleiche drin stand. Es entstammt Mk. 4,35, die von einer Vertrauensgeschichte zu Gott handelt, die sog. "Die Stilllegung des Sturmes".
    Neue Ufer haben etwas Mysteriöses aber zugleich auch etwas Erstrebenswertes. Das Ungewisse treibt einen an, aber man fürchtet sich auch gleichzeitig davor. Ähnlich ergeht es einem, wenn man aus der Schulzeit kommt und man nicht weiß, wohin man gehen soll, welchen Weg man einschlagen soll. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass der Weg, den ich ursprünglich einschlagen wollte, der mir aber verwehrt geblieben ist, zum 'größten Glück' geführt hat, nämlich dem Geschichtsstudium. Ohne dieses hätte ich die wbg auch nie kennengelernt.

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  • Marcin Lupa

    Das freut mich, für Dich, dass Du das Geschichtsstudium als "größtes Glück" bezeichnest. Offenbar liebst Du es sehr und das ist ein Garant für Erfolg.

    Zu den neuen Ufern zog es mich öfters und immer war ein Hoffnungsschimmer dabei, dass es tatsächlich besser wird. Und oft wurde es auch besser, ich wurde zwar älter, bin aber auch gereift, habe an Intelligenz und Erfahrung, schließlich Wissen gewonnen.

    Im Falle Maciej´s wäre die Universität so ein Ufer, auf das er hoffte ...

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  • Túlio Augusto Lobo

    Ihre Erzählung, mein Freund, ist leicht und fesselt unsere Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, ob das beabsichtigt war, aber ich hatte den Eindruck, eine gewisse Nostalgie zu spüren.
    "Er hatte die Nase voll von Facebook, es war die Diskussionskultur, die es dort nicht mehr gab". In der Welt der sozialen Medien will jeder reden, aber nur wenige sind bereit zuzuhören.... Ich kenne diese Realität gut.
    Deine Geschichte ist wunderschön, danke, mein Freund.
    Tulio Augusto Lobo

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  • Marcin Lupa

    Vielen Dank, Tulio. Es freut mich, dass sie Dir gefällt. In der Tat ist an mancher Stelle Nostalgie oder Melancholie. Jedoch ist Maciej nicht resigniert. Er will auf eine Universität. Wie stellt er es im Leben an?

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