Ein Menschenbild, das die Zeit überdauert

Judy Arndt • 29 Dezember 2020

Beim Gedanken an das menschliche Leben in der Zukunft drängt sich mir zuerst die Betrachtung der anthropologischen Gegebenheiten auf. Anstatt hier auf klassische Positionen von Scheler bis Cassirer einzugehen, lohnt sich ein Blick in die Literatur, speziell in die Werke von Hermann Hesse. Vor allem ein Leitmotiv beschäftigt ihn, ebenso wie es mich vom Jugendalter an bis heute fasziniert. Sein Werk hat mich zu folgenden eigenen Betrachtungen angeregt, die ich für ein Leben in der Zukunft bedeutsam finde:

Das Wesen des Menschen scheint mir gänzlich und zu jeder Zeit mindestens zweigeteilt. Das gilt für die Menschheit im Allgemeinen, wenn sie sich beispielsweise in verschiedene Lager spaltet, aber auch für die Einzelperson.

Das ist nicht neu. Von je her sucht der Mensch seinen Weg durch die Extreme von Gut und Böse, um zum Beispiel nach der Verbannung aus dem Paradies wieder in die himmlischen Gefilde aufgenommen zu werden und der Hölle zu entgehen. Er ist hin und her gerissen zwischen Frömmigkeit und Bedürfnisbefriedigung, zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, Freiheit und Schutz, ist zu höchstem Mitgefühl und größter Grausamkeit fähig. Seine Schöpfungen können in ihrer Erhabenheit ein reiner Quell der Inspiration sein oder aber in ihrer Niederträchtigkeit ein Bollwerk gegen die Menschlichkeit selbst.

So viele geniale Köpfe haben darüber nachgesinnt, wie sich der richtige Weg finden ließe. Dass sie alle etwas Unterschiedliches behaupten, nichts beweisbar, alles zweifelhaft und in der Schwebe ist, zeugt von der Unmöglichkeit der Bestimmung - wenngleich die Unmöglichkeit in der Quantenphysik als Chance für alles Mögliche angesehen wird. Würden das Gute, das Paradies, Himmel, Frömmigkeit, Geist, Inneres, Freiheit, Mitgefühl, Erhabenheit und Inspiration immer Hand in Hand gehen, wäre dies nach einiger Erfahrung für alle wohl offensichtlich und bedürfte keiner weiteren Sinnsuche.

Nun scheint allen Dingen, die wir in uns so klar und rein von einander abgegrenzt sehen, in unserer Wirklichkeit etwas Gegenteiliges innezuwohnen. Manche mögen es Unreinheit, Schatten oder auch Spannung nennen. So wird Logik durch Intuition ergänzt, aus der deterministisch anmutenden Inspiration kann ein Moment spontaner Kreativität entspringen, aus der Frömmigkeit die Verzweiflung - vom Guten gar nicht erst zu sprechen, von dem es in Abhängigkeit, ob wir vom moralischen, religiösen, pragmatischen oder naiven Standpunkt darauf blicken, unzählige Interpretationen gibt.

Loslösen kann sich der Mensch von seinen Facetten nicht einfach, wie es aussieht. Das wäre ja gar nicht schlimm, wenn er sich und seinen Mitmenschen nicht immer versuchte einzureden, dass etwas so nicht stimme. So wird er wahrscheinlich erst in der Akzeptanz der Vielseitigkeit seines Wesens die Zerrissenheit überwinden. Es wäre interessant zu sehen, ob dadurch nicht auch die Menschlichkeit an der einen oder anderen Stelle in sein Verhalten zurückkehrte.

Für die Zukunft wünsche ich mir daher, dass wir verständnisvoll mit allen Lebewesen, auch uns selbst umgehen. Wenn ich meine Vielfalt und Veränderung annehme, kann ich zufrieden mit den sich verändernden Umständen leben, sodass jede Andersartigkeit, Fremdheit oder Neuheit, wie auch immer ich es nennen will, zuerst immer interessant und manchmal herausfordernd wirken dürfte. So kann ich beispielsweise eine Krise als Neuanfang wahrnehmen. Es gilt nicht die Angst zu verbannen, die als natürlicher Schutzmechanismus des Körpers fungiert und ebenfalls zu unserem Gefühlsspektrum gehört, sondern unnötige Angstauslöser und damit auch Aggressoren in unserem Verhalten zu entlarven, sodass Unvoreingenommenheit den Blick schärft. Dann kann aus dem Verstehen Interesse folgen, aus Interesse Mitgefühl, aus mitfühlendem Handeln Dankbarkeit, Verbundenheit und Liebe. Dennoch ist und bleibt für mich der einzelne Mensch der Ausgangspunkt: Ein liebevolles und zufriedenes Leben in der Welt der Zukunft beginnt mit dem geduldigen und verständnisvollen Umgang mit dem eigenen Selbst.

Kommentare (3)

Sie können Kommentare zu Inhalten nicht lesen, sofern Sie nicht auf der wbg Community Plattform angemeldet sind. Sie können sich HIER registrieren / anmelden und der Gruppe beitreten.