Ein Freund und Seelenmensch

Silvia Zibulla-Dawiec • 26 Juni 2022
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Erinnerungen an meinen Freund Karl

18 Jahre war ich, brannte für die Möglichkeit mit meinem Engagement die Welt verändern zu können und traf auf Karl Cervik. Kurz zuvor war ich in die Humanistische Union eingetreten und wollte mich im Arbeitskreis Heimerziehung einbringen. Ihn dort zu treffen war eine Offenbarung. Dies mag pathetisch klingen, aber eine andere Formulierung würde der Bedeutung nicht gerecht, die er viele Jahrzehnte für mein Leben haben sollte. Karl, geboren in einer Zeit, in der die Liebe zum Leben, in der Mut und Kraft zum Überleben zwingend notwendig waren, hatte dieser Zeit die Überzeugung abgerungen, dass nur eine beständige Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt den Boden für Veränderung schafft. Er zeigte mir, dass dies möglich ist, ohne in Verzweiflung und die Seele zerfressender Ernsthaftigkeit zu versinken. Mein Karlchen! Als Kind in Wien war er gemeinsam mit seinem Bruder von der Polizei aufgegriffen worden, als sie einen imaginären Faden auf dem Bürgersteig spannten und sich über das Stolpern der Passanten amüsierten. Vorbei war das freie Leben mit ihrer Mutter und schnell erfasste er die Gefahr, als menschliche Versuchsobjekte in der staatlichen Erziehungsanstalt missbraucht zu werden, flüchtet zweimal mit ihm und wurde wieder gefasst.. Er und sein Bruder überlebten. Als Jugendlicher begann er im Bergbau zu arbeiten und später, nach vielen Umwegen, fand er eine berufliche Heimat bei der Bundesbahn. Als ich ihn kennenlernte, lebte er mit seiner Frau und seinen 5 Kindern in einer Altbauwohnung in Essen. Durch einen langen, dunklen Flur musste man gehen, um in sein Zimmer, sein Reich, zu gelangen. Regale standen an den Wänden, teilten auch den Raum und unter dem Fenster stand ein kleiner Schreibtisch, nebenan ein schmales Bett mit karierter Bettwäsche. Zeitungen und Bücher füllten die Regale. Ich musste ein Referat schreiben und er hatte mir Informationsmaterial versprochen. Konzentriert blickte er auf seine Schätze, nahm eine Leiter und erklärte, dass in einer Zeitung, an einem bestimmten Monat, an einem bestimmten Tag  genau der Artikel zu finden sei, den ich brauchen würde. Karl nahm eine Leiter, positionierte sie zielsicher an der Regalwand und ohne zu zögern fand er genau den gesuchten Artikel.  Vielleicht war es dieser Moment, in dem ich erfasste, ich dem ich begriff, dass seine sprühende Lebendigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ansteckende Lebensfreude darauf fußte, dass er seinem Wissensdrang, seiner Neugier auf die Menschen, auf seine Umgebung, einen Raum geben konnte, der ihn reich machte. Er wurde mein Vorbild. Er wurde mein Freund und der Altersunterschied beflügelte unsere Begegnungen. Wir konnten zusammen tanzen, konnten zusammen lachen, konnten diskutieren, konnten streiten und gemeinsam Projekte planen. Ich bewunderte ihn, als er mit über50 Jahren noch sein Abitur machte, an den Wochenenden lernte und mir begeistert neue Erkenntnisse präsentierte oder am Stoff verzweifelte. Irgendwann nahm er eine Jugendliche auf, die aus einer geschlossenen Einrichtung geflohen war und bei einem Treffen unseres Arbeitskreises mit der Bitte um Hilfe auftauchte. Sein Durchhaltevermögen, als sie den ersten Krach mit den Nachbarn provozierte, als die Polizei immer öfter auftauchte, um Gesetzesverstöße zu melden, als sie seine Bemühungen um eine fundierte schulische Ausbildung torpedierte, erstaunte, faszinierte und provozierte mich, die ich zu der Zeit bereits pädagogisch tätig war. Ich wollte ihn überreden, nein zwingen, konsequenter und richtungsweisender zu handeln. Er hörte mir zu, nickte verständnisvoll und erzählte mir, welch wunderbare Eigenschaften und Fähigkeiten dieses junge Mädchen doch zu erkennen gab. Letztendlich behielt er Recht. Mit seiner wohlwollenden und verständnisvollen Art gelang es beiden, einen Weg aus der anscheinend aussichtslosen und vorgegebenen negativen Zukunftsperspektive zu finden. Petra (Name geändert) machte eine Ausbildung, heiratete und lebte mit ihrem Mann und ihren Kinder gänzlich unauffällig in einer Kleinstadt fern ab vom Ruhrgebiet. So wurde er auch auf diesem Gebiet für mich ein Lehrer. Karl leitete Gesprächsrunden im Strafvollzug, engagierte sich für eine bessere Bildung, bemühte sich um Aufklarung und Veränderung in der Heimerziehung und in der Psychiatrie.  Erst relativ spät in seinem Leben begann er, sich mit seiner eigenen Vergangenheit offensiv auseinanderzusetzen und seine Erlebnisse während der NS-Zeit öffentlich zu machen.

Karl Cervik starb am 22.10.2012

Liebes Karlchen, so manches Mal träume ich davon, dass du, mit weisen Blicken auf deiner Wolke sitzend, mein Denken und Handeln weiterhin begleitest. So viel durfte ich von dir lernen. Dein Humor, dein Lachen, deine Fröhlichkeit und die Geborgenheit in zärtlichen, sanften Umarmungen, die stärkten und Mut machten, das wurden meine Wegweiser. Mit Leidenschaft und liebevoller Neugier auf die Welt und die Menschen blicken können, auch wenn das eigene Schicksal einen fordert, man verzweifeln könnte ob der Ignoranz , der Gleichgültigkeit und mancher Boshaftigkeit, die einem begegnet. Ich habe von dir gelernt wie groß und weit die eigene Welt sein kann, wenn der Hunger nach Wissen und Lernen nicht zum Erliegen kommt. Dass dies die Freiheit ist, nach der ich mich sehnte. Sich und seine Ziele und Hoffnungen im Herzen zu pflegen und zu stärken, das lehrtest du mich.

Danke.

 

Kommentare (2)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Zibulla-Daviec,

ich danke Ihnen für diese schöne, herzergreifende und ermutigende Geschichte.

Schön, dass es Menschen wie Karl gab und wie Sie weiterhin gibt.
Bitte tragen Sie dieses Kulturgut und Vermächtnis weiter und lernen Sie auch wieder neue Pädagogen an.

Herzliche Grüße aus dem sonnigen Oberbayern
Merchan Agaricus

Maria Theodora Freifrau von Bottlenberg-Landsberg

Ein schöner Text


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