Echte Selbsterkenntnis tut weh

Christian Wittmann • 14 März 2021

Sardinien, ich sitze auf einem Stein. Das Meer glitzert in tausend Scherben, der Sand ist noch warm, die Sonne verabschiedet sich, endlich sitze ich vor diesem langersehnten Naturschauspiel - und bin zutiefst enttäuscht.

Soeben habe ich zwanzig Liter Familien-Fäkalien aus dem Notdurft-Kanister unseres Wohnmobils in die Toilette am Campingplatz entleert. Spritz platsch gurgel zisch, schoss es lautstark in den Abfluss.

Was zum Teufel mache ich hier?

Ich spürte wie sich einige Spritzer beim Entleeren des Kanisters, auf meine Füße und Beine verirrten. Ich trug nur Flip-Flops und eine kurze Hose. Plötzlich verstopfte sich irgendwo irgendwas. Ich wollte es nicht im Detail wissen, aufkeimende Wut kroch mir durch die Eingeweide. Mit einem Mal wurde mir nicht nur der Schwachsinn meines Tuns bewusst, obendrein empfand ich plötzlich diese ganze Campingkultur als unglaublichen Irrsinn. Ein imaginärer Mensch aus dem Mittelalter trat nämlich zu mir heran und schüttelte fassungslos den Kopf: Einundzwanzigstes Jahrhundert, fließendes Wasser, Strom, Matratzen statt Stroh, Kanalisation! - und trotzdem verzichtest du freiwillig gerade auf Letzteres?! In einem Roman von Don Winslow gibt es die schöne Anekdote, dass im Grunde die komplette Menschheitskultur der Erfindung der Kanalisation zu verdanken sei. Dass erst durch sie immer mehr Menschen an einem Ort leben konnten, dass ohne diese Technik die Menschen Nomaden wären, "die ständig vor ihrer eigenen Scheiße davonliefen". Oh wie herzhaft musste ich damals darüber lachen und wie unfassbar dumm kam ich mir in der jetzigen Situation vor.

Die ganze Arbeit, all die Entbehrungen - dafür?!

 

Von nichts kommt nichts.

Ein Jahre zuvor. 05:30 Uhr, ich schwinge mich aufs Fahrrad, strampel fünfzehn Kilometer zur Arbeit. 06:10 Ankunft Uniklinik, lange Wege, kalte Dusche, umziehen, Arbeitsbeginn 06:45 Uhr.

Eine süße Omi mit Oberschenkelhalsfraktur möchte möglichst schmerzfrei vom Stationsbett auf den OP-Tisch umgelagert werden. Mithilfe der Anästhesieschwestern und zwei Kollegen versuchen wir es ohne Schmerzmittel - keine Chance, die Omi schreit auf. Ich bin nur Lagerungspfleger frage die Anästhesieschwester nach der Möglichkeit eines Schmerzmittels für Omi, ich selbst würde mich mit gebrochenen Knochen auch nicht bewegen wollen, oder bewegt werden. Viel Geduld und eine Spritze später schiebe ich Omi in die Einleitung zur OP-Vorbereitung.

Zwei Stunden später krieche ich in Zeitlupe und unter Wahrung größtmöglichster Vorsicht unter einen steril abgedeckten OP-Tisch. Während der OP entschied sich der Chirurg für eine neue Position des OP-Tisches auf dessen Säule. Die Fernbedienung dafür funktioniert nicht, jemand muss ran. So krieche ich unter die bereits vor Blut und Körperflüssigkeit tropfende sterile Abdeckung und löse das Problem. Während über mir der Arzt mit spitzen Werkzeugen im Bauch des Patienten hantiert, drücke ich vierzig Zentimeter tiefer an Knöpfen herum. "Vorsicht, Tisch bewegt sich!" Verschwitzt und verdreckt nehme ich mir eine schnelle Dusche heraus, die Kollegen protestieren, heute brennt die Bude.

15:00 Uhr, Feierabend. Fünfzehn Kilometer nach Hause radeln, Küsschen Freundin, Küsschen Söhnchen, kalte Dusche, frische Klamotten, Kamera schnappen, auf zum Nobelgastronom.

Ein kleiner, abgedunkelter Raum, eine Blitzanlage, eine Hohlkehle mit weißem Hintergrund, Stative, Styroporplatten, schwarze Tücher, Kabelsalate auf dem Boden. Als Fotograf im Nebengewerbe mache ich Produktfotografie, knipse Wein, Champagner, Nudelpackungen und "extra für den Fotografen" aufgehübschte Food Platten. Teure Steaks, die die Sommerhitze von 36 Grad kaum ertragen, noch weniger die gefühlte Raumtemperatur von 45 Grad. Also schnell schnell muss alles gehen, aber um Gottes willen Vorsicht - unvorstellbar teure Ware. Eine Glühlampe der Blitzanlage brennt durch, möchte gewechselt werden. Mehrfach baue ich den halben Raum um, schaffe Platz für größere Produkte. Dann steige ich auf wackelige Stühle, fotografiere von oben, knipse mal in gebückter Haltung, mal in seitlich verdrehter, mal rutsche ich auf den Knien herum. Der Schweiß tropft, nur hoffentlich nicht aufs Kameraobjektiv.

17:30 Uhr. Feierabend. Als Fotograf. Auf zu einem anderen Nobelgastronom. Ein Handtuch ersetzt die Dusche, rein in die Kochklamotten, ran an den Speck. Ein mittelgroßes Event mit 700 Personen in der Innenstadt. Buffets aufbauen, Gemüse schneiden, Fleisch anbraten, Salate abfüllen, viel trinken nicht vergessen, die Hitze des Tages lässt kaum nach. Als gelernter Koch renne ich im Nebengewerbe durch die Küche, packe mit an, stehe mir am Buffet drei Stunden die Beine in den Bauch.

23:40 Feierabend. Morgen, Samstag, freier Tag, jedoch sechs bis acht Stunden Bildbearbeitung in Aussicht.

Macht nichts, ich weiß ja wofür ichs mache. - Dachte ich!

 

Frankreich, irgendwas um Kilometer 1324 unserer Reise. Wir stellten fest, zu viel vom Land zu verpassen. Wir beschlossen daher vermehrt auf Landstraßen auszuweichen. Google Maps und diverse Camper Apps zum Finden von schönen Stellplätzen, halfen uns dabei. Doch weder genossen wir die Seen und Berge, die Täler, die Landschaft - denn jetzt verteilte sich aufgrund von unvorstellbaren Kratern im Fahrbahnbelag, unser halber Hausstand langsam aber sicher im ganzen Wohnmobil. Währenddessen scheuerte im verborgenen Dunkel des Schranks, ein Teil das andere Teil so lange wund, bis letzteres seinen flüssigen Inhalt in alle umliegenden (und weit entfernten) Ritzen absonderte. Was wir aber erst entdeckten, als wir zur nächsten Hitzewelle vier Wochen später das zweite Spannbetttuch suchten, weil sich auf ersterem ein Urin-See vom Sohnemann ausbreitete. Obendrein schwitzte ich aus Angst um die verbliebenen Nehmerqualitäten des zwanzig Jahre alten Fahrwerks.

Um auf Nummer sicher zu gehen, fuhren wir also wieder Autobahn. Am Horizont ließen sich Berge vermuten. Nach einer Weile konnten wir uns sogar die Mautkosten schönreden.

Was zum Teufel ist hier los? Irgendwie hab ich mir... Ach, halt die Klappe!

 

Später suchten wir lange nach einem extra schönen Stellplatz. Das aufwendig ergoogelte Paradies jedoch stellte sich als der Arsch der Welt heraus. Ein Matsch-See vom letzten Regen, keine Bäume für die Hängematte und die Wiese eine Mondlandschaft, auf der eben stehen für einen erholsamen Schlaf, unmöglich war. Meine Freundin war enttäuscht, ich wütend bis unters Dach. Dafür erfreute sich unser Sohn seiner noch vorhandenen Erwartungslosigkeit ans Dasein, schlug lachend mit dem Stock gegen einen Baum.

Um es kurzzumachen: Wir suchten einen anderen Platz, ich saß wieder am Steuer, wo wir doch längst beim Abendessen gemeinsam das Familienglück genießen wollten. Die Fahrt auf der Suche nach einem anderen, besseren Platz entpuppte sich aber als Vorstufe zur Hölle, weil unser Kind den Stock vergessen hat und diesem nun tränenreich nachtrauerte. Auch kämpfte die Freundin mit dem arretierbaren Esstisch, der mir bei der letzten harten Bremsung un-arretiert in den Ellenbogen schoss.

Wir erreichten einen öden Parkplatz und waren nur noch froh endlich Feierabend machen zu können. Aber Entspannung blieb aus, weil wir direkt an einem Fluss standen, den Kleinen also zu jeder Sekunde im Auge behalten mussten. Die zur täglichen Routine gewordenen Fragen standen im Raum: Wer kocht? Wer kümmert sich um den Nachwuchs? Wer räumt den ganzen Kram anschließend wieder zurück ins Wohnmobil?

Was für eine S***** ist das denn?! Habe ich mir dafür über ein Jahr lang...

 

Der Notdurft-Kanister war endlich leer. Ich ging zurück zum Wohnmobil, verstaute ihn und wusch mich. Meine Freundin sah mich an und verschrieb mir eine Runde Strand. So ging ich hin und setzte mich auf einen Stein.

 

Nach vier Reisemonaten musste ich mir langsam aber sicher eingestehen, dass ich definitiv nicht der Typ für diese Art des Reisens bin. Zumindest nicht in dem Maße, wie ich dachte, es zu sein. Und das wog schwer, identifizierte ich mich doch seit der Jugend als Survival- und Outdoor-Typ und war obendrein der Initiator dieser Reise. Ich hielt mich für den Typ Mann, der die Dinge in die Hand nimmt, der anpacken, improvisieren kann. Aufgewachsen mit den Büchern Rüdiger Nehbergs, Überlebenskünstler und Menschenrechtler, hielt ich mich für widerstandsfähig, in der Lage unangenehmen Situationen gerecht werden zu können, sie zu meistern. Die Kunst zu überleben faszinierte mich. Handwerkliches Geschick? Selbstredend. In Wirklichkeit? Pustekuchen.

Mir wurde klar, nicht jeder ist für jede Art von Herausforderung gemacht. Ich ertrug es im OP besser, einen toten Menschen zu versorgen, als stundenlang bei 30 Grad Hitze durch die Gegend zu fahren, um einen Supermarkt, Stellplatz, Campingplatz, Baumarkt, Handyladen oder Gas-Shop zu finden.

Als Lösung versuchte ich mich an der Gemütsruhe und Geduld meiner Freundin zu orientieren. Sie war definitiv das ausgleichende Element. Aber war sie aus diesem Grund mit der Familie in Europa unterwegs?

 

Früher benutzte ich oft das Wort "Komfortzone" und betonte die Wichtigkeit jene möglichst regelmäßig zu verlassen, um neue Erfahrungen zu machen. Klar, das klingt gut und sorgt stets für Zustimmung. Unterwegs aber schrie, fluchte und jammerte ich bald schon meiner tatsächlichen Komfortzone hinterher, die ich als solche zu Hause nicht erkannte. Theoretisches Gelaber und direkte Erfahrung prallten aufeinander. Und es ist kaum zu glauben wie lange es dauerte, um zu kapieren, was da im Kern los war. Selbstverständlich war es anfangs die Welt, die sich gegen mich verschworen hatte. Schon erstaunlich wie unfassbar betriebsblind man im eigenen Oberstübchen sein kann.

 

Wir hatten uns während der Reisevorbereitungen intensiv über Simkarten für mobile Router informiert, um unterwegs Internetanschluss zu haben. Nichts leichter als das, im Internet gabs genügend Berichte von Leuten, die schon dreimal hinter sich hatten, was wir noch planten. Aber eine Simkarte in der nicht-digitalen, echten Welt zu kaufen, trieb mich fast in die Verzweiflung. Da es Simkarten nicht am Land im Dorf gibt, mussten wir in die nächstgrößere Stadt. Der Laden, der laut Google Maps Simkarten verkaufte, lag aber nicht an einer Umgehungsstraße, sondern in einer kleinen, engen, wohnmobiluntauglichen Seitengasse. Nachdem die Freundin schrie: "Da hinten! Da ist er!" und ich dreimal, mit direktem Blick ins Schaufenster an ihm vorbeifuhr - "Neiiin!" - weil die Einfahrt für den Parkplatz höhenbegrenzt war, drehte ich durch. Contenance bewahren bei so einem unnötigen Mist? Diese Fähigkeit lag für mich in dieser Situation unerreichbar in einem anderen Universum.

Als wir dann endlich in 25-minütiger Laufdistanz parkten, ich die Familie sicher im klimatisierten Wohnmobil zurückließ und durch 33-Grad Sommerhitze wanderte, während mir der Schweiß sturzbachartig vom Leib ran, kam ich abermals ins Grübeln, ob es jetzt zu Hause am See nicht auch schön wäre.

Und selbstverständlich hatte der Laden, als ich ihn endlich erreichte, geschlossen. Die Lichter im Verkaufsraum brannten, die Frage ob der Laden geöffnet hatte, kam uns überhaupt nicht in den Sinn. Siesta! An dem Punkt war alles zu spät. Ich fluchte und schrie und verdammte alles und jeden, hätte am liebsten die Gitter aus der Wand gerissen und die Scheiben eingetreten.

Heute: peinlich peinlich. Was hatte ich denn erwartet? Das mir an einem fremden Ort die gewünschte Simkarte aus dem Himmel in den Schoß herbei schwebt? Herausforderungen auf Reisen? Alles klar!

Der zweite Laden in einem anderen Kaff hatte dann geöffnet, aber natürlich keine Simkarte. Survivalexperte? Ich überlebte kaum die Zivilisation mit ihren Luxusproblemen einer unerreichbaren Simkarte.

 

Nach einer gewissen Häufung dieser Situationen, konnte ich Zweifel an meiner Eignung für diese Art von Herausforderungen, nicht mehr ignorieren. Und da sich obendrein die Grenze der Leidensfähigkeit, nicht ins Positive verschob, war der Punkt erreicht, an dem ich der unangenehmen Wahrheit ins Auge blicken musste: Der Survivalexperte in mir war gestorben.

 

"Wer hat es je gewagt, sich selbst die Wahrheit zu sagen?", las ich einst von einem Philosophen. Diese Frage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nichts scheint heute schwieriger zu sein, noch schwieriger als zu allen Zeiten schon. Bin ich nicht umso kaputter, je größer der Graben ist, zwischen meinem ungeschminkten Selbst und der Geschichte, die ich über mich erzähle?

Schwer gestaunt und noch mehr geschwärmt, habe ich vor fünfzehn Jahren, zur ersten Lektüre von Patrick Süßkinds "Das Parfum", als er beschreibt, wie sich sein Protagonist Jean-Baptist Grenouille in den Berg zurückzieht: "...er saß weit über zwanzig Stunden am Tag in vollkommener Dunkelheit und vollkommener Stille und vollkommener Bewegungslosigkeit auf seiner Pferdedecke am Ende des steinernen Ganges, hatte den Rücken gegen das Geröll gelehnt, die Schultern zwischen die Felsen geklemmt, UND GENÜGTE SICH SELBST." Herrlich!

 

Zu erkennen, nicht der zu sein, für den man sich jahrelang hielt, ist unangenehm. Und wie leicht ist es heute, sich abzulenken, sich in den sozialen Medien ein Möchtegern-Selbstbild zu basteln! Aber egal ob ich vor den Kollegen den Helden spiele, mich im Geldverdienen- und Vermehren verliere, oder die Familie einpacke und durch Europa fahre, die eigenen Dämonen kommen mit. Und das werden sie so lange, bis ich sie als solche erkenne, akzeptiere und dadurch erst die Fähigkeit entwickle, sie loszulassen.

Welch unglaublicher Gewinn an Gemütsruhe und freiwerdender Energie! Es klingt so abgedroschen und tot und verstaubt, aber es muss hier nochmals in Erinnerung gerufen werden: Echte Freiheit fühlt nur der, der wahrhaftig bei sich angekommen ist.

 

Ich stand auf und verließ meinen Platz an dem Stein, die Sonne berührte bereits den Horizont. Etwas dumm kam ich mir vor, bei der Erfüllung dieses Klischees: kontemplativ am Stand herumlaufen. Aber dann wurde mir schnell auch die Ironie dieser Situation klar: Ist nicht einer der Hauptgründe auf Reisen zu gehen genau das? Neue Erfahrungen sammeln, den geistigen Horizont erweitern? Oder bin ich mit dieser Annahme ein Relikt aus der Steinzeit? Bei all dem Instagram-Gegrinse mancher Reisekollegen, stellte sich uns nämlich nicht selten die Frage, ob die denn ohne Instagram überhaupt unterwegs wären? Denn es schien, als wäre das Knipsen und Posten alleroberste Priorität. Ich wollte zwar ursprünglich auch posten, aber sehr bald war klar, dass ein professioneller Social Media Account, einem von dem man denkt, er würde zukünftig Teil einer Verwertung der Reise werden, unverhältnismässig viel Arbeit bedeutet. Das war mir schnell zu blöd. Dafür waren wir nicht unterwegs. Unser Ausgangspunkt war es, das Leben bei den Hörnern zu packen und ganz altmodisch neue, ungewohnte und natürlich auch überfordernde Erfahrungen zu sammeln. Woher sollte ich wissen, wie genau sich diese neuen Erfahrungen zeigen würden?

Die Sonne war untergegangen, ich machte mich im Dunkeln auf den Rückweg. Jetzt wusste ich es.

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